logo
Münster, 24.8.2019
Lettische Kunstausstellungen im Juni 2019 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 07. Juni 2019 um 14:16 Uhr

Die Welt betrachten, über sie nachdenken oder abstrakt überwinden

Vika, MorgenstundeSowohl das Leben als auch das Werk Hilda Vikas geben Aufschluss über das Schicksal einer Künstlerin in ebenso bewegten wie schlimmen Zeiten, auf Pfaden des Protests, aber auch eigener ideologischer Verirrung. Dem Sozialistischen Realismus vermochte sie sich trotz Bemühens nicht vollständig zu unterwerfen und es ist wohl gerade ihr ungewolltes Abweichlertum, das ihre Bilder bis heute interessant macht. Während Vika ihren mal sachlichen, mal romantischen Blick auf die Welt gestaltet, will Kaido Ole die Welt nicht darstellen, sondern in ihrer Struktur erfassen. Er vergleicht die Funktion seiner Kunst mit einem chemischen Periodensystem. Die im letzten Jahr gestorbene Gillian Ayres hingegen wollte mit Welt gar nichts zu schaffen haben, der Betrachter soll einfach nur ihre abstrakten Farbkompositionen anschauen und sein interesseloses Wohlgefallen empfinden. Hier die Zusammenfassung von PR-Hinweisen lettischer Museen für den Monat Juni.

Hilda Vika, Morgenstunde, 1927, Foto: LNMM, Normunds Braslins

 

Riga: Hilda Vika (1897-1963) – Gleznas, zimejumi (Gemälde, Zeichnungen)

Lettisches Nationales Kunstmuseum, 4. Etage, Jana Rozentala laukums 1, Riga, vom 15.6. bis 25.8.2019, Eröffnung am 14.6., 16 Uhr

Die Ausstellung erinnert an das Leben und Werk der vielseitigen Malerin und Zeichnerin Hilda Vika, die 1897 in Riga geboren wurde. Künstlerin zu werden war ihr als Tochter in einer Arbeiterfamilie nicht in die Wiege gelegt. Sie hatte nicht die Möglichkeit, an der Kunstakademie zu studieren; sie ging zunächst einmal bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs in eine deutschbaltische Schule, die Mädchen auch handwerklich ausbildete, erlernte Buchführung, musste in den Kriegswirren flüchten, arbeitete in den noch zum Zarenreich gehörenden Gebieten Litauens, Polens oder anderen Landesteilen als Dienerin, Erzieherin und Krankenpflegerin.

1920 kehrte sie ins nun unabhängige Lettland zurück und besuchte Kunstkurse an der Lettischen Volkshochschule und arbeitete währenddessen als Angestellte im Handelsministerium, später in einem Kreditinstitut. An der Volkshochschule lernte Vika prominente Kunstlehrer kennen: Romans Suta, Augusts Zauers und Uga Skulme, bei denen sie Zeichen- und Malkurse bis 1927 besuchte. Damals wurde sie in die Künstlervereinigung „Grüne Krähe“ aufgenommen und seitdem beteiligte sie sich an Kunstausstellungen.

1930 heiratete sie den Schriftsteller und Kunstkritiker Viktors Eglitis, mit dem sie gemeinsam das ihm zugeteilte Gut Inziems bewirtschaftete, das im Zuge der Agrarreform von 1920 der Familie von Tiesenhausen enteignet worden war. Mit Eglitis machte sie den Gedichtband „Glänzende Wasser“. Beide engagierten sich in der neoheidnischen Sekte Dievturiba. Während der deutschen Besatzung kollaborierte ihr Ehemann mit den Nazis, vertrat rassistische und antisemitische Ansichten, wurde nach der Rückkehr der Roten Armee verhaftet und hingerichtet, allerdings 1990 rehabilitiert.

Trotz Repressionen versuchte Vika, auch unter Sowjetherrschaft weiterhin als Malerin zu arbeiten und sich den ideologischen Prinzipien des Sozialistischen Realismus` anzupassen. Dennoch wurde sie aus der Künstlervereinigung der Lettischen Sowjetrepublik „wegen in Formalismus verbliebener Kunst“ für mehrere Jahre ausgeschlossen.

Die Ausstellung zeigt die Vielfalt ihres Könnens von der Landschafts- bis zur Porträtmalerei, von der Abbildung von Alltagsszenen bis zur Aktdarstellung, von Neuer Sachlichkeit bis Neuromantik.

Vika, Blumengießerinnen

Vika, Blumengießerinnen, um 1933, Foto: LNMM, Normunds Braslins

 

Riga: Kaido Ole - Dejas vientulo sirzu kluba (Tänze im Club der einsamen Herzen)

Kunsthalle Arsenals, Großer Saal, Torna iela 1, Riga, 7.6. bis 25.8.2019

Kunst ist wie Mendelejews Periodensystem. Es gibt diesen Punkt, man muss ihn nur präzise treffen. Du machst ein Bild – und, ja, falls es der Struktur der Welt entspricht, dann ist es gelungen!“ sagt der international bekannte estnische Künstler Kaido Ole zu seiner Ausstellung in Riga. Sein Ziel ist es nicht, durch anmutige Abbildungen die Welt zu verdoppeln, ihn interessieren die Verbindungen, Elemente und Strukturen, die die Welt zusammenhalten.

Für Ole widersetzt sich der Tanz dem „Geist der Schwere“, gegen den auch Nietzsches „Zarathustra“ ankämpft, um schwebend und befreit zu einem Gedankenstrom neuer Ideen zu gelangen, zu einem Ausdruck der Leichtigkeit und Verspieltheit. Kulturhistorisch bedeutet Tanzen nicht nur Kommunikation und Beziehung zwischen Menschen, sondern auch das sich selbst Bewusstwerden über die Verbundenheit von Geist und Körper. „Beide Faktoren sind gleich bedeutend in Kaido Oles Kunst und bilden in konzeptueller Hinsicht den thematischen Rahmen der Ausstellung. Im Malen begegnet er sowohl der Welt als auch sich selbst,“ erläutert Kurator Maris Vitols.

Oles Blick auf die Welt ist durchaus mit Kritik behaftet: „Die Wechselbeziehung des Künstlers mit der Gesellschaft stellt sich nicht in einer distanzierten, passiven Beobachterposition dar. Der sozialkritische Zugang zur umgebenden Realität gestaltet der Künstler in seinen Arbeiten nicht selten mit melancholischem und ironischem Blick,“ schreibt Vitols, doch Ole provoziert nicht, sondern will zum Denken anregen.

Den Blick ins Innere, in die eigene Persönlichkeit samt ihren Widersprüchlichkeiten, schafft neue Gestalten vom eigenen Selbst. Ole erinnern solche „alter Egos“ an Avatare, künstlichen Körpern im virtuellen Raum. Selbstreflexion und Selbstbeobachtung werden vertieft durch Oles Zusammenarbeit mit dem in Paris lebenden Psychoanalytiker Janis Gailis, der mit Ole im letzten Sommer zehn Seancen unternahm. Im Katalog werden die psychoanalytischen Folgerungen gemeinsam mit Oles Interpretation der eigenen Werke publiziert.

Ole wurde 1963 geboren und absolvierte die Kunstakademie von Tallinn, wo er sich auf Malerei und Design spezialisierte. Seit 1992 hat er mehr als 40 Personalausstellungen mit seinen Arbeiten in vielen Ländern bestückt, darunter Deutschland, Österreich, USA, Russland usw. 2003 beteiligte sich Ole für Estland an der 50. Biennale in Venedig.

Ole

Ole, Tänze im Club der einsamen Herzen, Foto: LNMM

Daugavpils: Es redzu dabu ka krasu - Dzilianas Eiresas glezniecība, 1972.-1983.g. (Ich betrachte die Natur wie das Malen, Gillian Ayres` Malerei, 1972-1983)

Mark-Rothko-Zentrum, Daugavpils, bis 29.9.19

Ayres gilt als eine der bedeutendsten Vertreterinnen Großbritanniens im Bereich abstrakter Kunst, inspiriert wurde sie vom abstrakten Expressionismus, wie er sich in den 50er Jahren in den USA entwickelt hatte. Die Malerin ist heutzutage in vielen bekannten Museen zu finden, z.B. The Museum of Modern Art in New York und in der Tate Gallery in London. Am 11. April 2018 starb Ayres, die 88 Jahre alt wurde.

Auf großflächigen Leinwänden malte sie äußerst farbig: „Mir gefällt das Abtönen nicht, mir gefällt Intensität,“ sagte sie einmal. Zudem hatte sie keine Lust, Betrachter zu belehren: „Meine Malerei ist eine visuelle Angelegenheit und das ist alles. Menschen gefällt es, etwas zu begreifen, auch wenn sie es nicht tun. Ich wünsche mir, dass sie einfach nur hinschauen,“ und: „Meine Bilder handeln von der eigenen Malerei, über Formen und Farben, sie erzählen keine Geschichten.“

 

(C)2006-2011 Lettische Presseschau Impressum || Kontakt ||