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Münster, 19.2.2018
Jost Eickmeyer über die Gelehrten Rigas im 16. Jahrhundert PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 03. Februar 2018 um 14:43 Uhr

Nur ein zartes Keimen des humanistischen Netzwerks

Alte Domschule in RigaNach Ansicht Gero von Wilperts hat Riga auf der "Landkarte des europäischen Humanismus" seinen "legitimen Platz"1. Er nennt als Beispiel Jacobus Batt, der ein "Freund von Speratus und eifrige[r] Korrespondent [...] von Erasmus von Rotterdam" gewesen war.2 Aufgrund der Empfehlungen Melanchthons und Luthers sei dieser 1527 zum Rektor der Rigaer Domschule berufen worden. Jost Eickmayer weist dem deutschbaltischen Literatur-Wissenschaftler und anderen Kennern Fehler nach: Der berufene Rektor trug zwar denselben Namen, war aber ein anderer, nicht der Erasmus-Freund aus den Niederlanden. Ebenso kritisch betrachtet Eickmeyer die Forderung des Humanisten Conrad Celtis nach einer "Sodalitas litteraria" für die Ostseeregion. So nannte dieser die von ihm gegründeten institutionalisierten Vereinigungen, in denen Gelehrte sich über humanistische Ideen austauschen sollten. Eickmeyer schreibt, dass es eine solche Institution in Riga nie gegeben hat. Das angeeignete Stereotyp führt zu Irrtümern, man sieht und liest hinein, was nicht ist. In seinem Aufsatz "`Sodalitas litteraria Rigensis`?"3 beschäftigt sich Germanist Eickmeyer mit der Frage, wie humanistisch Riga tatsächlich war.

Ein altes Foto der Rigaer Domschule, die 1888 abgerissen wurde, Foto: Saite

 

Eickmeyer betrachtet unter diesem Aspekt Publikationen und Vorträge von Gelehrten, die im 16. Jahrhundert in Riga das geistige Leben bestimmten. Hatten sie sich als Humanisten inszeniert? Ein Mangel bewirkte den fruchtbaren intellektuellen Austausch über die Grenzen hinweg: In der baltischen Region war noch keine Universität gegründet worden. Riga musste Akademiker aus fernen Univeritätsstädten `importieren`: David Hilchen, der Rechtsgelehrte der Stadt Riga, hatte sich sein Fachwissen an den Universitäten von Tübingen, Heidelberg und Ingolstadt angeeignet, Rutgerus Pistorius, Battus` Nachfolger als Domschulrektor, hatte in Wittenberg studiert. Sie und andere trugen neue Gedanken in die baltische Metropole, so dass man in Riga wusste, was in Löwen, Straßburg oder Padua geforscht und gelehrt wurde.

Eickmeyer analysiert in diesem Zusammenhang eine Totenklage, dem Epicedion Jacobi Batti von 1547, die Pistorius für seinen Vorgänger als Leiter der Domschule gedichtet hatte, und weist auf humanistische Inhalte hin: die Erwähnung der Parzen, Ovids und Apolls, die Lobpreisung des friedlichen und gelehrten Rigas, im Geist eines "christlichen Humanismus Melanchthonscher Prägung" entworfen und auf Lateinisch verfasst4. Doch man nimmt noch von etwas anderem Notiz: Dem Gelehrten sind nicht nur Bildung und Erkenntnis oder in diesem Fall die Würdigung eines Verstorbenen Anlass zur Publikation, es geht ihm auch um das egoistische soziale Ränkespiel: "[...] fraglos will er sich aber durch das eingefügte Lobgedicht auf Riga und seine Regierung selbst dem Stadtrat empfehlen; wenn er seinen Vorgänger als ebenso fromm wie gebildet beschreibt, so dürfte er sich selbst, mittels der poetischen Leistung dieses Gedichts, als geeigneten Nachfolger ins Spiel bringen [...]"5

David Hilchen galt als kluger Jurist, der 1585 mit seinem Vertragsentwurf dazu beitrug, den Rigaer Kalenderstreit zwischen Protestanten und Katholiken zu schlichten. Der polnische Einfluss beunruhigte den reformierten Stadtrat, Jesuiten strebten die Rekatholisierung an. Eickmeyer betrachtet vor diesem historischen Hintergrund die lateinischen Reden, die Hilchen und die beiden anderen `Scholaren` der Domschule anlässlich ihrer Wiedereröffnung 1594 hielten. Im Vergleich schneidet Hilchen am besten ab. Er verfügt über ein reformpädagogisches Programm, teils in "aristotelischer Begrifflichkeit" formuliert. Eickmeyer lobt die Vorzüge: "Er fragt durchaus modern, worin eigentlich der empirisch festzustellende Unterschied zwischen den Lernerfolgen verschiedener Schüler bestehe, und diskutiert ausführlich und kritisch astrologische, medizinische und theologische Gründe."6

Doch der humanistische Geist eines Hilchens hatte nicht ganz Riga erfasst: Der Rechtsgelehrte wurde Opfer einer Intrige des Bürgermeisters Nicolaus Eck, wurde sogar zum Tode verurteilt, für vogelfrei erklärt und musste aus der Stadt fliehen. So kommt Eickmeyer zu einem eher gemischten Fazit: Auch Hilchens Gesinnungsgefährten wurden vertrieben, "sodass ein humanistisches Netzwerk an der Düna letztlich über ein zartes Keimen im Umfeld Hilchens und der Domschule nicht hinauskam. Vernetzungen baltischer und deutscher Humanisten sollten für diese Generation brachliegen."7

Eickmeyer demonstriert auf knappen 30 Seiten dreifach konzentriertes Fachwissen. Die Tomatenmark-Szene weiß: Pur genossen schmeckt dreifach Konzentriertes nicht besonders. Leider folgt daraus ein an manchen Stellen recht sperriger Stil, der sich nicht darum kümmert, ob das Geschriebene auch für den interessierten Laien verständlich ist. Das ärgert besonders im dritten Teil, in welchem der Forscher Texte weiterer Autoren heranzieht. Der arme Leser, der doch vorrangig eine Vorstellung von der Stadt Riga im 16. Jahrhundert gewinnen will, weiß in folgendem Zitat kaum noch, in welchem Land er sich befindet: "Denn Jan Zamoyski (1542-1605), Großkanzler und Hetman des polnischen Königs und wohl der seinerzeit einflussreichste Magnat und Heerführer in der Doppelmonarchie, hatte nicht nur 1580 in enger Zusammenarbeit mit dem Renaissance-Architekten Bernardo Morando die Stadt Zamosc, sondern dort im April jenes Jahres, in dem die Rigaer Domschule neu installiert wurde, auch eine Akademie für sowohl adlige als auch bürgerliche Schüler gegründet, die dritte höhere Bildungsanstalt in Polen-Litauen überhaupt. Wie der neue Lehrplan, ist auch die Akademie von Zamosc am Straßburger Vorbild orientiert, was insofern nicht verwunderlich ist, als Zamoyski selbst nicht nur in Paris und Padua humanistisch gebildet worden war, sondern auch bei Johannes Sturm studiert hatte."8 Diese gleichzeitige Darstellung des Gleichzeitigen entspricht zwar der Ästhetik des modernen Romans und genügt als Stichwortsammlung für den Wissenden, erschwert aber dem Wissbegierigen den Zugang zu dem, was sich leichter darstellen ließe. Ebenso ärgerlich ist, dass das Lateinische nur überwiegend, aber doch nicht vollständig übersetzt ist. Der Aufsatz ist Teil des Buchs:

Raivis Bicevskis u.a. (Hgg.): "Baltisch-deutsche Kulturbeziehungen vom 16. bis 19. Jahrhundert. Medien - Institutionen - Akteure. Band I: Zwischen Reformation und Aufklärung",

das im Heidelberger Universitätsverlag Winter im Jahr 2017 erschienen ist. Weitere Rezensionen aus diesem Band werden in lockerer Reihe folgen.

 

Quellenangabe:

1Gero von Wilpert, Deutschbaltische Literaturgeschichte, München 2005, S. 78

2Ebd., S. 76

3Jost Eickmeyer, "`Sodalitas litteraria Rigensis`?", a.a.O., S. 237-270

4ebd., S. 246

5ebd., S. 246

6ebd., S. 252

7ebd., S. 266

8ebd., S. 256

 

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