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Münster, 16.1.2019
Aufführung „Andrievs Niedra“ im Dirty Deal Teatro in Riga am 3. November 2018 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Administrator   
Samstag, den 15. Dezember 2018 um 00:00 Uhr

Von Manfred von Boetticher

Andrevs Niedra Zu einer der umstrittensten Personen der lettischen Geschichte des 20. Jahrhunderts gehört der Pastor und Schriftsteller Andrievs Niedra (1871-1942), der im April 1919 im Zusammenwirken mit deutschbaltischer Landeswehr und reichsdeutschen Kräften zum Ministerpräsidenten berufen wurde und für einige Wochen dieses Amt bekleidete. Im Gegensatz zu Niedras späteren offiziellen Charakterisierung als „deutscher Marionette“, seiner Verurteilung in den 20er Jahren als „Volksverräter“ und seiner Verbannung aus Lettland unter seinem politischen Gegner Kārlis Ulmanis1 hat Niedras Persönlichkeit in den vergangenen Jahren zumindest ansatzweise eine Neubewertung erfahren. Vor diesem Hintergrund hat sich in Riga im jungen „Dirty Deal Teatro“ ein Zwei-Mann-Schauspiel dieses Stoffes mit der Aufführung „Andrievs Niedra. Eine Tragödie“ angenommen. Im Mittelpunkt steht dabei Niedra, der seine wohlüberlegten Positionen diversen Widersachern gegenüber in vielfältigen Dialogen zum Ausdruck bringt. Die Erstaufführung fand im Dezember 2015 statt und hatte ein weithin positives Echo. Am 3. November 2018 konnte das lettisch-deutschbaltische Kulturzentrum DOMUS RIGENSIS nun eine Aufführung des Stückes mit deutscher Übersetzung und anschließender zweisprachiger Diskussion unter wissenschaftlicher Leitung von Dr. Kaspars Zellis organisieren. Dabei sollten die Schauspieler erklären, was sie zu ihrer Inszenierung bewogen hat. Zugleich sollten Betroffene und Historiker zu Wort kommen, um noch einmal zum Schauspiel Stellung zu nehmen. Der Besuch der Veranstaltung war an diesem Abend dank der großzügigen Förderung durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien kostenlos. Schon mehrere Wochen vor der Aufführung war die Nachfrage nach den begehrten Plätzen so groß, dass zahlreiche Interessenten abgewiesen werden mussten.

Andrievs Niedra, Foto: Domus Rigensis

In zentralen Thesen folgt das Theaterstück Ergebnissen der Untersuchung von Āris Puriņš – einer umfangreichen Abhandlung, die bislang innerhalb und außerhalb Lettlands wenig rezipiert wurde.2 Dabei wird betont, dass der Putsch des von Hans Baron von Manteuffel-Szoege geführten „Stoßtrupps“ gegen die damalige provisorische Regierung Ulmanis in Kurland ohne Zustimmung des Militärgouverneurs Rüdiger von der Goltz erfolgt war und auch vom Befehlshaber der Baltischen Landeswehr Alfred Fletscher entschieden missbilligt wurde. Andererseits habe es zuvor geheime Absprachen zwischen Manteuffel und Jānis Balodis gegeben, dem Kommandeur der lettischen Einheiten der Landeswehr, der Manteuffel seine Neutralität zugesagt habe. Die weitere Geschichte erscheint auf diese Weise wie eine Parodie: Während Balodis im späteren Lettland als erfolgreicher Offizier zu höchsten militärischen Ehren aufstieg, wurde Niedra, der erst im Nachhinein und unter Bedenken bereit war, mit den Putschisten zusammenzuarbeiten, als Volksverräter verurteilt.

Wie im Theaterstück weiterhin zum Ausdruck kommt, hatte Niedra von sich aus keinerlei Absicht, Ministerpräsident zu werden. Vielmehr war er – ein bekannter lettischer Dichter und Schriftsteller – aus Riga durch die Frontlinie nach Kurland gekommen, um im Hinblick auf den zu erwartenden Angriff der Landeswehr Näheres über die Stellungen der Bol‘ševiki jenseits der Düna mitzuteilen. Als sich der Angriff und damit die Befreiung Rigas durch Ulmanis‘ Absetzung verzögerte, unternahm Niedra zunächst einen Versuch, Ulmanis und die Landeswehr mit einem „Versöhnungsplan“ für den gemeinsamen Kampf gegen die Bol’ševiki zusammenzubringen. Erst als ein solcher Plan vor allem wegen der Agrarfrage – der Frage einer künftigen entschädigungslosen Enteignung des Großgrundbesitzes – gescheitert war, erklärte sich Niedra bereit, das Amt des Ministerpräsidenten zu übernehmen, um einen raschen Angriff der Landeswehr auf Riga sicherzustellen. Dieser verzögerte sich dann jedoch aufgrund der folgenden Entführung Niedras durch eine Gruppe lettischer Offiziere nochmals um einige Tage.

Schließlich bezieht sich die Aufführung auf die Vorgänge um die Schlacht bei Wenden (Cēsis). Während Niedra die Landeswehr nach der Einnahme Rigas zu einer möglichst raschen Verfolgung der zurückweichenden Bol’ševiki drängte, hatte Ulmanis über die Entente-Mächte Kontakt zur Regierung Estlands aufgenommen. Ulmanis kam es diesem Stadium der Auseinandersetzungen vor allem darauf an, einen endgültigen Sieg der deutsch dominierten Landeswehr zu verhindern. Als daraufhin estnische Verbände, verstärkt durch in Estland mobilisierte lettische Einheiten, mit wohlwollender Unterstützung der Entente in lettisches Gebiet einrückten, stellte sich ihnen die Landeswehr entgegen. Deren Niederlage bedeutete dann das rasche Ende von Niedras Präsidentschaft, seine Verhaftung und spätere Verurteilung als „Volksverräter“. Niedras kurzen Regierungszeit kam – wie in der Aufführung betont wird – dennoch bleibende Bedeutung zu durch ihren Beitrag an der Befreiung Rigas am 22. Mai 1919.

Wie Kārlis Krūmiǹš, Autor des Stückes und als Schauspieler zugleich Darsteller Niedras, in der folgenden Diskussion betonte, war es ihm vor allem darauf angekommen, das gängige Geschichtsbild in Bezug auf Niedra aufzubrechen. Breiten Raum nahm weiterhin ein Beitrag eines Nachkommen von Andrievs Niedra ein – ebenfalls ein Andrievs Niedra, wobei sich zeigt, dass der Vorname „Andrievs“ in der Familie trotz des damit verbundenen Odiums des „Volksverräters“ über die Generationen hinweg weitergegeben wird. Wie er berichtete, hatte sich sein berühmter Vorfahr nicht nur als Dichter und Schriftsteller einen Namen gemacht; zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörten seine Theaterstücke zu den am häufigsten in Lettland gespielten Aufführungen. Mit seiner Verurteilung wurde der Autor dann zur Unperson; seine Werke verschwanden von den Bühnen und Lehrplänen. Insgeheim habe sich aber in der Bevölkerung eine positive Erinnerung an seine Persönlichkeit bewahrt.

Niedra-Diskussion

Die Diskussionsteilnehmer (von links): Guntis Apals (Historiker), Dr. Jānis Pleps (Dozent an der Universität Lettlands und Rechtsberater des Staatspräsidenten), Egils Levits (Richter am Europäischen Gerichtshof), Valters Sīlis (Regisseur), Dr. Lauris Rasnačs (Rechtsanwalt, Ideengeber der Veranstaltung), Dr. Manfred von Boetticher (Historiker, stellvertretender Vorsitzender von DOMUS RIGENSIS), Kārlis Krūmiņš (Autor des Stücks und Darsteller Andrievs Niedras), Andrievs Niedra (Urenkel Andrievs Niedras), Andrievs Niedra (Sohn des letzteren), Dr. Kaspars Zellis (Historiker, Diskussionsleiter).

Ergänzend zur Aufführung ging die Diskussion auf Niedras langfristiges politisches Denken ein, das zuletzt von Ivars Ījabs untersucht worden ist, der darüber auf den Kulturtagen von DOMUS RIGENSIS 2018 referiert hatte. Demnach bestand keine besondere Vorliebe Niedras zu den Deutschbalten, durch die seine politische Haltung im Jahre 1919 erklärt werden kann. Vielmehr war es seine seit dem Revolutionsjahr 1905 unerbittliche Gegnerschaft zur Sozialdemokratie und später zur bolschewistischen Revolution in Russland, die ihm ein Zusammengehen mit den Deutschen möglich machte.

Andererseits gab es aus juristischer Perspektive auch Widerspruch gegen die Aufführung. Demnach sei Niedras Position von Anfang an illigal gewesen, da allein der provisorischen Regierung unter Ulmanis eine legitime Stellung zugekommen sei, die sich von dessen Wahl durch den Volksrat Lettlands her begründete; dies sei in dem Stück nicht deutlich geworden. Eine abschließende Publikumsfrage galt der Rechtmäßigkeit der Prozesse, die in den 20er Jahren gegen Niedra geführt wurden und die mit seiner Verurteilung endeten – eine Frage, die widersprüchlich beantwortet wurde und offen blieb. Gegen den Vorwurf einer objektiv zu großen Nähe Niedras zu den Deutschen wurde als subjektiver Faktor seine persönliche Integrität angeführt, durch die ein eventuell schuldhaftes Verhalten relativiert werde.

Nicht gestellt wurde die Frage, warum nach Abschluss der Befreiungskriege gegenüber Niedra so schnell ein dermaßen starres Narrativ entstehen konnte – ob dies auf die gegenseitige tiefe Abneigung zwischen ihm und Ulmanis zurückzuführen ist oder ob sich eine kriminalisierende Interpretation jener jüngsten Vergangenheit angesichts der politischen Situation im damals noch jungen Lettland letztlich aus Staatsraison herausbildete.

 

 

Quellen:

1 Vgl. so noch kürzlich sowohl in lettischen als auch in deutschen Darstellungen: Geschichte Lettlands. 20. Jahrhundert, Riga [2008], S. 143, oder Benjamin Conrad: Von der Oberschicht zu Minderheit: Die Deutschbalten, in: Lettland 1919-2018. Ein Jahrhundert Staatlichkeit, Paderborn 2018, S. 44.

2 Āris Puriņš: Andrievs Niedra. Četri gadi un viss mūžs [Vier Jahr und ein ganzes Leben], Riga 2005.

 

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