logo
Münster, 14.11.2018
Zum Leben und Werk von Carl Gustav Jochmann, Teil 1: Zur Biographie PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 10. Mai 2018 um 00:00 Uhr

Ein Fremder in einer vom Wahn bestimmten Welt

Kreuzgang am Rigaer DomAm 10. Mai 1833 wurde Carl Gustav Jochmann laut Sterberegister der Sankt Wenzels-Kirche vom Vorstädtischen1 auf den Städtischen Gottesacker Naumburgs umgebettet. Drei Jahre zuvor, Anfang Juni 1830, war der gebürtige Deutschbalte ins anhaltinische Köthen unterwegs gewesen. Dort lebte Samuel Hahnemann. Der Begründer der Homöopathie war seine letzte Hoffnung. Doch wegen Fiebers und Lungenblutens musste Jochmann seine Fahrt an der Saale unterbrechen. Völlig erschöpft erreichte er das Gasthaus "Preußischer Hof" in Naumburg. Johann Ernst Stapf, ein Anhänger Hahnemanns, übernahm die ärztliche Behandlung. Stapfs Bemühungen blieben vergeblich, Jochmann starb am 24. Juli 1830 an Lungenschwindsucht. Wer war dieser rastlose und weitgehend unbekannte Reisende? Es handelte sich um "einen der größten revolutionären Schriftsteller Deutschlands", meinte der Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin, zitiert von Ulrich Kronauer, der wiederum hinzufügt: "Nach dem Tod Jochmanns [...] war sein Herz zunächst in einer Porzellanvase nach Riga geschickt worden, um im Garten eines Freundes, des Kaufmanns Conrad Heinrich von Sengbusch, beigesetzt zu werden." Inzwischen ist die restaurierte Herz-Urne im Kreuzgang des Rigaer Doms zu sehen2 . Laut Kronauer wird die Reliquie ignoriert: "Die meisten Besucher der Domkirche gehen achtlos vorüber, kaum jemand weiß, um wen es sich handelt."3 Das Datum einer Umbettung vor 185 Jahren entstammt zwar keiner Weltchronik, doch es ist Anlass genug, um herauszufinden, weshalb einer "der größten revolutionären Schriftsteller" weitgehend unbekannt geblieben ist.

Kreuzgang am Rigaer Dom, wo die rerstaurierte Urne mit der Aufschrift ""Cor Jochmanni" zu finden ist, Foto: Domus Rigensis

 

Erfolgreicher, aber gesundheitlich angeschlagener Rechtsanwalt4

Jochmann wurde im Revolutionsjahr 1789 geboren, in soliden Verhältnissen, als Sohn eines Stadtsekretärs in Pernau (heute Estland). Ihm wurde das Privileg zuteil, mit Bildung aufzusteigen: Als Elfjähriger kam er nach Riga, um an der Domschule die Hochschulreife zu erwerben. Ab 1805 studierte er Jurisprudenz in Leipzig, Heidelberg und Göttingen. Die napoleonischen Kriege stürzten derweil Europa ins Elend. Jochmann wurde zeitweise Söldner in einem französischen Regiment, weil er Polen von der russischen Herrschaft befreien wollte. Aber das Militärische ernüchterte ihn offenbar, er verschwieg später seine Kriegsbeteiligung und er notierte: "Was wir soldatischen Mut nennen, ist allen Tieren gegeneinander gemein und Eigenschaft des schlechtesten Kerls, der seine Kraft fühlt. Aber der moralische Mut, der Geistesmut, ist desto größere Seltenheit."5

Nach dem Examen und einer Reise in die Helvetische Republik lässt er sich als Advokat in Riga nieder. Er befreundet sich u.a. mit dem Kaufmann Conrad Heinrich von Sengbusch, dem Kunstfreund Friedrich Wilhelm Brederlo und dem bekannten Aufklärer und Lettenfreund Garlieb Merkel. Wohl nicht nur juristischer Geschäfte halber verkehrte er mit Mitgliedern der "Englischen Faktorei", einer Kolonie englischer Kaufleute in Riga. Er vertrat ihre Rechtsangelegenheiten beim Stadtrat und am zaristischen Hof. In seinen Schriften wird Jochmann die Angelsachsen, Großbritannien und die USA, rühmen, jene Länder, wo die Standesgrenzen durchlässiger und die Gesinnungen freiheitlicher waren als in den noch feudal geprägten deutschsprachigen Gebieten.

In dieser Zeit bedrohten Napoleons Feldzüge auch Riga: Da preußische Truppen im Dienste der Franzosen von Kurland aus anmarschierten, befahl der russische Kriegsgouverneur am 12. Juli 1812, die ungeschützten Vorstädte Rigas niederzubrennen. Jochmann floh damals nach England und studierte bis zur endgültigen Niederlage des selbst ernannten französischen Kaisers in London, Oxford und Edinburgh das Staats- und Justizwesen des Königreichs. Um die Jahreswende 1814/ 1815 kehrte er nach Riga zurück und arbeitete wieder als Advokat. Der Wunsch, mit der Juristerei ein Vermögen zu erwerben, um später eine unabhängige Existenz in der Ferne zu führen, erfüllte sich zwar, ruinierte ihm aber die Gesundheit. Mit dem angesparten Geld, das er in Pfandbriefen des "Livländischen Creditsystems" anlegte, wird er später seine Reisen ebenso finanzieren wie seine Kuraufenthalte und Arztbesuche.

 

 

Vom Advokaten zum Schriftsteller

1819 verabschiedete sich Jochmann von seinem Freund Garlieb Merkel mit dem Versprechen, nach zwei Jahren wieder nach Riga zurückzukommen. Tatsächlich wird er die baltische Metropole nie wiedersehen. Fortan bezog der Fernsüchtige auf Kutschachsen Quartier. Er bereiste die deutschen, französischen und schweizerischen Metropolen, um sich mit fortschrittlichen Geistern auszutauschen. In Paris diskutierte er mit Gustav Graf von Schlabrendorf und studierte mit seiner Hilfe die französische Revolutionsgeschichte. Im schweizerischen Aarau lernte er den Literaten Heinrich Zschokke kennen, der ihn zu Veröffentlichungen ermutigte.

Der Advokat verwandelte sich in einen politischen Schrifsteller, schrieb Essays, Glossen und Briefe. Der Heidelberger Verleger Carl Friedrich Winter veröffentlichte seine Bücher, darunter 1828 das Hauptwerk "Über die Sprache". Es wurde wie seine anderen Texte anonym veröffentlicht. Wer politische Aufklärung betrieb, musste die Zensoren und Verfolger des Deutschen Bundes fürchten. Im Jahr 1819, als sich Jochmann von Riga aus nach Berlin aufgemacht hatte, nutzte der Habsburger Minister Klemens von Metternich das Attentat auf den Diplomaten und Schriftsteller August von Kotzebue (LP: hier), um die Karlsbader Beschlüsse in den deutschsprachigen Fürstentümern durchzusetzen. Fortan mussten sich Freidenker und Aufklärer wie Jochmann in acht nehmen.

Der bürgerliche Spätaufklärer sah, dass die Vernunft nicht zwangsläufig Sieger der Geschichte sein würde. Er lebte in der rückwärts gewandten Zeit des Biedermeiers und der Restauration. Der gesellschaftliche Rückschritt, der Mangel an liberaler Öffentlichkeit und Pressefreiheit, die Willkürherrschaft der Monarchen über unmündige Untertanen, der Rückzug der Biederen ins unpolitisch Private isolierten ihn. Kronauer zitiert den resignierten 38jährigen, drei Jahre vor seinem Tod: "Ich fühle mich ein Fremdling in dieser Welt, der gar nicht in sie hinein gehört." Fremd blieb er auf der Welt einerseits wegen des Mangels an intimen Beziehungen, sämtliche Liebschaften scheiterten.

Andererseits befremdete ihn auch die selbst verschuldete oder erzwungene Unmündigkeit seiner Zeitgenossen. Kronauer erläutert die Umstände dieser Einsamkeit: "Jochmanns Gefühl der Fremdheit erklärt sich daraus, daß er glaubt, in einer vom Wahn bestimmten Welt zu leben. Es gebricht den Menschen an Rationalität, an Nüchternheit, am Sinn für das Angemessene und der Gesellschaft Dienliche. Es fehlt an Kommunikation, an einer intakten Öffentlichkeit, an einem fruchtbaren Austausch von Kenntnissen, an der gemeinsamen Klärung und Erarbeitung dessen, was den Menschen und der Gesellschaft wahrhaft nützt."6 Dagegen rebelliert der Außenseiter publizistisch: "Jochmann kann sich mit der Gesellschaft, in der er lebt, nicht abfinden. Er muß gegen sie anschreiben."7 Die Anonymität und die geistige Isolation waren also Gründe, weshalb einer der für Benjamin größten revolutionären Schrifsteller in Vergessenheit geriet. Trotz der Verzagtheit über die menschliche Dummheit machte er sich und den Lesern Mut:

"Nicht unverzagt! Man muß eine an sich gute und wahre Idee nicht sogleich für verloren halten, weil die gegenwärtige Zeit sie nicht aufnehmen will; oder sie nicht sogleich in das Traumland der frommen Wünsche schicken, weil Vorurteil und herkömmlicher Schlendrian ihr im Lande keinen Platz zum Gedeihen gönnen. Ein Gedanke wächst langsamer durch das Dickicht herrschender Meinungen empor als die Eiche und braucht mehr als ein Jahrhundert, um das Unkraut unter sich zu vertilgen und seine Wohltaten zu spenden."8

Welche Gedanken Jochmann hatte und ob diese heute noch erwägenswert sind, davon handelt der zweite Teil über die "Politischen Glossen" des Vergessenen in einer Woche.

 

Quellenhinweise:

1Carl Gustav Jochmann, Die unzeitige Wahrheit, Aphorismen und Glossen, Gustav Kiepenheuer, Leipzig, Weimar 1990, S. 274

2http://lettische-presseschau.de/kultur/5-kulturnachschlag/902-24-domus-rigensis-tage-carl-gustav-jochmanns-herz-im-kreuzgang-des-rigaer-doms-bestattet

3Ulrich Kronauer, Pernau - Riga - Heidelberg. Stationen im Leben des Juristen und kulturphilosophischen Schriftstellers Carl Gustav Jochmann (1789 - 1830), in: Ders., Thomas Taterka (Hgg.): Baltisch-europäische Rechtsgeschichte und Lexographie, Universitätsverlag Winter, Heidelberg xxxx, S. 233

4Die biographischen Daten sind der Lebenschronik der Sammlung "Die unzeitige Wahrheit" entnommen, vgl. Anm. 1, S. 253 - 275

5Jochmann (1990), S. 176 f.

6Ulrich Kronauer, Einsamkeit und Sprache, Zu Leben und Werk Carl Gustav Jochmanns, in: Carl Gustav Jochmann, Über die Sprache, Herausgegeben von Peter König, Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1998, S. XII.

7ebd. S. XIII

 

(C)2006-2011 Lettische Presseschau Impressum || Kontakt ||