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Münster, 14.11.2018
Lettische Kunstausstellungen im Juli 2018 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 07. Juli 2018 um 00:00 Uhr

Wer das Grußwort “Ciao” nach Lettland brachte

Strunke, Ivo PanaggiHeimat und Fremde, Inländer und Ausländer oder auch Insider und Outsider – das sind Gegensätze und Schlagwörter, die zum Vokabular der Propaganda gehören. Da bietet die definierte Nichtpropaganda, also Kunst mit ihrer speziellen und widerspenstigen Wahrnehmung, Gelegenheit, das medial Eingetrichterte zu überprüfen. Vieles ist nur eine Frage des persönlichen Standpunktes, wer auf einer Seite steht, ist hier In- und dort Outsider. Wer jahrelang inmitten der Gesellschaft eines Landes aufwuchs, mag im Exil als Sonderling gelten. Dass Künstler keine Propagandisten sind, bedeutet keineswegs, dass sie die “richtige” politische Meinung vertreten. Zum Beispiel bedeutet die Vorliebe des “italienischsten Letten”, Niklavs Strunke, zum Futurismus auch, dass er sich mit Künstlern anfreundete, die faschistische Überzeugungen hatten. Doch in der Kunst gibt es stets ein Moment des Neuen und Ungewohnten, das in politischer Propaganda nicht aufgeht. Hier die Zusammenfassung der PR-Texte lettischer Museen (und ausnahmsweise auch eines estnischen) für den Monat Juli.

Niklavs Strunke: Kopfkonstruktion, Foto: LNMM

 

Ciao! Niklavs Strunke Italia. 20. gadsimta 20. gadi - Ciao! Niklavs Strunke in Italien. Die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts

Lettisches Nationales Kunstmuseum, Saal in der 4. Etage, Jana Rozentala laukums 1, Riga, bis 9.9.2018

"Čau" sagen Letten zur Begrüßung, wenn sie sich etwas besser kennen. Das Wort wird ausgesprochen wie das italienische "Ciao" und es stammt auch aus dem Lande des europäischen Stiefels. Der Dichter Aleksandrs Caks machte Niklavs Strunke für diese Italianisierung des Lettischen verantwortlich. Strunke wurde 1894 im polnischen Gostinina geboren, lebte später bei seiner Tante in Valmiera, studierte Kunst in Petersburg. Im Ersten Weltkrieg wurde er freiwilliger Rekrut in einem lettischen Schützenbataillon. 1919 war er kurzfristig Mitglied der expressionistisch orientierten Rigaer Künstlergruppe und reiste 1923 zunächst nach Berlin, um sich dort an der Großen Berliner Kunstausstellung zu beteiligen. In der deutschen Hauptstadt begegnete er Ruggero Vasari, dem Dichter und Verkünder des Futurismus`. Strunke wurde von der Italiensehnsucht erfasst. Während viele seiner Kollegen nach Paris zogen, lebte er von 1923 bis 1927 in Rom, wo er in der Nähe des Vatikans ein Atelier mietete, wohnte im Viertel Oltrarno von Florenz und auf Capri, er bereiste Venedig, die Toskana, die Bucht von Neapel und die Amalfiküste. Ihn interessierten gleichermaßen die alten und neuen italienischen Kunstepochen. Der Futurismus inspirierte ihn zu eigenen Werken, zu Gemälden, Buchillustrationen und modernen Bühnenbildern. Er lernte Filippo Tommaso Marinetti kennen, der das erste futuristische Manifest geschrieben hatte, traf sich mit Enrico Prampolini, dem Futuristen der zweiten Generation. Im Haus des futuristischen Kinopioniers Anton Giulio Bragaglia, einem Treffpunkt für Avantgardisten, veranstaltete Strunke 1924 eine Werkausstellung. Strunke, der "lettische Italiener", publizierte seine Ideen in italienischen Kunstzeitschriften. Doch ebenso wie von der italienischen Moderne ließ sich Strunke von der italienischen Renaissance inspirieren. In Kirchen und Museen studierte er die Malerei des Mittelalters und der frühen Neuzeit, verehrte den florentinischen Meister Fra Angelico und gestaltete aus solchen disparaten Impressionen neuartige Kompositionen. Die Ausstellung präsentiert Strunkes bekannteste Werke, darunter "Kopfkonstruktion, das Porträt von Ivo Pannaggi" (1924), "Sorrent" (1924-1925), "Der Mensch, der in ein Zimmer geht" (1927) und der "Florentiner im Winter" (1929). Außerdem werden in der Ausstellung weniger bekannte Eindrücke aus den visuellen Reisetagebüchern des Malers vorgestellt. Sie zeigen, wie ein Nordländer die “Sonne und ihr Land” wahrnahm, dessen Architektur und Alltagsleben. Wie so viele Letten musste Strunke im Zweiten Weltkrieg aus seiner Heimat fliehen und gelangte über Schweden ins italienische Exil, wo er 1966 in Rom starb und auf dem protestantischen Friedhof begraben ist. Die Liebe zu seiner zweiten Heimat hat er im Essay "Mein Italien" bekundet, der 1964 in seinem Buch "Sveta birze" (Heiliger Hain) veröffentlicht wurde.

Strunke, Mensch geht ins Zimmer

Niklavs Strunke, Mensch geht ins Zimmer, Foto: LNMM


Imants Tillers: Celojums uz nekurieni - Die Reise nach Nirgendwo

Lettisches Nationales Kunstmuseum, Großer Saal in der 2. Etage, Jana Rozentala laukums 1, Riga, vom 7.7. bis 30.9.2018

Tillers wurde 1950 als Sohn lettischer Eltern in Sydney geboren. Er studierte Architektur, erlernte autodidaktisch Konzeptkunst und Malerei. Während seiner Studentenzeit half er dem Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude mit vielen anderen Freiwilligen, einen australischen Küstenstreifen zu verhüllen. Kuratorin Elita Ansone nennt ihn einen Künstler, der zum Nachdenken provoziere. Seine Arbeit gilt als Quintessenz des Postmodernismus`. Tillers` Arbeit ist intellektuell, bezieht sich auf kulturelle Erscheinungen in der gesamten Welt, auf die Kunstgeschichte des Westens, auf die europäische Literatur und Philosophie des 20. Jahrhunderts, aber auch auf die Kultur der australischen Ureinwohner. Die gewählten Themen entfachen Diskussionen. Das Lettische Nationalmuseum präsentierte 1993 erstmals ein Gemälde Tillers`, ein Bild aus der Serie "Diaspora", welche von den Ereignissen des Jahres 1990 inspiriert wurde, als Lettland seine Unabhängigkeit errang. Die Bilder erzählen von Menschen, die ihrer Heimat entrissen wurden und sich über den ganzen Planeten verstreuten. Sie mussten nach einer neuen Identität in einem fremden Land suchen. Tillers erzählt nicht nur vom lettischen Schicksal, sondern auch von der Verbannung der Aborigines aus ihren traditionellen Orten. In der Ausstellung "Reise nach Nirgendwo" zeigt das Nationalmuseum 70 Werke, die als Leihgaben von australischen Museen zur Verfügung gestellt wurden. Sie stammen aus vier Jahrzehnten und demonstrieren die künstlerische Entwicklung, von einer von Marcel Duchamp inspirierten Installation aus dem Jahr 1975 bis hin zu Werken, die in Zusammenarbeit mit Aborigines entstanden sind und die in den 80er Jahren für lebhafte Diskussionen in der australischen Öffentlichkeit sorgten. Die Werke Tillers` sind in vielen berühmten Museen ausgestellt und waren auf internationalen Ausstellungen zu sehen, u.a. 1982 auf der documenta 7 in Kassel.

Tillers: Unterbrechung

Imants Tillers: Unterbrechung, Foto: LNMM


Valka: Bita Razavi: Die Dialektik von Innen und Außen

Museum Valga in der lettisch-estnischen Grenzstadt Valka, bis 3.8.2018

Razavi fotografierte verlassene baltische Bauernhäuser, deren Bewohner sich inzwischen als Außenseiter in der Fremde verdingen. Der Wechsel zwischen Innen und Außen, der dialektische Zusammenhang von In- und Outsidern ist das Thema dieser Ausstellung an der lettisch-estnischen Grenze. Die Künstlerin forderte Laien aus Estland und Lettland auf, eigene Fotos zu machen, die ebenfalls zu sehen sind. Bita Razavi wurde 1983 in Teheran geboren und lebt in Finnland und Estland. Sie gestaltete eigene Ausstellungen in Finnland, Deutschland, Israel, Iran und Schweden.

 

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