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Münster, 19.2.2018
Lettische Kunstausstellungen im Februar 2018 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 02. Februar 2018 um 17:44 Uhr

Begriffslose metaphysische Stimmungen in einer vielperspektivischen Realität, mal farbig, mal schwarz-weiß

Rinke, BlumenbeetGegenständliche Malerei und Grafik, mal farbig wie ein Comic den nur scheinbar grauen Alltag aufheiternd oder schwarzweiß in abstrakt anmutenden Strukturen die Welt darstellend, vom Spinnennetz bis zum Universum oder verschiedene Perspektiven des Menschen und seiner Beziehungen aufzeigend, von innen und außen. In den Kunstausstellungen des Februars kann der Betrachter sich mit ungewöhnlichen Ansichten der Realität auseinandersetzen. Im lettischen Jubiläumsjahr feiert auch eine der weltweit bekanntesten Künstlerinnen des Hyperrealismus: Die in New York lebende Vija Celmins wird 80 Jahre. Sie wurde in Riga geboren und musste, wie so viele, mit ihren Eltern vor der Roten Armee fliehen. Das Lettische Nationale Kunstmuseum zeigt deshalb erstmals sämtliche ihrer Werke, die es im Bestand hat. Hier die PR-Zusammenfassungen lettischer Museen für den Februar.

Daina Rinke, "Zerstörtes Blumenbeet", Foto: LNMM

Vija Celmina, Vienpadsmit darbi und filma – Elf Werke und ein Film

Lettisches Nationales Kunstmuseum, Jana Rozentala Laukuma 1, Riga, im Kuppelsaal, 5. Etage, bis 25.3.2018

Vija Celmins (die weibliche Form des lettischen Familiennamens wurde nicht ins Englische übertragen) gehört heute zu den bekanntesten us-amerikanischen Künstlerinnen des Hyperrealismus. Ihre Biographie ist teils erzwungen, teils freiwillig ein Zug gen Westen. 1944 musste die sechsjährige Rigenserin vor der Roten Armee nach Deutschland fliehen, wo sie mit ihrer Familie zunächst Unterschlupf im Flüchtlingslager Esslingen fand. Ende der vierziger Jahre immigrierten die Celmins in die USA, nach Indianapolis, wo Vija Kunst und Design studierte. Sie zog es noch weiter, an die Westküste, und richtete sich in der Nähe von Los Angeles ein Atelier ein, lehrte dann Malerei an der Irvine-Universität. Damals entwickelte sie Interesse für die comichafte Popart und den fotoähnlichen Hyperrealismus. Schließlich wechselte sie in den achtziger Jahren wieder an die Atlantikküste, nach New York. Sie gestaltete den eigenartigen Zyklus „Spinnennetz“: Bilder und Grafiken in scharfen schwarz-weiß Kontrasten, die eine menschenlose Welt zeigen, von der Struktur eines Spinnennetzes bis zum Sternennebel. Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen international bekannt, 2004 waren sie in Frankfurt, 2011 in Köln zu sehen. In diesem Jahr feiert Vija Celmins ihren 80. Geburtstag. Sowohl die Matthew Marks Gallery in Los Angeles als auch das Lettische Nationalmuseum (LNMM) präsentieren aus diesem Anlass Werkausstellungen. Das LNMM will im Jubiläumsjahr von den Werken der Künstlerin alles zeigen, was im Bestand ist. Insgesamt sind es elf Grafiken, die ab 1998 erworben wurden. Sie waren noch nie gleichzeitig zu sehen. „Die in den Grafiken der Museumssammlung abgebildete Wasseroberfläche des Ozeans, der sternenübersäte Himmel, ein Spinnennetz, eine Weltkarte, Marken mit Saturn kann man als recht langweilige Motive betrachten, auf denen überhaupt nichts geschieht. Reizvoll wird die Suche nach dem Unterschied, die Wahrnehmung der Nuancen, das Training der Aufmerksamkeit des Betrachters, des Tiefblicks. Vijas Celmins` Werkerforschung ist wie die Praxis einer Meditationsübung,“ meint Kuratorin Ellita Ansone.

Celmina: Ozean

Vija Celmina, Ozean, Foto: LNMM

Daina Rinke. Gleznieciba – Malerei

Lettisches Nationales Kunstmuseum, Jana Rozentala laukuma 1, Riga, im Ausstellungssaal der 4. Etage, bis 31.3.2018

Ein Autoreifen vor einem Lkw, farbig abgestimmt auf einem Gemälde, das zur Zierde eines Wohnzimmers geeignet wäre, Straßenbahnen und Baustellenschilder, die ebenso anmutig präsentiert werden, eine fast menschenleere klassizistische Säulen- und Treppenlandschaft. Auf Rinkes Bildern sieht man wenige oder gar keine Menschen oder welche, die wie zur Säule erstarrt wirken. Das war ein neuer Stil, den die Malerin in den 60er Jahren kreisrte. Sie absolvierte 1965 die Lettische Kunstakademie, arbeitete danach als Kunstpädagogin. Der Verzicht auf Handlung schafft eine eigenartige Sphäre in den dargestellten Landschaften und Großstadtansichten. Kuratorin Ilze Putnina bemerkt etwas eigenartig Fremdes, eine metaphysische Stimmung, für das der Kunstkritik der Begriff fehlte, war es ein Zusammenströmen von Hyperrealismus und Sozialistischem Realismus? Die ungewöhnliche Sichtweise, das Alltägliche in frohen Farben und wie ein Blumengesteck zu arrangieren, demonstrierte, dass das Gewöhnliche nicht grau und langweilig, sondern bei genauer Betrachtung auch farbig und spannend sein kann. Heutzutage sind Rinkes Bilder Erinnerungen an vergangene Zeiten und verschwundene Orte. Für Putnina ist es ein Spiel mit dem, was die Malerei nur indirekt oder durch Sinnestäuschung darzustellen vermag: „Ob es der Künstlerin bewusst ist oder nicht, sie manipuliert intelligent mit der Fähigkeit des Menschen, Bewegung auf Bildern wahrzunehmen, die Stop Motion der alltäglichen Ereignisse („Arbeitstag auf dem Straßenbahn- und O-Bus-Depot“, 1980), welche dem Betrachter nach und nach die zeitlose Beschaffenheit im Geschehen zum Bewusstsein bringen.“

Rinke, Straßenbahnen und O-Busse

Daina Rinke, „Arbeitstag auf dem Straßenbahn- und O-Bus-Depot“, 1980, Foto: LNMM

Daugavpils: Skatoties arpus, skatoties iekspus – von außen betrachtet, von innen betrachtet

Mark-Rothko-Museum, Daugavpils, 2.2. bis 8.4.2018

Die Gemeinschaftsausstellung befasst sich mit den unterschiedlichen menschlichen und zwischenmenschlichen Perspektiven im öffentlichen und privaten Bereich, beeinflusst durch Erfahrungen, Erinnerungen und Vergessenheit in den wechselseitigen Beziehungen. Auch wenn die Werke der Künstlergruppe sich auf die Realität beziehen, so zeigen sie auch die nicht wahrnehmbare Innenperspektive, die inneren Zustände des Künstlers, aber auch das Stoffliche des Mediums, Fragen der Selbstdarstellung, Identität und Selbsttherapie in der künstlerischen Praxis. Seit den 60er Jahren haben sich die Kunst und die Welt der Kunst strukturell geändert. Objekte werden andersartig rekonstruiert, auch das Verhältnis zwischen Künstlern und Betrachtern hat sich fortentwickelt. Der Traum von einer Kunst, die als exklusives Konsumprodukt abgesondert von der Realität und von der sozialen Wirklichkeit existiert, ist ausgeträumt. Der Fingerzeig des Künstlers weist zurück in den alltäglichen Raum, wo er den Betrachter auffordert, aktiv das Betrachtete zu interpretieren und ihm Sinn zu verleihen. An der Ausstellung.beteiligen sich Arnis Balcus, Ieva Balode, Ieva Epnere, Romans Korovins, Liga Spunde und Alnis Stakle.

 

 

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