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Münster, 15.11.2018
Lettische TV-Sendung über Deutschbalten und deren „Umsiedlung“ 1939 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 26. Oktober 2018 um 00:00 Uhr

„Nationalist Ulmanis hetzte die Letten auf, der Nationalsozialist Hitler vernebelte den Verstand der Deutschbalten“

Ulmanis-DenkmalIm 100. Jubiläumsjahr der lettischen Staatsgründung informieren die hiesigen Medien in zahlreichen Beiträgen über die Landesgeschichte. Martins Kibilds widmete sich am 25. Oktober 2018 in seinem viertelstündigen Beitrag einem wenig ruhmreichen Thema: Der sogenannten „Umsiedlung“ von 1939 (lsm.lv). Damals verließen etwa 50.000 Deutschbalten ihre lettische Heimat, weil Hitler sie „heim ins Reich“ oder genauer formuliert, in die von der Wehrmacht besetzten polnischen Gebiete holte. Dort wiederum mussten Polen ihre Häuser verlassen, weil die Umsiedler in deren Wohnungen einziehen sollten. Kibilds beschreibt die Ereignisse aus heutiger Sicht und kritisiert den Nationalismus des Staatsgründers Karlis Ulmanis, der den Konflikt zwischen den Ethnien geschürt und den Auszug der deutschbaltischen Mitbürger gefördert hat.

Denkmal für Karlis Ulmanis in der Innenstadt von Riga, Foto: LP

„Deutschbalten – sie lebten über 700 Jahre hier und verschwanden auf einmal im Herbst.“ So nennt Kibilds seinen Beitrag zur LTV1-Serie „Atslegas“. Der Journalist beginnt seinen Bericht im Rigaer Stadtteil Mezaparks, den die Deutschbalten „Kaiserwald“ nannten. Im wohlhabenden Villenviertel im Norden der lettischen Hauptstadt wurde damals vorwiegend deutsch gesprochen. Kibilds erinnert an die Familie Bielenstein, die ebenfalls dort wohnte. Er erwähnt August Bielenstein, den deutschbaltischen Pfarrer aus Dobele, der sich um die Erforschung der lettischen Sprache und Kultur verdient gemacht hatte. Auch seine Nachfahren verließen am Beginn des Zweiten Weltkriegs die Heimat.

Es war ein angespanntes Verhältnis zwischen der lettischen Mehrheit und der deutschsprachigen Minderheit. Bis zur Staatsgründung hatten die deutschbaltischen Ritterschaften die Ostseeprovinzen des Zaren verwaltet und beherrscht. Die lettische Mehrheit blieb politisch unmündig und musste sich als Landarbeiter auf deutschbaltischem Großgrundbesitz oder in den Fabriken verdingen, die nicht selten ebenfalls in deutschem Besitz waren. Am 18. November 1918 rief Gustavs Zemgals die lettische Republik aus und Karlis Ulmanis wurde erster Ministerpräsident. Aus der deutschen Oberschicht wurde eine ethnische Minderheit. Anfang der 20er Jahre ließ die Regierung die adeligen deutschbaltischen Großgrundbesitzer durch eine Agrarreform weitgehend enteignen. Schon damals emigrierten viele Deutschbalten ins Reich. Doch als Industrielle und Wissenschaftler blieben andere in der lettischen Republik erfolgreich. Obwohl Deutschbalten nur drei Prozent der Bevölkerung ausmachten, gehörten ihnen 17 Prozent der Fabriken und 30 Prozent der Immobilien in Riga. Deutschbalten waren im Parlament vertreten und handelten Minderheitenrechte aus. Sie organisierten sich in eigenen Parteien und Vereinen, gründeten eigene Schulen und mit dem Herder-Institut sogar eine Hochschule. Doch in der Drei-Prozent-Minderheit waren nicht alle vermögend. Unter den Deutschbalten waren die meisten Kleinbürger, Handwerker oder Arbeiter.

Ein verbliebener Chauvinismus der ehemaligen Landesherren stieß auf den Argwohn der lettischen Mehrheit, den Nationalisten zu nutzen wussten. Kibilds weist auf die Identität der Deutschbalten hin, die keine reichsdeutsche war. Sie hätten sich als Balten verstanden, das sei für Letten kaum annehmbar gewesen, obwohl sich die ethnischen Gruppen im Lauf der Jahrhunderte genetisch längst vermischt hatten. Die Beobachtung, dass der lettische Nationalismus die deutschbaltische Minderheit aussonderte, wird durch folgendes Zitat aus Latvijas Kareivis, der Zeitschrift des lettischen Militärstabs, bestätigt. In ihr liest man am 18. Juni 1933: „Man muss anerkennen, dass derzeit weder eine baltische Ideologie noch ein baltischer Typus existieren. Zwar bestand und besteht noch heute eine Art baltischer Idee, ebenso ein baltischer Typus, aber in einer für uns völlig unannehmbaren Weise: Das ist der deutschbaltische Typus und das von ihm gestaltete Baltikum. Für uns ist er deshalb unannehmbar, weil seine Ideologie in keinem Zusammenhang mit den baltischen Ländern und ihren indigenen Nationen steht. Die Deutschbalten betrachten sich als Eroberer, als Kolonisatoren, während in dieser Ideologie sich die indigenen Nationen in einer völlig passiven, sogar negativen Rolle befinden. In einer wahrhaft baltischen Ideologie gibt es hingegen keinen Platz für deutschbaltische Ideologie. Das ist vollkommen klar.“

Herder-Institut in Riga

Das Herder-Institut in Riga wurde 1921 als private deutschbaltische Hochschule gegründet, Foto: Saite

Nachdem bereits in der demokratischen Phase den deutschbaltischen Gemeinden die Jekabskirche und der Dom genommen wurde, habe das nationalistische Ulmanis-Regime ab 1934 richtig losgelegt: „Es zerstörte deutsche Häuser in Altriga, vor dem deutschen Brüderfriedhof errichtete man ein Denkmal für Janis Cakste [den ersten Präsidenten der lettischen Republik], man beseitigte die deutsche Schulautonomie, strich die deutsche Sprache im gesellschaftlichen Verkehr... Besonders schmerzlich war die Schließung der beiden Gilden. Obwohl sie schon lange keinen besonderen Einfluss mehr hatten und sie wie ein professioneller Verein arbeiteten (dabei befanden sich in der Kleinen Gilde auch viele lettische Handwerker), verbot der [lettische] Führer die Vereinstätigkeit und der jahrhundertealte Besitz der Gilden wurde nationalisiert,“ fasst Kibilds zusammen. Er weist auf die Welle des Autoritarismus` hin, die damals Europa überschwemmte und die auch in Lettland die Bevölkerung spaltete: „Der Nationalist Ulmanis hetzte die Letten auf, der Nationalsozialist Hitler vernebelte den Verstand der Deutschbalten.“ Deutsche Jugendliche in Riga hätten geglaubt, gemeinsam mit Hitler Russland kolonisieren zu können.

Am 30. Oktober 1939 schloss das NS-Regime mit Lettland ein Repatriierungsabkommen, das in wenigen Wochen vollzogen wurde. Die Mehrheit der Deutschbalten versammelte sich in den Häfen Rigas, Liepajas und Ventspils`. Sie mussten einen Großteil ihres Besitzes zurücklassen. Gewerbe und Fabriken, die sie betrieben hatten, wurden geschlossen. „Deutschland zahlte den Ausreisenden Kompensationen für die zurückgelassenen Besitztümer, aber wir zahlten sie Deutschland zurück. Mit heutigen Augen betrachtet: Was für eine staatliche Beschränkung – wir nehmen dir die Bürger und du zahlst auch noch dafür!“ bewertet Kibilds das damalige ungleiche Verhältnis zwischen den beiden nationalistischen Regimen.

Am 16. Dezember verließ das letzte Schiff mit „Umsiedlern“ Lettland. Laut Kibilds reisten auch Tausende von Letten mit, die sich vor einer sowjetischen Okkupation fürchteten. Für Ulmanis waren emigrierende Letten abtrünnige „Konjunktur-Letten“ und daheimgebliebene Deutschbalten ebenso verdächtige „Konjunktur-Deutsche“. Jede Ethnie sollte in ihrem Ursprungsland wohnen. Mit der Wirtschaftskonjunktur war es allerdings vorbei, als die deutschsprachigen Mitbürger das Land verlassen hatten. Sie fehlten als Werktätige, Unternehmer, Wissenschaftler und Verbraucher. Doch als 1940 die Rote Armee und ein Jahr darauf die Wehrmacht Lettland überfiel, hatte die verbliebene Bevölkerung noch viel schlimmeres Elend zu ertragen.

Bleibt die Frage, ob die lettische Gesellschaft und die lettische Politik Lehren zog. Kibilds ist skeptisch und deutet das problematische Verhältnis zur heutigen russischsprachigen Minderheit an: „Die Umsiedlung der Deutschbalten raubte unserem Volk eine kleine Drei-Prozent-Minorität. Schon gleich in zehnfacher Weise, sogar größer, übertrifft sie eine andere Minderheit. Die Letten vermochten nicht, richtiger formuliert – waren nicht gewillt, in ihrer Nation Deutschbalten zu behalten, unter ihnen unsere einzigen Aristokraten, es ist eine Erzählung über gesellschaftliche Integration. Vor 80 Jahren vermochten wir nicht, 60.000 zu integrieren. Jetzt wissen wir nicht, was wir mit 600.000 anfangen sollen. Und die Optimisten planten noch, Flüchtlinge aus Ländern der Dritten Welt aufzunehmen.“


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