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Münster, 23.10.2018
Andris Levans über das Handbuch des Bürgermeisters Franz Nyenstede PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 24. März 2018 um 00:00 Uhr

JakobkircheDer Jonas von Riga

Im 16. Jahrhundert erlebten die Rigenser stürmische Zeiten: Reformation, das Ende des livländischen Ordensstaats, Angriffe Iwans des Schrecklichen. Man unterwarf sich seinetwegen nach zähen Verhandlungen dem katholisch-polnischen König Stephan Bartory. Dann die schweren Tumulte, weil die protestantischen Bürger sich dem verordneten neuen Kalender verweigerten, weil er aus Rom, vom Papst kam und sie eine Rekatholisierung befürchteten. In dieser Zeit war Franz Nyenstede Bürgermeister Rigas. Seine Erlebnisse notierte er später im Exil in einem Handbuch, das Andris Levans literaturwissenschaftlich analysiert hat.

Die Rigaer Jakobskirche war Zankapfel zwischen Protestanten und Katholiken während des Kalenderstreits im 16. Jahrhundert, Foto: CC BY-SA 2.5, Saite

 

Nyenstede wurde 1540 im westfälischen Hoya geboren. In Dorpat (heute Tartu, Estland) erlernte er den Fernhandel recht erfolgreich. Er zog 1571 nach Riga, wurde in der Hansestadt als Kaufmann reich. Als er hoffte, sich auf einem Landsitz zur Ruhe setzen zu können, wählte man ihn 1583 in den Stadtrat, an dem Tag, an dem Christen des Propheten Jonas gedenken. Nyenstede erfüllte sein Amt derart gewissenhaft, dass der Rat ihn schon nach zwei Jahren zum Bürgermeister kürte. Eigentlich hätte er, nach eigenen Angaben, auf diese Politikerkarriere gern verzichtet. Die Kunde von der Wahl zum Ratsherrn sei für ihn eine betrübliche Nachricht gewesen. In seiner Autobiographie wird er sich mit Jonas vergleichen, dem Passagier auf einem Schiffchen, das einem schweren Sturm ausgesetzt ist. Die Matrosen erfahren von ihm, dass er vor einem göttlichen Auftrag flieht. Er bittet sie, ihn ins Meer zu werfen, damit das Schiff vom Zorn Gottes verschont werde. Die Rigaer Matrosen sind Nyenstedes Mitbürger, die ihn ins Exil nach Lübeck vertreiben werden.

Andris Levans fragte sich, weshalb ein erfolgreicher, aber dann in Ungnade gefallener Bürger in der frühen Neuzeit Texte schreibt. Überliefert sind Nyenstedes Livländische Chronik, die Historiker als Quelle benutzten, und eine zweite, heute in Vergessenheit geratene Schrift: Sein „Handbuch“, das nach Levans` Auffassung verkannt worden ist: „Dazu trug auch das abwertende Urteil der Nachwelt bei, weil man glaubte, darin einen Text von eher geringerem Wert erkannt zu haben: Der Text sei sprachlich und stilistisch ungeschickt, sowie von zahlreichen Fehlern durchsetzt. Diesen gewiss übertriebenen Abwertungen ist heute aus der veränderten Perspektive der modernen Forschung entgegenzutreten: Nyenstede hinterließ mit dem `Handbuch` ein sehr interessantes Selbstzeugnis, in dem die chronikartige Erinnerung an das Erlebte zu einer bewusst persönlichen Eigenreflexion wird. Die autobiographische Dimension steht somit im Vordergrund dieser Darstellung vom eigenen Leben. Im Hinblick auf die Intention des Autors verdiente es dieses Werk, dass seine stark ausgeprägten Charakterzüge einer frühneuzeitlichen Autobiografie nicht unbeachtet bleiben.“ (Levans, a.a.O., S. 178)

Levans betrachtet den Text literaturwissenschaftlich, analysiert den Aufbau, die intertextuellen Bezüge zur Bibel und antiken Autoren, erörtert, zu welcher Gattung er gehört und aus welcher Absicht er geschrieben wurde. Nyenstede hatte ihn im Lübecker Exil erstellt, nach 1600, da lag die Zeit der Tumulte, die seine Erinnerungen beschäftigen, schon einige Jahre zurück. Das Stadtoberhaupt musste sich damals diplomatisch verhalten und mit den Polen eine Einigung erzielen. Die Rigenser durften weiterhin ihre Konfession praktizieren, sollten aber den gregorianischen Kalender akzeptieren. In der Bürgerschaft und im Rat entwickelte sich eine uneinsichtige Opposition, die sich weigerte, Weihnachten am neuen Datum zu feiern. Sie verwüstete die Jakobskirche, die den Katholiken übereignet worden war. Aufwiegler verfolgten und bedrängten die gemäßigten Ratsmitglieder und plünderten ihre Häuser. Nyenstede stellte sich der aufgebrachten Menge entgegen. Später errangen die Aufwiegler die Macht, ließen zwei von Nyenstedes Gesinnungsgefährten hinrichten. Er hatte versucht, sie zu retten, flüchtete erstmals für kurze Zeit aus der Stadt.

Die Lage beruhigte sich einstweilen, David Hilchen, ein humanistischer Rechtsgelehrter, Kosmopolit und Nyenstedes Schwiegersohn, gelang es 1591, sich mit den Polen vertraglich zu einigen. Doch der Stadtsyndicus, der städtische Justitiar, ließ sich auf „Realinjurien“ gegen seinen Amtskollegen Jacob Godemann ein, der ihn während seines Warschauer Aufenthalts vertreten hatte. Ein Prozess war die Folge, Hilchen erschien nicht vor Gericht, weil er fürchtete, hingerichtet zu werden. Sein Schwiegervater Nyenstede hatte für ihn gebürgt, der reiche Kaufmann verlor nun sein Eigentum, seine Ehre und ging ins Lübecker Exil. An dieser Stelle soll erwähnt werden, dass Hilchen von Deutschen als belesener Humanist gewürdigt wird (LP: hier), aber das machte ihn nicht zum Menschenfreund, wenn man den Ausführungen des lettischen Historikers Janis Stradins folgt. Als studierter Jurist kannte Hilchen das Römische Recht und wusste es gegen die lettischen Bauern einzusetzen. Stradins erläutert, welche Folgen Hilchens Rechtsgelehrsamkeit für die Letten hatte: „Rigas Humanist David Hilchen war einer der wichtigsten Kodifikatoren der Leibeigenschaft in Livland, der die alten römischen Rechte auf die livländische Gegenwart übertrug, juristisch die lettischen Bauern zu Sklaven machte. Gerade nach den zerstörerischen livländischen Kriegen, Epidemien, raubten die hiesigen Adeligen den Bauern die letzten Freiheitsrechte, welche noch ein Merkmal des livländischen Ordensstaats gewesen waren, die Höfe und das Land wurden überschrieben und jegliche Menschenrechte genommen. In dieser Epoche entstanden das Privilegium Sigismundi Augusti, der Hilchen-Kodex, das waren für Letten düstere Zeiten.“  (lza.lv)

Im Lübecker Exil griff Nyenstede dann zu Papier und Feder. Das war gewiss eine Selbsttherapie, um das Erlebte zu bewältigen, sich dabei mit anderen antiken und biblischen Schicksalen zu messen und zu trösten, wie eben jenem des Propheten Jonas. Doch liest man Levans Analyse, so hatte der geschasste Politiker mehr im Sinn. Der Vertriebene hatte nicht nur Macht und Besitz verloren, sondern auch seinen Stand, sein Ansehen in der entstehenden bürgerlichen Öffentlichkeit. Dass ihm sein Prestige wichtig war, zählt Levans an dessen Wohltaten auf. Nyenstede wollte sich als fürsorgendes Mitglied der Gesellschaft anerkannt wissen, er spendete und stiftete, sorgte dafür, dass seine Angehörigen in eigenen Häusern lebten, bezahlte ihre Schulden. Er spendete den Kirchen Kelche, kaufte sich Kapellen für die Familiengruft, war bemüht, der Nachwelt das Image des gemeinnützig Wohlschaffenden zu hinterlassen. Diesem Zweck diente offenbar auch seine Handschrift als Ausdruck eines Ichs, das sich vor der Öffentlichkeit rechtfertigen will und Anerkennung sucht. So kommt Levans zu diesem Fazit: „Das Schreiben einer Autobiographie dürfte er wohl auch im Sinne einer Stiftung der eigenen Memoria verstanden haben: Denn der Text kam all den Grabplatten gleich, die er für sich anfertigen und in mehreren Kirchen Rigas aufstellen ließ, um Zeichen seines ewigen Gedächtnisses zu setzen.“ Levans ist eine spannende und aufschlussreiche literaturwissenschaftliche Betrachtung über das Schicksal eines frühneuzeitlichen Politikers gelungen.

Andris Levans, „Behalt in gedechtnisse de geschichten der weltt“, Erzählerische Selbstdarstellung in den autoboigraphischen Aufzeichnungen von Franz Nyenstede (1540-1622), in: Raivis Biceveskis u.a.: Baltische-deutsche Kulturbeziehungen vom 16. bis 19. Jahrhundert, Medien – Institutionen – Akteure, Band 1, Zwischen Reformation und Aufklärung, Winter, Heidelberg 2017, S. 173-198

 

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