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Münster, 24.8.2019
Lettische Kunstausstellungen im August 2019 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 03. August 2019 um 00:00 Uhr

Grün - die trügerische Hoffnung des Menschen im Anthropozän

Bonneval, Tropiques  domestiquesIm Nationalmuseum wird der Kunstliebhaber mit den Paradoxien der Farbe Grün konfrontiert. Sie ist nicht nur vielen Lieblingsfarbe, sondern in Zeiten von Klimaerwärmung und Umweltkatastrophen ein Zeichen der Hoffnung. Die Künstler des Kulturzentrums RIXC warnen, dass diese Erwartung trügerisch sein könnte. Mit den religiösen Symbolen der Vergangenheit beschäftigte sich der estnische Sammler Nikolai Kormaschow, der viele Ikonen vor der Zerstörung bewahrte. Seine umfangreiche Sammlung ist derzeit in Riga ausgestellt. Vielfältige Bezüge weisen die Rasterbilder Marco Gianottis auf, sie weisen ebenso auf die Hochrenaissance wie auf Bilder von Mark Rothko, Piet Mondrian oder auch auf architektonische Zeichnungen Mies van der Rohes. Gianottis Ausstellung „Passagen“ ist in Daugavpils zu sehen. Hier die Zusammenfassung von PR-Texten lettischer Kunstmuseen für den August 2019.

 

Karine Bonneval (FR): Tropiques domestiques. 2015, Foto: LNMM

 

Riga: Zals/Atmaskots - Grün/Demaskiert

Lettisches Nationales Kunstmuseum, Hauptgebäude, Jana Rozentala laukums 1, Riga, Großer Saal, bis 22.9.2019

RIXC, das Rigaer Kulturzentrum für neue Medien, veranstaltet im Nationalmuseum sein Kunst- und Wissenschaftsfestival, bei dem sich die Besucher neben der Ausstellung auch an Diskussionen, künstlerischen Darbietungen und “Interventionen” beteiligen können. Die Kuratoren sind die RIXC-Mitglieder Rasa und Raitis Smits sowie Jens Hauser (D/FR), die 20 Objekte lettischer und ausländischer Künstler ausgewählt haben. Das Ziel des RIXC-Festivals ist, die zeitgenössischen Vorstellungen der Farbe Grün als eine der paradoxesten und zugleich am weitesten verbreiteten Diskurse unserer Zeit infrage zustellen. Grün soll als Farbe, biologisches Phänomen, Medium, Symbol einer gewissen Lebensart, semantische Konstruktion und Ideologie analysiert werden. Grün ist die Farbe des jüngsten Erdzeitalters, des Anthropozäns (wobei der Naturwissenschaftler Harald Lesch der Ansicht ist, dass wir bereits im Kapitalozän leben, youtube.de). Die Kuratoren weisen auf die widersprüchliche kulturelle Bedeutung dieser Farbe hin: „`Grün` ist gewöhnlich mit der Vorstellung des `Natürlichen` verbunden und wird oft dafür genutzt, um wiederzugewinnen, was die Menschen verloren haben, sie wird hier in ihrer innewohnenden Vieldeutigkeit zwischen angeblicher Natürlichkeit und Künstlichkeit als die anthropozentrischste aller Farben betrachet. Wir als menschliche Spezies stellen die techno-wissenschaftlichen Instrumente und die mit ihnen verbundenen Metaphern symbolisch in neue Zusammenhänge, um das Gefühl zu verdrängen, dass wir in Zeiten, die als Anthropozän etikettert sind, verlieren. Haben wir die Kontrolle über `Grün`? Trotz der zahlreichen positiven Konnotationen dient `Grün` mehr und mehr dem unkritischen Wunsch nach einer fetischistischen und techno-romantischen Naturalisierung, um die materiell-systemische Bio- und Nekropolitik (documenta14.de) zu überkompensieren, welche die zunehmende technische Manipulation und Ausbeutung der lebenden Systeme, Ökologie und der Biosphäre im Ganzen beinhaltet.“ Die beteiligten Künstlerinnen und Künstler sind: „Florent di Bartolo (FR), Rebekah Blesing (US), Karine Bonneval (FR), Adam W. Brown (US), Bureau d´etudes (FR), Santa France (LV), HeHe (FR / DE / UK), Robert Hengeveld (CA), Iodine Dynamics (NL / FR / US / UK), Voldemars Johansons (LV), Eva-Maria Lopez (DE / FR), Francisco Lopez (ES), AnneMarie Maes (BE), Agnes Meyer-Brandis (DE), Joana Moll (ES / DE), Quimera Rosa (ES / AR / FR), Jan-Peter E.R. Sonntag (DE), Taavi Suisalu (EE), Rihards Vitols (LV).

Brown, Schatten von der Todesmauer

Adam Brown (US). Shadows from the Walls of Death. 2019. Foto: Adam Brown, LNMM

Riga: Izglabtas ikonas. Nikolaja Kormasova kolekcija - Gerettete Ikonen. Die Nikolai Kormaschows Sammlung

Internationales Kunstmuseum Rigas Börse, Großer Ausstellungssaal, Doma laukums 6, Riga, bis 15.9.2019

Den Nordwesten Russlands kennzeichnen künstlerisch aufwändig gestaltete Klöster und Kirchen. Die Nördliche Dvina, die das Gebiet von Arhangelsk durchfließt, wurde vor der Zeit des Zaren Peters I. als Handelsstraße von Moskau bis zum Weißen Meer genutzt. An den Ufern entwickelten sich Zentren religiöser Kunst: Beispielsweise in den Orten Solwytschegodsk, Veliky Ustyug und in den Klosterwerkstätten der nahen Umgebung. In der Nachbarregion Wologda befinden sich die berühmten Klöster Kirill-Beloserski und Ferapontow, deren Fresken aus dem 15. Jahrhundert stammen. Der bekannte altrussische Moskauer Ikonenmaler Dionisij schuf sie mit seinen Söhnen Feodosij und Wladimir. Das abgelegene Gebiet blieb vom politischen Druck weitgehend verschont, so dass viele kulturelle Güter erhalten blieben, darunter wertvolle Ikonen. Der estnische Maler Nikolai Kormaschow begab sich in den 60er Jahren auf Exkursionen in dieses Gebiet. Der russische Nordwesten erschien ihm „wie ein verlorener Kontinent, ein Atlantis. Es schien, dass alles, was gut an Russland ist, sich gerade dort bewahrt hatte.“ Viele Ikonen waren über Generationen hinweg gepflegt worden, andere befanden sich hingegen kurz vor dem Verfall. Kormaschow begann, solche Ikonen zu restaurieren und entwickelte daraus seine Sammlung, die 1971 im estnischen Staatlichen Kunstmuseum als erste Ikonenausstellung überhaupt in der Sowjetunion gezeigt wurde. Inzwischen betreut Sohn Orest die private Kollektion von 140 Ikonen, die nun in Riga zu sehen ist.

Ikone

Ikone aus der Kormaschow-Sammlung, Foto: LNMM

Daugavpils: Marco Giannotti - Passagen

Mark-Rothko-Zentrum, Daugavpils, bis 30.10.2019

Der Brasilianer Marco Gianotti entfaltet in seinen jüngsten Werken einen Dialog, dessen Thema aus der Zeit der Hochrenaissance stammt, als die Maler von Florenz und Venedig konkurrierten und ein Disput um disegno e colore, Zeichnung und Farbe, entstand. Seit seiner Fassaden-Serie von 1993 beschäftigt sich Giannotti mit diesem Widerstreit und transformiert ihn in die Formen moderner Kunst seiner südamerikanischen Heimat. Mark Rothko, der us-amerikanische Vertreter des abstrakten Expressionismus` mit lettischer Herkunft, beschrieb Giannottis eindringliche Bilder als „Fassaden“. Giannotti bewegte die Achtung dieses Meisters der Abstraktion dazu, dessen Formen mit traditionellen zu vereinigen. Schwindelerregende lineare Perspektiven durchdringen seitdem Giannottis Kompositionen, die den Anschein von Rastern haben. Solche Gitterlinien erinnern an architektonischen Zeichnungen, auch an Stadtpläne. Gitterlinien strukturieren und begrenzen potenziell unbegrenzte Ausdehnung. Der Architekt Mies van der Rohe entwickelte in den 20er Jahren einen gerasterten „Universalraum“, um seine Idealgebäude rationeller zu entwerfen. Piet Mondrian entwarf ein Netz aus horizontalen und vertikalen Rechtecken, das Farbflächen begrenzt. David Anfam sieht in Rothkos Rechtecken eine Erwiderung auf Mondrian, hält sie für mysteriöser und tragischer, eine Qualität, die er in den Arbeiten Giannottis wiedererkennt: „Hier, die Farben der Melancholie - düsteres Purpur, Kastanienbraun und dunkles Blau - vermählen sich mit atemberaubenden urbanen Perspektiven. Sie erscheinen als Hommage an Rothkos ebenso eigentümliche wie unfehlbare Art des Kolorierens, welche wiederum das Werk eines Künstlers aus dem 18. Jahrhundert in Erinnerung ruft: Giovanni Piranesis außergewöhnliche „Gefängnisimaginationen“ mit seinen tauchenden, fantastischen Durchblicken zusammen mit neuen, virtuellen Dimensionen, die der Cyberspace geschaffen hat. Giannottis malerische Vision führt uns auf einen fesselnden Weg, der diese existenziellen Extreme miteinander verwebt.“

 

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