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Münster, 27.5.2018
Zum Leben und Werk von Carl Gustav Jochmann, Teil 2: Politische Glossen PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 17. Mai 2018 um 00:00 Uhr

Karikatur Denkerclub

"Der endgültige Verzicht auf die Suche nach der wahrhaft menschlichen Gesellschaft bedeutet tödlichen Stillstand." (Ulrich Kronauer)

Ausgerechnet 1819, im Jahr der Karlsbader Beschlüsse, beendete Jochmann seine Tätigkeit als Advokat in Riga, reiste fortan durch Deutschland, Frankreich und die Schweiz, traf aufgeklärte Geister, die ihn anregten, selber Texte zu veröffentlichen. Doch in der Zeit der Restauration fürchteten die Fürsten das freie Wort, übten Zensur und verfolgten die Anhänger der liberalen Bewegung. Jochmann ließ seine Bücher anonym drucken, sie waren ein Protest gegen Standes- und Zunftprivilegien, gegen die willkürlich herrschenden Fürsten, die ihr Volk unmündig wünschten, damit es die herrschende Ordnung nicht in Frage stellte. Gegen die Willkür, mit der sich wenige auf Kosten vieler bereicherten, setzte der Aufklärer die Vernunft, sie entsprach der natürlichen und göttlichen Ordnung. Mit ihr würden sich die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Besseren und Humaneren entwickeln. Doch Jochmann musste in seiner Zeit feststellen, dass diese Entwicklung nicht zwangsläufig erfolgte. Die selbstverschuldete und erzwungene Unmündigkeit des Menschen, der Egoismus der Herrschenden, die von der Unaufgeklärtheit ihrer Untertanen profitierten, starre Standes- und Zunftgrenzen und die Gewohnheit, an überkommene Traditionen und Aberglauben festzuhalten, fehlende Pressefreiheit - das alles bewirkte Stillstand, sogar Rückschritt in frühere Zustände. Jochmann fühlte sich als Fremder unter seinen Zeitgenossen, die ihm wie Automaten vorkamen, vom Wahnsinn betrieben: "Den Wirrwarr aufs höchste zu steigern, sind die meisten Sterblichen: Automaten, vom Wahnsinn in Handlung gesetzt und bewegt. Diesen Wahn und irren Sinn erzeugen nicht bloß Nervenzerrüttung oder Leidenschaften der Liebe, des Hochmutes, des Geizes, sondern Erziehung, Schulunterricht, Schicksal und die ganze Ideen-Erbschaft aus der Vorwelt, die jeder wieder der Nachwelt zuschleppt."1 Jochmann, für den die Bildung höchstes Gut war, kritisierte auch die Schulmeister, wenn sie das Falsche, nämlich die Ideen aus der unaufgeklärten Vorwelt lehrten. Oberstes Maß war die Vernunft, die göttliche Weltordnung, die nicht zuletzt zu dem, was Kirchenvertreter predigten, im Widerspruch stand. Acht Jahre nach Jochmanns Tod veröffentlichte Heinrich Zschokke unter dem Titel "Reliquien" größtenteils unveröffentlichte Essays, Aphorismen und Glossen des Freundes. Im zweiten Band der Nachlasssammlung befindet sich ein Kapitel "Politische Glossen"2. Das sind 75 einzelne kurze Texte, die die gesellschaftspolitischen Zustände kommentieren und kritisieren.

"Der Denkerclub", Karikatur zu den Karlsbader Beschlüssen im Jahr 1919, Foto: Gemeinfrei, Link

 

"Weltbürger und Weltbürgertum gehört unter Christen noch zu den Schimpfworten"

Die Glossen haben Überschriften zu allgemein Menschlichem wie "Das Rätsel", "Das Glück", "Gefühl und Verstand" oder "Menschenliebe"; andere thematisieren historische Situationen: "Revolution und Restauration", "Die Gesellschaft im Staatszwinger" oder "Mehltau". Im Gegensatz dazu stehen die nicht eingelösten Möglichkeiten der Vernunft: "Verfassungen", "Treue an der Wahrheit" und "Die Menschenliebe", letztere ist ein ebenso christliches wie vernünftiges Gebot. Jenen Verteidigern des christlichen Abendlandes, die vermeinen, Nächstenliebe beziehe sich nur auf den Nächsten, nicht auf den Fernsten, und schließe nur die eigene Familie und die eigene Nation ein, denen hält Jochmann entgegen, den eigenen Gott nicht zu verstehen und dessen Botschaft zu missachten. In der folgenden Aufzählung müsste man nur noch das Wort "Moslem" einfügen, um es auf die heutigen nationalkonservativen Verhältnisse in Europa anzuwenden: "Die wenigsten Christen verstehen Christum. Die Menschenliebe wird zu einer Vorliebe der Standes-, Glaubens-, und Landesgenossen gemacht. `Er ist nur ein Fremder, ein Neger, ein Jude, ein Ketzer, ein gemeiner Bauer, ein Laie` usw. heißt`s: Ich mag nichts mit ihm zu schaffen haben; er ist meines Umgangs nicht würdig; so weit geht meine Menschenliebe nicht. - Also ist sie nur auf religiöse oder politische Innungen beschränkt; als wenn nur in einem besonderen Stand, in einer besonderen Kirche, in einer gewissen Meinungspartei und sonst nirgends eigentliche Menschen lebten; als wenn nicht Gottes Welt das allgemeine Vaterland der Sterblichen, sondern das Vaterland die ganze Gotteswelt wäre. Weltbürger und Weltbürgertum gehört unter Christen noch zu den Schimpfworten."3

 

 

Freie Bewegung statt Stillstand

Hier zeigt sich ein radikaler Gleichheitsanspruch, der keine Privilegien für bestimmte Gruppen akzeptiert. Das Teilen und Herrschen bewirkt gespaltene Gesellschaften mit Bevorzugten und Benachteiligten. Jochmann identifiziert im Gefolge der französischen Revolution den Bürger mit dem dritten Stand, der das Volk ist. Ihm stehen der Monarch, Adel und Klerus gegenüber. Der Staat ist zum Wohl der Herrschenden eingerichtet. Bürger zahlen Abgaben und Steuern, um den Wohlstand der Aristokratie zu mehren. Wie der erste Nationalökonom Adam Smith kritisiert Jochmann den spätfeudalen Staat, der den Interessen der Privilegierten dient und dessen positives Recht das Volk bevormundet und unterdrückt. Die historische Entwicklung ist vom Widerstreit geprägt zwischen dem Stillstand, der den Mächtigen die Macht sichert, und dem Fortschritt, der Emanzipation von willkürlicher Herrschaft bedeutet; Bewegung, Vermischung und Offenheit sind nötig: "Es muß freie Bewegung, freie Mischung, Wechsel und Veränderung im Leben, im Umgang, in der Umgebung, im ganzen Staat sein, wenn ein Volk gedeihen soll. Der Mensch versauert, wenn er immer und ewig das Gleiche sieht, hat, tut und dem kein Ende weiß. Er wird Gewohnheitstier. Wie der einzelne Mensch so ein Volk, in seine unabänderlichen Klassen-, Stände-, Rang- und Geschäfts-Abteilungen in seinem Innern voneinander abgesperrt. Der Mensch, wie ein Volk, in immer neuen Umgebungen, neuen Aussichten, neuen Berührungen, wird auch täglich ein neuer, ein geistig erregterer, ein tauglicherer Mensch." Zur freien Bewegung gehören ökonomisch und sozial die Abschaffung der Stände, die Überwindung des Agrarstaats, die Förderung des Freihandels und die Industrialisierung. Für Jochmann bedeuten Industriestaaten eine höhere Stufe der Zivilisation, darin hätte ihm Karl Marx nicht widersprochen. Jochmann hält Arbeiter für gebildeter und sittlicher als Bauern, auch die medizinische Versorgung sei in Industriestaaten besser: "Überall, wo Gewerbefleiß und Handel zu Hause waren, war auch die Freiheit zu Hause, und unter Hirten und Ackersleuten der Despotismus, Aristokratie und Priesterherrschaft. Man vergleiche doch nur, um sich davon zu überzeugen, die Geschichte Hollands, Englands, der Vereinigten Staaten mit der Geschichte Polens, der Schweiz, Spaniens usw."4 Doch der Befürworter der Frühindustrialisierung und des Handels ist kein früher Ideologe des Kapitalismus. Er sagt das Dilemma der Maschinisierung voraus, deutet an, was Marx ausführen wird: "das Maschinenwesen. Die Erwerbungsart durch dasselbe verbreitet den Genuß, welcher sonst nur einzelnen zustatten kam, über alle Familien der Nation und wird zur Quelle einer überschwenglichen Produktion des Reichtums. Damit aber dieser nicht durch seine immer ungleichere Verteilung des Unglücks der Mehrzahl werde, wird abermalige Umgestaltung der gesellschaftlichen Formen naturnotwendig. Ihre Auffindung ist die Aufgabe der Zeit. Das menschliche Geschlecht ist emanzipiert, sobald die Maschinen den Sklavendienst tun und man gelernt hat, die Kräfte der Natur zu beherrschen."5

 

 

Die widersprüchliche zweifache Weltordnung

Wäre der Mensch ein reines Vernunftwesen, dass die göttliche Weltordnung anstrebt, dann garantierten Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (oder sollte es Geschwisterlichkeit heißen?) längst den Weltfrieden. Doch die Vernunft ringt mit ihren Gegnern, den Leidenschaften, den abgegoltenen Gesetzen und Regeln und den Ideologien, die Macht und Privilegien der Wenigen zu sichern trachten. So entsteht eine zweifache Weltordnung, die vernünftig-göttliche und die menschlich-verdorbene, letztere ist durch Herrschsucht geprägt: Die Glosse 27 zur "Landesvormundschaft" ist die längste der politischen. Sie beschreibt, wie die Landesväter ihre Landeskinder um den Verstand bringen und sie am Fortschritt hindern, denn dieser bedeutete Emanzipation von überkommener Herrschaft. In der zweifachen Weltordnung widersprechen sich die Werte, was in der einen gut ist, gilt dort als böse, was dort seinen Lohn erhält, wird in der anderen bestraft. Die Umkehrung der Werte erinnert an die Gesinnung des Homo Oeconomicus`, den die Wirtschaftswissenschaftler zum Maßstab rationalen Handelns erklärten: Der Egoismus tut allen gut, wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Dieser unvernünftige Rationalismus wird heutzutage durch die weit verbreitete neoklassische Wirtschaftslehre propagiert. Jochmann formulierte es so: "Dem Eigennutz heißt gut, was ihm dient; auch das Laster mag ihm dienen und für gut gelten. Was in der göttlichen Ordnung der Dinge gleichgültig oder gar verdienstvoll ist, wird in der menschlichen oft mit Strafen verfolgt; was in jener sündig und schändlich ist, wird in dieser durch Belohnungen oft zum Verdienst erhoben." Freilich denkt Bürger Jochmann an die Laster der Monarchen, Adeligen und deren Lakaien, dass die verdorbene menschliche Ordnung sich auch vortrefflich mit dem bürgerlichen Gewerbefleiß vereinen lässt, liegt noch außerhalb seiner Vorstellungskraft. Der Gewerbefleiß ist für ihn Teil der göttlichen Ordnung, der in der Welt menschlich verwirrter Werte ebenfalls zuschanden geht: "Der natürliche Gewerbfleiß, wenn ihn unsere merkantilistisch-politische Afterweisheit ihrem Interesse für schädlich hält, wird zum Verbrechen; der Verrat, wenn ihn der Argwohn heiligt und belohnt, zur Tugend. Man billigt gesetzlich frommen Betrug und verbietet ewige Wahrheiten auszusprechen. In der göttlichen Ordnung ist die Vernunft das Höchste des Sterblichen, durch sie scheidet er sich vom Tier; in der Kirche und im Staat steht sie häufig als das Gefährlichste da."6 Die Umkehrung der Werte, der Austausch des Naturrechts durch ein positives Recht, diese menschliche Verderbnis festigt die Macht der Fürsten und Staatsmänner und zwingt die Untertanen in ein ohnmächtiges Dasein. Bildung könnte sie emanzipieren, die Untertanen in Staatsbürger verwandeln. Es ist selbstverständlich, dass Landesvormünder kein gebildetes, also mündiges Volk wünschen. Das "Unglück" entsteht, wenn die Elite die Beherrschten unterschätzt, die das Machtgefüge der Ungleichheit und Ungerechtigkeit längst durchschauen: "Öffnet den Untertanen nur Schulen und gebt ihnen zu ihren Kenntnissen freie Hände: so werden sie sich am besten zu helfen wissen. Das größte Unglück aber ist, wenn die Untertanen mehr verstehen als ihre Landesvormünder und diese sich dennoch, wie gewöhnlich, einbilden, alle Weisheit inne zu haben, weil Gott ihnen das Amt gab."

 

 

Die Wasserprediger im Dienst der Macht

Doch Jochmann wusste, dass nicht jeder Unterricht emanzipiert. Nicht nur die "ganze Ideen-Erbschaft aus der [unaufgeklärten] Vorwelt" verwirrt die Gemüter, der Skeptiker erkannte scharfsichtig die Ideologien, die Vorwände, mit denen Eliten sich selbst den Wein einschenken und den Massen das Wasser predigen. Wissenschaftler stellen sich in den Dienst der Macht, missbrauchen die Vernunft und entwickeln Irrlehren. Einer von ihnen war der Ökonom Robert Malthus, der vor Überbevölkerung warnte, es lohnt, an dieser Stelle Jochmanns Kritik ausführlich zu zitieren: "Dann schreien sie über die traurigen Wirkungen der Überbevölkerung. Und welche Mittel empfehlen sie? Sie predigen, man müsse der Ehelustigkeit wehren. Malthus meint, das verzehrende Feuer der Sinnlichkeit mit guten Lehren besprechen und bannen zu können. Und seine gläubigen Jünger seh` ich auf den Bänken der Gesetzgeber, wo sie zierliche Reden halten, um sich applaudieren zu lassen. Und wem empfehlen sie diese Enthaltsamkeit, zu deren Höhe der Fanatismus selbst sich zu oft nur um den Preis des Wahnsinns hinaufzukämpfen vermochte? - Dem gemeinen Mann, der Menge des dürftigen Volkes, die oft ein Drittel der Landesbewohner ausmacht; jener Menge, der zwischen dem unentbehrlichsten Lebensbedarf und der erschöpfenden Anstrengung um Erwerb von Mitteln, ihn zu befriedigen, selten einen Augenblick zum Nachdenken übrigbleibt. Diese Menge soll raisonnieren wie Malthus und leben wie der heilige Pachomius. Sie soll es, gebieten die Herren; sie soll sich von den wahren Grundsätzen der politischen Ökonomie durchdrungen fühlen; sie soll in vernünftiger Berücksichtigung des Zweckes einer gutgeordneten Landeshaushaltung und im ehrerbietigen Schweigen vor dem kategorischen Imperativ der Pflicht den eitlen Schrei der Begier überhören; den Freuden des ehelichen Lebens und der Vater- und Mutterschaft entsagen, zu welchen die Natur sie ruft; dem einzigen Genusse entsagen, von welchem sie keine direkten oder indirekten Steuern zahlen muß, während dem privilegierten, begünstigten Mitgliede der Gesellschaft, trotz allem Aufwande von Erziehung und Unterricht, sein sybaritischer Luxus nicht übel behagt und seine Ausschweifungen selbst als liebenswürdige Schwächen erscheinen."7

 

Die Kraft zu gesellschaftspolitischen Änderungen ist wieder abhanden gekommen

Viele Phänomene, die Jochmann am monarchistischen Staat kritisierte, haben sich unter veränderten Umständen im bürgerlichen Staat bewahrt. Ideologien stiften weiterhin Verwirrung, neue Eliten beanspruchen die Macht, das Aufklärungsprojekt Emanzipation bleibt unvollendet, ist überhaupt gefährdet. Ob Jochmann die heutige Kapital- und Machtkonzentration ähnlich kritisiert hätte wie zu seiner Zeit die Fürstenherrschaft? Gewiss, die Verhältnisse haben sich geändert, die Maschinen haben im Westen einen Wohlstand erzeugt, der im frühen 19. Jahrhundert noch nicht vorstellbar gewesen wäre. Doch die Spaltung in Bevorzugte und Benachteiligte, in Mächtige und Ohnmächtige, ist geblieben. Jochmanns Texte schärfen den Sinn, um die Irrlehren zu durchschauen, mit denen die Herrschenden samt ihrer wissenschaftlichen und journalistischen Helfer die Massen zu verwirren trachten. Ulrich Kronauer zweifelt daran, ob Jochmann das heutige Staats- und Gesellschaftswesen, mag es sich selbst als Demokratie bezeichnen, als "wahrhaft menschliche[...] Gesellschaft" anerkannt hätte. Der Reichtum ist ungleicher verteilt denn je, Geheimdienste, Behörden und Konzerne sind nicht transparent, der Konsument labt sich lieber an den süßen Früchten der Kulturindustrie, statt sich mühselig zu emanzipieren und die Verhältnisse zu hinterfragen. Kronauer folgert, dass Jochmann auch heutzutage ein Fremder wäre: "Auch wenn wir heute, wie dies schon Jochmann hätte tun können, enttäuschte Hoffnungen oder verlorene Illusionen als Grund dafür anführen mögen, daß uns die Kraft zur gesellschaftspolitischen Vision abhanden gekommen ist: Der endgültige Verzicht auf die Suche nach der wahrhaft menschlichen Gesellschaft bedeutet tödlichen Stillstand. Das hat Jochmann in aller Schärfe gesehen."8

 

Quellenhinweise:

1Carl Gustav Jochmann, Die unzeitige Wahrheit, Aphorismen und Glossen, Gustav Kiepenheuer, Leipzig, Weimar 1990, S. 109

2ebd. S. 278

3ebd. S. 112f.

4ebd. S. 117

5ebd. S. 146

6ebd., S. 144

7ebd. S. 164f.

8Ulrich Kronauer, Einsamkeit und Sprache, Zu Leben und Werk Carl Gustav Jochmanns, in: Carl Gustav Jochmann, Über die Sprache, Herausgegeben von Peter König, Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1998, S. XXf.

 

Erster Teil:

Zum Leben und Werk von Carl Gustav Jochmann, Teil 1: Zur Biographie

 

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