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Münster, 23.10.2018
Letten gedenken des 14. Juni 1941 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 14. Juni 2018 um 15:50 Uhr

Bis heute lettisch-russischer Streit um die Deutung des "kommunistischen Genozids"

Karte 1940"Es sind irgendwelche Ängste, die mich nicht verließen, selbst als ich nach Lettland zurückkam. Furcht vor dem Blitz. In Sibirien waren die Blitze sehr groß und es war schrecklich, wenn wir in solch einer Zeit draußen auf der Weide waren mit allen 200 Kühen, die meine Schwester und ich hüteten. Außerdem mag ich keine Züge, sie erinnern mich an die Viehwaggons, mit denen wir transportiert wurden. Zudem fürchte ich mich vor großen Menschenmassen..." Diese Zeilen schrieb die Schülerin Luize Burmistrova aus Bauska. Die Erinnerungen von Inta Dzelzskaleja, die 45 Jahre als Bibliothekarin in Luizes Gymnasium tätig war, hatten sie dazu inspiriert. Die sowjetischen Besatzer deportierten Dzelzskaleja einst nach Sibirien. Luizes Sätze zeigen, dass sie sich in ihr Schicksal einfühlen konnte. Das Zitat stammt aus einem Text, mit dem sich die Siebtklässlerin an einem Schreib-Wettbewerb zum 77. Jahrestag der Massendeportation vom 14. Juni 1941 beteiligt hat. Die Journalistin Elita Veidmane entdeckte es und veröffentlichte den kurzen Abschnitt (nra.lv). Die Erinnerungen an die Schrecken der sowjetischen Okkupationszeit sind lebendig. Die seelischen Wunden werden vom uneinsichtigen großen Nachbarn Russland geschürt, wo viele die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts für die mittelosteuropäischen Länder bis heute verharmlosen.
Die Aufteilung Mittelosteuropas zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion 1940, Foto: The original uploader was Mosedschurte at angļu Vikipēdija. - Transferred from en.wikipedia to Commons by Trần Nguyễn Minh Huy., CC BY-SA 3.0, Saite
An den Orten des Abtransports, an den Bahnhöfen von Tornakalns und Skirotava, gedachten Letten der Opfer. Ein Umzug, der am Okkupationsmuseum begann und durch die Rigaer Altstadt zum Nationaldenkmal führte, hatte über 1000 Teilnehmer. Er endete mit Kranzniederlegungen.
Überlebende und Nachfahren erinnern an den Höhepunkt des ersten "baigais gads", des "grausamen Jahres" bolschewistischer Okkupation, bevor die deutsche Wehrmacht eindrang und die Deutschen das Gewaltregime nach eigenen Prinzipien fortsetzten. Ziel der sowjetischen Eroberer war es, die Repräsentanten einer unabhängigen lettischen Staatsmacht loszuwerden: Militärs, Intellektuelle, Beamte oder jene, die das Regime für Oppositionelle hielt.
In der Nacht vom 13. auf den 14. Juni drangen Tschekisten in die Häuser und führten die aufgeschreckten Bewohner zu den Bahnhöfen. Auch die Familienangehörigen wurden zu den Viehwaggons gebracht, allerdings von den Ehemännern getrennt. Frauen und Kinder fanden sich in den sibirischen Weiten wieder, in Regionen wie Krasnojarsk oder Nowosibirsk, um in einer fernen Siedlung in der Land- oder Forstwirtschaft zu arbeiten. Den antisowjetischer Umtriebe verdächtigten Ehemännern erging es noch schlimmer: Sie mussten in Zwangsarbeitslagern um ihr Überleben kämpfen oder kamen ins Gefängnis, 700 wurden erschossen. 43 Menschen waren bereits auf der Zugfahrt gestorben.
Am 14. Juni 1941 ereilte 15.242 Einwohnern der Deportationsbefehl, unter ihnen 81 Prozent Letten, 11 Prozent Juden und 5 Prozent Russen. Ein Drittel der Lagerinsassen sah Lettland nie wieder (lsm.lv). Nach der sowjetischen Rückeroberung Lettlands im Jahr 1944 sollten weitere Aktionen dieser Art folgen.
Die sowjetische Vergangenheit bestimmt die lettische Erinnerungskultur. Zahlreiche Gedenktage sind dem "kommunistischen Genozid" gewidmet. Vor zwei Wochen wurde den UNESCO-Mitarbeitern im Schloss Rundale eine besondere Buchausgabe präsentiert: Die Sammlung „Sibirija tapusas vestules uz berza tass” (In Sibirien entstandene Briefe auf Birkenrinde) bildet 45 Briefe von Deportierten ab, die sie wegen Papiermangels auf diesem sperrigen Material schreiben mussten.
Diese Briefe sind Bestandteil von Museumskollektionen, unter anderem aus dem Tukumer Heimatmuseum. Deren Leiterin Agrita Ozola beschreibt die überlieferten Denkwürdigkeiten: "Es gibt Briefe, die in Sibirien geschrieben und zwischen den Lagern verschickt wurden, in einem Lager befand sich meistens der Mann und im anderen seine Ehefrau. Dann gibt es Briefe, die in Sibirien geschrieben wurden und nach Lettland oder ins Ausland verschickt wurden. Es scheint, dass ihr Schicksal sehr unterschiedlich war, doch wenn man auf die Texte schaut, sind sie sehr real, mit Hoffnungen und Überlegungen der Deportierten." (lsm.lv) Ozola hält die Dokumente für Zeugnisse unbeugsamer Menschen, die sich der Sowjetmacht widersetzten. Die Sammlung wurde als lettischer Beitrag zum UNESCO-Weltkulturerbe nominiert.
Während sich die lettische Bevölkerung an die verhängnisvollen Folgen des Hitler-Stalin-Pakts erinnert, mit dem sich die beiden Diktatoren Mittelosteuropa untereinander aufteilten, bleiben diese Repressionen in der heutigen russischen Erinnerungskultur bedeutungslos. In Russland als Nachfolgestaat der Sowjetunion herrscht eine eigenartige Sicht auf diese Ereignisse.
Die Tageszeitung NRA zitierte 2012 die historischen Erläuterungen des russischen Staatssenders Golos Rossii. Demnach sei der größte Teil der Deportierten Russen gewesen. 1941 habe Stalin den Beschluss gefasst, alle Hitler loyal gesinnten Einwohner Lettlands nach Sibirien oder Kasachstan zu verlegen.
Mihail Joffe, Leiter des Rechtshilfebüros "Moskau den Russen" fügte in der Sendung hinzu: "Das einzige Verlegungskriterium waren Sympathien gegenüber dem Nazismus, aber nicht die Nationalität. (...) Diese Gruppe von Menschen wurde angesichts des nahenden Krieges verlegt. Das waren Personen, die dem deutschen Regime gegenüber loyal waren, faktisch eine fünfte Kolonne. Deshalb sind die Ereignisse des Jahres 1941 kein Genozid. Dabei entsprechen Bekundungen, dass die Mehrheit der Menschen während des Transports starb, nicht den historischen Materialien." (nra.lv) Letzteres wird in Lettland auch nicht behauptet.
Auch Wladimir Putin interpretierte den Hitler-Stalin-Pakt 2014 derart, dass er zum Image der friedliebenden und antifaschistischen Siegermacht passt: Der Vertrag sei notwendig gewesen, um Zeit zu gewinnen, um sich gegen das hoch gerüstete Nazi-Deutschland zur Wehr zu setzen, erläuterte er 2014 vor russischen Lehrern und Historikern. "Ich möchte hier niemanden beschuldigen, aber ernsthafte Studien sollten aufzeigen, dass dies die Methoden der Außenpolitik in dieser Zeit waren. Die Sowjetunion unterzeichnete ein Nicht-Aggressionsabkommen mit Deutschland. Sie sagen `Oh, wie schlimm.` Aber was ist so schlimm daran, wenn die Sowjetunion nicht kämpfen wollte? Was ist daran so schlimm? Außerdem: Gerade weil man von der Unvermeidbarkeit des Krieges wusste, in der Annahme, dass er passieren könnte, benötigte die Sowjetunion dringend Zeit, um ihre Armee zu modernisieren." (dlf.de) Polen habe an seiner Teilung selbst schuld gehabt - über das Los der baltischen Länder wusste der DLF den russischen Staatspräsidenten nicht zu zitieren, vielleicht verlor er über sie kein Wort.
Der Zwist um die richtige Geschichtsdeutung spaltet Europa und die politischen Lager bis heute und wirkt auch in den aktuellen Aufrüstungsdebatten nach.

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