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Münster, 24.4.2019
Lettische Kunstausstellungen im April 2019 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 28. März 2019 um 00:00 Uhr

Frauen als Künstlerinnen, Kuratorinnen und Kunstobjekte

Auza: KraftDer 8. März hallt nach, derzeit füllen die Werke von Künstlerinnen lettische Ausstellungshallen und auch das Frausein wird in Daugavpils thematisiert. Dort stellt man sich die Frage, ob das Image von der Zärtlichkeit der Frau nur männlichen Wunschvorstellungen entsprach. Dass sich Mut und Unangepasstheit mit Empfindlichkeit und Zartgefühl vereinbaren lassen, erweist die Kunst der Malerin Lidija Auza, die sich in der Zeit des sozialistischen Realismus` mit expressivem Malstil behauptete. Für viele, nicht nur für Frauen, sind die guten Plätze innerhalb der Gesellschaft längst vergriffen. Brigita Zelca-Aispure und Kristaps Grundsteins thematisieren den Platzmangel in der eng bestückten Kunsthalle Arsenals und deuten an, dass die Menschheit mit dem Phänomen mangelnder Plätze und Räume nicht nur ein architektonisches Problem hat. Hier die Zusammenfassung aus PR-Texten lettischer Museen für den Monat April.

Lidija Auza: Kraft, Jahreszeiten, 1969, Foto: LNMM

Riga: Lidija Auza – Gleznieciba (Malerei)

Ausstellungshalle Arsenals, Großer Saal, Torna iela 1, Riga, bis 19.5.2019

Dies ist mit über 100 Bildern die erste umfassende Retrospektive der Malerin, die 1989 starb. Sie wurde 1914 im weißrussischen Witebsk geboren, 1919 zog sie mit ihren Eltern nach Lettland. Die junge Lidija wurde Schülerin des Französischen Gymnasiums in Riga, arbeitete bis 1943 als Lehrerin an einer Gewerbeschule. Gleichzeitig studierte sie mit Unterbrechungen an der Lettischen Kunstakademie, die sie bis 1949 absolvierte. Zunächst bildeten Ballettszenen die Motive ihrer Gemälde, die intimen Momente hinter der Bühne vor den Auftritten, die impressionistische Leichtigkeit des Puder- und Staubschimmers innerhalb des Operngebäudes. Die Vermischung von Impressionistischem mit sozialistischem Realismus vermochte die Aufnahmekommission der Lettischen Künstlervereinigung lange nicht zu überzeugen und Auza war selbst mit ihrem Stil unzufrieden.

Die künstlerische Wende erfolgte, als sie 1961 überraschend ihre Schwester Olga in London besuchen durfte. Die Malerin sah sich die Meisterwerke in den Museen und Galerien der britischen Hauptstadt an. Fortan verlor sie die Furcht vor der sowjetischen Zensur und entwickelte sich zur radikalen Expressionistin, die die vorhersehbare Kritik an ihren Arbeiten zu ertragen lernte. In sowjetischer Zeit blieb solcher Kunst der Weg in die Museen und Ausstellungshallen meistens verwehrt. Abstrakter Expressionismus galt als Protest gegen die ideologischen Beschränkungen. Die Bilder blieben in den Ateliers, manchmal wurden sie aber in öffentlichen Räumen gezeigt. So waren im Rathaus und in der Kunstschule von Talsi Auzas Zyklen monumentaler Bilder in Ausstellungen zu sehen, die bis heute als hervorragende Synthese aus Malerei und Architektur betrachtet werden.

Kuratorin Ilze Putnina erläutert, das Auza der rationalen Architektur durch ihren emotionalen Ausdruck zusätzlichen Wert verliehen habe. Sie sei davon überzeugt gewesen, dass man sich mit abstrahierten und dekorativen Formen über die wichtigsten Dinge verständigen könne. Auza ließ sich von Landschaften in eigentümlicher Weise inspirieren. Sie übertrug deren Formen auf andere Inhalte, um in tiefere Schichten des Bewusstseins zu gelangen, was ihren eigenen Unfrieden mit der oberflächlichen Sichtweise der sozialistisch korrekten Kunst offenbarte. Putnina: “Die Künstlerin arbeitet mit einem kraftvollen Zeichensystem, gegen die monotone sowjetische Gleichgültigkeit stellt sie ein mythologisches, in der Volkskultur verwurzeltes geistiges Obdach, die in der Natur betrachtete Landschaft transformiert sich in archetypische Bilder. Die Gestaltung von Freude, Überlegung oder Leiden in den Arbeiten Lidija Auzas erlangt eine universale Dimension. Der impulsiv expressive Stil dieser Malerei, das Können, mit prächtigen und aktiven Farben zu arbeiten, ohne das Raffinement des Kolorierens zu verlieren, der konzentrierte und lakonische Ausdruck des Gedanken ist eine Art, das sich rasch verändernde Empfinden der Welt festzuhalten.” Auzas künstlerische Freiheit erweist sich auch in der speziellen Plastizität ihrer reliefartigen Bilder. Sie mischte die Farben mit Überresten aus Plastik und Metall, Fischernetzen oder Spiegelscherben. So entstanden Arbeiten, die nach Auffassung Putninas dem Betrachter eine unbezähmbare und unvorhersehbare Dichtheit darbieten, welche ihn auf das symbolische Feld der Volksarchetypen führt, Geschichte, Erinnerung und menschliche Werte thematisierend, “welche sich gewöhnlich dramatisch im Widerspruch befinden”.

Lidija Auza, Hexennacht

Lidija Auza, Hexennacht, Foto: Normunds Braslins, LNMM

 

Riga: Brigita Zelca-Aispure und Kristaps Grundsteins - Vietu vairak nav (Es gibt keine Plätze mehr)

Ausstellungshalle Arsenals, Atelier in der 2. Etage, Torna iela 1, Riga, bis 19.5.2019

Keine Plätze mehr im Flugzeug, in Ausstellungen, in Grundschulen; keine Studienplätze mehr an Hochschulen, die der Staat subventioniert, schließlich keinen Platz mehr in Büros und Werkshallen. In einem Leben zwischen Internet, öffentlichen Verkehrsmitteln und Arbeitsplätzen, an dem man bequem sein Leben zubringen kann, stellt sich dem Künstlerpaar die Frage: „Was ist zu tun, wenn es anscheinend keinen Platz mehr gibt? Für wen ist das vorteilhaft? Aber der größere Teil der Gesellschaft muss die Situation bewältigen, wie man sich in schon geschlossene Strukturen einfügt.“ Obwohl die historische Halle Arsenals zu den größten Räumen der Altstadt gehört, herrscht auch hier Platzmangel. Für die Aufbewahrung von 4.166 Gemälden stehen nur 359 m² zur Verfügung. Dem Platzmangel trotzend zwängen Zelca-Aispure und Kristaps Grundsteins ihre Arbeiten hinein. Das 186 Jahre alte Gebäude soll nicht den Rahmen der Ausstellung, sondern selbst deren Objekt bilden. Kuratorin Lina Birzaka-Priekule: „Im Ergebnis der künstlerischen Zusammenarbeit wird ein Objekt gestaltet, welche im wörtlichen Sinne durch das ganze Arsenal-Gebäude gehen wird, um die Grenzen zwischen Kunst, Architektur und Design zu erforschen.“ Brigita Zelca-Aispure, 1986 geboren, studierte am Fachbereich Visuelle Kommunikation an der Lettischen Kunstakademie. Seit 2007 beteiligt sie sich an nationalen und internationalen Ausstellungen. Ihre Kunst hat einen klaren konzeptuellen Kern, der die Erforschung des Paradoxen beinhaltet. Kristaps Grundsteins, geboren 1983, arbeitet als Designer und Forscher. Er absolvierte ein Designstudium an der Lettischen Kunstakademie und ein Theologiestudium an der Lettischen Universität. Eine kontextuelle Sicht kennzeichnet seinen auf Forschung basierten künstlerischen Zugang zu unterschiedlichen Bereichen: Das Altern der Gesellschaft, historisch das ästhetische Gedächtnis, technologischer Wandel und Monismus.

Zelca-Aispure und Grundsteins

Brigita Zelca-Aispure und Kristaps Grundsteins: "Es gibt keine Plätze mehr," Foto: LNMM

Daugavpils: Illusion der Zärtlichkeit

Mark-Rothko-Zentrum, Daugavpils, bis 14.4.2019

Der einst vorherschende Blick auf die weibliche Natur als eine inhärent zarte, feinfühlige und unterwürfige wird heutzutage als subjektiv und wahnhaft angefochten, eher in männlichen Mythen als in der Realität verankert. Das heutige Image der Frau unterscheidet sich erheblich von vergangenen Vorstellungen und es umfasst neue Qualitäten, Perspektiven und Eigenschaften. Ist die Zärtlichkeit also nur noch Einbildung? Die AusstellungsmacherInnen antworten mit unzeitgemäßem Pathos: “Die Ausstellung `Illusion der Zärtlichkeit` versteht sich als Ode an die Weiblichkeit, als Versuch, ihre mysteriöse Natur zu offenbaren und zu feiern. Durch verschiedene Mittel des künstlerischen Ausdrucks fangen ausgewählte Kunstwerke das Bild der Weiblichkeit ein, wie es die gestaltenden Künstler wahrnehmen: Die Frau als Objekt der Natur, eine geheimnisvolle Gestalt, die aus dem Nebel auftaucht, ist die zentrale Figur in den ausgewählten Werken von Silvija Smidkena (Lettland), Diana Rudokiene (Litauen), Oleh Bezyuk (Ukraine), Iwona Zawadzka (Polen) und Atsuhide Ito (Japan)."

 

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