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Münster, 15.11.2018
Valda Cerinas Buch über den lettischen Landschaftsmaler Vilhelms Purvitis PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 18. Oktober 2018 um 00:00 Uhr

„Deutsche Kunstschriftsteller sind für meine damals wenig populäre Malerei in durchgreifendster Weise eingetreten“

Vilhelma PurvitisEine von Schnee bedeckte Landschaft, durch die sich ein Bach schlängelt. Hinter der Kurve seines Ufers stehen einige Bäume mit kahlem, braungrauem Geäst. Ein Erdwall verdeckt den Horizont. Hellblauer Himmel verleiht der kahlen Landschaft eine heitere, erwartungsvolle Stimmung. Zwischen schwimmenden Eisstücken spiegelt Sonnenlicht die Baumkronen im Himmelsblau des Wassers. Wolkenartig bedeckt der Schnee die Erde, der an seinen Rändern leuchtet – ein lettischer Vorfrühlung. Oder: Ein See spiegelt den Abhang eines Waldes, der aus Tannen und Birkenhainen besteht. Die Birken sind weiße, fleckige Striche, die sich in ihren kahlen Wipfeln zu einem rotbraunen wolkigen Gemisch vereinen. Unter dem Wald reflektiert das Wasser sandiges Ufer und neben ihm sind die Abhänge noch schneebedeckt. Auf dem See unterbrechen abgerundete Eisflächen die symmetrische Spiegelung – Frühling am Wasser. Jene, die sich für lettische Kunst interessieren, wissen, wer solche Bilder gemalt hat: Vilhelms Purvitis. Er gehört neben Janis Rozentals und Janis Valters zu den „Großen Drei“, die die lettische Malerei um 1900 begründeten. Purvitis wurde 1872 im Dorf Zaube im Umkreis Rigas als Sohn eines Müllers geboren. Die Familie zog 1886 ins Gouvernement Vitebsk, wo ein Lehrer Vilhelms` Zeichentalent entdeckte. Mit dem Geld, das er sich in einer Fabrik verdient hatte, und den Zuweisungen eines Mäzens konnte der lettische Müllerssohn ab 1890 an der Petersburger Kunstakademie studieren. Valda Cerina hat in ihrer Bonner Magisterarbeit von 1995 beschrieben, wie sich Purvitis in der Zeit von 1890 bis 1910 vom umstrittenen und unverstandenen zum renommierten Künstler seines Landes entwickelte. Die Kunsthistorikerin veröffentlichte in diesem Jahr ihre Arbeit als zweisprachiges Buch. Ihm ist zu entnehmen, dass Purvitis von Deutschbalten geschätzt und gefördert wurde.

Vilhelms Purvitis, Foto: Fair use, Saite

 

Cerina beschreibt, wie sich mit Purvitis und seinen Petersburger Kommilitonen eine eigenständige lettische Malerei entwickelt hat, die am Ende des 19. Jahrhunderts noch nicht existierte. Letten, die bis dahin Künstler werden wollten, versuchten ihr Glück außerhalb Rigas, verschwiegen ihre Herkunft, passten sich der russischen und deutschen Kultur an1.

Die Kunst hingegen, die an der Petersburger Kunstakademie gelehrt wurde, orientierte sich noch an der Antike und der Renaissance. Von überlieferten Skulpturen sollten die Studenten Gips-Kopien anfertigen. Wie zunächst in Frankreich, dann in Deutschland, so entwickelte sich schließlich unter den jungen Malern des Zarenreichs ein Gegentrend: Sie verließen das Atelier, malten die Natur „pleinair“, also unter freiem Himmel, so wie es die französischen Impressionisten vorgemacht hatten. Die oppositionellen Maler entdeckten neue Themen aus dem Leben der Landbevölkerung. Auch die Landschaftsmalerei galt in Petersburg als neues Genre, dem sich Purvitis erst widmen konnte, als der Studienplan reformiert worden war.

An der Akademie kam Purvitis in die Klasse eines Peredwischniki, eines „Wanderers“. So nannten sich die russischen Realisten unter den Malern, die gegen Akademismus und Absolutismus opponierten und die sich für die arme Bevölkerung engagierten. Der Wanderer und Professor Arhip Iwanowitsch Kuindschi, der griechischstämmige Sohn eines Schuhmachers, forderte seine Studenten auf, pleinair zu malen2. Purvitis reiste mit seinen Freunden Rozentals und Valters in seine Heimat Lettland, um die Leinwand in der freien Landschaft aufzustellen. Kuindschi war von Purvitis` Entwicklung angetan. Er nahm ihn in eine Kommission auf, die 1897 die Frühjahrsausstellung an der Akademie organisierte.

Purvitis, Frühling am Wasser

Frühling am Wasser von Vilhelms Purvtis, 1910 – Foto: Gemeinfrei, Link

 

Der lettische Nachwuchsmaler fand in der künstlerischen Avantgarde schnell Anerkennung. Sergej Djagilew, Gründer der Zeitschrift Mir Iskusstwa, Welt der Kunst, wurde auf ihn aufmerksam. Purvitis durfte sich an die von Djagilew organisierten Ausstellungen beteiligen3. Doch ein breiteres Publikum akzeptierte seine Landschaftsdarstellungen nicht. Es hielt ihn für westlich dekadent, was durchaus abwertend gemeint war.

Nachdem er mit dem Bild „Die letzten Sonnenstrahlen“ 1897 die Akademie absolviert hatte, zog Purvitis nach Riga, kein gutes Pflaster für einen modernen Künstler, Cerina zitiert dazu den Kunsthistoriker Janis Silins: „Während sich Riga zu einer großen Industrie- und Hafenstadt entwickelte, blieb die kulturelle und geistige Entwicklung zurück. Die jungen Künstler, die um die eigene Existenz kämpfen mußten, hatten es besonders schwer in so einer Umgebung. Es hat sich eine neue lettische Schicht gebildet, die sich hauptsächlich um günstige Miethäuser, Sparkassen und Geschäfte sorgte. Unter Kunst verstanden sie billige Kopien mit Jagdszenen, romantischen Pärchen [usw.] im goldenen Rahmen… Die geistig gebildeten jungen Künstler fanden in dieser neuen lettischen Schicht keine Anerkennung.“4

Doch Purvitis findet Anerkennung unter Deutschbalten. Roderich von Engelhardt, hauptberuflich Arzt und Schriftsteller, leitete den kleinen Rigaischen Kunstverein, dessen Ausstellungsräume sich in seiner Wohnung am Basteiboulevard 9a befanden. In der ersten Ausstellung von 1898 präsentierte er Purvitis` ungewöhnliche Landschaftsbilder, die nach einem Zitat Engelhardts von der Mehrheit der 2688 Besucher heftige Ablehnung, aber von einer Minderheit ebenso starke Zustimmung erfuhren5.

Es war ungewöhnlich, den Frühling als Vorfrühling darzustellen, also ohne Blütenpracht und frischem Blattgrün. Purvitis vermochte immerhin erste Bilder zu verkaufen. Man entdeckte seine besondere Fähigkeit, den Schnee zu malen. In Deutschland wurde seine Kunst bereits geschätzt, in der Zeitschrift „Kunst für alle“ 1899 positiv besprochen. Aus den Gemälden spreche „echtes Naturgefühl“, das dem „Beschauer das Gefühl der Jahreszeit, der Atmosphäre und des Landes“ gebe. Deutsche Kunsthändler stellten Kollektionen seiner Arbeiten zusammen, die in Berlin, Dresden, Düsseldorf, Frankfurt und Leipzig zu sehen waren6.

Trotz der Enttäuschungen blieb Purvitis in Riga. Engelhardt nimmt an, dass er sich so ungestört weiter entwickeln konnte. Da man sich in Riga kaum für ihn interessierte, fehlten auch die Kritiker, auf die er hätte reagieren müssen.7 Aber der Rigaische Kunstverein blieb an seiner Seite und machte ihn bei der Berliner Kunsthandlung Keller und Reiner bekannt. „Die von ihm daraufhin nach Berlin gesandte Kollektion bahnte ihn dann den Weg zu den bedeutendsten Kunststädten und Ausstellungen Deutschlands und Frankreichs, auf denen er seitdem zu den bekanntesten Ausstellern gehört,“ meldete die Baltische Monatsschrift 19058, im Jahr der russischen Revolution, die vor allem auch eine lettische war.

Purvitis, Vorfrühling

Vorfrühling von Vilhelms Purvitis, 1899 - http://www.makslasvesture.lv, Gemeinfrei, Link

 

Die sozialistische Bewegung Lettlands unterschied sich von der deutschen am Anfang des 20. Jahrhunderts dadurch, dass erstere auch eine nationale war. Die Letten wollten sich von der deutsch-russischen Doppelherrschaft befreien und politisch selbst bestimmen. Cerina erwähnt, dass die lettischen Sozialdemokraten und die linke Intellektuellen-Bewegung Jauna Strava, Neue Strömung, bei den deutschen Genossen auf Interesse und Sympathie stießen9. Das Bestreben, in Riga und anderen lettischen Industriestädten mit großen Streiks die Rätedemokratie zu verwirklichen, erweckte internationale Aufmerksamkeit. Doch in Lettland war der soziale Konflikt zugleich ein ethnischer. Lettische Revolutionäre misstrauten den Deutschbalten stereotyp als Vertreter der Oberschicht.

Purvitis geriet im Revolutionsjahr 1905 zwischen die Fronten, unterschrieb einerseits die „radikale Forderung“, einen lettischen Künstlerverein zu gründen, schrieb in der Dienas Lapa, der Zeitung der Revolutionäre, über die Missachtung der lettischen Kunst durch die Deutschbalten, korrigierte sich dann aber in der Düna Zeitung: „Ich sehe mich dadurch veranlaßt folgende Erklärungen meine Person betreffend abzugeben: Meine Übersiedlung nach Riga ist auf Veranlassung von deutscher Seite erfolgt. Deutsche Kunstschriftsteller sind für meine damals wenig populäre Malerei in durchgreifendster Weise eingetreten. Die deutsche Presse hat im Gegensatz zu der lettischen noch keinen Artikel gegen mich gebracht. Gerade die deutschen Elemente haben durch ihre Vermittlung mir die Gelegenheit gegeben, im Auslande bekannt zu werden. Meine Einnahmen sind zu 5/6 nichtlettischen Ursprungs.“10

Revolution, Nationalismus und ethnische Spaltung drängten Purvitis ins Exil, wie Engelhardt schreibt: „Unter diesen schweren materiellen und kulturellen Rückschlägen, welche in erster Linie unsere wohlhabenden Klassen trafen, hatte der Künstler schwer zu leiden, die nationalistischen Gegensätze hatten sich unerträglich verschärft, und Purvitis` mannhaftes Eintreten für eine unpolitische internationale Entwicklung der baltischen Kunst trug ihm manches Schwere von Seiten der nationalen Chauvinisten ein, so daß er im Jahre 1906 einem Rufe nach Reval als Zeichenlehrer der Realschule Folge leistete und Riga verließ.“11 Mit ihm verließ auch sein Freund Janis Valters Lettland, der sich in der deutschen Künstlervereinigung „Die Brücke“ als Valter Kurav einen neuen Namen machte. Purvitis kehrte 1909 nach Riga zurück, um Direktor der städtischen Kunstschule und später der neu gegründeten Lettischen Kunstakademie zu werden. Nun bezweifelten auch Letten nicht mehr seine künstlerische Qualität.

Cerina bietet eine Erklärung, weshalb Purvitis` Landsleute länger benötigten, seine moderne Landschaftsmalerei zu schätzen: Die Letten hätten ihn kritisiert, weil er mit den Deutschbalten kooperiert habe und weil sie noch nichts von der westlich inspirierten Kunst verstanden, über die ihnen Informationen fehlten: „Purvitis` Malerei entsprach dem damaligen progressiven Zeitgeist, und dies konnte die lettische Intelligenz auf Anhieb nicht erkennen, was eine völlig natürliche Erscheinung ist.“12 Ende des Krieges floh Purvitis vor der Roten Armee nach Deutschland, wo er am 14. Januar 1945 in einem Sanatorium in Bad Nauheim starb. Heutzutage erfolgt die Wertschätzung mit umgekehrten Vorzeichen, was Cerina an der Überführung der Leichname Purvitis` und seiner Frau Karolin Stellmacher nach Lettland verdeutlicht, die im Jahr 1994 erfolgte: Die lettische Presse berichtete damals ausführlich darüber, in Deutschland nahm davon niemand Notiz.

Valda Cerina liefert Purvitis-Interessierten aus kunsthistorischer Perspektive Informationen zum frühen Werdegang eines bekannten lettischen Malers, der sich mit seinem modernen Malstil erst einmal durchsetzen musste und dann auch noch zwischen ethnische Fronten geriet. Diese Magisterarbeit ist auf das Kunsthistorische fokussiert. Biographische Angaben über das alltägliche Leben des Künstlers findet man deshalb kaum. Die Buchausgabe beinhaltet 83 schwarz-weiße und farbige Abbildungen von Purvitis-Bildern, die dessen künstlerische Entwicklung dokumentieren.

 

Valda Cerina: Vilhelms Purvitis als Landschaftsmaler von 1890 bis 1910, im Selbstverlag erschienen, [Riga] 2018, ISBN: 978-9934-19-510-5

 

Quellenangabe:

1Cerina, S. 58f.

2Cerina, S. 71ff.

3Cerina, S. 84

4Cerina, S. 90f.

5Cerina, S. 87ff.

6Cerina, S. 94

7Cerina, S. 98

8Cerina, S. 95

9Cerina, S. 104

10Cerina, S. 104

11Cerina, S. 106

12Cerina, S. 110

 

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