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Münster, 16.10.2019
Survival Kit 10.1 „Out-Lands“ eröffnet PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 24. Mai 2019 um 00:00 Uhr

Traditionelle eurozentristische Vorstellungen umstürzen

Survival Kit 10.1Die Mitarbeiterinnen des Lettischen Zentrums für zeitgenössische Kunst (LCCA) organisieren seit 2009 alljährlich Survival Kit, das Festival für zeitgenössische Kunst. Dieses `Überlebenswerkzeug` war in der Not der Finanzkrise entstanden. Die Idee war, in leerstehenden Gebäuden Rigas für einige Wochen Kunst zu einem bestimmten Motto zu präsentieren und zugleich die zukünftige Nutzung der leeren Räume zur Debatte zu stellen. Survival Kit entwickelte sich in den baltischen Ländern zum größten Festival seiner Art und erreicht nach eigenen Angaben jährlich etwa 10.000 Besucher. Die Jubiläumsveranstaltung „Out-Lands“, deren erster Teil im letzten September mit einer Ausstellung im leerstehenden Zirkusbau an der Merkela Straße begann, wird derzeit mit Survival Kit 10.1 in einem verlassenen Gebäude an der Zellu Straße 22 in Riga-Pardaugava fortgesetzt. Diesmal haben die Kuratorinnen Solvita Krese, Inga Lace und Angels Miralda 34 Künstler aus dem In- und Ausland geladen, damit sie ihre Einfälle zum grenzüberschreitenden Thema vorstellen. Auftakt war die internationale Eröffnungsfeier am 23. Mai 2019.

Survival-Kit-10.1-Logo, Foto: LCCA

Die LCCA-Mitarbeiterinnen luden zum internationalen Fest mit Bands, Aktionskunst und Diskothek. Lsm-Journalistin Linda Veinberga nutzte die Gelegenheit, um mit Künstlern ins Gespräch zu kommen, zum Beispiel mit Pinar Ögrenci (lsm.lv). Sie hat ihre Video-Arbeit „Eine sanfte Brise zog über uns“ dem irakischen Musiker Ahmed Sakaki gewidmet. Sie traf ihn in Wien im Asylheim und er erzählte ihr von seiner Flucht über die Ägäis, bei der die Schlepper sein Instrument, eine Udu-Trommel, ins Meer warfen.

Eine im mehrfachen Sinne spezifisch baltisch-russische Grenzüberschreitung inspirierte Diana Tamane, die im estnischen Tartu lebt. Ihre Großmutter stammt aus der Region Abrene, die einst zu Lettland gehörte und die seit der Sowjetzeit russisches Gebiet ist. Eines Tages besorgte sich die alte Dame ein Visum für den Grenzübertritt, dazu zwei Töpfe mit Blumen, die sie auf das Grab eines Verwandten in Abrene zu stellen gedachte. Doch die russischen Grenzbeamten hielten sie auf und konfiszierten die Pflanzen, weil nichts eingeführt werden dürfe, was Wurzeln hat – hier wird die Vieldeutigkeit der Sprache zum Vorzug und weckt die künstlerische Einbildungskraft. „Das erscheint ebenso komisch wie traurig,“ so kommentiert Tamane diesen bezeichnenden Zwischenfall in den baltisch-russischen Grenzbeziehungen.

„Outlands“ ist selbst ein vieldeutiges Wort, ins Lettische übersetzt wird es mit „arpuszeme“; abgelegene Ländereien – so ließ es sich politisch harmlos ins Deutsche übersetzen, oder auch wortwörtlich als „Ausland“, einem Gebiet, das samt seinen Bewohnern, den „Ausländern“, in einem gewissen politischen Kontext einen abwertenden Klang hat. Auf eine gewisse Weise ist auch der Stadtteil Pardaugava, der das Jenseitige vom Zentrum Rigas am anderen Ufer schon im Namen trägt, ein Outland, meint zumindest Kuratorin Solvita Krese: „Mir scheint, dass dies der richtige Ort ist, um über `outlands` zu sprechen, nämlich über ein Territorium, das Beziehungen bezeichnet zwischen Zentrum und Peripherie. Wir sehen, dass dieses Jahr viele Künstler aus jenen Ländern kommen, die bislang nicht wirklich im Fokus gestanden haben, nämlich Sudan, Kuba, Chile, Bolivien, Ungarn. Wir sind tatsächlich bestrebt, die traditionelle Vorstellung von einem eurozentristischen Zentrum, Europa, Amerika als Epizentrum umzustürzen.“

Das Festival soll durch persönliche Geschichten breitere gesellschaftliche Fragen zum Verhältnis von Zentrum und Peripherie erkunden. „Als zentrale Themen werden Geographie und Migration betrachtet, um komplizierte Fragen zu stellen, die verschiedene örtliche Gruppen kennzeichnen. Das Festival ermöglicht es, `Outland`-Orte und -Geschehnisse zu finden, die, wenn sie auch im wesentlichen unbekannt oder fremd erscheinen, zugleich das Potenzial verkörpern, zu einem Raum zu werden, in dem sich möglicherweise Alternativen für die Zukunft abzeichnen,“ meint der PR-Text zum Festival (lcca.lv).

Einige internationale Institutionen, die sich mit dem Kulturaustausch beschäftigen, fördern das Festival, u.a. das Goethe-Institut. Dass auch die ungarische Botschaft mit Veranstaltern des „Latvian Centre of Contemporary Art (LCCA)“ zusammenarbeitet, welches 1997 als „Soros Centre of Contemporary Arts“ gegründet wurde, überrascht angesichts des Umstandes, dass Ungarns Regierungschef Viktor Orban eine Anti-Soros-Kampagne im eigenen Land finanziert und sich dabei so manche Grenzüberschreitung ins Outland der Geschmacklosigkeit leistet (kurier.at). Übrigens findet Survival Kit 10.1 in einem verlassenen Gebäude statt, das 1888 errichtet wurde. Zunächst bot es deutschbaltischen Waisenkindern Unterschlupf, dann wurde es als Ausbildungsstätte für die Miliz genutzt, zuletzt forschten und lehrten hier Naturwissenschaftler der LU-Fakultät für Physik, Mathematik und Optometrie. Die Ausstellung, die von Einzelveranstaltungen begleitet wird, ist bis zum 30. Juni 2019 zu sehen.

 

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