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Münster, 16.12.2017
Lettland: Hunderte gedenken der Toten von Rumbula PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 01. Dezember 2017 um 09:36 Uhr

„Eine Generation, die sich erinnern wird“

Gedenkort RumbulaAls die Deutschen im Zweiten Weltkrieg Lettland besetzten, begannen sie sogleich mit der Verfolgung von Juden. Zunächst wurden sie in Ghettos konzentriert. Ein solches entstand auch in der lettischen Hauptstadt an der Ludzas Straße. Am 30. November und 8. Dezember 1941 trieben lettische Hilfspolizisten auf deutschem Befehl die Ghetto-Bewohner aus den Häusern. Sie mussten viele Kilometer zu Fuß bis in den Wald von Rumbula gehen. Dort warteten bewaffnete SS-Männer auf sie. Die Opfer mussten sich ausziehen, sich vor dem Massengrab aufstellen und wurden erschossen. Insgesamt starben an diesen beiden Tagen etwa 25.000 lettische Juden. Die Rigaer Bluttage gehören zu den größten Mordaktionen des Holocausts. Diese Ereignisse werden allmählich Teil der lettischen Gedenkkultur. Mehrere hundert lettische Bürger ehrten am letzten Novembertag die Opfer mit Kerzen und Blumen am Nationaldenkmal.

Gedenkanlage in Rumbula, Foto: Avi1111 dr. avishai teicher - Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Gedenkstein in Rumbula

Gedenkstein in Rumbula, der 1964 von Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde Rigas aufgestellt wurde. Er war während der Sowjetzeit der einzige Gedenkstein, der auf dem Territorium der UdSSR an die Holocaustopfer erinnerte, so steht es auf der später angebrachten Zusatztafel. Foto: Adam Jones - Flickr: Memorial Marker - Rumbula Forest Holocaust Site - Riga - Latvia, CC BY-SA 2.0, Link

Unter den Versammelten am Nationaldenkmal befand sich Margers Vestermanis. Der Historiker war selbst Ghettobewohner und danach Gefangener im Rigaer KZ Kaiserwald. Als Jugendlicher musste er erleben, wie Deutsche und ihre lettischen Helfer seine Angehörigen ermordeten. „Hier ist mein Ort. Doch es ist Zufall, dass ich überlebt habe. Darin besteht überhaupt kein Heldentum. Mit letzten Kräften werde ich hier hinhumpeln, auf allen vieren kriechen, um auf dieser Asche zu sterben. Mein ganzes Volk liegt hier.“ (lsm.lv) Doch er ist erfreut, dass sich nun Letten, nicht nur Juden, an den Blutsonntag vor 76 Jahren erinnern und öffentlich gedenken. „Es kommt die Jugend. Sie ist unsere einzige Hoffnung und unser einziger Trost – es sind Menschen, eine Generation, die sich erinnern wird,“ sagt Vestermanis einem Lsm-Journalisten. Ilja Lenskis, der das Jüdische Museum in Riga leitet, das von Vestermanis gegründet wurde, erinnerte daran, dass Gedenken an den Holocaust nicht immer erwünscht war. Zwar hätten in den 60er Jahren Aktivisten begonnen, die Gedenkstätte im Wald von Rumbula zu pflegen. Zwanzig Jahre später sei solches Gedenken unerwünscht gewesen. Nach 1990 beschäftigten sich Letten zunächst mit der sowjetischen Vergangenheit. Doch inzwischen besuchen immer mehr Bürger die Stätten des NS-Verbrechens. Eine lettische Seniorin, die ebenfalls befragt wurde, war 1941 ein Jahr alt. Ihre Mutter war Jüdin, der Vater Lette. Wegen ihres lettischen Vaters hat sie überlebt. „Mir als lettische Tochter fällt es schwer, sich bewusst zu machen, dass bei den Erschießungen auch Letten anwesend waren, die sich beteiligten. Jemand schrie die Schwester meiner Mutter an jener Grube an: `Halte nun dein Kind hoch, damit wir nicht zwei Kugeln brauchen,` dieses Töchterchen war nur einige Monate älter als ich.“

 

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