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Münster, 15.11.2019
Lettland zwischen östlichen und westlichen Ostertraditionen PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 20. April 2019 um 00:00 Uhr

"Es bekümmert ein wenig, wenn man nach den fröhlich verbrachten Feierlichkeiten in eine leere Truhe schauen muss"

OstereierWie feiert man Ostern in Lettland? Mit Eiern und Osterhasen wie überall - das ließe sich so pauschal antworten. Etwas komplizierter gestaltet sich die Sache schon, denn "die lettische Ostern" gibt es so nicht, auch wenn im Folgenden von Osterriten als Ausdruck des "Volks-Charakters" die Rede ist. Solche Bräuche sortieren sich nicht nach den Landesgrenzen der Neuzeit, sondern nach christlicher Konfession und den örtlich überlieferten heidnischen Kulten. Ein Artikel aus der Soldatenzeitschrift "Latvijas Kareivis" von 1930 erklärt den Leserinnen und Lesern, wie Letten zwischen Ost und West das höchste christliche Fest feiern. Der russisch-orthodoxe, der katholische und der lutheranische Glaube haben lettische Osterriten beeinflusst. Der Aufsatz wurde in der Hoffnung, dass niemand mehr Urheberrechte beansprucht, hier exklusiv ins Deutsche übersetzt. Am letzten und abschließenden Satz des Artikels bemerkt man den zeitgenössischen Einfluss, als Eugenik und sogenannte Rassenhygiene noch als seriöse Wissenschaft galten. Ansonsten ist der Text recht lesbar und lehrreich und mag die Leser der LP in ein frohes Osterfest begleiten.

Tschechische Ostereier, Foto: Jan Kameníček - Eigenes Werk, Gemeinfrei, Link

 

Ostertraditionen

Wo ihre Ursprünge sind, ist schwer zu sagen. Das wissen selbst die besten Kirrchenhistoriker nicht. Klar ist nur, dass sie sich allmählich herausbildeten. Der christliche Glaube kannte sie in den ersten Jahrhunderten nicht. Es ist anzunehmen, dass die meisten Traditionen aus dem Mittelalter stammen. Manche dieser Traditionen wurden mit breiter Zustimmung überliefert und verbreiteten sich unter vielen Völkern. Bei anderen hingegen sind sie nur spärlicher Natur. Sie kennzeichnen die Eigenarten von Völkern und Landschaften. Die Art, wie das Osterfest vorbereitet und begangen wird, ist gewissermaßen ein Ausdruck des Volks-Charakters, des Glaubens.

Zu uns gelangte das Osterfest vergleichsweise spät, vor etwa 6 Jahrhunderten, als der christliche Glaube an den Ufern der Daugava und Lielupe gefestigt wurde. Bei uns beeinflussten Ost und West die Ostertraditionen. Der orthodoxe Osten und Südosten unterscheidet sich im Hinblick auf solche Traditionen deutlich vom katholischen Westen. Und die Lutheraner, besonders jene, welche mit den einen oder anderen in Berührung kamen, schufen nach und nach den Rest. Die größte orthodoxe Völkerschaft sind der Zahl nach die Russen, ihnen folgen südslawische Stämme. Und Ostern ist das Fest, das am glänzendsten den russischen Volks-Charakter bekundet. Das lange vorösterliche Fasten wechselt bei den Russen zu Ostern in Überfülle, die auf einmal kein Maß mehr findet. Wer das russische Leben unter normalen Umständen der Vorkriegszeit – also nicht jetzt – kennenlernte, der weiß, mit welcher Leidenschaft und mit welch freigebigen Händen die Mütter sich im russischen Heim darum kümmerten, dass die österliche Tafel reich gedeckt werde. Es wird alles getan, damit der durch das Fasten Darbende durch den Überfluss erlöst wird.

Es bekümmert ein wenig, wenn man nach den fröhlich verbrachten Feierlichkeiten in eine leere Truhe schauen muss. Einen sichtbaren Platz nehmen in der vorösterlichen Zeit die Gottesdienste ein, sowohl bei Orthodoxen als auch bei Katholiken. Die Schöpfer geistlicher Musik haben viel getan, damit die vorösterliche Trauer- und österlich frohlockende Jubelmelodien derart anmutig klingen, dass die prunkvolle Architektur der Kirche noch reizvoller erscheint und ihr der Glanz einer größeren inneren Botschaft verliehen ist. Lutheraner, Calvinisten und Anglikaner messen der Pracht österlicher Messen weniger Bedeutung bei.

Alles in allem sind die Osterfeste abendländischer Völker zurückhaltender als sie in Russland waren. Nicht drei Tage sind heilig, sondern einer, der höchste, zwei Tage. Die Festgottesdienste sind feierlich, aber ihnen folgen keine übertriebenen Ess- und Trinkgelage. Wir haben die Festdauer von den Russen übernommen. Und es wäre kein Übel, wenn sie sich ein wenig verkürzte.

Weit verbreitet als österliche Tradition ist das Eierkochen: Sie werden bemalt, wechselseitig verschenkt, ausgetauscht. Bekannt sind auch verschiedene Spiele, die mit Eiern verbunden sind: Anstoßen, Rollen, Raten. Weshalb nimmt gerade das Ei auf dem Ostertisch einen solch sichtbaren Platz ein? Vielleicht deshalb, weil Ostern auch die Zeit der Eier ist. Hier muss man auch die symbolische Bedeutung des Eies berücksichtigen, der verschiedene Bräuche zuteil wurden. Der Gesang des Hahns vertreibt alle bösen Geister der Mitternacht und die Dunkelheit. Aus dem Ei schlüpft neues Leben.

Der Osterhase ist Kindern ein lieber Gast, denn er bringt den Eierkorb und dagegen ist nichts einzuwenden. Aber welchen Zusammenhang er mit Ostern hat und weshalb gerade ihm der Eiertransport anvertraut wurde, das ist schwer zu sagen.

Schaukler

Schaukeln gehört zur lettischen Ostertradition, Foto: Gemeinfrei, Link

Das Schaukeln bereitet der fröhlichen Jugend viel Freude. Auch wenn es Unglück bringt. Denn Fröhlichkeit und Jugend haben eine dritte Schwester: Übermütigkeit. Und wo sie sich einfindet, dort kommt man nur selten ohne blaue Flecken und Stößen davon. Weshalb muss man zu Ostern schaukeln? Die alten Leute sind der Ansicht, dass dann im Sommer keine Mücken stechen. Dieser Glaube scheint hiesigen Ursprungs. Man sagt zudem, dass mit Schaukeln Ostern sogar begann. Die römischen Soldaten, die die ans Kreuz Geschlagenen bewachten, hätten, um sich die Zeit zu vertreiben, geschaukelt. Dies sei später zur Gewohnheit geworden. Diese Erklärung ist kaum akzeptabel. Eher darf man annehmen, dass die Gründe für die Gewohnheit des Schaukelns in irgendeinem heidnischen Glauben oder einer Betätigung liegt. Doch sei es nun, wie es ist: Das Schaukeln der eifrigen Schaukler hat auch sein Gutes. Denn wessen Tochter schaukelte schon umsonst? Für das Schaukeln muss man zahlen, ob nun mit Eiern oder mit Küssen, zuweilen muss man sogar beides hergeben. Aber es gibt Fälle, in denen die Überbringerin der Eier als Preis das Herz des Schauklers errang.

Die russischen Ostertraditionen umfassten Küsse, sich begrüßen am Festmorgen, um Osterwünsche auszutauschen. Diese Tradition mag in einem oder anderen Fall manch Angenehmes bewirkt haben, doch für hygienisch kann man das nicht halten.

Die Mütter des Hauses hatten ihre österlichen Geheimnisse und Überraschungen. Sie bestehen in großer Vielfalt, beachtet man die wirtschaftlichen Bedingungen eines jeden Volkes und dessen Möglichkeiten, auch dessen uralte Bräuche. Österliche Postkarten errangen die Zustimmung der Völker aller weißen Rassen. J. - s.


Originaltext: periodika.lv

 

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