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Münster, 19.12.2018
Ein besonderes Exponat im Mentzendorff-Haus PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Administrator   
Donnerstag, den 20. September 2018 um 00:00 Uhr

SPIEGEL, SPIEGEL... an der Wand...

Von Alexandra Belkius

...wer ist die Schönste im ganzen Land? Wer kennt das nicht?... ist er der Schönste?... Was könnte der Spiegel nicht alles erzählen: wieviele Damen und Herren posierten vor ihm, wieviel Lichterglanz erlebte er, wieviele Paare umtanzten ihn, wieviele gedeckte Tafel spiegelten sich in ihm, wieviel Freud und Leid hat er erlebt... Geschichten von mehreren Generationen aus dem Baltikum und aus Deutschland. Ich kenne nicht sein Entstehungsjahr, nicht den Meister, der ihn geschaffen hat.

Foto: Alexandra Belkius

Ich kenne ihn seit meiner Kindheit und für mich war er immer der Schönste. Er hing im Salon meiner Urgroßmutter Elsa Alexandrine Clemence. Sie war eine geborene Baronesse von Buxhoeveden, lebte damals in Dresden und jedesmal, wenn ich sie besuchte, war ich von neuem entzückt über den Spiegel in ihrem Salon.

Es war eine andere Welt, wir hatten den Sozialismus um uns, aber meine Urgroßmutter hofierte in ihrem Salon. Hier hörte ich die Geschichten aus dem Baltikum und viele Dinge in ihrer Umgebung kamen von dort, aus Riga, wo sie 1875 geboren wurde und sie hielten die Erinnerungen fest.

Meine Urgroßmutter zog als junges Mädchen mit ihrer Mutter, Sophie Juliane Louise Baronin von Buxhoeveden, geborene Baronesse von Tiesenhausen, noch vor 1900, etwa 1892, von Riga nach Dresden.

Meine Ururgroßmutter wurde 1835 in Riga geboren. Nach dem Tod ihres Mannes, Karl Matthias Gustav Oskar Baron von Buxhoeveden, 1884, fasste sie offensichtlich den Entschluss nach Deutschland überzusiedeln.

Elsa war das jüngste Kind, die Geschwister schon längst aus dem Haus. Sie wohnten in Weissenhof, einem kleinen Gut, das Sophie von ihrer Großmutter geerbt hatte und ihr Großvater, also mein
4 mal Urgroßvater, wurde in Weißenhof 1782 geboren.

Und aus dem Gutshaus, das sich in den Jahren auch wandelte, stammt dieser Spiegel, der übrigens noch einen Zwilling hatte, denn solche Spiegel hingen meist paarweise im Saal. Aber noch hörte ich viele Geschichten aus dem mir unbekannten Land, von dem meine Urgroßmutter und Großmutter
erzählten.

Ich wuchs viele Jahre bei meiner Großmutter auf. Sie war nie im Baltikum, aber die Geschichten der Familie übertrugen sich. Die Familien lebten ca. 700 Jahre in diesem Land, in der Stadt Riga, die Bischof Albert von Buxhoeveden 1201 gegründet hatte. So hütete ich diese Geschichten in meinem Kinderherz und meine Wurzeln zogen unmerklich in dieses Land.

Die Spiegel siedelten mit nach Dresden, mussten dort mehrere Umzüge überstehen, bis beim
Bombenangriff am 13. Februar 1945 dann unter anderem auch einer der Spiegel zerstört wurde.

Das fand ich allerdings erst in den letzten Jahren heraus, nachdem ich auf alten Fotos den zweiten Spiegel entdeckte. Meine Urgroßmutter hatte ihn von ihrer Mutter geerbt und zu meiner Freude erbte ich ihn ebenfalls.

Auch mit mir musste der Spiegel umziehen, von Dresden nach Berlin, dann nach Potsdam.
Mit den Jahren wuchs mein Wunsch, das Land meiner Ahnen zu besuchen und kennenzulernen.
Erst 2014 erfüllte er sich, 2015 kam ich wieder, bis ich mich im Jahr darauf entschloss, für ein
Jahr im Baltikum zu leben. So entstand mein Blog im Internet „365tagebaltikum“. Ich spürte
den Wegen meiner Großmütter nach, lernte Freunde, Kultur und Natur kennen. Bei einem Besuch im Mentzendorff-Haus, bereits 2014, entdeckte ich den kleineren Bruder meines Spiegels.

Ab einem gewissen Alter sollte man überlegen, wohin die Dinge wandern... Der Spiegel sollte wieder nach Riga in die Stadt meiner Ahnen.

So reiste er ins Baltikum zurück, er wird nun hier in dem schönen Museum viele
Besucher erfreuen, neue Geschichten sammeln und er wird sich freuen, wenn ich ihn besuche.

Alexandra, 23. Generation nach Bischof Albert von Buxhoeveden, dessen Nachfahren, die Großfamilie von Buxhoeveden, die neue Tafel im Domgarten für den ersten Bischof Rigas zum 100. lettischen Staatsjubiläum gespendet hat.

Der Spiegel ist Teil einer Ausstellung im Mentzendorffhaus "Riga - Dresden - Berlin - Potsdam - Riga vom 19. bis 21. Jahrhundert", Vernissage am 26.9.2018 um 18.00 Uhr im Mentzendorffhaus, Grecinieku iela 18, Riga, auch Museumsleiterin Ilona Audere ist anwesend

 

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