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Münster, 25.5.2019
Berlin, Moskau und die Gründung der baltischen Republiken: Karsten Brüggemanns Vortrag am 4.12.2018 im Rigaer Goethe-Institut PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 08. Dezember 2018 um 00:00 Uhr

Glanz und Elend nationaler Bewegungen

Antibolschewistisches Propagandaplakat der DeutschenWas war im Ersten Weltkrieg im Baltikum los? Außer der pauschalen Antwort „Krieg“ fällt eine präzisere Darstellung schwer. Auf dem relativ kleinen Territorium der russischen Ostseeprovinzen trafen die Interessen verschiedener Ethnien und sozialer Schichten aufeinander. Sie verbündeten sich miteinander oder kämpften in ihren Armeen gegeneinander. Hinzu kamen die gegensätzlichen Interessen der Großmächte Russland und Deutschland, die Ansprüche auf die baltische Region stellten, auch die siegreichen Entente-Mächte intervenierten, weil sie sich vor dem Bolschewismus fürchteten. Karsten Brüggemann, Professor für estnische und allgemeine Geschichte in Tallinn, half seinen Zuhörern, mit einem klar strukturierten Vortrag Licht ins Gewirr dieser ebenso blutigen wie verwickelten Zeit zu bringen und regte sie zu weiterführenden Gedanken an.

Deutsches Propagandaplakat - dabei hatten die Deutschen zuvor über ihr Territorium Lenin passieren lassen, um im Zarenreich Unruhe zu stiften, Foto: Feld, Rudi - Library of Congress Catalog: ccn.loc.gov Image download: cweb2.loc.gov Original url: hdl.loc.gov, Public Domain, Link

 

Im Vortrag mit dem Titel „Zwischen Berlin und Moskau: Die Gründung der baltischen Staaten in Krieg und Revolution,“ erläuterte Brüggemann zunächst die Voraussetzungen für die Entstehung der drei baltischen Republiken. Das Hauptthema waren dann die Perspektiven und Interessen der benachbarten Großmächte, welche die mittelosteuropäischen Gebiete wie eine Klammer umfassten: Sowohl Deutsche als auch Russen verfolgten in der baltischen Region imperiale Ziele.

Schmidthammer 1914, Ausfahrt

Der Zug in den Krieg 1914 als fröhliche Ausfahrt, über allem die schwarz-weiß-rote Flagge des Deutschen Reichs, Zeichnung von Arpad Schmidthammer (1857-1921) Foto: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 2 (Nr. 27-52), Public Domain, Link

Estland, Lettland und Litauen hatten ähnliche, aber nicht völlig gleiche Ausgangspositionen. Beispielsweise hatten nur die Litauer schon Erfahrungen damit, in einem eigenen Staat zu leben. Speziell war zudem ihr Streit mit Polen, das bis zum Hitler-Stalin-Pakt Vilnius besetzt hielt. Die Front zwischen Russen und Deutschen verlief lange Zeit durch lettisches Territorium. Zudem waren Lettlands Grenzen im Osten nicht geklärt. Brüggemann projizierte zwei Karten an die Wand, die veranschaulichten, dass sich die Grenzen der drei russischen Ostseeprovinzen von den späteren Staatsgrenzen Estlands und Lettlands deutlich unterschieden hatten. Übrigens spielten Litauer auch hier eine Sonderrolle: Ihr Territorium hatte im Zarenreich keinen eigenen Status wie die benachbarten Ostseeprovinzen, war nicht einmal auf den russischen Karten als besonderes Gebiet eingezeichnet.

Im Frühjahr 1918 schien die deutsche Armee im Osten auf der Siegerstraße, hielt ehemals russisches Territorium von der Krim bis zu Weißrussland und dem gesamten Baltikum besetzt. Die nach der Revolution noch geschwächte Sowjetunion sah sich gezwungen, im März 1918 mit dem Deutschen Reich zu verhandeln. (Auf Wikipedia.de kann man zum Stichwort „Friedensvertrag von Brest-Litowsk“ Zitate wechselseitiger Verachtung lesen). Die Gesandten der Obersten Heeresleitung (OHL) des Reichs forderten von den Sowjets beträchtlichen territorialen Verzicht, auch die Ostseeprovinzen sollten unabhängig werden.

Brüggemann beschrieb, dass in Berlin „offiziell“ lange Desinteresse an den baltischen Gebieten bestanden habe. Doch mit dem Vormarsch gen Osten wuchsen die imperialen Gelüste. Dazu trugen ins Reich immigrierte deutschbaltische Intellektuelle bei, die der Vortragende humoristisch „influencer“ nannte. Der wichtigste von ihnen sei Theodor Schiemann gewesen, der in seinen Schriften die Annexion des Baltikums gefordert und gegen Russland polemisiert hatte, das er als ebenso aggressiv wie rückständig darstellte. Im Weltkrieg gelangte die deutschbaltische Kultur des `fernen` Ostens wieder ins Reichsbewusstsein. Man erinnerte sich an Hansekaufleute und Ordensritter und gestaltete entsprechende Propagandaplakate.

Deutsche Propaganda 1914

Der deutsche Ritter 1914 im Kampf gegen sämtliche Teufel dieser Welt, Zeichnung von Max Frey (1874-1944) - Original postcard, Public Domain, commons.wikimedia.org

Doch während der Besatzung habe sich das Bild von den eingenommenen Gebieten verändert. Die deutschen Besatzer hätten erst jetzt bemerkt, dass Russlands Westen kein monolithischer Block, sondern ein ethnisches und sprachliches Gemisch war, in das nun „deutsche Ordnung“ einziehen sollte. Der Historiker nannte „deutsche Arbeit“ und „Kulturmission“ als Propagandaschlagworte der Germanisierungspolitik, sagte dann aber auch, was sich tatsächlich dahinter verbarg: Ausbeutung der Menschen und der Rohstoffe. Die Deutschen hatten gar nicht im Sinn, dass Esten, Letten und Litauer in eigenen Republiken lebten. In den formell unabhängigen Ländern sollte weiterhin deutscher Geist walten. Nach Vorstellungen der OHL, de facto die Militärregierung des Reichs, sollte Wilhelm Karl von Urach als König Mindaugas II. Litauen und Adolf Friedrich von Mecklenburg als neuer Herzog ein wiederhergestelltes Kurland regieren. Erst die Niederlage im Westen und die deutsche Novemberrevolution bereiteten den OHL-Fantasien den Garaus.

Werbung für Freikorps 1919

Freikorps werben für den Kampf im Osten an, Foto: genehmigt vom Reichswehrministerium - Einst und Jetzt, Bd. 31 (1986), S. 51, Gemeinfrei, Link

Danach kam Brüggemann zur russischen Perspektive. Für Russen erschien die baltische Region als unverzichtbarer Bestandteil des zaristischen Territoriums. Dieser Zugang zur Ostsee schien notwendig, um die Hauptstadt Petrograd militärisch abzusichern. Die Oktoberrevolution brachte in den internationalen Beziehungen ideologischen Wandel mit sich. Brüggemann erinnerte an Lenins „Dekret über die Rechte der Völker Russlands“, nach dem die Bolschewisten jeder Ethnie das Recht einräumten, einen eigenen, unabhängigen Staat zu gründen. Finnland hatte gleich im Dezember 1917 diese Gelegenheit zum Austritt aus dem „Völkergefängnis“ genutzt. Lenin erkannte, dass die osteuropäischen Befreiungsbewegungen nicht nur soziale, sondern auch nationalstaatliche Ziele verfolgten und wollte sie für die sozialistische Revolution gewinnen. (Für die Historikerin Natalija Gerulajtis verbarg sich dahinter auch auf sowjetrussischer Seite das Ziel, Kontrolle über scheinbar unabhängige Staaten zu behalten). Obwohl Lenins brutale Herrschaft den Bolschewismus rasch entzauberte, sind mit den damals in die Welt gesetzten Ideen bis heute unabgegoltene Fragen verbunden.

Antibolschewistische Propaganda

Plakat der Berliner Vereinigung zur Bekämpfung des Bolschewismus`, Foto: Unbekannt - Library of Congress Catalog: lccn.loc.gov Image download: lcweb2.loc.gov Original url: loc.gov, Gemeinfrei, Link

Brüggemann wies darauf hin, dass die Bolschewisten einen Diskurs über Nation und Klasse eröffnet hatten. Aus linker Perspektive ist der Begriff „Nation“ eine Art bürgerliches Projekt, das die Geschichte des modernen Staates eng an die Entwicklung einer kapitalistischen Produktion bindet. Lenin hoffte, dass sich in den neu gegründeten Staaten sogleich Sozialismus verbreiten werde. Hier zeigt sich das Dilemma einer Bewegung, die zu früh und zu vieles auf einmal wollte. Die Bolschewisten hatten ein Reich erobert, in dem sich Bürgertum und Industrie als Kennzeichen eines modernen Nationalstaats erst im Ansatz entwickelt hatten, das nach ursprünglicher marxistischer Vorstellung also noch gar nicht für eine sozialistische Revolution bereit war. Lenins Genosse Peteris Stucka übrigens geriet in Streit mit der bolschewistischen Führung, weil er auf die Gründung einer souveränen lettischen Republik gleich ganz verzichten wollte und von Valmiera aus (mit brutaler Gewalt) die Weltrevolution einer klassenlosen Gesellschaft anging, dabei aber schnell ins Stolpern geriet.

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Brüggemann beließ es bei der Darstellung des bolschewistischen Diskurses, der den Zuhörern aufzeigte, dass in einer bestimmten historischen Phase eine nationale Bewegung emanzipatorisch ist. Sein Vortrag ermuntert aber zum Vergleich mit der heutigen Situation. Die baltischen Nationalbewegungen kämpften gleichermaßen um soziale und ethnische Rechte. Dazu gehörte auch der Kampf um die Sprache. Sich im Alltag, am Arbeitsplatz, in der Kultur und auf Ämtern in der eigenen Sprache zu verständigen und in der Heimat ein genügendes Auskommen zu finden, statt aus wirtschaftlicher Not oder wegen repressiver Herrschaft emigrieren zu müssen, sind auch heutzutage berechtigte Anliegen. Könnten neue Nationalbewegungen sich an ihren baltischen Vorläufern ein Beispiel nehmen? Besonders politisch rechts von der Mitte wirkt die Nation wie ein Zauberwort, das vor den Übeln dieser Welt, insbesondere vor der Globalisierung zu schützen scheint. Diese weltweite Deregulierung der Märkte, die keinem Naturgesetz folgte, sondern auf politischen Entscheidungen basierte, lässt sich als neoliberale Entwicklung beschreiben, die Gesellschaften in Gewinner und Verlierer gespalten hat, wobei letztere angehalten sind, den in die Ferne verlagerten Arbeitsplätzen als lohndrückende Wanderarbeiter grenzüberschreitend hinterherzuziehen...

Werden neue Nationalbewegungen die gesellschaftlichen Spannungen und Spaltungen beheben? Glaubt man national orientierten Politikern, soll Volkssouveränität nur innerhalb der Grenzen eines Nationalstaats funktionieren, während übergeordnete Instanzen von der EU bis zu den Vereinten Nationen – häufig zurecht – als undemokratisch und elitär beargwöhnt werden. Also die Grenzen wieder hochziehen? Werden wieder geschlossene Grenzen mehr soziale Gerechtigkeit bewirken? Das konzentrierte Kapital ist längst übernational in grenzüberschreitenden Konzernen organisiert. Keine einzelne Nation ist imstande, diese Oligopole zu entflechten. Für Hedgefonds, Internetgiganten oder den immer produktiveren Herstellern von Massenware stellt es kein besonderes Problem dar, nationale Interessen im Ringen um Arbeitsplätze und ökologische Standards gegeneinander auszuspielen und diesen Wettbewerb der Nationen, der vor allem ein Wettbewerb zwischen Lohnabhängigen darstellt, für den eigenen Profit auszunutzen. Dagegen können nationale Regierungen kaum etwas ausrichten, stoßen förmlich an die engen Grenzen ihres Herrschaftsgebiets. Aussichtsreicher wäre es wohl, einen neuen Internationalismus zu fordern, der eine demokratische Gegenmacht zur global organisierten Macht des Geldes darstellte. Aber davon sind europäische Debatten derzeit weit entfernt.

 

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