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Münster, 21.10.2018
Domus-Rigensis-Tage 2018 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 14. Juli 2018 um 00:00 Uhr

Die lettische Staatsgründung 1918 aus deutschbaltischer Sicht

Denkmal LozmetejkalnsDie Domus-Rigensis-Tage, der Jahreshöhepunkt dieses deutsch-lettischen Kulturvereins, bot wieder ein umfangreiches, ebenso lehrreiches wie unterhaltsames Programm, das diesmal dem 100jährigen lettischen Staatsjubiläum gewidmet war. Die etwa 200 Mitglieder, Letten und angereiste Deutsche, häufig deutschbaltischer Abstammung, trafen sich vom 6. bis 8. Juli in Riga, um die Vorträge des Kunsthistorikers Ojars Sparitis und des Politologen Ivars Ijabs zu verfolgen, ein Konzert anzuhören, das Tanzbein in festlicher Garderobe auf einem Ball zu schwingen und sich schließlich auf eine Ausfahrt zu historischen Stätten zu begeben.

Das Denkmal für lettische Soldaten, die in den Weihnachtskämpfen von 1917 gefallen sind, im Hintergrund: Ojars Sparitis, Foto: LP

 

Das Tagebuch der Dagmar Kopfstahl

Am ersten Tag treffen sich die Vereinsmitglieder nun schon traditionell im festlichen Säulensaal des Architekten Christoph Haberland, der sich im Rigaer Museum für Stadtgeschichte und Schifffahrt befindet. Nach den Rechenschaftsberichten hielt Ojars Sparitis, Leiter der Wissenschaftlichen Akademie Lettlands, Kunsthistoriker und langjähriges Domus-Rigensis-Mitglied, einen Vortrag über das erstaunliche Tagebuch von Dagmar Kopfstahl.

Sie wurde 1904 als Tochter eines Buchhalters geboren und lebte mit ihren Eltern im Rigaer Viertel Mühlgraben (lettisch: Milgravis) zwischen Kleinbürgern und Arbeitern. Am 9. März 1917 begann sie, ein Tagebuch zu schreiben. Ihre Nachfahren haben es Herrn Sparitis zur Erforschung übergeben. Der Kunsthistoriker war über die Urteilskraft der Jugendlichen erstaunt, entdeckte in den Texten „mehr Objektivität als im Siegesbericht eines Regimentführers“.

Dabei schilderte sie die Ereignisse, die zur lettischen Staatsgründung führten, durchaus parteiisch, nämlich aus der Sicht der Deutschbalten, die sich keinen lettischen Nationalstaat wünschten, aber sich über einen Besuch des deutschen Kaisers freuten. Doch die Schülerin hatte die Fähigkeit, die Zeit der brutalen Zusammenstöße zwischen Ethnien und politischen Gruppen mit vielen Details anschaulich darzustellen, so dass ihr Tagebuch noch heute als informative Zeitzeugenquelle zu lesen ist.

Dagmar schrieb über die Kämpfe zwischen Roten und Weißen - beide Seiten übten Terror aus - über ihre Propaganda, die beispielsweise dazu führte, dass die Rigaer Roland-Statue rot eingefärbt wurde, über die Parole „Alle Menschen sind jetzt Brüder,“ die gewiss nicht der Wirklichkeit entsprach. Über eine Meuterei von roten Soldaten, die von Letten, Deutschen und Engländern niedergeschlagen wurde, über 27 von Weißen Erschossenen, die in roten Särgen beerdigt wurden. Sie zitiert den Ausspruch eines Soldaten: „Im Krieg vergeht der Patriotismus.“ Sie beschreibt die Brände, Plünderungen und Zerstörungen in ihrer Stadt und notierte am 11. November 1919, als Letten Riga von den Deutschen zurückeroberten:Es ist aus, wie furchtbar!“ Es ist zu hoffen, dass Kopfstahls Tagebuch bald den Weg in die Druckereien findet.

Bebernieki - Soldatenfriedhof

Der deutsche Soldatenfriedhof von Bebernieki, Foto: LP

Andrievs Niedra, der „Volksverräter“

Der in Lettland recht bekannte Politologe Ivars Ijabs beschäftigte sich in seinem Vortrag mit den politischen Ideen des Schriftstellers und Theologen Andrievs Niedra. Er führte 1919 eine Marionettenregierung an, die die deutsche Reichswehr unter dem Kommando des Generals Rüdiger Graf von der Goltz in Liepaja (deutschbaltisch: Libau) eingesetzt hatte und die nur etwa sechs Wochen bestehen blieb. Damals wurde Lettland für eine kurze Zeit von drei Kabinetten regiert, dem deutschfreundlichen Niedras, das von Briten und Franzosen geschützte von Karlis Ulmanis auf dem Schiff Saratov sowie das bolschewistische von Peteris Stucka.

Nicht von ungefähr wurde Niedra von den Deutschen unterstützt: Er wollte den Privatbesitz nicht antasten, die deutschbaltischen Barone hätten ihre Güter behalten können. Niedra war Antisozialist, der die Revolution von 1905 abgelehnt hatte. Wegen seiner Kumpanei mit den Deutschen galt er für die lettische Nationalbewegung als Volksverräter.

Doch Ijabs stellt das schlechte Image dieses Politikers in Frage, eine differenziertere Sichtweise zur Debatte. Niedras Position unterschied sich nämlich von der reaktionär anmutenden Haltung des lettischen Juristen und Journalisten Fridrihs Veinbergs, der die deutsche durch eine lettische Adelsherrschaft ersetzen wollte. Niedra suchte den friedlichen Ausgleich zwischen deutschbaltischem Großgrundbesitz und lettischem Kleinbesitz in einem gemeinsamen staatlichen Gebilde. Er verachtete zwar Parteien, strebte aber Demokratie auf kommunaler Ebene an und versuchte, die lettische Linke zu integrieren. Die Schrecken der Revolution führten ihn zu gewaltlosen und evolutionären Vorstellungen eines Staates mit deutsch-lettischer Kultur.

Niedra musste nach der Niederlage der Weißgardisten aus Lettland emigrieren. Dass ausgerechnet die nationalsozialistischen Besatzer ihn 1941 aus dem Exil zurückholten, mag ihm nicht zum Ruhme gereichen. Doch die differenziertere Sicht, die Ijabs empfiehlt, verwandelt eine propagandistisch verzerrte Hassfigur wieder in einen politisch denkenden Menschen. Fraglich bleibt allerdings, ob sich bei der von Niedra empfohlenen Besitzstandswahrung die Machtverhältnisse tatsächlich zugunsten der Letten verschoben hätte.

Kirche von Livberze

Katholische Kirche von Livberze, Foto: LP

Mahnmale blutiger Zeiten

Nach den Vergnüglichkeiten des Samstags stand am Sonntag ein Ausflug zu kurländischen Gedenkstätten auf dem Programm: Eine Busfahrt, die u.a. zu den Orten führte, die – leider auf blutige Weise – mit der lettischen Staatsgründung verbunden sind, aber auch zu einem vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gepflegten Friedhof für Soldaten des Zweiten Weltkriegs.

Die brutalen Verwicklungen, die der Erste Weltkrieg allein in Lettland mit sich brachte, sind kaum darstellbar. Welche ethnischen und welche politischen Gruppen zu einem Zeitpunkt verbündet bzw. verfeindet waren, ist nur schwer nachzuvollziehen.

Als wichtiges Ereignis der lettischen Militärgeschichte gelten die „Weihnachtskämpfe“ in den Januartagen 1917 (die wegen des Bezugs zum julianischen Kalender diesen Namen haben). Damals besiegten lettische Einheiten in der zaristischen Armee die Soldaten der deutschen Reichswehr in den Tirelsümpfen bei Jelgava (deutschbaltisch: Mitau). Die Schlachten am „Maschinengewehrhügel“ kosteten vielen das Leben, von etwa 40.000 lettischen Schützen starben etwa 9.000, ihnen ist am Ort ein Denkmal in stilisierter Flammenform gewidmet. Auch viele Reichswehrsoldaten fielen und fanden fern ihrer Heimat in Kalnciems (deutschbaltisch: Klievenhof) ihre letzte Ruhestätte. Ehrenamtliche Helfer des Volksbundes haben diesen Friedhof instand gesetzt (LP: hier).

Lettlands blutige Geschichte setzte sich im Zweiten Weltkrieg fort. Für die deutschen Soldaten, die in Hitlers Armee einen aussichtslosen Kampf führten, legte der Volksbund in Beberbeki ab 2001 einen neuen Sammelfriedhof an, auf den die Helfer die Toten des aufgelösten Wehrmachtsfriedhofs umbetteten. Die Anlage, die 2007 eingeweiht wurde, umfasst inzwischen 5000 Gräber und zudem 33 Stelen mit den Namen jener Soldaten, die nicht mehr umgebettet werden konnten (volksbund.de).

Die Besucher beschreiten ein zwei Hektar großes Gelände inmitten eines Waldgebiets, in dessen Mittelpunkt ein vier Meter hohes Granitkreuz steht. Dahinter reihen sich die steinernen Kreuze, jeweils drei Namen befinden sich auf einem Gedenkstein. Man sieht, wie jung die meisten Soldaten waren, als sie bereits der Tod ereilte. Nach diesen Erinnerungen an historische Kriegsgreuel hatte Ojars Sparitis auch noch Vergnügliches zu demonstrieren: In der katholischen Kirche von Lieven-Beersen (lettisch: Livberze) führte er eine barocke, mit Putten besetzte Taufmaschine vor, die der Kaplan früher von der Decke herabließ. Im theatralischen Pomp sind die Katholiken doch stets den Protestanten überlegen geblieben.


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