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Münster, 16.1.2019
Eine lettische Drachengeschichte zu Weihnachten PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 22. Dezember 2018 um 00:00 Uhr

Martins Lapa, der Sagenausschmücker

VW-Käfer mit WeihnachtsbaumSchafe, Ochse, Esel, Rentiere, Hirsche, Elche - solche kuscheligen Pelztiere bevölkern gewöhnlich Weihnachtsgeschichten. Wie stehts mit Drachen? Sie haben im Abendland einen schlechten Ruf, derjenige, der sie mit dem Schwert tötet, wird Held oder Heiliger oder beides zusammen. In der lettischen Mythologie ist der Drachen der typische Lindwurm mit mehreren Köpfen, kann fliegen und speit Feuer. So scheußlich seine Gestalt, so ungeheuerlich sein Benehmen: Er ist mit dem Teufel im Bunde, hält Menschen gefangen und frisst sie gelegentlich. Das lettische Wort für Drachen ist "Pukis". Peteris Smits, der Herausgeber der bekanntesten lettischen Märchen- und Sagensammlung, meinte, das Wort könne aus der deutschen Sprache stammen. In dieser ist von einem Puck die Rede, der inzwischen zu einer kleinen schwarzen Eishockeyscheibe geschrumpft ist, die im Spiel zu verfolgen, den Zuschauern dieses Sports zum verzwickten Sehtest gerät - Seht mal: Der kleine flinke Puck macht Bully vor dem Tor. Einst aber war er eine Sagengestalt mit Tarnkappe, die auf Dachböden hauste oder sich auf Schiffen Klabautermann schimpfen ließ. Laut Wikipedia empfiehlt es sich, einen Puck pfleglich zu behandeln: "Wird der Puk mit regelmäßigen Speisen und Getränken gut behandelt, so ist er, im Verbund mit anderen Sagengestalten wie Zwergen und Riesen, in der Lage, das Wohlergehen der Bewohner und deren Tiere positiv bis hin zum Reichtum zu beeinflussen. Wird er jedoch schlecht behandelt, fügt er den Bewohnern schwere Schäden zu, die nicht selten in Wahnsinn oder mit dem Tod enden." Laut Wikipedia stammt das deutsche Wort Puk "möglicherweise aus dem baltischen Volksglauben (Pukis)" - so schließt sich der Kreis. Martins Lapa wusste zum Drachenpukis eine unglaubliche Weihnachtsgeschichte zu erzählen, die Peteris Smits trotz der ungewöhnlichen Länge in seine Sammlung aufnahm.

Käfer mit Weihnachtsbaum auf großer Fahrt, Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F038543-0006A / Mehmet, Sonal / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

Peteris Smits war literarisch nicht gut zu sprechen auf Martins Lapa, als er dessen Sage "Das Anschaffen des Drachen und seine Tätigkeit (Wirksamkeit)" aus dessen Band "Pasakas un nostāsti" (Märchen und Erzählungen) von 1902 in die eigene Sammlung aufnahm: "Martins Lapa wird wohl diese Sage selbst ausgeschmückt haben, aber sie nicht selbst ausgedacht haben. Viele überflüssige Einzelheiten sind weggelassen worden," so kündigt Smits den Lesestoff an. Dabei war Lapa ein engagierter Literat, der eine alte Drachengeschichte nutzte, um die Lage lettischer Landsleute darzustellen, die sich als Bauern auf dem Anwesen deutscher Gutsbesitzer verdingen mussten.

Lapa wurde 1846 auf dem Gut Neu-Karkell an der Grenze zu Estland geboren. Der lettische Pfarrer, Lehrer und Literat Juris Neikens und der örtliche Baron förderten seine Bildung, so dass der Bub die Gemeindeschule von Rujiena besuchen konnte. Später betätigte er sich als Dichter und Publizist, verdiente sein Geld als Hilfslehrer an den Grundschulen seiner Heimat. Weil er in den lettischen Zeitschriften Majas Viesis und Baltijas Vestnesis patriotische Gedichte veröffentlicht hatte, wurde er 1871 als Pädagoge der Gemeindeschule Neu-Karkell (Jaunkarki) entlassen.

Danach zog er nach Riga und arbeitete in der Fabrik des lettischen Kulturschaffenden Rihards Tomsons, der die Brötchen für sich und seine Arbeiter mit weniger poetischen, eher ziemlich prosaischen Erzeugnissen verdiente: Knochenmehl und durch Schwefelsäure veredelte Superphosphate. Danach jobbte Lapa in einer Buchhandlung, einer Bibliothek, einem Getränkehandel, dann lebte er vorübergehend in Jelgava (Mitau), kam aber nach zwei Jahren nach Riga zurück.

1875 wurde er Redaktionsmitglied der Zeitschrift "Baltijas Zemkopis" (Der baltische Ackermann), schrieb über die Lage der lettischen Kultur, über das Zusammenleben der Letten in der Stadt, orientierte sich dabei an literarischen Vorbildern deutscher Sprache. Lapa übersetzte populäre Romane aus dem Deutschen, ebenso estnische Volksmärchen. Er hinterließ ein beachtliches Werk aus Gedicht- und Erzählbänden, Liederbüchern und Ratgebern. Zudem schrieb er Abhandlungen über die lettische und estnische Literatur, über die finnische Schule und Schriftstellerei und eine Chronik des russisch-türkischen Kriegs. Lapa gilt als Ideengeber des ersten "nationalen Erwachens", eine Wendung, die im Lettischen keinen problematischen völkischen Anklang hat.

In "Das Anschaffen des Drachen und seine Tätigkeit (Wirksamkeit)" erzählt Lapa eine ungewöhnliche Drachengeschichte, die sich zur Weihnachtszeit abspielt. Der Gutsherr schickt seine Bauern nach Riga, um dort auf dem Markt das Korn zu verkaufen. Die beiden ärmsten Leibeigenen mit den schwächsten Pferdchen müssen mit. Da wünscht sich einer von ihnen, dass er sich Drachen kaufen könne. Die brächten im Leben Glück, doch als Preis müsse man dem Teufel seine Seele verkaufen. Sogleich erscheint der satanische Drachenherr. Er ist ehrlich und demonstriert den Bauern an einer Münze, wie es ihnen beim Drachenkauf nach dem Ableben ergehen wird: "Bei diesen Worten zog der Herr ein heißes Eisen aus dem Feuer und legte ein Geldstück darauf, das zu zischen und zu hüpfen begann."

Einer der beiden Bauern pfeift aufs Fegefeuer und nimmt ein Säckchen mit zwei Drachen, die sich im Verlauf der Geschichte als extrem wandlungsfähig und wahre Helfer im Haushalt, bei der Vermögensbildung und als Beschützer vor willkürlicher Bestrafung nach Gutsherrenart erweisen. Der Drachenkauf ist ein echter Glücksgriff für das irdische Leben und ein juristisches Fazit bildet die pfiffige lettische Schlusspointe. Doch lesen Sie die Geschichte in der deutschen Übersetzung selbst. Sie ist auf der Webseite pasakas.lfk.lv zu finden:

http://pasakas.lfk.lv/wiki/132101076/de

 

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