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Münster, 20.4.2018
Valters Nollendorfs erhielt Bundesverdienstkreuz PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 09. Dezember 2017 um 09:36 Uhr

Ein differenzierter Blick auf die Geschichte

Valters NollendorfsNollendorfs wurde am 5. Dezember 2017 in der Deutschen Botschaft in Riga das Bundesverdienstkreuz erster Klasse überreicht. Dazu empfing ihn Rolf Schütte in seiner Rigaer Residenz. Der deutsche Botschafter ehrte den Preisträger als Wissenschaftler und Forscher, der sich um die komplexe deutsch-lettische Vergangenheit verdient gemacht und diese in zahlreichen Vorträgen und Publikationen dargestellt habe. Der Geehrte ist Vorstandsmitglied des lettischen Okkupationsmuseums. Er beteiligte sich zuletzt an Projekten zur Aufarbeitung des Holocausts und zur Flüchtlingsdebatte. Germanist Nollendorfs blickt auf eine wechselvolle Biographie zurück (riga.diplo.de).

Valters Nollendorfs, Foto: Deutsche Botschaft Riga

Nollendorfs wurde am 22. März 1931 in Riga geboren (garamantas.lv). Er musste mit seinen Eltern 1944 aus Lettland fliehen. Der Schüler besuchte das lettische Gymnasium in Greven, emigrierte dann in die USA. Dort promovierte er 1962 als Germanist an der Universität Michigan. Er lehrte als Dozent an verschiedenen us-amerikanischen Hochschulen, wurde Herausgeber der „Monatshefte“, einer US-Zeitschrift zur deutschen Philologie, und engagierte sich in Exilorganisationen. Zur Zeit des Mauerfalls war er Leiter des lettischen Gymnasiums in Münster.

In den neunziger Jahren kehrte er in seine Heimat zurück. Dort wurde er vor allem als Mitarbeiter des Okkupationsmuseums bekannt, der deutschen Besuchern einen differenzierten Blick auf die lettische Geschichte gewährt. Eine solche abwägende Haltung zeigte Nollendorfs auch auf einer Podiumsdiskussion im Jahr 2010 (LP: hier). Damals bekannte er, dass nationale Identität den Letten geholfen habe, die Sowjetzeit zu überstehen. Doch die gegenwärtigen Fragen nach der eigenen Kultur und Identität ließen sich nicht mit dem Nationalismus des 19. Jahrhunderts beantworten. Eine Erinnerungskultur, zu dem auch das Gedenken an den Holocaust zählt, sei nur in einem freien Diskurs möglich.

Als Ost und West verbindendes Datum empfahl er das Gedenken an den Hitler-Stalin-Pakt. Zudem warnte er vor Relativierung: Man dürfe die Schrecken Hitlers und Stalins nicht gegeneinander ausspielen. Man könne zwar Konzentrationslager und Gulags vergleichen, doch vergleichen bedeute nicht gleichsetzen. Das gezielte Töten einer ethnischen Gruppe sei nur in Konzentrationslagern erfolgt. Seine eigenen Landsleute warnte er davor, „Martyrologie“ zu betreiben, die die eigene Verantwortung ausblende. Typisch sei es für Letten, das eigene Leiden zu betonen, die Beteiligung am Holocaust aber zu verdrängen. Statt dessen verkläre man die Ulmanis-Diktatur vor 1940 als “gute Zeit”, gar als “verlorenes Paradies”. Aber er verlangte auch, dass die Westeuropäer die stalinistischen Gräuel zur Kenntnis nehmen.

 

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