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Münster, 16.12.2017
Lettische Kunstausstellungen im Dezember 2017 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 02. Dezember 2017 um 14:47 Uhr

«Du hast 1234 Nachrichten»

Lismanis«Du hast 1234 Nachrichten. Das Leben vor dem Internet. Die letzte Generation» ist der Titel einer Ausstellung, die das Nationale Kunstmuseum gemeinsam mit dem Zentrum für Zeitgenössische Kunst organisiert und die am 8. Dezember eröffnet wird. Dabei zeigt sich: Auch analog auf Papier gebannt oder in Plattenrillen gepresst versank die Welt schon vordigital in Informationen und wenn auch die 1234 neuen Nachrichten damals noch nach und nach in richtigen Briefkästen ankamen: Behördenpost, Firmenrechnungen und die Unzahl von Reklameschriften brachten schon damals den Empfänger zur Verzweiflung. Eine weitere Ausstellung beschäftigt sich mit der künstlerischen Verarbeitung der aktuellen Epoche: das Nationale Kunstmuseum zeigt 150 Werke, die in den letzten 17 Jahren erworben wurden. Reinis Lismanis präsentiert in seiner ersten Soloausstellung den künstlerischen Umgang mit Versuchen und Fehlern auf dem Weg zu neuen Darstellungsmitteln. Bei Meeresfotografien von Ilona Vilka kann man ins Träumen geraten, ihre Fotos in Daugavpils zu sehen. Hier die Zusammenfassung aus den PR-Mitteilungen der lettischen Kunstmuseen zu ihren Ausstellungen im Dezember.

Foto von Rainis Lismanis, Foto vom Künstler/ LNMM

«Tev ir pienakusas 1234 zinas» Dzive pirms interneta. Pedeja paaudze - «Du hast 1234 Nachrichten» Das Leben vor dem Internet. Die letzte Generation.

Hauptgebäude des Lettischen Nationalen Kunstmuseums, Großer Ausstellungssaal, Jana Rozentala laukums 1, Riga, vom 9.12. bis 4.2.2018, Eröffnung: 8.12.17, 12 bis 20 Uhr

Es gab eine Zeit, als Übersetzer sich noch mit Worten wie “öffentlicher Münzfernsprecher” abmühen mussten. Damals hatte sich der Mensch noch zu Fuß zur fernmündlichen Kommunikation hinzubequemen. Er war noch nicht rund um die Uhr überall erreichbar und verfügbar. Besuche und Termine wurden frühzeitig und Aug in Auge abgesprochen. Auf sogenannten Telefonzellen – das Gefängnisartige dieses Begriffs war kaum zufällig – stand der frauenfeindliche Imperativ: “Fasse Dich kurz” (Das war der LP-Beitrag zur Metoo-Debatte). Statt Selfies hin- und herzuwischen, gab es unendlich lange Dia-Abende mit Projektionen mallorcinischer Palmen und Tiroler Gletschern im Hintergrund, vor denen sich bestrumpfte Sandalentouristen in Hawaiihemd und Badehose bzw. krachlederne Wanderer mit stocknägelübersäten Gehhilfen inszenierten. Das lettische Nationalmuseum und das Lettische Zentrum für Zeitgenössische Kunst (LCCA) widmen dieser analogen Zeit eine internationale Ausstellung. Neben Kaspars Vanags und Zane Zajanckauska gehört die Niederländerin Diana Franssen zum Kuratorium. Sie ließen etwa ein Dutzend Künstler bzw. Künstlergruppen die analogen Hinterlassenschaften jener Zeit, die kaum ein Vierteljahrhundert zurückliegt, durchforsten und zur künstlerischen Inspiration nutzen. So lassen sich Polaroidfotos, Tonbandcassetten, Schallplatten, Antennenkonstruktionen für den analogen TV-Empfang, einst hoch geschätzte, dann wieder verworfene Techniken, in digitaler Zeit neu entdecken. Die Kuratoren schätzen den künstlerischen Reiz des analogen Zeitalters wie folgt ein: “Die letzten Jahrzehnte vor der digitalen Revolution haben eine nach Vielfalt und Umfang bis dahin unerreichtes kulturelles Erbe hinterlassen. Es kündet von Stereotypen und Geschmackklischees, von selbstbestimmten Sehnsüchten und Abweichungen vom Noramtiven. Neben bewusst entwickelten Sonderbarkeiten und Einzelgängern finden sich hier horizontal ausbreitende Sozialisationsformen und autonome Gruppenexperimente mit alltäglicher Ordnung. Gerade die Wechselwirkung zwischen Öffentlichem und Privatem erweist die Aktualität der Zeugnisse der Vergangenheit im Zeitalter digitaler Realität.” Folgende Künstler beteilgen sich: Artpool, Irma Blank, On Kawara, William Kentridge, Ruth Wolf-Rehfeldt, Martha Rosler, Jirí Valoch, Franz Erhard Walther, Andrejs Strokins, Viktorija Eksta und Ingrida Picukane.

Gelzis

K. Gelzis, Was geschieht in Lettland? Exponat aus der Ausstellung "Neuerwerbungen", Foto: LNMM

LNMM jaunieguvumi. 21. gadsimts, Neuerwerbungen des Nationalen Kunstmuseums, 21. Jahrhundert

Ausstellungshalle Arsenals, Torna iela 1, Riga, bis 28.1.2018

“Die technologische Entwicklung, der Aufstieg der sozialen Medien, Postrealität und Informationskrieg, die Rolle des Ethnischen, Religiösen, des Geschlechts und dergleichen, Identitätskrisen, das Altern der Gesellschaft, allgemeine Globalisierung und Migration sind Phänomene, die das 21. Jahrhundert kennzeichnen. Doch mit diesen Problemen setzt sich der Künstler in Lettland in seinen Werken selten kritisch und direkt auseinander. Häufiger sind die Empfindungen des Zeitalters auf poetischen oder ironischen Bildern und Narrativen festgehalten und vermittelt, bei denen verschiedene alltägliche Vorgänge kommentiert oder umschrieben sind. Man zitiert aus begrenzten und unbegrenzten Informationssystemen oder reflektiert über die kollektive und persönliche Geschichte,” so beschreibt Kuratorin Daina Auzina das Thema der Ausstellung, die den diffusen Titel “Neuerwerbungen” trägt. Das Nationale Kunstmuseum zeigt Neuanschaffungen aus den letzten 17 Jahren, die von zeitgenössischen Künstlern stammen. Die 150 Exponate sollen einen Überblick über das ermöglichen, was unsere Zeit kennzeichnet und wie sie sich in der lettischen Kunst widerspiegelt. Die werke folgender Künstler sind zu sehen: Eriks Apalais, Janis Avotins, Arturs Berzins, Aigars Bikse, Maris Bisofs, Eriks Bozis, Andris Breze, Vija Celmina, Ivars Drulle, Andris Eglitis, Gints Gabrans, Kristaps Gelzis, Marite Guscika, Ieva Iltnere, Eizens Janiss, Raids Kalnins, Kristaps Kalns, Ernests Klavins, Ginters Krumholcs, Daiga Kruze, Maija Kurseva, Leonards Laganovskis, Anda Lace, Paulis Liepa, Sarmite Malina, Janis Mitrevics, Glebs Pantelejevs, Inta Ruka, Modris Sapuns, Guntars Sietins, Juris Utans, Aija Zarina.

Kurseva

M. Kurseva, Anfertigung, aus der Ausstellung "Neuerwerbungen", Foto: LNMM

Reinis Lismanis. Meginajumi un kludas - Versuche und Fehler

Ausstellungshalle Arsenals, Kreatives Atelier, 2. Etage, Torna iela 1, Riga, bis 21.1.2018

Reinis Lismanis beschäftigt sich mit verschiedenen Medien und Verfahren, um jene Mittel zu verdeutlichen, die zu einem breiteren Verständnis der Möglichkeiten führen, welche die Fotografie und visuelle Medien bieten. Dabei geht er von Begriffen Martin Heideggers aus, die mit Technologie verbunden sind, z. B. das Wort “Gestell”. Kurator Josef Konczak meint, dass die ausgestellten Arbeiten als Vermittler zwischen ihrem Urheber und der allgemein herrschenden Anordnung in der Praxis der Fotografie-, Installations- und Videokunst fungieren. Traditionelle Verfahren werden überarbeitet, die Ausstellung erlaubt einen Blick hinter die Kulissen und Momentaufnahmen auf den forschenden Wegen und Versuchen des Künstlers. Lismanis wurde 1992 in Jurmala geboren. Er lebt in Großbritannien und hat sich bereits an einigen Gruppenausstellungen in verschiedenen Ländern beteiligt, u.a. in der Schweiz. Meginajumi un kludas ist seine erste Soloausstellung.

Lismanis

Reinis Lismanis, Ohne Titel, Foto vom Künstler über LNMM

Daugavpils: Ilona Vilka – Jura, laiks, sapni... - Meer, Zeit, Träume...

Mark-Rothko-Zentrum, Daugavpils, bis 14.1.2018

Die Fotografin ist vom Meer fasziniert, welches sie immer wieder ablichtet. 2015 hatte sie im Rigaer Janishof ihre erste Ausstellung. Ilona Vilka hat einen ebenso schicksalshaften wie vielfältigen Lebensweg zurückgelegt: Sie wurde 1940 in Riga geboren und musste mit ihren Eltern im Zweiten Weltkrieg nach Deutschland fliehen. Dort ging sie eine Zeit lang in Flensburg zur Schule, kehrte aber bald wieder nach Lettland zurück, verlor ihre Eltern (aus Gründen, die der PR-Text nicht nennt) und musste in einem Waisenhaus leben. Doch sie traf auf Lehrer, die ihre Schüler auf das Leben vorbereiteten, was Vilka dankbar in Erinnerung behalten hat. Sie wurde Sportpädagogin und begann, für ihre Sportler Medaillen zu entwerfen und widmete sich später der Fotografie. Sie hat mehrere Fotoalben und Kalender gestaltet und betätigt sich inzwischen auch literarisch.

 

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