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Münster, 15.11.2018
Lettische Kunstausstellungen im September 2018 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 30. August 2018 um 00:00 Uhr

Niederländische Kunst auf baltischer Grundlage, Polymetrie im gestrengen Stil und sonderbare Wühlarbeiten an der estnisch-lettischen Grenze

Rigas Börse, KunstmuseumDie baltische Eiche wurde recht konkret Teil der holländischen und flämischen Landschaftsmalerei. Das stellten aber keine Kunstsachverständigen fest, sondern Biologen. Einklang im Vielklang, so lässt sich das Thema der Arbeit beschreiben, die Anna Salmane, Kriss Salmanis und Kristaps Petersons im Kuppelsaal des Nationalen Kunstmuseums ausstellen, wobei der vielstimmige Einklang ein seltener Zustand und Disharmonien der gesellschaftliche Normalzustand sind. In der Provinz, an der estnisch-lettischen Grenze, hat Tanel Rander eine sonderbare künstlerische Wühlarbeit begonnen. Hier die Zusammenfassung aus PR-Texten lettischer Museen für den Monat September.

Das Kunstmuseum Rigas Börse, Foto:  PIERRE ANDRE LECLERCQ - Paša darbs, CC BY-SA 4.0, Saite

 

Baltijas ozoli, 16. un 17. gadsimta holandiešu un flāmu glezniecība - Baltische Eichen, holländische und flämische Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts aus der Sammlung des Lettischen Nationalen Kunstmuseums

Kunstmuseum Rigas Börse, Doma laukums 6, Riga, bis 30.11.2018

Die Ausstellung ist Teil eines Projekts mehrerer lettischer und niederländischer Institutionen, zu dem auch wissenschaftliche Konferenzen und Publikationen gehören. Gemeinsam mit Mitarbeitern des Staatlichen Instituts für Forstwissenschaft "Silava" untersuchten die Sachverständigen die Herkunft der Eichenholzpaneelen, auf denen niederländische Meister ihre Bilder malten. DNS-Analysen und dendrologische Untersuchungen erweisen, dass das Holz aus der baltischen Region kam und durch den Handel der Hansestädte in die Niederlande gelangte. "Die Ausstellung ist eine besondere Geschichte zum hundertjährigen Jubiläum der lettischen Republik und eine Überraschung, denn die Resultate zeigen, dass die Gemälde, die wir für Jahrhunderte als das kulturelle Erbe der Niederlande betrachtet haben, in direktester Weise auch mit unserer Region verbunden sind," meint Kuratorin Daiga Upeniece. Die derart untersuchten Gemälde stammen aus dem Bestand des Museums Rigas Börse, das eine umfangreiche Sammlung niederländischer und flämischer Maler besitzt: U.a. Bartholomeus Spranger, 1546 –1611, Pieter Pietersz Aertsen, 1540 –1603, Joos de Momper II, 1564 –1635, Daniël Seghers, 1590 –1661, Esaias van de Velde, 1587–1630, Antoon van Dyck, 1599–1641, Christoffel Jacobsz van der Laemen, um 1606–1652, Quirigh Geritsz van Brekelenkamp, um 1620 –1668, Salomon van Ruysdael, um 1600 –1670, Jan Porcellis, um 1584 –1632, Melchior d’Hondecoeter; um 1636 –1695, Jacob van Loo, 1614 –1670, Pieter de Molijn, 1595 –1661 und Adriaen van de Venne, 1589 –1662. Ursprünglich waren die Bilder im Besitz von Privatsammlern, welche von der Mitte des 18. bis Ende des 19. Jahrhunderts aktiv waren und ihre Kollektionen der Stadt Riga oder dem kurländischen Provinzmuseum zur Verfügung gestellt hatten, zu ihnen gehörten Nikolaus von Himsel, 1725–1764, Reinhold Philipp Schilling, 1819–1888, Carl Christoph Gross, 1790–1873, August Heinrich Hollander, Friedrich Wilhelm Brederlo, 1779–1862, Ludwig Wilhelm Kerkovius, 1831–1904, Domenico de Robiani, 1795–1889, Paul von Transehe-Roseneck, 1853–1928 und andere. Außerdem sind im Bosse-Saal des Museums niederländische Grafiken jener Zeit, u.a. von Rembrandt zu sehen.

Ruysdael

Salomon van Ruysdael, Flusslandschaft, 1642, Foto: LNMM

Anna Salmane, Krišs Salmanis, Kristaps Pētersons: Daudzskanis - Vielklang

Lettisches Nationales Kunstmuseum, Kuppelsaal in der 5. Etage, Jana Rozentala laukums 1, Riga, vom 15.9. bis 21.10.2018

Das Künstlertrio ist bekannt für minimalistische und konzeptuelle Skulpturen und es gewann im letzten Jahr den Purvitis-Preis für die Arbeit "Dziesma" (Lied), die die nationalen Werte des 20. Jahrhunderts infrage stellte und zur Diskussion stellte, ob diese sich noch für das 21. Jahrhundert eignen. Diesmal beschäftigten sich Anna Salmane, Kriss Salmanis und Kristaps Petersons mit dem Science-Fiction-Roman "Schwarze Wolke" des britischen Astronomen und Mathematikers Fred Hoyle, der das Problem der Verständigung thematisiert. Nach Ansicht des Trios "erschweren Kulturen, Erfahrungen, individuelle Eigenarten, Besonderheiten des Geschlechts und des Lebensalters häufig die Verständigung. Vollständiges Verstehen ist selten erreichbar, aber es wird ununterbrochen angefordert. Verständigung über unumgängliche Meinungsverschiedenheiten anzustreben verursacht Bitternis. Indem man den Standpunkt wechselt und die Unterschiede als Grundzustand anerkennt, befreit und bereichert das ehrenvoll Unverständliche." "Daudzkanis" ist ein mechanisches, monumentales Pfeifeninstrument. Zu hören ist eine vierstimmige Polymetrie im gestrengen Stil. Jede Pfeife spielt ihren eigenen Rhythmus, Taktmaß, Tempo und Tonhöhe. Einige Tonreihen stören und übertönen, einem unikalen Algorithmus folgend. Dennoch ist in jedem Zyklus ein Moment, in dem sich die Tonkurven begegnen.

Kurmis-Lied

Das Lied zum Maulwurf, Foto: Tanel Rander

 

Valka/ Valga: Kurmis, tik liels, kadu neviens nav redzejis - Der Maulwurf, so groß, wie niemand ihn gesehen hat

Brivibas galerija, Bavbaduse 14, Valga, bis 16.9.2018, im September nur samstags und sonntags von 12 bis 17 Uhr

Kurator Tanel Rander hat vielfältige Assoziationen, wenn er an seine Ausstellung denkt. Menschen ermessen die Größe eines Maulwurfs an der Größe der Hügel, die er auf dem Rasen schafft. Dabei seien diese nur Teil eines komplizierten unterirdischen Systems. Der blinde Höhlenbewohner werde oftmals Opfer menschlicher Mähaktivitäten, eine Handvoll Sand sei alles, was das Tier auf dieser Welt hinterlasse. Aber diese Handvoll Sand gestalte einen Boden, welchen über den Prozess der Höhlenbildung hinaus Bestand habe, ein kompliziertes System mit festgetretener Gestalt und Identität. Rander fragt sich, ob es denn nicht paradox sei, dass die Grabung eines Maulwurfs zugleich Hügel und Höhlen gestalte. Solche Gedanken will der Kurator an der estnisch-lettischen Grenze nicht als Beschreibung oder Interpretation seiner Ausstellung gewertet wissen, sondern lediglich als Gedanken, die das Ausgestellte mit der Umgebung verbinden: Valga und Valka, Estland und Lettland, Osteuropa - kleine Orte in großen Gebieten, die als provinziell und peripher gelten. Man sei bemüht, keine Stigmatisierung zu kultivieren, könne diese aber auch nicht leugnen. So möchte er lieber die künstlerische Wühlarbeit seiner Kollegen vorstellen, von Anna-Liis Kogan, die im August im Bahnhof die Performance "Bleibe hier und geh nicht fort!" aufführte. Oder Gundega Evelone, die im letzten Jahr Kuratorin der Ausstellung "Ein Ort, wo alles besser ist" im örtlichen Museum war. Außerdem Hanna Samoson, die im Juli die Brivibas galerija als Werkstätte genutzt hat. "Hier kreierte sie eine Reihe durch Impulse des Unterbewussten und äußeren Umständen beeinflusste Gemälde. Diese Arbeiten kann man als organische und autogene, breit zu interpretierende Materialien betrachten, welche aus dem Raum der Ausstellungsgänge kamen." Schließlich der Kurator selbst. Tanel Rander beschreibt sich als Urheber des Projekts "100 Pappeln", das er im letzten Jahr begonnen hat. In diesem Jahr eröffnete er die Brivibas galerija, die Freiheitsgalerie. Zur aktuellen Ausstellung möchte er seine eigenen Gedanken und Beweggründe darlegen: "Jene, und ich gehöre zu jenen, welchen schon ein kleiner gewöhnlicher Maulwurf eklig erscheint, würden vor Ekel sterben, wenn sie einen derart riesigen Maulwurf erblickten, wie er vor einigen Jahren unweit von irgendeinem kleinen Dorf gesichtet wurde, das deshalb einen kurzzeitigen Ruhm erwarb. Heutzutage ist das Dorf natürlich wieder in seiner früheren Versenkung verschwunden und wurde ebenso unbedeutend als eigene Erscheinung, dass niemand dafür eine Erklärung fand, der überhaupt nichts Besonderes suchte und die Kreise, welche sich darum kümmern mussten und die sich tatsächlich intensiv um viele unbedeutende Sachen kümmerten, wissen diesmal nicht, weshalb sie außerordentlich unaufmerksam waren und daher auch keine präzisere Forschung anstellten, die der Erscheinung gestattete, aus dem Gedächtnis der Leute zu verschwinden."

 

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