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Münster, 22.8.2019
Lettisches Gedenken an die Holocaust-Zeit PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 13. Dezember 2018 um 00:00 Uhr

Spielfilm „Tevs Nakts“ über den Retter Zanis Lipke entfacht großes Interesse

Lipke-Briefmarke„Für Zanis war ich ein völlig fremder Mensch und ich konnte nicht begreifen, weshalb er das tat, als rundherum Mord geschah. Dieser Mensch erwies sich als ein Wunder – einfach in aller Ruhe die für den Tod Bestimmten zu retten. Geld nahm er nicht, er war kein Kommunist und ich konnte nicht begreifen, weshalb er diese Bürde auf sich nahm und sich jeden Tag den Schrecken des Todes aussetzte,“ sagte Izaks Drizins über seinen Retter Zanis Lipke (web.archive.org). Der derart Verehrte arbeitete als Hafenarbeiter, als die Deutschen in Lettland einfielen und sogleich begannen, seine jüdischen Mitbürger zu verfolgen. Am 30. November und 8. Dezember 1941 hatten SS-Soldaten mit Hilfe lettischer Kollaborateure 25.000 lettische Juden im Wald von Rumbula erschossen. Danach entschloss sich Lipke, die Verfolgten zu verstecken. Ihm gelang gemeinsam mit seiner Frau Johanna sowie Freunden und Bekannten, 55 Juden das Leben zu retten. Der Staat Israel ehrte das Paar Lipke 1977 mit dem Titel „Gerechte unter den Völkern“, denen in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ein Baum gepflanzt wurde. Seit Oktober ist im lettischen Kino der Spielfilm „Tevs Nakts“ (Vater der Nacht) von David Simanis zu sehen, der die Geschichte der Retter nacherzählt (tevsnakts.lv). Seitdem steigen die Besucherzahlen des Janis-Lipke-Museums auf der Insel Kipsala. Zudem scheint sich das Gedenken an den Blutsonntag 30. November zur alljährlichen Tradition zu entwickeln.

Briefmarke der lettischen Post erinnert an das Paar Johanna und Zanis Lipke, Foto: Latvijas Pasts (Latvian Post) - wnsstamps.ch/en, Neaizsargāts darbs, Saite

 

Lipke ließ sich im Herbst 1941 als Lagerarbeiter in den „Roten Speichern“ auf der Moskauer Straße anstellen, in der Nähe arbeiteten jüdische Zwangsarbeiter im Lager der deutschen Luftwaffe. Nach den Massenmorden im Wald Rumbula half er jüdischen Arbeitern zur Flucht. Zunächst brachte er sie in einem Lager auf der Lacplesis-Straße unter. Als dies zu gefährlich wurde, begann er, im Hof seines Hauses und bei Freunden Gruben auszuheben, um darin die Verfolgten zu verstecken. Freunde und Bekannte halfen ihm, sein gefährliches Tun wurde nicht verraten.

Simanis` Film hat diesen dramatischen Stoff zum Thema und es ist dem Regisseur offenbar gelungen, allgemeines Interesse zu wecken. Seit dem 25. Oktober, als „Tevs Nakts“ Premiere hatte, registrieren die Mitarbeiter des Zanis-Lipke-Museums steigende Besucherzahlen. Innerhalb von vier Wochen kam Lipkes ehemaliges Wohnhaus am Balastu Dambi auf 2000 Besucher, das vierfache der üblichen Zahl.

Lsm-Journalistin Annija Petrova befragte Museumsleiterin Lolita Tomsone und Besucher über das wachsende Interesse an der Holocaust-Zeit (lsm.lv). In den Familien ist sie meistens kein Thema, in den Schulen erfahren die Kinder und Jugendlichen das Allgemeine: „Ja, wir haben über den Holocaust in den Geschichtsstunden gesprochen, aber nicht speziell über Zanis Lipke,“ sagte ein Junge. Seine Lehrerin habe vorgeschlagen, in den Film und ins Museum zu gehen: „denn sie sagte, dass wir dann besser die Geschichte verstehen, die geschah, und besser die Tragödie begreifen.“ Doch für den Schüler bleibt das Unbegreifliche: „Ich für mich denke, wie Menschen einst so brutal sein konnten auf der Welt. Ich verstehe es einfach nicht.“

Tomsone berichtet darüber, dass Menschen aus allen Teilen des Landes ihr Museum besuchen. Das Gedenken an Lipke wird zum Anlass, über die Erinnerungen in der eigenen Familie zu erzählen: „Es ist erstaunlich, dass Letten kommen und sich erinnern, was ihre Großmutter oder ihr Großvater über ihre Schulkameraden oder Freunde erzählt haben, die eines Tages ohne eine Erklärung verschwunden waren. In Dobele oder Strenci oder anderen Orten, wo jüdische Kinder in lettische Schulen gingen. Einfach fort. Und niemand hat irgendwas erklärt. Und dein Freund wurde einfach erschossen.“

Seit zwei Jahren wird an den Rigaer „Blutsonntag“, am 30. November nicht nur am Ort des Massenmordes in Rumbula, sondern auch an einer zentralen Stelle der Hauptstadt, nämlich am Nationaldenkmal erinnert. Hunderte Menschen kommen und zünden unterhalb der Milda Kerzen für die Opfer an. Margers Vestermanis, der als Jugendlicher das Rigaer KZ Kaiserwald überlebte, studierte zur Sowjetzeit Geschichte und gründete nach der Unabhängigkeit das Museum „Juden in Lettland“. Ihn freut es, dass das jüdische Schicksal nun ins Zentrum lettischer Erinnerung rückt: „Ich bin glücklich, dass ich das noch erlebe, dass am heiligsten Ort Lettlands, am Fuß des Freiheitsdenkmals, Kerzen des Gedächtnisses angezündet werden für das große Leid, die große Trauer der Juden.“ (lsm.lv)

 

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