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Münster, 24.8.2019
28. Domus-Rigensis-Kulturtage vom 5.-7. Juli 2019 in Riga PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Administrator   
Samstag, den 10. August 2019 um 00:00 Uhr

Auf den Spuren der deutschbaltischen Aufklärung

Gut KoltzenManfred von Boetticher, Domus Rigensis

Die Rigaer Kulturtage sind der alljährliche Höhepunkt des deutsch-lettischen Vereins Domus Rigensis. Vom 5. bis 7. Juli 2019 trafen sich seine mehr als 130 lettischen und deutschen Mitglieder in der lettischen Hauptstadt, um Vorträge und ein Konzert zu hören, an einer Besichtigung und einer Exkursion teilzunehmen. Diesmal waren die Tage der deutschbaltischen Aufklärung gewidmet.

Gut Koltzen (Birini), Foto: Vesma - Paša darbs, Neaizsargāts darbs, Saite

 

Aus Furcht vor revolutionären Umtrieben wurde das Auslandsstudium verboten

Im Haberlandsaal des Rigaer Museums für Stadtgeschichte und Schifffahrt hielten am ersten Tag die Historiker Anuschka Tischer aus Würzburg und Janis Keruss aus Riga Vorträge zur Geschichte deutschbaltischer und lettischer Bildung. Tischer wählte das Thema „Fortgehen, um klüger zurückzukommen. Studien und Bildungsreisen aus Estland, Livland und Kurland im 18. Jahrhundert“. Die Vortragende zeigte auf, wie damals bereits Schüler in jugendlichem Alter das Elternhaus verlassen mussten, um durch den Besuch eines Gymnasiums die notwendigen Voraussetzungen für ein Universitätsstudium zu erwerben. Dies war nicht nur mit erheblichen Kosten verbunden, sondern führte häufig auch zu einer frühen Entfremdung der Heranwachsenden von Eltern und Geschwistern.

Eine universitäre Bildung war damals nicht in der baltischen Heimat zu erwerben: Die Studenten gingen meistens nach Deutschland, deutsche Akademiker wanderten wiederum in Estland, Livland und Kurland ein. Dabei bestand im 18. Jahrhundert noch nicht das allgemeine Bildungsideal im Humboldtschen Sinne. Die Studenten wollten vor allem die notwendigen Qualifikationen für angesehene Berufe erwerben: als Theologen, Juristen oder Ärzte. Auffallend ist, dass, anders als im Rest Europas, häufig auch junge Adelige eine solche universitäre Bildung anstrebten.

Aus Sorge vor unerwünschten Einflüssen durch die Französische Revolution wurde für die Einwohner des Russischen Reichs am Ende des 18. Jahrhunderts ein Auslandsstudium verboten. Dies war einer der Gründe, weshalb die deutschsprachige Universität Dorpat (heute Tartu) 1802 neu gegründet wurde.

Janis Keruss widmte sich dem Thema „Wissenschaft, Lehre und Lehrer an der Universität Lettlands in den Umbruchzeiten des 20. Jahrhunderts“. Die heutige Universität Lettlands ging aus der 1861 gegründeten Techhnischen Hochschue hervor. 1919, also zu Beginn der lettischen Unabhängigkeit, wurde das damalige Polytechnikum in Riga erheblich erweitert und zur Universität mit mehreren Fakultäten ausgebaut.

Nach dem Krieg herrschte allerdings Mangel an geeigneten Dozenten, die Hochschule konnte insbesondere im naturwissenschaftlichen Bereich auf deutschbaltische Lehrkräfte nicht verzichten, die bis zu ihrer sogenannten „Umsiedlung“ 1939 die Studierenden unterrichteten. Bis in die 30er Jahre erfolgten eine Reihe von Lehrveranstaltungen auf Deutsch und Russisch. Die sowjetische Okkupation des Landes führte 1940 zur Schließung der bisherigen philologischen Fakultät und zur Entlassung von Dozenten und Studenten. Gleichzeitig wurden lettischsprachige Dozenten aus der Sowjetunion für den Aufbau einer Universität im Sinne sowjetischer Ideologie berufen – Änderungen, die gleich im folgenden Jahr unter der deutschen Besatzung wieder rückgängig gemacht wurden. Nach Wiederherstellung der sowjetischen Herrschaft 1944 wurden erneut ideologisch abweichende Hochschullehrer entlassen. Wie in der gesamten Sowjetunion kam es Ende der 40er Jahre auch in Riga zu Repressionen gegen jüdische Professoren. Nach dem Tod Stalins 1953 ließen die politisch motivierten Säuberungen nach.

 

Neue Sehenswürdigkeiten im Jugendstilmuseum

Am folgenden Tag fand das Konzert des NYX-Trios, einer Kammermusikgruppe, ebenfalls im Haberlandsaal statt. DR-Vorstandsmitglied Anita Kugler stellte die Musikerinnen Tatjana Ostrovska (Violine), Anete Toca (Flöte) und Ieva Sarja (Klavier) vor. Das Publikum war von ihrer geschickten Auswahl älterer und moderner Stücke deutscher und lettischer Komponisten begeistert.

Am Nachmittag folgte eine Besichtigung des Jugenstilmuseums, das nun über eine neue Ausstellungsfläche im Kellerbereich verfügt. Die ausführliche Führung war der Sonderausstellung „Irismotive im Jugendstil“ sowie einer neuen Sammlung von Gläsern und Flaschen gewidmet. Die Besucher des Museums können nun aufwändige Computer-Animationen nutzen, die es erlauben, einzelne Architekten und ihre Arbeiten ebenso wie einzelne Gebäude Rigas aufzurufen und detailliert zu betrachten. Einhelliger Wunsch der Teilnehmer was es, sich bei künftigen Besuchen in Riga die einzelnen Stationen noch einmal individuell und in Ruhe vorzunehmen.

 

Die schlichte Architektur der Aufklärung

Die abschließende Exkursion am 7. Juli stand unter dem Motto „Spuren der Aufklärung entlang der livländischen Küste“. Vorstandsmitglied Ojars Sparitis, der hauptberuflich Leiter der Wissenschaftlichen Akademie ist, führte mit gewohnter Fachkenntnis durch das Programm. Die erste Station der Reise war die kleine Kirche von Adiamünde (Skulte), in der ein Gottesdienst stattfand, den dankenwerterweise der angehende Pastor Davis Bruvers für die Teilnehmer ausrichtete.

Die Kirche kann als typischer Sakralbau der livländischen Region nach dem Nordischen Krieg gelten. Sowohl die damals beschränkten finanziellen Mittel als auch die Ideen der Aufklärung prägen seine schlichte Architektur. Kennzeichnend sind ein sparsam gestaltetes einheitliches Kircheninnere, das ohne speziellen Chorraum auskommt. Die in die Nähe des Gemeinderaums gerückte Kanzel weist keinerlei Schnitzwerk auf, sondern ist nach dem Geschmack der Zeit lediglich bemalt. Auch ein eigenständiger Kirchturm fehlt, statt dessen sieht man ein aufgesetztes Türmchen als Dachreiter auf dem Kirchengebäude.

Der nächste Halt der beiden Reisebusse galt dem Gut Koltzen (Birini). Der lettische Name geht auf die früheren deutschbaltischen Eigentümer, der Familie v. Büring, zurück. Im 18. Jahrhundert entstand hier unter Graf Ludwig August Mellin ein wichtiges Zentrum der Aufklärung. Mellin war ein berühmter Kartograph des Russischen Reiches, der in Verbindung zu zahlreichen bedeutenden Persönlichkeiten seiner Zeit stand, u. a. zum Maler und Schriftsteller Karl Grass und zum bekannten Historiker Johann Christoph Brotze, von dem viele Zeichnungen überliefert sind, die einen Eindruck von der historischen Beschaffenheit zahlreicher Gebäude vermitteln. Besonders hervorzuheben ist Johann Wilhelm Krause, der als Hauslehrer auf dem Gut lebte und später als Architekt und Professor an der Universität Dorpat wirkte.

Das gewaltige, im historistischen Stil des 19. Jahrhunderts errichtete und heute restaurierte Herrenhaus wurde unter dem späteren Besitzer August von Pistohlkors errichtet, der hier als hervorragender Kunstsammler Livlands seine vielfältigen Sammlungen zur Schau stellte.

Nach einem rustikalen Mittagessen bei Ubbenorm (Umurga) führte die Exkursion nach Lemsal (Limbazi), wo in dem aus einem früheren Bürgerhaus hervorgegangenen Rathaus beeindruckende Wandmalereien mit Schiffen und Hafenmotiven aus der Zeit des Klassizismus` zu betrachten sind. Die 1687 errichtete Kirche Lemsals entspricht mit ihrem einheitlichen, klassizistisch ausgestalteten Innenraum und ihrem Dachreiter dem Stil der Aufklärung. Daneben galt ein Blick der Ruine der mittelalterlichen Bischofsburg, die durch eine Überdachung vor weiterem Verfall geschützt ist.

Letzte Station war Kürbis (Kirbizi), ehemals Eigentum der Familie v. Aderkas. Das Gut befindet sich im Privatbesitz. Das Gelände des Herrensitzes, der in sowjetscher Zeit eine Schule beherbergte, wurde liebevoll hergerichtet, das Gutshaus geschickt und aufwendig restauriert. Die Möblierung der dem Besuch offen stehenden Paraderäume des Erdgeschosses erfolgte einheitlich nach klassizistischem Vorbild, wobei das Inventar teils aus Florentiner Antiquitätenläden stammt.

 

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