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Münster, 24.5.2019
Regisseur Davis Simanis dreht Spielfilm über den lettischen Anarchisten Peter the Painter PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 14. Februar 2019 um 00:00 Uhr

„Die Zeit, in der wir leben, lässt mich häufig über die Ereignisse vor dem Ersten Weltkrieg nachsinnen“

Filmszene Im letzten Jahr sorgte Simanis mit „Tevs Nakts“ (Vater der Nacht) für Aufmerksamkeit. Der Film erzählt das Leben von Zanis Lipke. Der lettische Hafenarbeiter hatte während der deutschen Besatzung 55 jüdische Mitbürger vor den Nazis versteckt (LP: hier). Nun beginnt der Regisseur mit der Verfilmung eines weiteren brisanten Stoffs aus der jüngeren Geschichte: Der Spielfilm „Gads pirms kara“ (Das Jahr vor dem Krieg) setzt die widersprüchliche und gefährliche Situation Europas im Jahr 1913 in Szene. Die Hauptfigur ist eine legendäre lettische Persönlichkeit, der Anarchist Peteris Malderis alias Peter the Painter.

Szene aus dem Film "Gads pirms kara", Foto: Marruciic - Paša darbs, CC BY-SA 4.0, Saite

Das staatliche Nationale Kinozentrum Lettlands wählte Simanis` Projekt im letzten Jahr als förderungswürdig aus (nkc.gov.lv). Für die Dreharbeiten im Winter erhielt das Filmteam den ersten Teilbetrag von 244.600 Euro. Für solches Taschengeld dreht man in Hollywood wohl bestenfalls Pausenfilme. Dennoch ist Simanis bestrebt, eine historisch authentische Szenerie abzulichten. Dabei hilft ihm, dass beispielsweise im Ort Talsi, einer frühen Wirkungsstätte des Revolutionärs, noch viel historische Bausubstanz erhalten ist. So kann sein Team an Originalschauplätzen arbeiten. Ein Tag vor Drehbeginn ließ Simanis Eisblöcke aus dem örtlichen Weiher sägen, um Lebensmittel so zu kühlen, wie es vor dem Ersten Weltkrieg üblich war. Weitere Filmszenen entstehen derzeit in Rigas Altstadt, Plavina, Jaunjelgava und Aizkraukle. Ab Mai werden die Sommerszenen gedreht, Ende 2020 soll die Filmpremiere stattfinden.

Simanis` Motivation, über das Jahr 1913 einen Film zu machen, ist nicht gerade beruhigend, eher verstörend und aufrüttelnd: „Die Zeit, in der wir leben, lässt mich häufig über die Ereignisse vor dem Ersten Weltkrieg nachsinnen, über die Phase vor seinem Beginn, deshalb möchte ich diesen Film auch als Mahnung gestalten, wohin allgemeiner Unverstand führen kann. Das Jahr 1913 ist ein Jahr der Eskalation, als die Menschen jene extreme Beschleunigung sowohl in politischer, künstlerischer als auch romantischer Hinsicht erleben, nicht im geringsten die Katastrophe ahnend, die schon bald die zuvor aufgebaute Welt zerstören wird.“ Im herrschenden Unverstand weist Simanis seiner historischen Figur Peteris Malderis, der als Revolutionär und Anarchist in manchen Kreisen umstritten sein dürfte, eine erstaunliche Hauptrolle zu: „Peteris Malderis ist jener `einzige Mensch unter Verrückten`, der in diesen Sog bizarrer Erscheinungen hineingerissen wird und verzweifelt versucht, seine Menschlichkeit zu bewahren und heil durchzukommen.“

Simanis dürfte Phil Ruffs Buch über Peter the Painter inspiriert haben. Der Brite hatte die Identität und die Biographie des Letten erforscht. Seine Arbeit zeigt, dass der lettische Anarchist sich nicht nur an Raubüberfällen in Großbritannien beteiligte. Zuvor war er in seiner Heimat an den revolutionären Ereignissen von 1905 maßgeblich beteiligt gewesen. Man darf gespannt sein, wie Simanis` Drehbuch Malderis` Lebensgeschichte mit der historischen Entwicklung vor Ausbruch des Weltkriegs verbindet. Übrigens werden im Film Schauspieler auch Lenin, Stalin und Hitler darstellen.

Davis Simanis hat als einziger lettischer Regisseur in seinem Fach promoviert. Er erlernte die Filmkunst an der Lettischen Kulturakademie und der Alto Universität in Helsinki. Seit 2009 dreht er Spielfilme, die auch international auf Interesse stoßen. „Gads pirms kara“ ist eine lettisch-litauisch-tschechische Koproduktion.

 

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