logo
Münster, 24.8.2019
In Cesis (Wenden) fanden Bauarbeiter bei Restaurierungsarbeiten an der Janiskirche eine Kapsel mit historischen Dokumenten PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 16. Mai 2019 um 00:00 Uhr

Vorfahren informieren die Nachwelt in altdeutscher Schrift

Kirchturm, Janiskirche, CesisDie Janiskirche von Cesis (deutschbaltisch: Wenden) gehört zu den ältesten Gebäuden Lettlands. Die dreischiffige, 65 Meter lange Basilika wurde im 13. Jahrhundert vom Livländischen Orden errichtet, der an diesem Ort eine Komtur gegründet hatte, also die Niederlassung für einen führenden Befehlshaber. Bis zum Ende des Ordensstaats im 16. Jahrhundert blieb Wenden das wichtigste Machtzentrum der Mönchsritter, an dem sich ihre Ordensmeister oft aufhielten. Bekannt wurde Walter von Plettenberg, dessen Grablege sich in der Kirche befindet. Er gestattete lutheranisch gesinnten Priestern, in diesem römisch-katholischen Gebiet zu predigen. So vermochte er, den Frieden in seiner Zeit zu wahren. Eine Büste mit seinem Abbild, die Ludwig Schwanntaler formte, ist in der Walhalla bei Regensburg zu sehen. 1852, als sich das Folgende abzuspielen begann, platzierte man eine Kopie im hiesigen Gotteshaus. In der Neuzeit wechselten die Herrscher, die über Cesis verfügten. Reformatoren konkurrierten mit Gegenreformatoren. Bei den vielen Kämpfen wurde die Basilika nicht zerstört, statt dessen setzten ihr im Lauf der Jahrhunderte fast ein Dutzend Brände zu. 1748 brannte der Bau – hoffentlich - zum letzten Mal, dabei wurde der hölzerne Turm zerstört und wegen Geldmangels durch ein provisorisches Dach ersetzt, das über 100 Jahre währte. Erst 1853 konnte die Gemeinde den Bau eines neuen Turms finanzieren. Er sollte genauso hoch werden wie die Kirche lang ist. Derzeit muss das stark verwitterte Gemäuer im Zentrum der historischen Kleinstadt wieder restauriert werden. Dabei machten die Bauarbeiter eine Entdeckung, die die Historiker begeistert: Als sie vor Ostern das Kreuz samt tragender Kugel von der Turmspitze abnahmen, fanden sie eine kupferne Kapsel, die Dokumente über die Lokalgeschichte enthält.

Der bröselnde Kirchturm der Janiskirche in Cesis wird endlich saniert, von der Turmspitze wurden Kreuz und Kugel zur Sanierung abgenommen, Foto: LP

Mit Sorgfalt geborgen

Pfarrer Didzis Kreicbergs hält die Kapsel für einen bedeutsamen Fund. Er lobt die Bauarbeiter und Historiker, die die Schriftrollen mit größter Sorgfalt behandelt hätten (edruva.lv). Journalistin Sarmite Feldmane erkundigte sich am 23. April 2019 bei der Restauratorin Anete Ana und dem Historiker Talis Pumpurins – beide sind Angestellte des örtlichen Geschichtsmuseums – über Bergung, Beschaffenheit und Inhalt des Fundes. Ana berichtete, dass die Kapsel mit Papier und Pergament vollgestopft und diese nur sehr langsam und vorsichtig aus ihr herauszuziehen gewesen seien. Der Zustand der Schriftstücke sei erstaunlich gut, es gebe lediglich einige mechanische Beschädigungen, aber keine Zerstörungen durch Feuchtigkeit. Auf der Kapsel ist auf Deutsch eingraviert: „Johann Frei, 40 Jahre alt und sein siebenjähriger Sohn: Im Jahr 1864“. Frei wurde wahrscheinlich damit beauftragt, die Kapsel unter dem Kreuz der Kirchturmspitze für spätere Generationen zu verstauen. Er nutzte die Gelegenheit, um neben den beiden öffentlichen Dokumenten, die das Siegel des städtischen Magistrats tragen, ein Papier mit persönlichen Angaben hinzuzufügen.

Janiskirche

Die Janiskirche in Cesis ist neben der Ordensburg das älteste Gebäude der Stadt, Foto: LP

Zwangsabgabe für den Turmbau zu Cesis

Die Dokumente geben über den Bau des Kirchturms und über städtische Ereignisse jener Zeit Auskunft. Pumpurins, der die meisterlich geschriebene altdeutsche Schrift lobt, erklärte, dass die Gemeinde ab 1831 plante, einen neuen Turm zu errichten. Doch fehlte, wie auch heutzutage so oft in Lettland, wieder mal das Geld. So zog man die Gläubigen zur Finanzierung heran. Die Gemeinde verfügte über 7.000 lettische Mitglieder. Sie sollten fortan jährlich eine Silberkopeke zahlen. Auch die örtlichen deutschbaltischen Adeligen und Patrizier wurden herangezogen, sie mussten sich je nach Größe ihres Landbesitzes beteiligen. Graf Sievers, der die Region beherrschte, hatte gute Beziehungen zum Zarenhof in Petersburg. Zar Nikolaus I. ließ sich erweichen und spendete für den Turmbau zu Cesis 1.000 Silberrubel, auch die Bürger der russischen Hauptstadt waren spendabel, weitere 1.400 Rubel kamen hinzu. Nach zwölf Jahren konnten die Baumeister endlich mit der Planung beginnen. Am Georgstag im April 1852 begannen die Arbeiten, die bereits im Oktober des folgenden Jahres abgeschlossen wurden. Aus dieser Zeit stammt die erste Schriftrolle. In der Einleitung dankt der Autor Gott, dass kein Bauarbeiter ums Leben kam. Dann schreibt er eine lange Liste mit Namen damaliger Amtsträger und Adeliger auf, zudem erfährt man, dass in der Stadt drei Ärzte praktizierten. Der Lette Martins Fridvalds arbeitete als Organist und Leiter der Elementarschule, er hat den Text wahrscheinlich geschrieben. Von den Bauarbeitern werden nur einige Leiter genannt. Zudem informiert das Dokument über den Baubestand: Cesis hatte 153 Gebäude, 50 aus Stein, den Rest aus Holz.

Janiskirche im Stadtmittelpunkt

Die Janiskirche im Zentrum von Cesis, Foto: LP

Zeugnis des historischen Wandels

Denkwürdige Ereignisse des Jahres finden ebenfalls Erwähnung: Die Chaussee Riga-Pleskau wurde gebaut; von Pander, der adelige Besitzer des Guts Lindenhof, fuhr mit einem Dampfschiff über die Gauja und der Cholera, die Europa heimsuchte, fielen in Cesis nicht so viele Menschen zum Opfer. 1864 fügte Johann Frei das zweite Dokument des Magistrats hinzu. Die kupferne Dachkonstruktion hatte bereits Schäden und musste, wieder mal wegen Geldmangels, durch Blech ausgetauscht werden. In den elf Jahren war einiges geschehen: Die Gemeinde hatte sich aufgeteilt, die Kirche einen neuen Pfarrer, eine neue Orgel und ein neues Altarbild erhalten. Jetzt gab es in der Stadt eine Pferdepost und Anschluss an das Telegraphennetz.

Soweit die Informationen, die Pumpurins der Presse mitteilte. Nun sehen sich die Restauratoren und Historiker vor einem alten Problem gestellt, das auch ihre Vorfahren allzu gut kannten: Sie suchen nach einer Geldquelle, die die Restaurierung der Schriftstücke ermöglicht.

 

(C)2006-2011 Lettische Presseschau Impressum || Kontakt ||