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Münster, 20.4.2018
Lettische Kunstausstellungen im April 2018 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 29. März 2018 um 00:00 Uhr

Rinkis, SaktaKunst überwindet Grenzen, geographisch und geistig

Während an Europas Grenzen Zäune und Polizisten den hiesigen Wohlstand vor den Habenichtsen "sichern", schaffen Kuratorinnen und Künstler neue Beziehungen zwischen Fremden und ebnen Wege zum bislang Unbekannten. Die Moskauer Ausstellung "Transatlantische Alternative" zeigt nicht nur künstlerische Gemeinsamkeiten zwischen Russland und seinen politisch skeptischen Nachbarn, sondern auch Ähnlichkeiten der kinetischen Kunstszene Osteuropas mit jener Südamerikas während der 50er bis 70er Jahre. Als Grenzgängerin erwies sich Livija Endzelina, die jenseits sozialistischer Kunstprinzipien einen eigenständigen Realismus gestaltete, der auch Metaphysisches und Surreales auf geheimnisvolle Weise einschloss. Geheimnisvoll und magisch, so erlebten die Keramikerinnen Sanita Abelite und Elina Titane vermutlich auch das Licht des Vollmonds während ihres Schaffens in der Festung Daugavpils. Hier die Zusammenfassung der PR-Texte lettischer Kunstmuseen für den Monat April.

Rinkis, "Sakta", Foto: LNMM

 

Lettische Kunstwerke in einer Moskauer Ausstellung: Transatlantische Alternative: Kinetische und optische Kunst in Osteuropa und Lateinamerika 1950 - 1970

Zeitgenössisches Kunstmuseum "Garage" in Moskau, bis zum 9. Mai 2018

In einer Zeit, in der Politiker die internationalen Krisen mit Propaganda und wechselseitigen Vorwürfen anheizen, sind gewisse Veranstaltungen schon deshalb zu würdigen, weil sie überhaupt stattfinden. Zu ihnen gehört gewiss die Ausstellung "Transatlantische Alternative" in Moskau, die u.a. Werke lettischer und estnischer Künstler präsentiert. In Zusammenarbeit mit dem Warschauer Museum für moderne Kunst zeigt das Kuratorenteam (Dieter Roelstraete (Belgien), Abigail Winograd (USA), Marta Dziewanska (Polen), Snezana Krastewa und Sascha Obuhowa (beide Russland)) über hundert Arbeiten kinetischer und optischer Kunst aus den 50er bis 70er Jahren. Zu sehen sind Skulpturen, Bilder, Zeichnungen, Filme, Installationen und umfangreiches Archivmaterial. Lettland ist mit Valdis Celms, Arturs Rinkis und Janis Krievs vertreten. Aus dem Bestand des Lettischen Nationalmuseums stammen ein kinetisches Modell Rinkis`, das er für das Hotel Latvija entwarf und Krievs` Paneel für den Rigaer Hauptbahnhof. Der PR-Text des Lettischen Nationalmuseums beschreibt schlechte Zeiten als künstlerisch produktive: "Obwohl sich die 70er Jahre als Stagnationszeit in der Geschichte des sowjetischen Lettlands erwiesen, waren sie doch eine recht produktive Epoche für die Entwicklung der dekorativen Kunst und des Designs hierzulande. Die Künstler leisteten beachtenswerte Beiträge zur Gestaltung der städtischen Umgebung, öffentlicher Institutionen und Räume, wendeten sich dabei nicht selten Lösungen kühnen und innovatorischen Charakters zu, welche auch mit geringem zeitlichen Abstand im breiteren Kontext der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts geschätzt werden. Ungeachtet dessen, dass die Blüte der kinetischen Kunst in Lettland annähernd zwei Jahrzehnte später als in Westeuropa erfolgte, gelang es unseren Meistern, eine eigene Handschrift zu entwickeln, welche es erlaubt, von der kinetischen Kunstschule Rigas zu sprechen. Die Designer verkörperten eigene Ideen in abstrakten, dreidimensionalen Kunstwerken, die durch poetischen Ausdruck, konzeptuelle Klarheit und Präzision bestimmt sind." Die Ausstellung appelliert an die Besucher, den Fokus zu verlagern, von der us-amerikanisch/ westeuropäischen Sicht auf die südamerikanisch/ osteuropäische, die Querbeziehungen zwischen Kunstzentren wie Budapest, Bukarest, Warschau, Zagreb, Moskau, Tallinn und Riga einerseits mit Buenos Aires, Caracas, Rio de Janeiro und Sao Paulo andererseits zu erfassen. "Faktoren politischer Ordnung und ökonomischer Hindernisse beeinflussten im beträchtlichen Maß die Entwicklung der kinetischen und optischen Kunst in diesen Regionen, was die Künstler dazu brachte, aktiv mit Formen und Räumen zu experimentieren, um andere Zugänge zu einer eigenen kreativen Praxis zu suchen als ihre Weggefährten im Westen." Die Ausstellung war bereits in Warschau zu sehen. Nach ihrer Präsentation in Moskau wird sie in Sao Paulo eröffnet werden.

Berzins

Janis Krievs, Aivars Berzins, Projektskizze zur Neugestaltung des Rigaer Hauptbahnhofs, 1979, Foto: LNMM

 


Livija Endzelina (1927–2008) Noslepums - Geheimnis

Nationales Kunstmuseum, Ausstellungssaal in der 4. Etage, Jana Rozentala laukums 1, Riga, vom 6.4. bis 22.6.2018

Endzelina (1927 - 2008) gehört zu den bekanntesten lettischen Malerinnen. Ihr gelang schon zur Zeit des sozialistischen Realismus` ein eigener künstlerischer Ausdruck, eine spezifisch subjektive Art realistischer Malerei. Kuratorin Daina Auzina vergleicht ihre Kunst mit der von Dichtern, ein zugleich widersprüchliches und quälendes Weltgefühl gestaltet sich dramatisch und spannungsgeladen. Die Malerin kreierte u.a. Stillleben, die Auzina als besondere Exemplare lettischer Kunstgeschichte ansieht: "Eine ihrer umfangreichsten Gruppen bilden Stillleben traditioneller Richtung, in welchen die Künstlerin eine bestimmte Anordnung der Gegenstände wählend, ihre ästhetischen und ethischen Vorstellungen über die Welt der Dinge offenbart. In den Kompositionen aus Naturgaben und alltäglichen Gegenständen finden sich nicht selten Betrachtungen über lyrische, dem alltäglichen Leben nahe, symbolische Themen. Livija Endzelinas Bilder `Bohnen`, `Landbrot`, `Honig` und `Mutters Bluse` gehören zum Kanon des Stillleben-Genres in der lettischen Kunstgeschichte." Ebenso bedeutend sind die metaphysisch und surrealistisch inspirierten Arbeiten. In ihnen bildet sie alte Buchfolianten, Briefbündel, stehengebliebene Uhren, ausgestopfte Vögel, Mörser, Glaslinsen usw. ab. Es entsteht ein verdichteter Raum mit steriler, leidenschaftsloser Atmosphäre, die überhaupt in Endzelinas Werken vorherrscht. Zugleich sind sie mit einer nur intuitiv spürbaren, äußerlich nicht sichtbaren Spannung gestaltet, Auzina: "Die Auswahl des Gegenständlichen und die Anordnung unerwarteter bildlich-assoziativer Zusammenhänge schaffen das Geheimnisvolle."

Endzelina

Endzelina, Stillleben mit Kinderzeichnung, 1976, Foto: LNMM

Keramik - Sanita Abelite und Elina Titane

Mark-Rothko-Kunstzentrum in Daugavpils, bis 8.4.2018

Die Künstlerinnen beschreiben ihre Keramik-Ausstellung als "Vollmond". Denn dieser schien fortwährend, als die beiden an ihren Skulpturen in der historischen Festung Daugavpils arbeiteten, in die das Kunstzentrum integriert ist. Als die Künstlerinnen später nach Daugavpils zurückkehrten, begrüßte sie der Mond in seiner vollen Pracht erneut. Die Kunstwerke wurden bei der Ausstellungseröffnung von seinem fahlen Licht erhellt. Titane wurde 1978 in Riga geboren. Sie studierte an der Keramik-Abteilung der Lettischen Kunstakademie, bestückte 10 Soloausstellungen und beteiligte sich an internationalen Kunstsymposien, u.a. in Deutschland. Abelite ist gleichaltrig und wurde in Kuldiga geboren und war an der Lettischen Kunstakademie Titanes Kommilitonin. Auch sie hatte mehrere Soloausstellungen und beteiligte sich ebenfalls an internationalen Symposien.

 

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