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Münster, 18.7.2019
Lettische Historiker recherchierten über das Lager Salaspils: Teil 2: Die verschiedenen Etappen PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Mittwoch, den 16. Januar 2019 um 00:00 Uhr

„Den Frauen gab man eine Minute, um sich von ihren Kindern zu verabschieden“

Jüdische HäftlingeSalaspils ist ein Ort des Grauens. Hier begingen die nationalsozialistischen Besatzer und ihre lettischen Helfer schwere Verbrechen gegen die Feinde ihres Regimes oder gegen jene, die dafür gehalten wurden. In Reiseführern ist die heutige Gedenkstätte als Besichtigungsort aufgeführt. Auf dem Areal findet der Besucher einige monumentale Betonfiguren in pathetischer Pose und eine bunkerartige Anlage, dessen Inneres nur wenig über die Geschichte dieses Erinnerungsorts preisgibt. Es scheint so, als hätten die sowjetischen Gestalter die historischen Details nicht wirklich ins Gedächtnis rufen wollen. Die von Kangeris, Neiburgs und Viksne ermittelten Opferzahlen waren geringer als in der bolschewistischen Propaganda behauptet und nicht alle Insassen waren, wie von ihr suggeriert, sowjetische Widerstandskämpfer. Zu den Internierten gehörten auch lettische, litauische und polnische Nationalisten, die die Ziele der deutschen Besatzer durchschaut hatten und deshalb die Kollaboration verweigerten. Historiker unterteilen die Lagergeschichte in drei Etappen: Des Aufbaus, den Juden unter mörderischen Arbeitsbedingungen leisten mussten, der Internierungszeit für politische Gefangene und der Zeit als Transitlager.


Jüdische Häftlinge in Salaspils, Foto: Bundesarchiv, Bild 101III-Duerr-056-04A / Dürr / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

1. Etappe: Lagerbau mit jüdischen Zwangsarbeitern1

Im Oktober 1941 befahl SD-Kommandeur Rudolf Lange seinem Angstellten Gerhard Kurt Maiwald, einen Ort in der Nähe Rigas zu finden, der geeignet wäre, um ein großes Lager für aus dem Reichsgebiet (inklusive Österreich und Tschechien) deportierte Juden zu errichten. Sie nahmen ein Flugzeug und fanden einen Ort südlich von Riga, an der Bahnstrecke nach Daugavpils, ganz in der Nähe des Daugava-Ufers und des Waldes Rumbula: Ein freies Gelände nahe der Ortschaft Salaspils.2

Die SD-Führung beauftragte lettische Ingenieure mit der Bauleitung. Sie begannen gemeinsam mit lettischen Handwerkern und sowjetischen Kriegsgefangenen hölzerne Baracken zu errichten.3 Auch die Beschaffung von Baumstämmen über die Daugava und deren Bearbeitung am Ufer gehörten zu den Aufgaben der Bautruppen.

Ab Dezember wurden die Kriegsgefangenen durch jüdische Männer zwischen 16 und 50 Jahren ausgetauscht. Sie waren mit den Transporten aus Wien, Stuttgart, Köln, Düsseldorf und anderen Städten des Reichsgebiets im Rigaer Getto oder im benachbarten Lager Jungfernhof angekommen und von SS-Leitern als Bauarbeiter ausgewählt worden. Ihnen wurde gesagt, dass sie Wohnungen für sich und ihre Angehörigen bauen würden – eine der üblichen falschen Beschwichtungen der Nazi-Aufseher.

Bauarbeiter beschaffen Holz für Lager Salaspils

Jüdische Häftlinge beschaffen Baumaterial für das Lager Salaspils, Foto: Bundesarchiv, Bild 101III-Duerr-056-04A / Dürr / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

Bis Mitte 1942 mussten etwa 1500 bis 1800 jüdische Männer die Baracken bauen, nach Recherchen der Autoren starben wahrscheinlich mehr als 1.000 von ihnen, denn die Arbeitsbedingungen waren erbarmungslos. Der Überlebende Josef Katz erinnerte sich daran, dass er im außergewöhnlich kalten Winter 41/42 in einer Baracke untergebracht wurde, die noch kein Dach und kein Glas in den Fenstern hatte.4

Für die Fundamente mussten die Zwangsarbeiter Feuer legen, um den gefrorenen Boden aufzuweichen. Am Anfang wurde das Bauholz noch mit Pferden herangeschafft, später mussten die Gefangenen diese Kärrnerarbeit selbst verrichten. Neben Kälte und Arbeitsstrapazen bedingten die hohe Sterblichkeit auch schlechte hygienische Zustände, ungeeignete Kleidung, mangelhafte medizinische Versorgung und schlechtes Essen. Schätzungen schwanken von 10 bis 12 bis zu – wahrscheinlich übertriebenen - Hunderten von Toten täglich.5

Hinzu kamen martialische Strafen.6 Wer in den Augen der deutschen Lagerwächter schlecht arbeitete, wurde durchgepeitscht, wer einen Diebstahl beging oder einen Fluchtversuch unternahm, wurde erschossen oder erhängt. Die übrigen Gefangenen zwang man, sich die Exekutionen anzusehen. Der Überlebende A. Elerts erinnerte sich daran, wie Kommandant Kurt Krause über einen jüdischen Arzt lachte, als diesem ein Wachhund ins Bein gebissen hatte. Er und sein Kollege wurden später erschossen. Die beiden, die mit einer halbierten Essensration auskommen mussten, hatten unerlaubt von mitgefangenen Patienten Lebensmittel angenommen.

Die meisten fielen aber den unmenschlichen Arbeitsbedingungen und den unhygienischen Zuständen zum Opfer, die Zahl der Exekutierten blieb nach Einschätzung der Autoren unter 100. Jüdische Gefangene waren eine abgesonderte Gruppe im Lager, die von deutschen SD-Männern bewacht wurden. Im Sommer 1942 mussten die meisten jüdischen Arbeiter ins Getto zurück, aus dem sie dann in KZ oder Vernichtungslager verfrachtet wurden.

Auf 30,2 Hektar war in Salaspils ein Lagerareal in typisch rechteckiger Form entstanden mit 57 Baracken für verschiedene Gefangenengruppen, Wohnraumbaracken für das Wachpersonal, Umzäunung, Wachtürmen, einem Wasserturm, Gärtnerei, Werkstätten, Ställen, Sirenen, Beleuchtung, Suchscheinwerfern und MG-Posten.7 Als Internierungslager für Juden hatte es nach der Fertigstellung weitgehend ausgedient – die lettischen Juden waren bereits Massenerschießungen zum Opfer gefallen und die aus dem Reich deportierten Juden wurden ins Rigaer Getto gepfercht. Doch die Deutschen hatten weitere Gruppen zum Feind bestimmt, so dass Salaspils in Betrieb blieb.

Halbfertige Lagerbaracke in Salaspils

Halbfertige Lagerbaracke in Salaspils, Foto: Bundesarchiv, Bild 101III-Duerr-053-30 / Dürr / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

2. Etappe: Lager für politische Gefangene8

Nun nahmen die Lagerleiter Gefangene u.a. aus dem überfüllten Rigaer Zentralgefängnis auf, unter ihnen sogenannte „Arbeitsverweigerer“ sowie Roma, Prostituierte, Homosexuelle, aber vor allem über 6.000 politische Gefangene, Befehlsverweigerer, Saboteure und Widerstandskämpfer und solche, die fälschlich denunziert worden waren. Die meisten von ihnen wurden der Kollaboration mit den vormaligen bolschewistischen Machthabern bezichtigt.

Im Frühjahr 43 planten internierte Antifaschisten einen Sprengstoffanschlag, um aus dem Lager zu fliehen. Doch ihre Pläne wurden verraten, 31 von ihnen exekutiert9. Fluchtversuche bestrafte die Lagerleitung stets mit dem Tod, manchmal ließen sie sogar Kranke erschießen, eine Exekution ersparte die medizinische Pflege. Medikamente waren ohnehin nicht vorhanden. Im Gegensatz zu sowjetischen Darstellungen sind die lettischen Historiker der Auffassung, dass Gefangene, die in Salaspils interniert waren, längst nicht alle überzeugte Bolschewisten waren.

Die sowjetische Geschichtsschreibung verschwieg, dass etwa 100 Angehörige des nationalen lettischen Widerstands zu den Inhaftierten zählten, Jugendliche, Studenten sowie Mitglieder des Lettischen Zentralrats, die für ein unabhängiges Lettland kämpften.10 Manche national gesinnte Letten hatten den deutschen Betrug durchschaut: Die neuen Besatzer hatten nicht, wie sie propagiert hatten, die Wiederherstellung lettischer Souveränität im Sinn. Letten, die die Kollaboration mit ihnen verweigerten, sich beispielsweise nicht für die Lettische Legion rekrutieren ließen, riskierten eine Internierung in Salaspils.

Häftlingsarbeit in einer Baracke

Häftlingsarbeit im Innenraum, Foto: Bundesarchiv, Bild 101III-Duerr-054-27A / Dürr / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

Andererseits bot die Bereitschaft, in der von der SS aufgestellten Lettischen Legion gegen den Bolschewismus zu kämpfen, die Aussicht, dem Lager zu entkommen. Rudolfs Bangerskis, Generalinspekteur der Lettischen Legion, bat am 30. April 1943 SS-Obersturmbannführer Friedrich Jeckeln, 14 national gesinnte Letten aus Salaspils zu entlassen, damit sie Soldaten seiner Truppe werden.11 Lettische Nationalisten hatten den Vorteil, dass sich unter dem Wachpersonal Landsleute befanden, Mitglieder des berüchtigten Arajs-Kommandos, die ihnen wohlgesinnt waren. Auch die deutschen Oberaufseher behandelten sie etwas besser als andere politische Gefangene.12

Dennoch mussten auch die internierten Letten den Tod fürchten. 2.000 politische Gefangene, unter ihnen 44 lettische Nationalisten bzw. Kämpfer für ein unabhängiges Lettland, wurden Ende 1943 nach Stutthoff oder in andere KZ überführt, die meisten von ihnen starben an den unmenschlichen Bedingungen des Lageralltags. Überlebende berichteten, dass die Verhältnisse in Stutthoff oder in den KZ des Reichsgebiets deutlich schlimmer als in Salaspils gewesen seien, Stutthoff wurde im Vergleich zu Salaspils als „Hölle“ bezeichnet.13 Nach Kriegsende bestraften die sowjetischen Machthaber die lettischen Nationalisten, die die deutschen Lager überlebt hatten, abermals.

Frauen des lettischen oder antifaschistischen Widerstands waren in Salaspils in eigenen Baracken interniert, manche wurden nur deshalb eingesperrt, weil ihre Ehepartner der Roten Armee angehörten.14 Während Männer sechs Tage in der Woche in den Lagerwerkstätten für die Deutschen produzierten und reparierten oder außerhalb im benachbarten Steinbruch, im Torfgebiet und am Bau eines Flugplatzes arbeiteten, mussten sie Textilien ermorderter Juden aufbereiten oder per Hand Wäsche ohne Seife säubern. Sie erwartete das gleiche Schicksal wie ihre männlichen Leidensgefährten, endeten ebenfalls in deutschen KZ.

Miishandlung eines Häftlings

Häftlingsmisshandlung im Lager Salaspils, Foto: Bundesarchiv, Bild 101III-Duerr-054-13A / Dürr / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

3. Etappe: Salaspils als Transitlager15

Im Frühjahr und Sommer 1943 führte Jeckeln die Partisanenbekämpfung in Weißrussland und Lettgallen an. Die Deutschen wollten ein menschenleeres Gebiet schaffen, wo Partisanendörfer niedergebrannt und Bewohner, auch unbeteiligte Zivilisten, getötet oder deportiert wurden.16 Die Nazis benannten solche Aktionen mit ihrem üblichen Zynismus „Winterzauber“ oder „Sommerreise“. Die Operationen, an denen sich lettische Polizeibataillone beteiligten, wurden vom Nürnberger Tribunal als Kriegsverbrechen eingestuft. Die Buchautoren ermittelten, dass im Rahmen dieser und weiterer Aktionen insgesamt 11.735 Menschen17 vorübergehend nach Salaspils kamen, von dort aus deportierte man sie nach einer medizinischen Untersuchung weiter in KZ, wo sie Zwangsarbeit verrichten sollten.

Aus den verbrannten Dörfern kamen mehr als 3.000 Kinder nach Salaspils, wo sie von den Eltern getrennt wurden. Einige hundert starben wegen mangelhafter Ernährung und fehlenden Medikamenten. Das Lager war auf Kinder und Säuglinge nicht vorbereitet, die Lagerleiter übergaben manche von ihnen Bauern oder Pflegefamilien. Andere wurden zur Zwangsarbeit weiter deportiert.

Ansicht des Lagers Salaspils

Lageransicht, Foto: Bundesarchiv, Bild 101III-Duerr-056-09A / Dürr / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

Die Historiker zitieren die Erinnerungen der Weißrussin Taisija Hlamenoka, die als Kind in Salaspils Folgendes erleben musste: „Den Frauen gab man eine Minute, um sich von ihren Kindern zu verabschieden. Dann stellte man sie in eine Reihe und führte sie aus der Baracke. Irgendwann begannen dort die Kinder zu jammern und zu weinen, das schien gar nicht mehr aufzuhören. Als der Morgen dämmerte, begann man die Frauen auf Lastwagen zu setzen. Die Kinder stürzten zu den Fenstern und versuchten herauszuspringen. Ich sah, wie man meine Mama abführte.“ und weiter: „In der Baracke setzte sich der Schrecken fort. Die schreienden und weinenden Kinder, die sich aus Verzweiflung von der hohen Pritsche auf den Boden warfen, kamen unter die Aufsicht bewaffneter Wärter,“ und: „Säuglinge starben ununterbrochen. Uns starben auch die Kinder auf den Armen, um die ich mich mit Freundinnen gekümmert hatte. Auch ältere Kinder starben. Ich sah, wie ihre Leichen morgens von der Pritsche geschleppt und in eine Ecke geworfen wurden.“18

Im Lager Salaspils sah Taisija ihre Mutter Jefrosinija zum letzten Mal. Sie wurde ins Vernichtungslager Treblinka deportiert. Taisija kam in eine Pflegefamilie und emigrierte nach dem Krieg in die USA. Das Schicksal der Kinder im Lager Salaspils war also fürchterlich genug. Doch für sowjetische Geschichtsbücher reichte das noch nicht, in ihnen ist von massenhafter Blutentnahme, die an Säuglingen vorgenommen worden seien und 7000 getöteten Kindern die Rede. Über diese und andere propagandistische Behauptungen sowie über einen Kommentar zur lettischen Salaspils-Forschung, der auf der russischen Sputnik-Webseite verbreitet wird, lesen Sie mehr im nächsten Teil.

PS: Eine Leserin kritisierte, dass in diesem Text die Darstellung der letzten Phase des Lagers fehlt, als die gleichsam kriminellen wie feigen deutschen Nazis jüdische Häftlinge dazu zwangen, Leichen auszugraben und zu verbrennen, um Spuren zu beseitigen. Danach wurden sie selbst erschossen. Selbstverständlich wird auch das im Buch dargestellt. Doch nach mehreren Wochen Beschäftigung mit Holocaust, Massenerschießungen und Polizeibataillonen benötigt der Autor dieser Zeilen mal eine Auszeit vom Thema und wird dieses Kapitel später nachliefern.

Link zum 1. Teil:

Lettische Historiker recherchierten über das Lager Salaspils: Teil 1: Der Streit um historische Quellen und Bezeichnungen

Link zum 3. Teil:

Lettische Historiker recherchierten über das Lager Salaspils: Teil 3: Lettisch-russischer Streit um Fakten und Deutungen

 

Quellenangaben:

1Kangeris, S. 94ff und S. 127 ff.

2Kangeris, S. 95

3Kangeris, S. 103ff.

4Kangeris, S. 99

5Kangeris, S. 100

6Kangeris, S. 194

7Kangeris, S. 103

8Kangeris, S. 130ff.

9Kangeris, S. 156f.

10Kangeris, S. 138ff.

11Kangeris, S. 142

12Kangeris, S. 144f.

13Kangeris, S. 192

14Kangeris, S. 159ff.

15Kangeris, S. 208

16Kangeris, S. 215ff.

17Kangeris, S. 203

18Kangeris, S. 230

 

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