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Münster, 14.12.2018
Was führte zur lettischen Staatsproklamation am 18. November 1918? PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 15. November 2018 um 20:26 Uhr

„Versammelt Euch unter lettischer Fahne!“

Provisorische Regierung von Karlis Ulmanis verlässt den dampfer saratov

Am 27. Juni 1919 verlässt Karlis Ulmanis mit seiner provisorischen Regierung den britischen Dampfer "Saratov" in der Hafenstadt Liepaja, auf dem sie auf der Flucht vor deutschen Soldaten monatelang ausgeharrt hatte, Foto: Saite

Am 18. November feiern die Letten mit zahlreichen Veranstaltungen im In- und Ausland ihren Nationalfeiertag, das 100jährige Bestehen der lettischen Republik. Doch wie kam diese überhaupt zustande und was wird am Sonntag überhaupt gefeiert? Unter "weiterlesen" können Sie einen zackigen Durchmarsch durch jene historischen Ereignisse antreten, die 1918 zur Staatsproklamation im heutigen lettischen Nationaltheater geführt haben. Allerdings war mit dem 18. November die lettische Republik noch längst nicht in trockenen Tüchern - der junge Staat musste sich danach noch in Befreiungskriegen seiner Feinde erwehren: bolschewistische, weißgardistische, reichsdeutsche und deutschbaltische Truppen...

1914

 

Gleich in den ersten Kriegstagen wird der Hafen von Liepaja (Libau) von einem deutschen Kriegsschiff beschossen.

Letten werden in die russische Armee eingezogen. Viele lettische Soldaten sterben im Herbst an den Masurischen Seen und in Ostpreußen, die russische Armee ist auf den Krieg schlecht vorbereitet.


1915


Der Krieg kommt nach Lettland, die deutsche Reichswehr erreicht im August Jelgava (Mitau), besetzt die Regionen Kurzeme (Kurland) und Zemgale (Semgallen), Riga wird nicht erobert.

Deutschbaltische Großgrundbesitzer kooperieren mit den deutschen Besatzern und erhoffen sich dadurch, ihre Privilegien zu sichern. In den besetzten Gebieten wird nur Deutsch als offizielle Sprache anerkannt. Die einheimische Bevölkerung muss die deutschen Soldaten versorgen. Wer nicht gehorcht, wird streng bestraft.

Russische Behörden beschließen, dass 18- bis 45-jährige Männer Kurzeme verlassen müssen, etwa 500.000 Bewohner Westlettlands sind vor den Deutschen auf der Flucht. Russische Soldaten verbrennen kurländische Bauernhäuser und beschlagnahmen das Vieh. Die Geflüchteten nehmen auf ihrem Weg ins Ungewisse nur das Nötigste mit.

Im August wird in Petersburg ein Zentralkomitee zur Versorgung lettischer Flüchtlinge gegründet, das etwa 260 einzelne Hilfsorganisationen vereint. Unter den Leitern befindet sich der spätere Staatspräsident Janis Cakste. Das Komitee richtet 54 Schulen und 25 Krankenhäuser ein und besorgt geflüchteten Letten Geld und Unterkünfte. Das Zentralkomitee weist auf politische Strukturen des zukünftigen Nationalstaats voraus.

Im russischen Staatsrat fordern lettische Vertreter die Formierung lettischer Schützenverbände in der zaristischen Armee, außerdem fordern sie die Abschaffung der Privilegien für Großgrundbesitzer und das Wahlrecht für alle Steuerzahler. Russische Propaganda stellt die Deutschen als Feinde dar, in Lettland beginnt eine Welle des Patriotismus`.

Am 1.8.15 erhalten Letten die Erlaubnis, eigene Verbände in der russischen Armee zu bilden. Die Dichter Skalbe und Kenins verkünden „Versammelt Euch unter lettischer Fahne!“ In kurzer Zeit werden acht lettische Bataillone mit insgesamt 12.000 Männern gegründet. Sie werden den lettischen Bezirken zugeordnet. Diese „lettischen Schützen“ (Latviesu Strelnieki) sollen Riga verteidigen.


1916

 

Im Juli werden die lettischen Schützen am linken Daugava- (Düna-)Ufer bei der Insel von Ikskile eingesetzt, welche die „Todesinsel“ genannt wird. 3000 Soldaten sterben in wenigen Tagen, die Deutschen haben erstmals Chlorgas eingesetzt. Dennoch halten die lettischen Schützen das Gelände ein Jahr lang.


1917

 

Die größte Schlacht der Schützenverbände gegen die deutsche Reichswehr erfolgt in den „Weihnachtskämpfen“, die nach gregorianischem Kalender allerdings erst vom 5. bis 11.1.1917 in den Tirelsümpfen und am Maschinengewehrhügel stattfinden. Die Deutschen sollen dort an der Eroberung Rigas gehindert werden. Die erhoffte Verstärkung durch russische Truppen bleibt aus. 8000 lettische Schützen, etwa 40 Prozent der Gesamtzahl, sterben.

Nach der russischen Februarrevolution kommen bolschewistische Agitatoren ins Land. Soldaten unteren Ranges aus der Zarenarmee verbrüdern sich mit ihren Gesinnungsgefährten aus der deutschen Armee. Russische Soldaten entfernen sich eigenmächtig von der Front. Die lettischen Schützen hingegen kämpfen unbeirrt weiter. In Lettland werden bolschewistische Ideen populär: Enteignung des Großgrundbesitzes, Frieden, Gleichheit.

Am 1.9.1917 beginnt der deutsche Angriff auf Riga, Angehörige eines lettischen Regiments halten die deutschen Soldaten 26 Stunden lang auf, die lettischen Verteidiger verlieren ihr Leben. Durch ihr Opfer gelingt es, die Umzingelung der russischen Armee durch die Deutschen zu verhindern.

Viele lettische Schützen schließen sich den Bolschewisten an. Sie gehören bald zu den führenden Kräften der Roten Armee und werden im russischen Bürgerkrieg ihre Kampfkraft unter Beweis stellen. Letten übernehmen hohe Ämter im sowjetischen Militär, im Staat und der Partei, sie werden in den 30er Jahren den stalinistischen "Säuberungs"-Aktionen zum Opfer fallen. Andere lettische Schützen kehren nach Hause zurück und schließen sich der nationalen Unabhängigkeitsbewegung an.

Am 30.12.1917 kommt im unbesetzten Valmiera (Wolmar) im Norden Lettlands ein Kongress der Arbeiter, Soldaten und Landlosen zusammen. Sie gründen die Republik Iskolat. Iskolat ist eine Abkürzung russischer Wörter und bedeutet Exekutiv-Komitee Lettland. Das bolschewistische Regime beginnt mit der Enteignung des deutschbaltischen Großgrundbesitzes, verbietet oppositionelle Betätigung und übt bereits Roten Terror aus, gegen den deutschbaltischen Adel und gegen die Bourgeoisie.

Im Herbst fürchten lettische Politiker, dass sich Deutschland und Russland ihre Heimat aufteilen könnten und sie orientieren sich an der Entente und den USA. US-Präsident Wodrow Wilson hat das Selbstbestimmungsrecht der Völker postuliert.

Lettische Politiker organisieren sich in zwei Machtzentren: Einerseits dem Demokratischen Block, dem die Sozialdemokraten und Karlis Ulmanis` Bauernpartei angehören. Dieser Block hat Kontakte zu deutschen Sozialdemokraten. Andererseits bildet sich Ende November ein Provisorisches Lettisches Nationalkomitee, zu dem sich u.a. Vertreter der Landräte, der Soldaten und des Flüchtlingskomitees zählen. Das Komitee bildet Ressorts, die Außenpolitik übernehmen Cakste, Meierovics und Kreicbergs.

 

1918


Der Waffenstillstandsvertrag von Compiegne am 11.11.18 sieht vor, dass die Deutsche Reichswehr sich aus den besetzten russischen Gebieten zurückziehen muss. Der neue provisorische Reichskanzler Friedrich Ebert schickt August Winnig zu Verhandlungen nach Estland und Lettland. Der Abgesandte will mit einer fragwürdigen Strategie und deutschen Freikorps das „Deutschtum im Osten“ erhalten. Großbritannien erkennt schon an diesem Tag Lettland als unabhängigen Staat an.

Am 17. November kommen das Nationalkomitee und der Demokratische Block zusammen, auch die Vertreter ethnischer Minderheiten sind anwesend. Sie beschließen, einen Volksrat als eine Art Nationalversammlung zu gründen, welche die Verfassung ausarbeiten soll. Vorsitzender des Volksrates wird Janis Cakste. Als Chef einer provisorischen Regierung wird Karlis Ulmanis bestimmt.

Am 18. November verkünden die Vertreter des Volksrates im Zweiten Stadtheater (dem heutigen Rigaer Nationaltheater) feierlich die lettische Republik. Die Mitglieder der provisorischen Regierung erläutern ihr Prinzip: Gleichheit der Menschen unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft. Die Vertreter der Minderheiten werden aufgefordert, in der Regierung mitzuwirken.

Doch es ist längst nicht klar, ob sich die neue Regierung durchzusetzen vermag. Noch sind fremde Soldaten im Land. Die Deutschbalten haben eine eigene Landeswehr gegründet, die zunächst gegen die Bolschewisten kämpft. Zudem verfolgen deutsche Freikorps wie die „Eiserne Division“ eigene Interessen - sie wollen als Kolonisten mit zugeteiltem Land in den besetzten Gebieten siedeln. Die eigene lettische Armee unter der Führung von Oskars Kalpaks hat nur 400 Mann. Die provisorische Regierung einigt sich mit Winnig, dass deutsche Freikorps-Soldaten die lettische Staatsbürgerschaft erhalten, wenn sie vier Wochen lang gegen die Bolschewisten gekämpft haben. Diese Vereinbarung macht die neue Regierung unpopulär, viele Letten sympathisieren mit der vorrückenden Roten Armee.

Am 17. Dezember verkündet Peteris Stucka, einst Vertreter der junglettischen Bewegung Jauna Straume (Neue Strömung), im Grenzort Valka die Lettische Sozialistische Sowjetrepublik.

 

1919

 

Am 3. Januar nehmen die Bolschewisten Riga ein. Bis Monatsende besetzen sie fast das ganze lettische Territorium mit Ausnahme der Region um die Hafenstadt Liepaja, wohin die provisorische Regierung von Ulmanis flüchtet.

Stuckas bolschewistische Regierung enteignet die Großgrundbesitzer und die Unternehmer, betreibt die Kollektivierung der Landwirtschaft, wendet Terror gegen Oppositionelle, auch gegen Deutschbalten an. Die geschätzte Opferzahl wird auf mehr als 3000 geschätzt. Die Bevölkerung wird aufgrund dieser Brutalität misstrauisch.

Die provisorische Regierung bemüht sich um militärische Unterstützung aus den Nachbarländern. Großbritannien, das die Ausbreitung des Bolschewismus` befürchtet, schickt ihr 5000 Gewehre und 50 Maschinengewehre. Lettische Soldaten kämpfen gemeinsam mit Deutschen unter der Führung von Rüdiger von der Goltz gegen die Bolschewisten. Zunächst erkennen die Letten nicht, dass Goltz deutsche Interessen sichern will, Revanchismus betreibt und die Ulmanis-Regierung bekämpft.

Am 6. März stirbt in einer Schlacht bei Skundra der lettische Befehlshaber Oskars Kalpaks, der bis heute als Nationalheld verehrt wird. In Estland gründet sich eine Nordlettische Armee, die gemeinsam mit Esten gegen die Bolschewisten kämpft.

Am 16. April besetzen deutsche Soldaten in Liepaja Einrichtungen der provisorischen Regierung und verhaften Minister. Sie setzen ein prodeutsches Regime ein, das vom lettischen Pfarrer Andrievs Niedra angeführt wird. Es wird nur knapp zwei Monate halten, die Zeit genügt, um Weißen Terror gegen Bolschewisten auszuüben. Ulmanis flieht mit einigen Ministern ebenfalls in Liepaja auf den britischen Dampfer Saratov.

Am 22. Mai vertreiben deutsche und lettische Truppen die Bolschewisten aus Riga. Danach kämpft die Baltische Landeswehr in der Region Vidzeme gegen nordlettisch-estnische Einheiten.

Vom 19. bis 22. Juni treffen bei Cesis (Wenden) Soldaten der Baltischen Landeswehr und Freikorps auf die nordlettisch-estnische Armee. Letten und Esten gewinnen. Der Waffenstillstand von Strazdumuiza (Strasdenhof) bei Riga, der mit Hilfe von Entente-Vertretern zustande kommt, verpflichtet die deutschen Soldaten dazu, nur noch gegen Bolschewisten zu kämpfen. Deutsche Soldaten müssen Riga verlassen. Die Freikorps sollen nach antibolschewistischem Kampf Lettland verlassen.

Danach schließen sich die reichsdeutschen Freikorps und Mitglieder der Landeswehr in Jelgava (Mitau) der Westrussischen Armee an, die sich aus dubiosen deutschen Quellen finanziert. Diese wird vom Abenteurer Pawel Bermondt-Awaloff angeführt. Sein Ziel ist es, die russische Monarchie wieder herzustellen, auch auf lettischem Territorium.

Im Oktober greifen Bermondt-Truppen Riga an. Letten können diese weiße Armee auf der linken Seite der Daugava, im Rigaer Stadtteil Pardaugava aufhalten. Kriegsschiffe der Entente unterstützen den lettischen Abwehrkampf. Am 11. November gelingt es den lettischen Verteidigern, die Belagerer aus Pardaugava zu vertreiben, dieser Tag ist lettischer Soldatengedenktag geworden. Bis Ende des Monats verlässt die Bermondt-Armee lettisches Territorium. Diese Truppe bestand größtenteils aus deutschen Freikorps-Soldaten, die nun zurück ins Reich fliehen und sich dort häufig der rechtsradikalen Bewegung anschließen.

 

1920

 

In der ostlettischen Region Lettgallen (Latgale) kämpfen noch Letten gemeinsam mit Polen gegen bolschewistische Einheiten. Doch bis Ende Januar gelingt ihnen der Sieg über die Rotarmisten, so dass auch hier am 1.2.1920 ein Waffenstillstand geschlossen wird. Damit hat die junge lettische Republik die Zeit der Befreiungskämpfe überstanden und wird bald international anerkannt.

Am 5. Juli vereinbaren das Deutsche Reich und Lettland, die Kriegshandlungen einzustellen. Die deutsche Regierung erkennt de iure die lettische Republik an. Ähnliches war schon im März mit der Sowjetunion vereinbart worden.

In den Befreiungskämpfen, die nach der Staatsproklamation noch geführt wurden, verloren weitere 2500 lettische Soldaten ihr Leben, 4000 wurden verwundet. Die lettische Volkswirtschaft war durch die Kriegswirren zerrüttet. Doch die Letten hatten nun endlich ihren souveränen Staat errungen.

 

Die Daten sind folgendem Buch entnommen: Vita Krievina, Latvijas Vesture, iss Izklasts, Otrais, papildinatais izdevums, Riga 2012 (Zvaigzne ABC)

 

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