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Münster, 24.4.2019
Lettische Historiker recherchierten über das Lager Salaspils: Teil 3: Lettisch-russischer Streit um Fakten und Deutungen PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 26. Januar 2019 um 00:00 Uhr

„Versuch, nazistische Schandtaten zu verhehlen“

Figuren der Gedenkstätte SalaspilsAus sowjetischen Quellen stammt die Zahl von 100.000 Opfern, die in Salaspils getötet worden seien1. Die lettischen Historiker Kangeris, Neiburgs und Viksne ermittelten nur knapp ein Viertel als Gesamtzahl der Inhaftierten, von denen einige überlebten, zumindest die Zwischenstation in Salaspils. Man kennt die Gefahr der Verringerung bei diesem Thema aus rechtsradikalen Kreisen. Solche ziehen die Zahlen des Holocausts prinzipiell in Zweifel, sie leugnen sogar schlechthin, dass der industrielle Massenmord an Juden und anderen dem Regime nicht genehmen Gruppen erfolgt ist, eine Behauptung, die in Deutschland legitimerweise unter Strafe steht. Deshalb soll hier herausgestellt werden, dass in der Salaspils-Forschung des lettischen Autorentrios keine rechtsradikalen Bestrebungen zu entdecken sind. Die nationalsozialistischen Verbrechen (inklusive ihrer lettischen Beteiligung) werden weder verharmlost noch verleugnet. An keiner Stelle erhält der Leser den Eindruck, dass etwas aus lettischer Perspektive beschwichtigt oder geschönt werden soll, die Autoren bemühen sich um wissenschaftliche Aufklärung, gestehen auch ein, wo sie auf Recherchegrenzen stoßen, dort, wo geeignete Daten und Dokumente fehlen.2 Die deutschen Besatzer hatten die Akten des Lagers Salaspils bei ihrem Rückzug aus Lettland vernichtet.3 Dennoch gelang es den Historikern, durch zahlreiche Dokumentenfunde vieles zu erhellen. Sie zweifelten dabei Zahlen und Greueltaten an, die sich in den Berichten der Außerordentlichen Kommission von 1944 finden und die aus Sicht der Autoren zu Propagandazwecken benutzt wurden. Bis heute bleibt beim Thema Salaspils die Trennung von Fakten und Fake-Daten unscharf, die Vermischung ist nützlich, wenn sie dem eigenen nationalen Narrativ entspricht. Das verdeutlicht eine Rezension auf der lettischsprachigen Webseite des russischen Nachrichtenmagazins Sputnik, die zu diesem Buch erschienen ist. Unterschiedliche Geschichtsdeutungen sind ein wichtiger Grund dafür, weshalb das lettisch-russische Verhältnis bis heute angespannt ist.


Figuren der Gedenkstätte Salaspils, Foto: Neaizsargāts darbs, Saite

 

Sowjetische und russische Geschichtsschreibung über Salaspils

Kangeris, Neiburgs und Viksne widmen der „sowjetischen und heutigen russischen Historiographie“ über Salaspils ein eigenes Kapitel4. Das hinterlässt folgenden Eindruck: Die Geschichtsschreiber des heutigen Russland, das sich doch in vieler Hinsicht von der Sowjetunion unterscheidet, haben dennoch deren mehr bolschewistisches als antifaschistisches Narrativ übernommen, das propagandistisch durchsetzt ist, nur teilweise den historischen Fakten gerecht wird. Die lettischen Historiker stellen viele Daten und Berichte der Außerordentlichen Kommissionen (AK) in Frage, die laut Beschluss des Präsidiums des Obersten Sowjets vom 2. November 1942 die faschistischen Verbrechen und jene ihrer Mitläufer in der gesamten Sowjetunion ermitteln sollten.

Eine solche AK bildeten bolschewistische Funktionäre im August 1944, also nach der Rückeroberung der baltischen Territorien, auch in Lettland. In den einzelnen lettischen Gemeinden gründeten sich AK-Untergruppen mit insgesamt etwa 50.000 Ermittlern, einer beachtlichen Zahl. Dennoch lieferten sie nach Ansicht der Historiker zum Teil unglaubwürdige und widersprüchliche Ergebnisse. Auch wenn die Buchautoren keine schriftlichen Anweisungen fanden, scheint es doch so, dass die damaligen Ermittler eine ideologische Aufgabe erfüllten und die Greueltaten des Feindes übertreiben sollten - ein geläufiges Mittel der Kriegspropaganda.

Kangeris, Neiburgs und Viksne beschreiben, dass für die bolschewistische Führung solche verzerrten und übertriebenen Darstellungen nach Kriegsende nützlich blieben. Diesem Zweck diente u.a. die Errichtung der Gedenkstätte Salaspils: „Die Geschichte des Lagers Salaspils und das Gedenken an die Opfer wurde erst Ende der 50er und am Beginn der 60er Jahre aktuell, als beschlossen wurde, auch in Salaspils eine Gedenkstätte zu errichten. Deren Gestaltung folgte im vollen Umfang der `Tauwetterpolitik` des Ersten Sekretärs des Zentralkomitees der KP der UdSSR, Nikita Chruschtschow, die einerseits auf offizieller Ebene die Aufdeckung und Bestrafung stalinistischer Verbrechen vorsah, doch andererseits nach Möglichkeiten suchte, sich von der allgegenwärtigen Präsenz der vorhergehenden Epoche zu befreien.

Um die `Einigkeit und Verdienste des Sowjetvolks im Großen Vaterländischen Krieg` zu betonen, wurde in der gesamten UdSSR mit der massenweisen Errichtung von Ehrenfriedhöfen und Gedenkstätten begonnen. Wesentlich war zudem, innerhalb breiterer Bevölkerungsschichten von stalinistischen Verbrechen abzulenken, statt dessen die Nazi-Untaten hervorzuheben. Auch die Kampagne gegen `bourgeoise Nationalisten` wurde verstärkt, deren Ziel es war, lettische Exilgemeinden zu diskreditieren, indem man sie der Zusammenarbeit mit Nazis beschuldigte und dagegen die Rolle der einheimischen Bevölkerung bei den Verbrechen der deutschen Besatzungsmacht betonte.“5

So lässt sich das gleichgültige Achselzucken der Letten begreifen, wenn ihnen deutsche Touristen begegnen, die mit betroffenem Gesicht erklären, dass jetzt Salaspils auf dem Programm steht. In Lettland ist die Gedenkstätte und die Art ihrer Gestaltung eine Erinnerung an sowjetische und antilettische Propaganda. In diese wurde manch Fiktionales in die tatsächlichen historischen Greueltaten gemengt. So verwandelte sich in der Propagandaliteratur der Sowjetzeit das „Erweiterte Polizeigefängnis und Arbeitserziehungslager“ Salaspils in ein „Todeslager“6 mit Gaskammern7, in dem neben den tatsächlichen Kriegsverbrechen sich äußerst perverse Greueltaten zutrugen, besonders an Kindern und Säuglingen.

Das Historikertrio prüfte Zeugenaussagen der Außerordentlichen Kommission, nach denen in Salaspils 7.000 Kinder deshalb starben, weil die Lagerärzte und Sanitäter ihnen zuvor massenweise Blut abgenommen oder Experimente durchgeführt hätten.8 Nur in den Dokumenten der sowjetischen Kommission ließen sich solche Aussagen finden, in anderen Archivfunden entdeckte das Team keine derartigen Hinweise.

Die Zeugenaussagen basieren wie im Falle einer Sanitäterin oft auf Hörensagen. Die Historiker schildern und zitieren u.a. ihre Aussage. Ihrer altgläubigen Gemeinde waren todkranke Kinder und Säuglinge aus Salaspils übergeben worden, die nun in der Kirche betreut wurden. Einige waren nicht mehr zu retten. Ihre Körper waren aufgedunsen und zeigten sonderbare Leichenflecken. Die Sanitäterin vermutete eine Vergiftung und befragte Frauen, die die Kinder aus dem Lager hergebracht hatten und auch die Kinder selbst. Sie erfuhr von Deutschen im Lager, die den Kindern eine dunkelgelbe Flüssigkeit injiziert hätten, danach seien sie schnell gestorben. Ob dies ein Experiment war oder eine Urininjektion, die als – äußerst fragliche - letzte Therapie bei einer Ruhr-Erkrankung eingesetzt wurde, denn Medikamente fehlten, bleibt fragwürdig und ungeklärt.

Ähnlich widersprüchlich erwiesen sich für die Historiker die Zeugenaussagen zur massenhaften Blutentnahme an Kindern und Säuglingen. Ärzte untersuchten 1945 sieben in Salaspils erkrankte Jungen und Mädchen und stellten in ihrer Anamnese fest, dass ihnen mehrmals Blut entnommen worden sei. Das habe sich schlecht auf ihre Gesundheit ausgewirkt. Ein Zeuge gab zu Protokoll, dass täglich drei oder vier Kinder zur Blutentnahme abgeführt worden seien. Ungeklärt bleibt, ob die deutschen Lagerleiter tatsächlich von Kindern Blutkonserven gewinnen wollten – die Historiker bezweifeln dies, weil im Krieg die Lagerung von Blut zu aufwändig gewesen sei. Verletzte Soldaten habe man mit Direkttransfusionen von den Kameraden versorgt. Glaubwürdiger scheint ihnen die Hypothese, dass die Kinder wegen der schlechten hygienischen Zustände und fehlender Medikamente an Seuchen starben und Blut nur entnommen wurde, um es zu diagnostizieren. Als ähnlich zweifelhaft stufen Kangeris, Neiburgs und Viksne die Zahl der gestorbenen Kinder ein, 7.000, die durch Arsen vergiftet worden seien. Bereits die Gesamtzahl der in Salaspils eingelieferten Kinder betrug nach ihren Recherchen nicht einmal die Hälfte.

Aber diese vagen Indizien ließen sich nutzen, um die „blutigen Verbrechen der faschistischen Angreifer“ zu beschreiben, die Greueltaten der deutschen Besatzer allen Einwohnern offenzulegen, um „in den Massen den Hass auf die Feinde anzuheizen,“ wie Lettlands Erster KP-Sekretär des Zentralkomitees, Janis Kalnberzins, im Sinn hatte9. So entstand sowjetische Literatur zum Thema Salaspils mit Titeln wie „Blutfabrik“10. Die historisch ermittelbaren Greueltaten begannen sich mit erfundenen zu mischen.

 

Mit Propaganda gegen angebliche Propaganda

Es ist zu wohlfeil, russische Medien wie Russia Today oder eben Sputnik pauschal der Propaganda zu bezichtigen. Zuweilen erfährt der westliche Internetnutzer durch sie recht Interessantes, beispielsweise über Massenproteste in Südeuropa, die in deutschen Nachrichtenmagazinen nur am Rande erwähnt werden. Außerdem kann man auf russischen Webportalen Einschätzungen und Meinungen von Experten vernehmen, sinnigen wie unsinnigen, die deutschen „Leitmedien“ zu heikel und zu abseits von den gewünschten deutschen und westlichen Diskursen sind.

Doch mit der Sputnik-Rezension zu diesem Salaspils-Buch, der auf der lettischen Ausgabe des Portals erschienen ist, machen die verantwortlichen Redakteure es ihren Gegnern leicht. Schon der spöttische Titel des Artikels verstört, wenn man gerade das im wissenschaftlichen Stil gehaltene Sachbuch gelesen hat: „Glückliches Konzentrationslager. Für Kinder wurde was geleistet – Sie kamen nach Salaspils.“11

Kommentator Jevgenijs Leskovskis ist der Ansicht, dass die lettischen Historiker „für ihre Lügen öffentliche Prügel“ verdienten. Er empört sich darüber, dass ihre Forschung als „prätenziöses und offen propagandistisches Buch“ in Schulen, Hochschulen und Behörden und an Gästen der Stadt Salaspils verteilt wird. Die Vorwürfe gipfeln in der Behauptung: „Doch im Wesentlichen ist dieses Buch der wiederholte Versuch, nazistische Schandtaten zu verhehlen, um das Hitler-Regime zu idealisieren und zu rehabilitieren.“

Man fragt sich, welches Buch Leskovskis gelesen hat. Wer kein Salaspils-Experte ist, kann nicht jeden Einwand des Sputnik-Rezensenten infrage stellen. Seiner Ansicht nach habe das Autorentrio „unpassende“ Dokumente ignoriert, was sich ohne eigene Expertenkenntnisse nicht überprüfen lässt. Doch die Art und der Stil, wie er die Forschungsarbeit als Propaganda verreißt, macht seine Argumentation unglaubwürdig. Mindestens eine seiner Behauptungen kann auch der Laie nach eigener Lektüre des Buchs widerlegen.

Als Wissenschaftler wissen Kangeris, Neiburgs und Veiksne, dass Thesen nur so lange stimmen, bis sie falsifiziert sind und sie argumentieren entsprechend vorsichtig, benennen offen, was sie nicht belegen können. Leskovskis bemängelt, dass sie sich auf Aussagen lettischer Lagervorsteher und Kollaborateure beziehen: „Die wichtigsten Schlüsse ziehen die Autoren aus den Erinnerungen der damaligen Angestellten des Konzentrationslagers: Lagervorsteher Arturs Neparts, Feldscher Salkovics und Aufseher Riekstins, doch sie ignorieren vollständig die Aussagen von Dutzenden Lagerhäftlingen, die überlebt hatten, und die umfassenden Materialien des Republikanischen Außerordentlichen Komitees, das gleich nach dem Krieg die nazistischen Greueltaten untersuchte. Diese Daten werden einfach wegen eines großartigen Einwands halber verworfen: Das sei `sowjetische Propaganda`. Nun ist die offizielle Meinung über Salaspils` Todeslager jene: es sei nur ein `erweitertes Polizeigefängnis und Arbeitserziehungslager` gewesen.“

Die lettischen Historiker haben die Dokumente der Außerordentlichen Kommission aber keineswegs ignoriert, sondern lediglich kritisch geprüft und infrage gestellt. Sie zitieren auch Zeugenaussagen aus den Dokumenten der Kommission. Die Reaktion Leskovskis`, die polemisch ist, verdeutlicht den Riss, der zwischen der Geschichtsdeutung Russlands und jener seiner westlichen Nachbarn immer noch besteht. Das belastet die internationalen Beziehungen bis in die Gegenwart. Für eine aufrichtig antifaschistische und wissenschaftlich fundierte Arbeit, die in Lettland tatsächlich notwendig wäre (das Wort „Antifaschismus“ behielt hier aus sowjetischer Zeit seinen propagandistischen Klang) leistet, um in diesem Zusammenhang im Hauptsatz das Wort „Bärendienst“ zu vermeiden, dieser Sputnik-Artikel einen eher kontraproduktiven Beitrag.

 

Link zum 1. Teil:

Lettische Historiker recherchierten über das Lager Salaspils: Teil 1: Der Streit um historische Quellen und Bezeichnungen

Link zum 2. Teil:

Lettische Historiker recherchierten über das Lager Salaspils: Teil 2: Die verschiedenen Etappen

 

Quellenangaben:

1Kangeris, S. 12

2Kangeris, S. 27

3Kangeris, S. 21

4Kangeris, S. 50

5Kangeris, S. 11

6Kangeris, S. 13

7Kangeris, S. 201ff.

8Kangeris, S. 228ff.

9Kangeris, S. 247

10Kangeris, S. 51

 

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