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Münster, 24.4.2019
Lettische Kunstausstellungen im Februar 2019 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 02. Februar 2019 um 00:00 Uhr

Boris Luries "NO!art" – Keine Kunst ist auch eine Kunst

Lurie Boris Lurie machte seine Jugend, in der er den Holocaust überlebte, zum Rebell, das heißt: zum politisch provokativen Künstler, der in New York die NO!art-Bewegung gründete. Mit Ausstellungen wie „NO! Show“ erinnerte er die Konsumgesellschaft an die begangene Barbarei und inspirierte Gesinnungsgefährten, unter ihnen Wolf Vostell. Das internationale Kunstmuseum Rigas Börse zeigt nun die provokativen Arbeiten dieser Antikünstler, die gerade wegen ihres „No“ zur Kunst Künstler blieben. Sarah Cooper und Nina Gorfer begaben sich in den hohen Norden, um abzulichten, wie man in entlegenen und unwirtlichen Gebieten textile Kunst schafft. Olgerts Krauklis gehört zu den Architekten, die auch gute Maler sind. Hier die Zusammenfassung von PR-Texten lettischer Kunstmuseen für den Monat Februar.

 

Boris Lurie: Spüren eines schwarz und rot aufgezeichneten "No", 1963, Foto: ©Boris Lurie Art Foundation, LNMM

 

Riga: Boris Lurie und NO!art

Museum für internationale Kunst Rigas Börse, Doma laukums 6, Riga, Atrium, Großer Saal, Parterre, bis 10.3.2019

Der PR-Text zur Ausstellung ist mit einer außergewöhnlichen Warnung verbunden, die die Besucherzahlen noch steigern könnte: „Warnung: Die in der Ausstellung zu sehenden Kunstwerke enthalten Motive der Gewalt und sexuellen Charakters“. Wie dem auch sei, das Thema ist aufrührerischer und nonkonformistischer Art. Boris Lurie wurde 1924 in Leningrad geboren und wuchs in Riga auf. Als die Deutschen 1941 Lettland eroberten, musste er mit den Verwandten ins Rigaer Getto ziehen. Seine Schwester, Mutter und Großmutter sowie seine Jugendliebe fielen den Massenerschießungen in Rumbula zum Opfer. Er selbst und sein Vater überlebten in Arbeitskommandos und überstanden die NS-Lager Kaiserwald, Salaspils, Lenta* und dann noch die KZ Stutthoff und Buchenwald. 1946 emigrierte er mit seinem Vater nach New York, wo er Mitbegründer der NO!art-Bewegung wurde. Sie wandte sich gegen abstrakten Expressionismus, war politisch und provokativ. Luries Kunst war von seinen Erlebnissen geprägt, er mischte in seinen Collagen Krieg und Holocaustgreuel mit Reklamebildern und pornographischen Szenen. Er und seine NO!art-Mitstreiter sahen sich Anfang der 60er Jahre als Kritiker der Konsumgesellschaft, der Kommerzialisierung und der modernen Zivilisation schlechthin. Lurie veranstaltete gemeinsam mit Sam Goodman und Stanley Fisher in der alternativen March-Galerie brisante politische und sozialkritische Ausstellungen. Ab 1963 arbeitete Lurie mit der Schriftstellerin Gertrude Stein zusammen. Sie gründeten eine neue Galerie, in der u.a. die Ausstellungen „NO! Show“ und „NO!Sculpture (Shit) Show” stattfanden. Während seiner NO!art-Zeit traf Lurie eine Reihe von Gesinnungsgefährten, die international bekannt wurden, unter ihnen auch den Fluxus-Künstler Wolf Vostell. Luries „No, no, no“ zu Konformismus und Materialismus hat von seiner Aktualität nichts eingebüßt. Kuratorin Ivonna Veiherte zitiert eine Frage Luries, die er anlässlich seiner Ausstellung „Beteiligung“ im Jahre 1961 stellte: „Neue Grenzen … alte Grenzen. Ist es wirklich so, dass ein einziger Mensch die Welt erwecken kann?“ Für Veiherte bleibt dies die Grundfrage auch in dieser Ausstellung des Jahres 2019. Übrigens: Die NO!art-Bewegung hat eine deutschsprachige Webseite: text.no-art.info.

*Lurie war als Insasse des Lagers Lenta Auskunftgeber für Anita Kuglers umfassende historische Dokumentation über dieses Lager und dessen Leiter Scherwitz.

Luries Werkstätte

Boris Lurie in der Werkstatt, Foto: Sam Goodman, ©Boris Lurie Art Foundation, LNMM

PS: In der Ausstellung ist der Film „The NO! Artists Boris Lurie SHOAH and PIN-UPs“ zu sehen. Das Filmteam um Reinhild Dettmer-Finke und Matthias Reichelt hatte Jurie 2006 in New York besucht, in seinem unkonventionellen Haus, das gleichzeitig seine Werkstätte war, kurz vor seinem Tod. Jurie, der in Riga ein deutsches Gymnasium besucht hatte, erzählte seine Lebensgeschichte und seine Beziehung zur Kunst auf deutsch. Nicht nur der Tod seiner Jugendliebe in Rumbula, sondern auch ein Hilfspolizist, der sich in Liepaja zumindest als Bewacher auf den Horrorgebieten befand, wo die Massenerschießungen erfolgten, inspirierten ihn, auf provokative Weise, Porn Art und Holocaust zu verbinden. Der Hilfspolizist hatte junge jüdische Frauen, die sich vor ihrer Erschießung ausziehen mussten, für private Zwecke nackt fotografiert. Als Lurie in die USA kam, identifizierte er sich zunächst mit dem Land seiner Befreier, doch seine Kritik am „american way of life“ wuchs. Er und seine GesinnungsgefährtInnen entwickelten eine Aversion gegen Popart-Kultur, die Konservendosen zur Kunst erklärte und damit ein affirmatives Verhältnis zum Kommerz zum Ausdruck brachte. „NO!art“ wollte das Gegenteil darstellen, ließ sich nicht vereinnahmen, diente sich nicht den höheren Schichten an und ließ sich nicht glätten. NO!art thematisierte nicht nur den Holocaust, sondern auch die US-Angriffe auf Vietnam und Irak, sowie den CIA-Mord an den demokratisch gewählten kongolesischen Premier Patrice Lumumba, den die USA 1960 in einem Putsch durch den Diktator Joseph Mobutu ersetzen ließen. Lurie finanzierte sein wenig luxuriöses Leben als Kleinaktionär und bekannte dazu, dass er mit der Maus sympathisiere, aber die Katze füttere.

Riga: Sarah Cooper, Nina Gorfer: The Weather Diaries

Museum für dekorative Kunst und Design, Großer Saal, Skarnu iela 10, Riga, 7.2.-31.3.2019, Eröffnung 6.2.2019 um 17 Uhr

Die US-Amerikanerin Cooper und die Österreicherin Gorfer leben in Berlin und Göteborg. Für zwei Jahre machten sie sich auf, um Modemacher und Designerinnen vor Ort zu besuchen: In Grönland, Island und auf den Faröer-Inseln. Sie wollten die Kunst- und Kulturschaffenden vor Ort besuchen, herausfinden, welchen Einfluss Natur, Kultur und Tradition auf ihre Arbeit haben. Sie hielten das Wahrgenommene mit der Kamera fest, fertigten speziell bearbeitete Porträts an, die auf den ersten Blick wie die Ölgemälde alter Meister erscheinen, auf den zweiten offenbaren, dass die beiden Künstlerinnen beabsichtigten, die Kreativen in ihrer sie prägenden Umwelt darzustellen oder auch das Milieu pur abzubilden: „Manche Bilder in der Ausstellung sind völlig ohne Menschen, solchermaßen die nordatlantische Naturlandschaft mit ihrer endlosen Weite und ihren nicht vorhersehbaren Wetterumständen betonend,“ erläutert Gorfer und ihre Kollegin ergänzt: „Wir spürten die Macht der Natur. Sie hinterlässt einen Eindruck sogar dann, wenn man nur Tourist ist. Und gewiss hat es einen unbezweifelbaren Einfluss darauf, wo man lebt und aufwächst. Für dieses Schaffen, das sich in solchen Teilen der Welt findet, bedarf es einer eigenartigen Wildheit und Furchtlosigkeit.“ Cooper und Gorfer arbeiten seit 2006 zusammen und sie gestalteten Fotoprojekte, Bildbände und Ausstellungen in der ganzen Welt. „The Weather Diaries“ wurde schon 2014 im Frankfurter Museum für angewandte Kunst präsentiert und war seitdem als Wanderausstellung in mehreren Ländern zu sehen.

Gofers, Methusalemdottir

Foto: Nina Gorfor/ LNMM

Daugavpils: Olgerts Krauklis. Architektur in der Malerei

Mark-Rothko-Zentrum, Daugavpils, 1.2. bis 14.4.2019

Krauklis wurde 1931 als Sohn eines Schauspielerpaars geboren. Er ist vielseitig begabt, beherrscht das Entwerfen von Architektur ebenso wie das Malen und Zeichnen. In Daugavpils kennt man ihn vor allem als Architekt, insbesondere wegen des ehemaligen Kinos „Oktober“. Obwohl er als Maler auch Stillleben und Porträts beherrscht, ist diese Ausstellung seinem speziellen Doppel-Talent gewidmet: Sie zeigt, wie er von Architektur beherrschte Landschaften abbildet.

 

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