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Münster, 15.11.2018
"Nacht der Legenden“ in Lettlands Burgen und Schlössern am 27. Oktober 2018 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 20. Oktober 2018 um 14:45 Uhr

Stätten für glaubhafte und unglaubliche Erzählungen

Brotze, GutshofSie sind ein Blickfang zwischen Wäldern und Feldern, liegen an kleinen Seen oder sie bilden den Mittelpunkt von Siedlungen und kleinen Städten. Die Burgen des Livländischen Ordens und die Schlösser und Herrensitze des deutschbaltischen Landadels sind Zeugnisse der wechselvollen deutsch-lettischen Geschichte und ein charakteristischer Teil der baltischen Kulturlandschaft. Die Webseite des Lettischen Verbandes der Burgen und Landsitze (Latvijas Pilu un muizu asociacija, LPMA) listet 92 solcher erhaltenen Kulturdenkmäler auf (pilis.lv). Sie zeigen die architektonische Vielfalt dieser Gebäude, deren Geschichte zuweilen bis ins Hochmittelalter zurückreicht. Manche gehören zu den ersten Steinbauten dieser Region, andere ließen deutschbaltische Barone in einem neuzeitlichen Retro-Stil bauen bzw. umbauen. Doch nicht jeder Adelige verfügte über die Mittel, sich einen repräsentativen Prachtbau zuzulegen. Unter den „Herrensitzen“ sind einige Häuser zu finden, die fast so schlicht wie eine Bauernkate erscheinen und in kargen Nachkriegszeiten verzichteten die Gutsbesitzer auf die Maurer, beauftragten statt derer Zimmerer mit einer billigeren Holzkonstruktion. Heutzutage nutzen Geschäftsleute die historischen Räume als Hotels und Gaststätten oder Kommunen richten in ihnen Museen ein. Der 27. Oktober bietet Gelegenheit, diese Stätten näher kennenzulernen.

Johann Christoph Brotze: Fronarbeit auf einem Gutshof zur Zeit der Heuernte, Foto: Saite

 

Ein Pantheon in der lettgallischen Provinz

Der LPMA organisiert dann zum siebten Mal die „Nacht der Legenden“. Über 30 lettische Burgen, Schlösser und Landsitze werden ihre Tore für Besucher öffnen. In den Sälen, Türmen, Kellern und Vorhöfen können Interessierte glaubhafte und unglaubliche Erzählungen vernehmen,  Musik aus früheren Zeiten oder von heute hören, Ausstellungen sehen und regionale Spezialitäten genießen. Als Teil vom Ganzen seien hier kurz das Schloss von Warkland (Varaklanu muizas pils) und die dazu gehörende Viktor-Kapelle im ostlettischen Lettgallen vorgestellt. Der Landsitz von 1789 gilt als Denkmal klassizistischer Bauweise. Graf Michael von der Borch, ein deutschbaltischer Diplomat in polnisch-litauischen Diensten, hatte den italienischen Baumeister Vincenzo Macotti mit der Errichtung beauftragt. Nach der Agrarreform von 1920 wurde das Gut enteignet und im ehemaligen Landsitz ein Gymnasium untergebracht. Im Zweiten Weltkrieg fungierte das Schloss als Lazarett, danach nochmals als Schule. Mitte der 80er Jahre begannen Sanierungsarbeiten. Heutzutage ist das Schloss Gemeindemuseum und Informationszentrum für Touristen. Der Bau ist von einem 20,5 Hektar großen Park umgeben, der ebenfalls von Macotti geplant wurde. Seine Schönheit inspirierte den Bauherrn dazu, den sentimentalen Garten von Warkland in französischer Sprache zu bedichten. Die Gartenlandschaft wird von einem Bach durchflossen, symmetrisch angelegte Alleen führen zum Schloss, ein sagenumwobener Liebesstein beschäftigt die Gemüter. Die Anlage gilt als frühes Zeugnis romantischer Gartenbaukunst. Außerdem hatte Macotti für die Borchs noch eine Kapelle geplant, deren Bau aber erst nach seinem Tod ausgeführt wurde. Man sieht deutlich, dass das römische Pantheon Vorbild ist. Sie befindet sich auf einem Hügel an der heutigen Rigas iela, etwa ein Kilometer vom Schloss entfernt. Einst sollen hier Hexen, Zauberer und Werwölfe gehaust haben. Missionare vertrieben sie mit einem Kreuz, das sie auf der Anhöhe aufstellten. Die Kapelle wurde 1814 dem heiligen Viktor gewidmet, der wegen seines christlichen Bekenntnisses auf Befehl Neros gehäutet worden sein soll, bevor man ihm Arme, Beine und den Kopf abschlug. Die „runde Kirche“ ist Familiengruft der Adelsfamilie, deren Sarkophage in den Weltkriegen verwüstet wurden. Doch die Gläubigen bestatteten die sterblichen Überreste ein zweites Mal. Heute ist das „Pantheon“ von Warkland im Besitz der katholischen Gemeinde. Am 27. Oktober wird um 18 Uhr eine Messe zum Gedächtnis des Grafen Borch abgehalten, danach folgt ein geistliches Konzert, um 20 Uhr eine Präsentation zum Leben des Grafen und zur Geschichte des Malteserordens. Zum Abschluss darf man der Krypta, der Familiengruft der Borchs, einen Besuch abstatten. Auf weitere Veranstaltungen der „Nacht der Legenden“ können Sie sich in englischer Sprache auf der LPMA-Webseite informieren (pilis.lv).

Schloss Warkland

Das Schloss von Warkland, Foto: Ichneumon - Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Zuwenig Forschung

Juris Zviedrans, Vorstandsmitglied des LPMA, bemängelt, dass für einige leerstehende Landsitze keine Pläne bestehen, wie sie in Zukunft zu verwenden sind (lsm.lv). Sie wurden in früheren Jahrzehnten häufig als Schulen genutzt, die inzwischen geschlossen sind. Den Kommunen und dem Staat fehle das langfristige Denken. Er bemängelt zudem, dass man in Lettland zu wenig Geld für die kulturhistorische Forschung bereitstelle. Dabei nennt er die lettische Agrarreform vor fast 100 Jahren als Beispiel. Kurz nach der Staatsgründung ließ die lettische Regierung einen Großteil des deutschbaltischen Landadels enteignen. Es sei nötig, Plus und Minus dieser Reform in politischer, ökonomischer und kultureller Hinsicht auszuwerten.

 

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