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Münster, 14.12.2018
Ausstellung zum 160. Geburtstag des Architekten Wilhelm Bokslaff PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 10. November 2018 um 00:00 Uhr

Schulen und Banken, Burgen und Schlösser, Fabriken und Wassertürme...

Ausstellung „Architekt Wilhelm Bokslaff. Projekte.“, Rigaer Jugendstilmuseum, Alberta iela 12, Riga, bis 2.12.2018

Wilhelm Bokslaff„Zunächst muss man erwähnen, dass es für unsere Familie ein sonderbares Gefühl war, plötzlich in einer Stadt bekannt zu sein. Für mich war das sehr ungewöhnlich. In Deutschland ist der Name Bokslaff nicht so bekannt wie hier, in Lettland und Riga. Das ist eine sehr ungewohnte Situation, dass, wenn man den Namen Bokslaff erwähnt, Menschen Bewunderung ausdrücken – ach, das ist jener Bokslaff! Mich fasziniert alles, was er gebaut hat und auch, wie vielfältig seine Tätigkeiten waren,“ sagte im Herbst 2008 Klaus Bokslaff in einem Gespräch mit Janis Krastins (ntz.lv). Klaus Bokslaff besuchte damals das Schloss Jaunmoka, das von seinem Großvater Wilhelm Bokslaff (Vilhelms Bokslafs) im neugotischen Stil geplant wurde. Der deutschbaltische Architekt an der Baugeschichte Rigas maßgeblich beteiligt. Zu seinem 160. Geburtstag sind seine Original-Entwürfe im Rigaer Jugendstilmuseum zu betrachten.

Wilhelm Bokslaff, Foto: Saite

 

Interesse an Baugeschichte und Italien inspirierte

Wilhelm Bokslaffs stammte aus einer Familie, die Leinenstoffe herstellte. In Riga-Kengarags besaß der Vater die „AG Baltische Linemanufactur Compagnie” an der Stelle, wo sich heute das russische Restaurant der Lido-Kette befindet. Die Eltern hatten also die finanziellen Mittel, Wilhelm das Architekturstudium am Rigaer Polytechnikum zu ermöglichen, dem Vorläufer der heutigen Technischen Universität. Wilhelm trat dem Corps Rubonia bei, einer deutschbaltischen Studentenverbindung, der auch der spätere NS-Ideologe Alfred Rosenberg angehörte. Während des Studiums erforschte Bokslaff die Baugeschichte der Petrikirche und anderer mittelalterlicher Gebäude, wurde nach dem Diplom Mitarbeiter des Architekten Heinrich Scheel, gründete schließlich sein eigenes Büro. Sein Ideenreichtum wurde unter anderem durch die Vorliebe für Italien inspiriert. Er finanzierte einer seiner fünf Töchter sogar das Studium der Kunstgeschichte in Florenz, was nach Aussage seines Enkels damals noch sehr ungewöhnlich war. Der Architekt blieb jedoch der Nachwelt mit einem nördlichen Baustil in Erinnerung: Der Neugotik, die als spezifisch deutsche Bauweise betrachtet wurde. In diesem Stil entwarf er für den Rigaer Fabrikanten und Bürgermeister George Armitstead den Herrensitz Schloss Neu-Mocken (Jaunmoku Pils) im Bezirk Tukums und das für Rigas Innenstadt so charakteristische Gebäude der Kunstakademie, die Bokslaff im Jahr 1905 als Kommerzschule für das Rigaer Börsenkomitee konzipiert hatte, Kunst wurde hier erst ab Ende des Ersten Weltkriegs unterrichtet. Im Jahr 1930 gestaltete er das Gebäude der Großen Gilde um. Bokslaff beherrschte auch den Jugendstil, davon zeugt die evangelische Kirche in Jurmalas Stadtteil Dubulti, die er mit seinem Kollegen Edgar Friesendorf entwarf und die 1909 eingeweiht wurde.

Lettische Kunstakademie

Die Lettische Kunstakademie, einst von Bokslaff als Kommerzschule geplant, Foto: Paul Bischoff - Paša darbs, Neaizsargāts darbs, Saite

Schlossrestaurator und Industriearchitekt

Bokslaffs machte sich nicht nur mit eigenen Entwürfen, sondern auch als Restaurator von Schlössern und Herrensitzen einen Namen, die während der Revolution von 1905 von Aufständischen angezündet oder stark beschädigt worden waren. Er gilt als der erste Architekt auf lettischem Territorium, der den Wiederaufbau nach wissenschaftlichen Kriterien gestaltete. So trug er zum Erhalt von Touristenmagneten bei. Solche Rekonstruktionen sind Neuenburg (Jaunpils), der Gutshof von Selsau (Dzelzavas muiza), die Burg Groß-Roop (Lielstraupes pils) und das Gut Lemburg (Malpils muiza). Der Industriellensohn beschäftigte sich zudem mit der Alltagsarchitektur. Er konstruierte Werkshallen für große Unternehmen, zum Beispiel für die Gummi- und Reifenfabrik „Kvadrats“ in Kengarags oder für die 1. Baltische Velociped-Fabrik, A. Leutner & Co, die bis zu 5000 Fahrräder im Jahr herstellte und ab 1889 sogar unter der Marke „Russia“ die ersten Automobile des Zarenreichs fabrizierte. (Laut einem Werbeplakat verkaufte die Firma aber auch Waffen, Munition, Schneeschuhe und diverse Sportartikel.) Als weitere Gebäude für die alltägliche Versorgung entwarf Bokslaff zwei Wassertürme in Riga: In Agenskalns und Ciekurkalns. Architekturhistoriker Janis Krastins bemerkt zum Turmbau zu Agenskalns die Improvisationskunst Bokslaffs. Als er sah, dass Ziegeln in unterschiedlicher Farbe angeliefert worden waren, habe er sie auf zwei Haufen sortieren und dann zickzackförmig vermauern lassen, so dass man heutzutage noch eine Oberflächenstruktur erkennen könne. Zudem habe er am Kopfende des Wasserturms farbige Glasscherben eingefügt, die von braunen oder grünen Flaschen stammten, die Freunde des Alkohols im nahen Kiefernwald hinterlassen hatten.

Wasserturm Agenskalns

Der Wasserturm von Agenskalns, Foto: Laima Gūtmane CC BY-SA 3.0, Link


Jähes Ende in der Fremde

Wie viele ihrer deutschbaltischen Landsleute war die Familie Bokslaff 1939 angehalten, ihre Heimat zu verlassen. Sie wurde ins von den Deutschen besetzte Posen „umgesiedelt“, wie es in der NS-Sprache hieß. Dort starb Wilhelm Bokslaff am 9. März 1945 während einer Bombardierung. Janis Krastins hat seine Dokumente gesammelt und erforscht. Ihm ist es zu verdanken, dass der Name Bokslaff wieder Teil der Rigaer Architekturgeschichte ist. „Wenn man seine Handschriften liest, die Bokslaff sorgfältig in der letzten Phase der Emigration nach der deutschbaltischen Repatriierung erstellte, zählt er darin viele Objekte auf, an denen er arbeitete. Das ist kein richtiges Tagebuch, aber eine Aufzählung seiner Arbeiten, seiner publizierten Arbeiten, denn er veröffentlichte auch verschiedene Forschungsarbeiten. Auf seiner letzten Lebensetappe fasste er interessante Überlegungen zum Beruf des Architekten zusammen,“ sagt Krastins (lsm.lv) . Die Ausstellung der Bokslaff-Entwürfe ist seinem 160. Geburtstag gewidmet, der julianisch am 12. und gregorianisch am 24. Oktober begangen wurde. Sie bietet einen guten Anlass, sich im Jugendstilmuseum mit seinem zeitgenössischen Inventar einmal umzuschauen. Das gleichnamige Museum liegt übrigens im Zentrum des Rigaer Jugendstilviertels.



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