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Münster, 16.12.2017
Lettische Kunstausstellungen im Oktober 2017 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 05. Oktober 2017 um 14:12 Uhr

Virkala, VogelzeichnungWinkelschleifer statt Pinsel - neue Mittel für neue Gestaltungen

Welche der zeitgenössischen lettischen Künstler werden im zukünftigen Rigaer Museum für moderne Kunst ausgestellt werden? Die Kuratoren präsentieren mit ihren Ausstellungen eine ganze Reihe von Kandidaten, die im neuen Kunsttempel berücksichtigt werden könnten. Sie alle sind auf der Suche nach neuen Ideen und Formen, um neue, ungewöhnliche Abbilder der Wirklichkeit, realistisch, verzerrt und paradox zu gestalten. Währenddessen machen die Finnen im Rigaer Designmuseum auf ihren bekanntesten Gestalter von Gebrauchskunst aufmerksam, also Kunst die auch im Alltag nützlich sein kann. Hier die Zusammenfassung von PR-Texten lettischer Museen für den Oktober.

Vogelzeichnungen des finnischen Designers Tapio Wirkkala, Foto: LNMM

Tapio Wirkkala. Dzeja stiklā, porcelānā un sudrabā – Im Glas, Porzellan und Silber der Poesie

Museum für dekorative Kunst und Design, Skarnu iela 10/20, Riga, vom 13.10. bis 5.12.2017

In diesem Jahr feiern die Finnen das, was den Letten ab Neujahr noch bevorsteht: Das hundertjährige Jubiläum der staatlichen Unabhängigkeit. Kuratorin Uta Lauren präsentiert aus diesem Anlass in Kooperation mit der finnischen Botschaft diese Werkschau. Tapio Wirkkala, der 1915 in Hanko geboren wurde und 1985 in Helsinki starb, gilt als finnische “Design-Ikone”, der moderne Gebrauchsformen mit künstlerischem Ausdruck maßgeblich geprägt hat. Mit seinen kreativen Einfällen erreichte er, dass die Glasfabrik Iittala Fabrikkunst produzieren konnte. Er entwarf eine Wodkaflasche, im Auftrag von Finnair ein Set von Küchengläsern, er kreierte die Vasen Chantarelle und Ovalis und das Service Tapio. Wirkkala war ein international anerkannter Künstler. Im Auftrag der italienischen Glasfabrik Venini gestaltete er 1966 eine Kollektion für die Biennale von Venedig. Zwei Jahre zuvor waren von ihm Werke auf der Kasseler Documenta III zu sehen gewesen. Sein Service Century ist in der Dauerausstellung des Pariser Centre Pompidou zu betrachten. Wirkkala arbeitete auch mit der deutschen Porzellanmanufaktur Rosenthal mehr als 30 Jahre lang zusammen. 1968 erhielt Wirkkala für das Rosenthal-Porzellan Rotunda die Medaglia d'Oro. Der Besucher kann im Rigaer Designmuseum annähernd 500 Gegenstände betrachten, die zwischen den 40er und 80er Jahren in Iittalla, in der Silberschmiede Kultakeskus Oy und in Rosenthal entstanden sind.

Geschirr von Virkala

Design von Wirkkala; Kaffee-, Milchkanne und Zuckergefäß aus dem Jahr 1959, Foto: LNMM

 

Vija Zarina. Kaspars Zarins. Zwei Werkausstellungen - Paraleli

Kunsthalle Arsenals, Torna iela 1, Riga, noch bis 29.10.2017

Der Ausstellungstitel bezieht sich in mehrfacher Hinsicht auf Leben und Werk des Künstlerpaars. Parallel sind schon die Biographien. Beide wurden 1961 geboren, kannten sich schon als Studierende der Lettischen Kunstakademie, wo sie in der Bildhauer-Werkstätte von Indulis Zarins ihr Studium bis 1986 absolvierten. Beide lehren inzwischen als Professoren an der Stätte, wo sie studiert haben. Vija Zarina gestaltete mehr als 20 Ausstellungen, ihre Werke befinden sich in verschiedenen Museen und Ministerien Lettlands und Russlands. Ihr Mann kommt auf 30 Ausstellungen, seine Werke befinden sich in zahlreichen Museen und Sammlungen, darunter in der Kunstsammlung Würth in Schwäbisch Hall. Für seine Grafiken und Animationen erhielt er nationale und internationale Auszeichnungen, darunter 2004 den Orden des italienischen Staatspräsidenten “Al Merito della Repubblica Italiana”. Kuratorin Inga Bunkše meint, wenn man Maler in der Art unterscheiden könne, dass die einen wie Johannes Vermeer eine Camera Obscura benutzten, die anderen wie Giotto darauf verzichteten, dann sei Kaspars ein `Giottist` und Vija eine `Vermeeristin`. Kaspars Zarins erklärte seinen Studenten die künstlerische Bedeutung des Ausstellungstitels. Kunst ist demnach das geometrisch Unmögliche, nämlich zwei Parallelen zu vereinen: “Wenn man sich vorstellt, dass das Handwerk und die Idee wie zwei Parallelen sind, zwei Linien, dann ist der Künstler jener, welcher in ihre Mitte tritt, um sie zu vereinen. Das Können des Künstlers muss der Idee entsprechen. Wenn er die Form sehr gut erfasst hat, dann muss er die entsprechende Idee dazu finden, welche die Parallelen ideal vereint. Man kann tausende Ideen haben, doch wenn keine Fertigkeit vorliegt, wird nichts entstehen.” Der Bildhauer erprobt und wechselt seine Fertigkeiten ständig. Er legte den Pinsel beiseite und `malt` nun mit dem Winkelschleifer runde, ovale und amöbe Formen in großformatige Sperrholz-Reliefs. Auch Vija arbeitet mit großen Formaten. Sie beschäftigt sich mit der Wahrnehmung und Darstellung lettischer Landschaften. Vielen gelingt es nicht, diese vollständig zu erfassen, weil die eigene Vorstellung das Wahrgenommene überschattet. Sie begnügen sich mit den Eindrücken, die ihnen die Bilder des bekanntesten lettischen Landschaftsmalers Vilhelms Purvitis vermittelt haben. Doch die Sicht auf die Natur hat sich in den letzten hundert Jahren vielfach geändert. Bunkse zu ihrer Kunst: “Vija Zarina sucht in ihren neuen, großformatigen Arbeiten den Code der lettischen Landschaft. Zum Zeichen im Codierungssystem der Künstlerin werden das Abbild des Himmels auf der Wasserfläche eines Waldsees, das stille Fließen eines Flusses, angereichert mit der anhaltenden Unruhe, durch die Dichte der Baumblätter schillerndes, weit voranschreitendes Licht am Meeresufer, die von Wellen geformte Sandschrift auf dem nassen Strand, das gräuliche Licht eines Vorfrühlingstags, das die Ackerflächen überströmt. Weite, Licht und unermessliche Ferne. Ätherische Stimmungen, raffinierte Farbnuancen der Natur. Vija Zarins hat Realismus im Blut, dennoch streben die Panoramalandschaften unter dem Eindruck vom geschaffenen konkreten Ort die räumlichen Begrenzungen der Welt niederzureißen und zu einem konkreten Wert, nicht zu einer konkreten Realität zu werden.” Zwölf solcher großmartigen Landschaftsbilder, die im letzten halben Jahr entstanden sind, kann man in dieser Ausstellung besichtigen.

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Aus der Ausstellung "Parallelen", Foto: Kristiana Zelca, LNMM

Nosaukums nav zimes – Bezeichnung hat kein Zeichen

Hauptgebäude des Lettischen Nationalen Kunstmuseums, Großer Saal, Jana Rozentala laukums 1, Riga, 7.10. bis 7.11.2017

Zeitgenössische Künstler finden in Riga und Lettland mannigfach Betätigungsfelder, die Kunsthalle Arsenals oder Zentren wie LOW, kim? oder 427 bieten Ausstellungsmöglichkeiten im größeren und kleineren, nationalen wie internationalen Rahmen. Es fehlt allerdings noch ein Ort für Dauerausstellungen. Eine Jury bestimmte im letzten Jahr eine britisch-lettische Architektengruppe zum sieger, der beauftragt wurde, in Riga ein Museum für moderne Kunst zu bauen. Es soll im Jahr 2021 eröffnet werden. Bis dahin präsentieren Kuratoren die zeitgenössisch lettische Werke, die als Exponate für den zukünftigen Kunsttempel in Frage kommen. Auch die Ausstellung “Nosaukums nav zimes” hat diesen Zweck. Zu sehen sind 32 neue Objekte, Installationen, Videos und Fotografien von Künstlern, die durch Denkart, Ausbildung und jahrelange Zusammenarbeit vereint sind. Alle studierten bei Ojars Petersons an der Abteilung Visuelle Kommunikation der Lettischen Kunstakademie. Der Kunstdozent hatte gemeinsam mit Liga Marcinkevica und Maija Kursevadie die Idee, die auf den Kern des künstlerischen Schaffens rührt, nämlich dem bislang Unbezeichneten Ausdruck zu verleihen: “Die Ausstellung ist ohne vom Kurator diktierten Rahmen gestaltet. `Bezeichnung hat kein Zeichen` lässt sich umschreiben als `der Gedanke findet keine Bezeichnung`. Das Interesse der Künstler bezieht sich auf das Wahrnehmen von Paradoxien, auf den Inhalt abhängig vom Kontext, auf die Beziehungen von Sprache und Gestalt. Jede künstlerische Arbeit ist das Ergebnis einer langwierigen Reflexion, die mit der heutigen, zeitgenössischen Kunst in Verbindung steht. Der Zufall ist nicht ihr Leitmotiv, doch voller Zufälle ist das Leben, das ihre Kunst umzäunt.”

Janis Klaucs

Werk von Janis Klaucs aus der neuen Arsenals-Ausstellung, Foto: LNMM

Daugavpils: Gunars Krollis. Vienotais laika tarifs - Einheitlicher Zeittarif

Mark-Rothko-Zentrum, Daugavpils, noch bis zum 5.11.2017

Die Ausstellung ist dem Altmeister der lettischen Grafik gewidmet. Krollis` Biographie ist mit den schicksalshaften Wendepunkten der lettischen Geschichte verbunden. Er wurde 1932 im unabhängigen Lettland geboren, ging nach dem Krieg auf die Rigaer Mittelschule, die sich damals auf Kunst spezialisierte und nach dem Maler Janis Rozentals benannte. Bis 1960 studierte er Grafik an der Lettischen Kunstakademie und bildete von 1974 bis 2006 dort selbst Studierende aus. Mit seinen Arbeiten als Grafiker, Buchillustrator sowie als Designer von Geld und Wappen errang er internationale Anerkennung, auch als Dichter und Autor von Liederzyklen. Er hat hunderte von Ausstellungen in Europa, den USA und im Nahen Osten gestaltet. Zane Melane zu seinem Schaffen: “Das Raum- und Zeitkonzept als Leitmotiv durchzieht die von Krollis gestalteten Kunstwerke. Für den Altmeister der Grafik sind die auf Reisen erworbenen Eindrücke, auf Tradition und Religion gestützten Offenbarungen die inspirierende Quelle vieler Themen gewesen, welche bis zur Perfektion aus den gepflegten künstlerischen Ausdrucksformen folgten. Historische Motive stehen gleichberechtigt neben Gestalten des Kosmos` und des Unterbewusstseins, welche zugleich zu Betrachtungen über den Sinn des menschlichen Daseins und über die heutigen gesellschaftlichen Moralvorstellungen führen.”

 

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