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Münster, 19.12.2018
Lettische Kunstaustellungen im November 2018 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 01. November 2018 um 14:45 Uhr

Porträts des Vergänglichen und Unvergänglichen im Lauf der Zeit

Lancmanis, SelbstporträtIn diesem Monat erreichen die Feierlichkeiten zum 100-jährigen lettischen Staatsjubiläum ihren Höhepunkt. Am 18. November 1918 wurde die lettische Republik proklamiert. Die Kuratorinnen des Nationalen Kunstmuseums organisierten für diesen Monat eine Mammutausstellung, die nicht nur den großen Ausstellungssaal des Hauptgebäudes, sondern auch die Säle zweier Filialen beansprucht. Die Veranstalter wollen die Geschichte der lettischen Porträtkunst dokumentieren, die auch die kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung widerspiegelt. Ieva Jurjane ergänzt in einer Einzelausstellung das Porträtthema – sie stellt Menschen am Beginn und am Ende ihres Lebens dar, bildet den Kreislauf von Geburt und Tod ab, das Schicksal, dem der Mensch nicht entrinnen kann. In Daugavpils erinnert man daran, dass auch die Esten in diesem Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum feiern. Dem Nachbarn ist eine Ausstellung gewidmet, die die Werke estnischer Grafiker zeigt. Hier die Zusammenfassung von PR-Texten lettischer Museen für den Monat November.

Imants Lancmanis, Selbstporträt mit einem Kranz aus Äpfeln, der langjährige, nun ehemalige Leiter des Museums Rundale ist auch als Maler bekannt, Foto: LNNM

Portrets Latvija. 20. Gadsimts. Sejas izteiksme. - Das Porträt in Lettland. Das 20. Jahrhundert. Der Ausdruck des Gesichts.

Dreifachausstellung im Hauptgebäude des Lettischen Nationalmuseums der Kunst, Großer Ausstellungssaal, Jana Rozentala laukums 1, Riga; Ausstellungshalle Arsenals, Großer Saal, Torna iela 1, Riga; Romans Suta und Aleksandra Belcova Museum, Elizabetes iela 57a, Wohnung 26, vom 2.11.18 bis 24.2.2019

Das Nationalmuseum organisiert zum Höhepunkt der Jubiläumsfeierlichkeiten eine Großausstellung in gleich drei Mueumssälen. Sie ist der Geschichte der lettischen Porträtmalerei gewidmet, die zugleich die historische Entwicklung des Landes widerspiegelt. Zu sehen sind Gemälde, Grafiken, Skulpturen, Fotografien und Videoinstallationen vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute. Die Exponate stammen nicht nur aus dem Bestand des Nationalmuseums, sondern auch aus den Museen für Literatur und Musik, dem städtischen Museum von Tukums und aus privaten Sammlungen. Für Kuratorin Ginta Gerharde-Upeniece stellt sich die Frage über den Status der Porträtmalerei im 20. Jahrhundert bis in unsere Zeit: „Das Porträt ist das künstlerische Vermögen, einen Dialog mit dem Modell zu schaffen. Es drückt eine kritische Einstellung zum Abgebildeten und sich selbst aus, daher stellt es viel mehr dar als ein fotografisches Dokument oder eine psychologische Erzählung. Indem es Jahrtausende alte Grenzen überschreitet, umfasst das Porträt des 20. Jahrhunderts sowohl Traditionen symbolischer und kanonischer Art als auch kodierte, zwischen den Zeilen zu lesende geheime Botschaften sowie die strukturellen Gegensätze des zeitgenössischen Kunstprozesses.“ Im Hauptgebäude des Nationalmuseums werden die Werke von Porträtmalern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgestellt, unter ihnen Bilder von Janis Rozentals, Johans Valters, Gustavs Skilters, Jekabs Kazaks, Jazeps Grosvalds, Teodors Zalkalns, Oto und Uga Skulmes, Valdemars Tone, Ludolfs Liberts u.a. In der Ausstellungshalle Arsenals kann man Porträts betrachten, die nach 1950 entstanden sind, darunter Werke von Janis Pauluks, Dzemma Skulme, Imants Lancmanis, Miervaldis Polis, Liga Purmale, Maija Tabaka, Boriss Berzins, Biruta Baumane, Lea Davidova-Medene, Karlis Zemdega, Karlis Baumanis, Arta Dumpe, Janis Mitrevics, Glebs Pantelejevs, Egons Spuris, Gunars Binde, Inta Ruka u.a. Zudem sind im Romans Suta und Aleksandra Belcova Museum Karikaturen der letzten 100 Jahre zu betrachten. Gerharde-Upeniece betont, dass das Porträt auch die historische Entwicklung Lettlands widerspiegelt: „Das Porträt dokumentiert in direkter oder indirekter Art die Ausformung der Geschichte, Gesellschaft, des sozialen und kollektiven Gedächtnisses Lettlands, den Ausdruck nationaler Identität, die Entstehung des Staates, politische Zusammenhänge und den Tribut an Ideologien, vom staatlichen Auftrag bis zur freien Interpretation, von der Repräsentation bis zur Privatheit und Intimität. Die Ausstellung zeigt das 20. Jahrhundert als vergangene Epoche – eine Zeit, in der der lettische Staat entstanden ist und gestaltet wurde, in der er seine Unabhängigkeit verlor und sie erneuert wurde.”

Mitrevics

Janis Mitrevics, Personal-Ausstellung, Foto: LNNM, Normunds Braslins

Gals & sakums, Ievas Jurjanes personalizstade – Ende und Anfang, Werkausstellung von Ieva Jurjane

Lettisches Nationalmuseum der Kunst, 4. und 5. Etage des Hauptgebäudes, Jana Rozentala laukums 1, Riga, vom 10.11.2018 bis 3.2.2019

Als Ergänzung zur großen Porträtausstellung kann man ab dem 10. November Bilder von Ieva Jurjane in den oberen Etagen des Nationalmuseums betrachten. Die Malerin studierte an der Lettischen Kunstakademie. Sie arbeitet auch als Illustratorin und Bühnenbildnerin, unter anderem gestaltete sie die Szenen zur Oper „Valentina“, die 2014 an der Nationaloper aufgeführt wurde und zu Benjamin Brittens „Sommernachtstraum“, der 2013 an der Komischen Oper in Berlin zu sehen war. Jurjane wählte für ihre Porträts Menschen, die am Anfang oder am Ende ihres Lebens stehen. Die Künstlerin porträtierte 90- bis 100-jährige, die sich im Alltag kaum noch bemerkbar machen. Zwischen ihnen und Jurjane entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit, in der während des Malens Interviews entstanden, die in der Ausstellung zu hören sind. Die großformatigen Bilder sollen die individuelle Einzigartigkeit des Menschen darstellen, welche die Künstlerin für einen unvergänglichen Wert hält. Die Ausstellung thematisiert die Sehnsucht des Menschen, die Zeit zu überwinden. Jurjane: „Während der Kult ewiger Jugendlichkeit die Illusion der Unvergänglichkeit schafft, ist das Bewusstsein eines jeden denkenden Menschen von der unerbittlichen Natur der Zeit periodisch erschüttert. Der Mensch ist als Individuum und Persönlichkeit mit seiner eigenen konkreten Zeit verbunden. Die unaufhörliche zyklische Erneuerung der Natur beherrscht das menschliche Leben wie ein paralleles Leben, das man als gebärend wie eine Knospe oder sterblich wie ein Vogel betrachten kann. Diese Ausstellung ist ein bewusster Begegnungsraum zwischen dem Vergehenden und dem Kommenden.“ Den Titel der Ausstellung „Ende und Anfang“ entlehnte die Malerin einer Gedichtsammlung von Janis Rainis.

Jurjane, Lidija Lasmane-Doronina

Ieva Jurjane. Lidija Lasmane-Doroņina, geb.. 28.07.1925. 2016. Foto: LNNM, Normunds Brasliņš

Estlands Jahrhundert in Lettland

Mark-Rothko-Zentrum, Daugavpils, vom 16.11.18 bis 13.1.19

Kenner der Region wissen um die erheblichen sprachlichen, kulturellen und historischen Unterschiede der baltischen Länder. Beispielsweise sprechen Esten und Letten völlig unterschiedliche Sprachen. Allerdings hatten die Balten im letzten Jahrhundert eine gemeinsame Leidensgeschichte, die vom Erringen, Verlieren und Wiedergewinnen nationaler Selbständigkeit geprägt war. Esten unterstützten Letten militärisch, um am Ende des Ersten Weltkriegs einen unabhängigen Staat zu gründen. Das Mark-Rothko-Zentrum erinnert mit dieser Ausstellung an die Gemeinsamkeiten mit dem Nachbarn. Es zitiert in der Ankündigung Inga Haemigi, die Vorsitzende des estnischen Grafikerverbandes ist. Sie freut sich darüber, dass ihre Kollegen sich zusammentaten, um nun in Daugavpils diese Ausstellung zu organisieren. Allerdings bekennt Haemigi, dass sich ihre Kunstsparte in ihrem Land in der Krise befindet und dass nur Exponate älterer Künstler zu sehen sind. Denn in Estland fehlt der Nachwuchs, derzeit gibt es in Lettlands nördlichem Nachbarland keine Grafikstudenten. „Trotzdem empfinde ich große Freude darüber, dass so viele estnische Künstler sich dazu entschlossen haben, an dieser Ausstellung teilzunehmen. In den vergangenen Jahren wäre eine Gemeinschaftsausstellung solcher Art nicht so populär gewesen. Es ist immer leichter und viel interessanter mit der Ausstellung einer kleinen Gruppe zu beginnen, einem Kuratorenprojekt oder einer individuellen Ausstellung. Oft ist es auch eine viel größere Genugtuung seinen persönlichen Gesichtspunkt darzustellen oder auch „den Puls der Gesellschaft“ zu fühlen. Auch wenn das alles mitreißend ist, so bleibt doch eine große Gruppenausstellung etwas einzigartiges und nicht wiederholbares.“

 

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