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Münster, 15.12.2018
Die lettischen Lieder- und Tanzfeste PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Administrator   
Samstag, den 11. August 2018 um 00:00 Uhr

Tribüne im Mezapark

Die Mezapark-Tribüne während des Abschlusskonzerts, Foto: Georg Meyers

Ein Festival der Volkskunst

Von Rozīte Katrīna Spīča und Ernests Spīčs

Das 26. allgemeine Lettische Lieder- und 15. Tanzfest hatte in diesem Jahr eine besondere Bedeutung: Es war das Fest zur Jahrhundertfeier, denn es fand zum 100jährigen Jubiläum der Staatsgründung statt. Dieser wichtige Umstand war schon in der Planungszeit entscheidend. Die Festveranstaltungen sollten deshalb besonders großartig und ungewöhnlich, eben ein Höhepunkt des Jahres werden.

 

Unerwartet hohe Nachfrage

Das Interesse und die Teilnahme der lettischen Bevölkerung an den Veranstaltungen übertraf alle Prognosen, 43.219 Sänger und Tänzer nahmen teil, der jüngste war drei, der älteste 91 Jahre alt. Die Gesamtzahl der Zuschauer in den beiden Arenen übertraf mehr als eine halbe Million, zudem verfolgten viele die Konzerte beim Public Viewing oder die Live-Übertragungen im Fernsehen. Die Eintrittskarten waren am 3. März schon nach wenigen Stunden ausverkauft. Die Nachfrage war derart groß, das Angebot aber so gering, dass manche in der kalten Märznacht vor den Verkaufsstellen übernachteten. Sogar das Lettische Fernsehen berichtete in einer Live-Sendung über dieses Kauffieber.

Für alle, die keine Karten ergattert hatten, stellten die Festveranstalter große Videowände an verschiedenen Stellen der Rigaer Innenstadt auf, wo die Menschen gemeinsam die Live-Übertragungen aus den Arenen mit einem Gläschen Wein in der Hand verfolgen konnten. Das Lieder- und Tanzfest konkurrierte mit der gleichzeitig stattfindenden Fußball-WM in Moskau. Daher verglichen die Gäste in Riga, was sie machten: "Bei uns schauen auf den Videowänden alle Fußball. Und ihr schaut die Konzerte?"

Der Höhepunkt war auch diesmal das große Abschlusskonzert, das in diesem Jahr unter dem Titel "Auf dem Weg der Sterne" stattfand. Wie es Tradition ist, blieben nach dem offiziellen Teil Sänger und Zuschauer in der Arena, einigten sich auf Lieder und Tänze, um bis zum Morgenrot gemeinsam weiter zu singen und zu tanzen. Die letzten Sänger verließen erst um 7.30 Uhr die Mezapark-Arena. Danach nahm das Singen immer noch kein Ende: Weitere Lieder wurden auf der Heimfahrt in den Straßenbahnen und Bussen angestimmt. Die Regierung, die voraussah, dass die Festivitäten nicht so schnell zum Abschluss zu bringen sein würden, hatte angeordnet, dass der folgenden Montag ein freier Tag für alle Arbeitnehmer war.

Abschluss des Tanzfestivals im Daugava-Stadion


Abschluss des Tanzfestivals im Rigaer Daugava-Stadion, Foto: Peteris Ponnis

 

Zur Geschichte

Die Liederfesttradition besteht seit 145 Jahren, ist also 45 Jahre älter als der lettische Staat. Diese Tradition wurde vom Lettischen Verein in Riga begründet, dessen heutige Adresse die Merkel Straße 13 ist. Diesen Nachnamen werden Deutsche kennen. Er hat hier zwar keinen Bezug zur deutschen Kanzlerin, aber zu einem Denker deutschbaltischer Herkunft, Garlieb Merkel, der in Lettland wirkte. Noch heute ist erkennbar, dass die Wechselwirkung zwischen der lettischen und deutschen Kultur das Phänomen des Liederfestes hervorgebracht hat. Einer der mutmaßlichen Vorgänger der lettischen Liederfeste ist in Leipzig zu suchen, wo sich im Revolutionsjahr 1848 ein Männerchor mit 500 Teilnehmern versammelte. Das Singen in Gemeinschaft wurde immer populärer und der Geistliche Juris Neikens übernahm rasch diese Idee. Er organisierte das erste Konzert für Männerchöre auf lettischem Gebiet. Das war noch zur Zeit des russischen Imperiums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als Letten noch als Bauernvolk betrachtet wurden, gestalteten diese Untertanen schon ein Liederfest.

Publikum beim Abschlusskonzert


Publikum des Abschlusskonzerts im Mezapark, Foto: Peteris Ponnies

 

Heutzutage

Riga wird für eine Woche zur idealen Stadt, in der die Menschen vor Freude in den Parks miteinander singen, tanzen und musizieren. Worin ist das Ideale zu suchen? In der Woche des Liederfests waren die Menschen auf einmal bestrebt, glücklich, fröhlich und gelassen zu sein. An allen Orten hörte man in Riga Konzerte und konnte die Märkte der Kunsthandwerker aufsuchen, das verdeutlicht, dass sich das Liederfest zu einem Fest der Volkskunst entwickelt hat, das alle Genres umfasst. Dies alles lockte im Juli viele Besucher aus dem In- und Ausland an.

Das Überraschendste war vielleicht, dass diesmal nicht nur die 43.219 Sänger und Tänzer traditionelle Kostüme trugen, sondern nahezu jede und jeder bestrebt war, etwas Volkstümliches zu tragen. Das konnte man am besten in der Zeit des sieben Stunden dauernden Umzugs betrachten, an dem alle Sänger und Tänzer teilnahmen und der traditionell vom Staatspräsidenten und von Damen im Kostüm gegrüßt wurde. Große Aufmerksamkeit wurde im Vorfeld nicht nur der Kostümschau als besonderer Programmpunkt des Festes gewidmet, sondern auch dem Vorhaben der Organisatoren, die traditionelle Kleidung der Sänger durch eine Uniform zu ersetzen, die nur noch entfernt an die überlieferte Tracht erinnert hätte. Das verursachte scharfe Debatten innerhalb der lettischen Gesellschaft, die zwei Jahre lang andauerten. Diese Aufregung führte dazu, dass die Einwohner ihre eigene Volkstracht gestalteten und die Details dazu sorgfältig auswählten, so dass dem Thema allgemein größere Achtung geschenkt wurde.

Für die kleinen lettischen Maßstäbe war es grandios, dass mehr als eine halbe Million Zuschauer die Veranstaltungen besucht haben. Dazu trugen neben den Hauptveranstaltungen viele weitere Attraktionen bei. Zum Beispiel konnte ein Brautpaar im ethnographischen Freilichtmuseum während der Festwoche eine Hochzeit im traditionellen Stil feiern. Am Liederfest nahmen viele Vertreter aus der lettischen Diaspora teil, sie sangen lettische Lieder und zeigten auf eigenen Konzerten die reiche Vielfalt ihres kulturellen Wirkens. Eine besondere Rolle spielte das traditionelle lettische Musikinstrument, die Kokle. Ihr wurden eigene Konzerte gewidmet. Auf dem Abschlusskonzert hatte die prominente Kokle-Spielerin Laima Jansone einen Solo-Auftritt.

Publikum beim Abschlusskonzert


Die Mezapark-Arena am Abend des Abschlusskonzerts, Foto: Georg Meyers

 

Die weitere Entwicklung

Die Lieder- und Tanzfeste überstanden die Zeit der sowjetischen Okkupation, entwickelten sich zur singenden Revolution während des Erringens der Unabhängigkeit und werden nun zum Fest der Solidarisierung in einer Zeit, in der ein Drittel der lettischen Einwohner im Ausland lebt, viele von ihnen auch in Deutschland. Seit 2003 gehören die Festtage zum UNESCO-Erbe der mündlichen und nichtmateriellen Kulturgüter. Für Deutsche, die einem musikalischen Volk angehören, könnte es von Interesse sein, diesem kulturellen Phänomen an der Ostseeküste ihre Aufmerksamkeit zu widmen.

 

Weiterer LP-Artikel zum Thema:

Lettland: Abschluss des XXVI. Liederfestes und XVI. Tanzfestes im Mezapark

 

 

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