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Münster, 15.9.2019
Ausstellung zur Landeswehr im Schloss Durbe in Tuckum (Tukums): Für die Heimat und Lettland 1918-1920 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 17. August 2019 um 00:00 Uhr

Der Beitrag der Deutschbalten im Befreiungskrieg Lettlands ist nicht sachgemäß untersucht und ausgewertet worden“

Schloss DurbeDas, was sich vor 100 Jahren in Lettland zur Zeit der Befreiungskämpfe als Fortsetzung des Ersten Weltkriegs abspielte, die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Großmächten, Ethnien, sozialen Gruppen mit ihren verfeindeten Ideologien, ist komplex und kaum in “Gut und Böse” zu sortieren, wie es Propaganda von verschiedenen Seiten darstellte. Die Historikerin Inta Dislere erforscht das Verhältnis zwischen Letten und Deutschbalten jener Zeit und hinterfragt dabei die Stereotypen, die sich im kollektiven Gedächtnis ihrer Landsleute verbreitet haben. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen des Tuckumer Geschichtsmuseums gestaltete sie die Ausstellung, die der deutschbaltischen Beteiligung an der Entstehung des lettischen Nationalstaats gewidmet ist. Der Sieg über den Bolschewismus war eine entscheidende Voraussetzung, um einen unabhängigen lettischen Staat zu gründen. Ohne Beteiligung von deutscher Reichs- und baltischer Landeswehr wäre dieser Sieg wahrscheinlich nicht errungen worden.

Schloss Durbe in Tuckum, Foto: Kristine Ozola

 

Roter Terror verriet die sozialistischen Ideale

In der ersten Etage des Schlosses sieht der Besucher die Ausstellungsräume mit vielen Fotos und schriftlichen Dokumenten, die die Tuckumer Ereignisse jener Zeit erläutern. Zu Beginn des Jahres 1919 hatten die Truppen der bolschewistischen Regierung Peteris Stuckas beinahe das gesamte lettische Territorium besetzt. Nur ein äußerster westlicher Zipfel rund um Libau (Liepaja) war noch in der Hand der reichsdeutschen Besatzer. Nach Libau war zudem die gerade gegründete provisorische Regierung der lettischen Republik geflüchtet, die von Karlis Ulmanis angeführt wurde.

Die Ideale einer friedlichen und sozial gerechten Gesellschaft, die die neuen Machthaber in Russland verkündeten, hatten zunächst auch viele Letten begeistert, die sich der Roten Armee anschlossen. Doch die bolschewistischen Besatzer erwiesen sich allzu häufig als skrupellose und willkürliche Herrscher. Das bekunden auch die Tuckumer Quellen: Ab 4. Januar 1919 proklamierte das Revolutionäre Kriegskomitee die sowjetische Herrschaft in der kurländischen Kleinstadt, einige Tage später verhängte es den Kriegszustand. Im gesamten Kreis mussten die Einwohner Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmungen und Verhaftungen fürchten. Die Sowjets organisierten Versammlungen in den Kirchen von Tuckum und Jurmalnieks, in denen sie die Arbeiter dazu aufforderten, sich der Roten Armee anzuschließen.

Auf lettischem Territorium fielen in kurzer Zeit mehr als 5.000 Einwohner dem Roten Terror zum Opfer. Die willkürliche Gewalt bekamen auch die Tuckumer zu spüren: In ihrer Stadt „wurde am 7. Januar 1919 der Arbeiter Davids Jursevics (1866–1919) von den Bolschewiken erschossen. Nach dem Überfall auf das Gefängnis am 9. Januar wurden am 20. Januar 16 Menschen aus Tuckum und Talsen (Talsi) ohne Gericht und Urteil ermordet. Insgesamt wurden allein in Tuckum mehr als 30 Deutsche, Letten und Juden getötet. Die Prozesse sowohl des Roten Terrors, als auch des nachfolgenden Weißen Terrors in Lettland sind bisher nicht wissenschaftlich untersucht,“ stellt die deutsche Beschreibung zur Ausstellung fest.

Wegen der Willkürherrschaft des Stucka-Regimes wurden jene Soldaten, die gegen den Bolschewismus kämpften, von den Bewohnern Tuckums als Befreier betrachtet. Die lettischen Soldaten waren allerdings auf die reichsdeutschen Truppen angewiesen, die noch einen Teil Kurlands besetzt hielten und sich zuvor als sich kulturell überlegen fühlende koloniale Besatzer aufgespielt hatten (spiegel.de). Das gemeinsame Ziel von Deutschbalten und Reichsdeutschen war es, die alten Besitzverhältnisse zu verteidigen bzw. Freikorpssoldaten auf lettischem Territorium eine Zukunft als Siedler zu verheißen - Kräfte also, die nach ihrer Rückkehr ins Deutsche Reich in der verkleinerten Armee keinen Platz mehr fanden und in Berlin und anderen deutschen Großstädten als rechtsradikale Freikorps die junge Republik destabilisierten.

 

Das Abkommen zwischen Ulmanis und Winnig

Die provisorische nationale Regierung von Karlis Ulmanis, die kurz nach der Gründung der lettischen Republik nur über wenige militärische Mittel verfügte, schloss am 7. Dezember 1918 ein Abkommen mit August Winnig, dem sozialdemokratischen Bevollmächtigten der deutschen Reichsregierung, um aus lettischen, deutschbaltischen und russischen Truppenteilen (Deutschbalten in vormaligen zaristischen Einheiten wurden als “Russen” gezählt) die Baltische Landeswehr zu formieren. Die provisorische, vom Sozialdemokraten Friedrich Ebert geführte Reichsregierung in Berlin finanzierte dieses Vorhaben.

Laut Museumsbeschreibung machte Ulmanis den reichsdeutschen Soldaten ein heikles Zugeständnis: “Am 29. Dezember schloss die Regierung von Ulmanis einen neuen Vertrag mit A. Winnig, der allen fremdstaatlichen Heeresangehörigen, die mindestens vier Wochen im Verbande von Freiwilligenformationen beim Kampfe für die Befreiung des Gebiets des Lettländischen Staates von den Bolschewiken tätig gewesen sind, auf ihren Antrag das volle Staatsbürgerrecht des Lettländischen Staates zu gewähren. Dieser Vertrag hatte schwerwiegende Folgen.“ Mit der Verleihung der Staatsbürgerschaft war, so schrieb Reichswehrgeneral Rüdiger von der Goltz, der die reichsdeutschen und baltischen Truppen befehligte, Landzuweisung des deutschbaltischen Adels für die eigenen Soldaten verbunden.i Von der Goltz` Kriegsmemoiren sind rassistisch, hitlerfreundlich und künden von germanischer Überlegenheit. Er erklärt, wofür die Deutschen in Lettland kämpften: „Denn Deutschland mußte Wert darauf legen, daß das Nachbarland weder bolschewistisch noch deutschfeindlich regiert würde und daß die deutsche Oberschicht eine ihrer Geschichte, wirtschaftlichen und geistigen Bedeutung entsprechende Stellung einnahm, ohne die aus dem unentwickelten Lande niemals etwas werden konnte. Das ganze Land und Volk verdankte alles, aber auch alles der germanischen Kultur und Zivilisation.“ii

Die Kooperation mit Deutschbalten, die die Interessen der Großgrundbesitzer verteidigten, stieß in lettischen Teilen der Landeswehr auf Widerstand. Im Dezember 1918, kurz bevor die Truppen Stuckas Riga eroberten, hatten die erste und dritte Kompanie der lettischen Landeswehr gemeutert und sich für bolschewistisch erklärt. Auf Befehl von Karlis Ulmanis bekämpften deutschbaltische Soldaten den Aufstand ihrer Kameraden. Am 30. Dezember 1918 kapitulierten die Rebellen. Die Landeswehr inhaftierte 191 Soldaten und zwei Offiziere - elf Letten wurden hingerichtet.

Das Bündnis mit den Deutschen stieß nicht allenthalben auf Begeisterung: “Die Ergänzung der lettischen Einheiten durch Freiwillige wurde durch die bolschewistische Stimmung der Bevölkerung behindert,“ vermerkt der Museumstext. Dennoch gelang es den ethnisch unterschiedlichen Truppenteilen der Landeswehr unter Führung von der Goltz`, die bolschewistische Armee zurückzuschlagen. Am 15. März 1919 eroberten sie Tuckum, am 22. Mai 1919 Riga. Der Einmarsch in Riga galt fortan als bedeutender deutschbaltischer Gedenktag.

Schloss Durbe, Veranstaltung

Rund um die Ausstellung finden Veranstaltungen statt, Foto: Kristine Ozola

Entzweiung der antibolschewistischen Verbündeten

Danach entzweiten sich die deutschbaltischen, reichsdeutschen und lettischen Teile der Landeswehr. Bereits am 16. April 1919 hatte eine Stoßtruppe unter Führung Hans von Manteuffels gegen Ulmanis` Regierung einen Putschversuch unternommen. Der Regierungschef und seine Minister mussten auf einen Dampfer im Hafen Zuflucht suchen, der von britischen Kanonenbooten geschützt wurde. Die Reichsdeutschen und Deutschbalten unterstützten eine dritte Regierung auf lettischem Territorium, die der Geistliche Andrievs Niedra anführte, die aber nur kurze Zeit Bestand hatte.

Mit dem Zusammenstoß der Landeswehr und der estnischen Armee an der Eisenbahnstation Ramotzky (Ieriki) begann im Juni 1919 der bewaffnete Konflikt zwischen deutschen Einheiten (Baltische Landeswehr und Freikorpssoldaten der Eisernen Division) mit estnisch-lettischen Truppen. Esten und Letten errangen in der entscheidenden Schlacht bei Wenden (Cesis) im Juni 1919 den Sieg. Er bedeutete das endgültige Aus für die deutschbaltische Vorherrschaft auf lettischem Territorium. Das unter Druck der Entente-Mächte geschlossene Waffenstillstandsabkommen von Strasdenhof vom 3. Juli 1919 verpflichtete die reichsdeutschen Truppenteile dazu, Riga zu räumen und nur noch gegen bolschewistische Einheiten zu kämpfen und danach das Land zu verlassen.

 

Bermondt-Awaloffs bunte Gesellschaft

Reichsdeutsche Soldaten weigerten sich jedoch, nach Deutschland zurückzukehren und schlüpften als Freikorps in die weißgardistische Armee von Pavel Bermondt-Awaloff unter, der sowohl gegen bolschewistische als auch gegen lettische Einheiten zu Felde zog, um die zaristische Monarchie wieder herzustellen. Diese „bunte“ Truppe suchte auch Tuckum heim, wie der Museumstext berichtet: „Am 8. Oktober 1919 morgens kam das 2. Regiment der Bermondt-Armee mit dem Zug in Tuckum an, in einem unerwarteten Angriff nahmen sie den Kommandanten Kalnins und seinen Stab gefangen und verhafteten Aleksandrs Karklins, den stellvertrenden Polizeichef des Kreises Tuckum-Talsen. Die bunte Gesellschaft der Bermondt-Truppe war in Zecherei und Abenteuern vereint. In Tuckum gab es keinen undurchwühlten Schrank mehr, in der Region begannen Bermondts Schreckenstaten.“

Bermondt-Awaloffs Truppe erhielt ihren Sold aus reichsdeutschen Quellen. Sie wurde in der Schlacht vor den Toren Rigas am 11. November 1919 von lettischen Verteidigern, die von Entente-Kriegsschiffen flankiert wurden, vernichtend geschlagen. Der deutschbaltische Teil der Landeswehr unterstand fortan dem Kommando der Ulmanis-Regierung. Sie war nun Teil der neuen lettischen Armee, die bis zum Frühjahr 1920 gegen bolschewistische Truppen in Lettgallen im Einsatz war.

Der Museumstext resumiert: „Ohne den Beitrag der Baltischen Landeswehr wäre die Existenz einer unabhängigen Republik Lettland höchstwahrscheinlich nicht möglich, da die lettische Regierung keine anderen Truppen zur Verfügung hatte, um dies zu gewährleisten,“ und: „Die Deutschbalten kämpften sowohl in der Baltischen Landeswehr, als auch in anderen Truppenteilen der Lettländischen Armee für ihre Heimat, deren politisches Gebilde noch nicht allen klar war. Vielen von ihnen wurde die höchste staatliche Militärauszeichnung – der Kriegsorden `Lāčplēsis` verliehen. Im März, April, Mai und bis zum September 1919 fielen auf dem Schlachtfeld oder starben im Lazarett für Tuckum und Region 56 Freiwillige und Führer der Baltischen Landeswehr,“ und fügt kritisch hinzu: „Der Beitrag der Deutschbalten im Befreiungskrieg Lettlands ist nicht sachgemäß untersucht und ausgewertet worden,“ - denn daran hatten weder Sowjets noch die Ulmanis-Regierung ein Interesse.

 

Ausstellung im sanierten Schloss Durbe

Die Ausstellung im frisch restaurierten Schloss Durbe am Stadtrand von Tuckum ist noch bis zum 29. November 2020 zu besichtigen. Besucher, die kein Lettisch verstehen, sollten nach der deutschsprachigen Beschreibung an der Kasse fragen. Auch die übrigen Räume und weitere Ausstellungen sind für Besucher zugänglich. Das Gebäude war bis 1919 im deutschbaltischen Besitz, wurde später dem prominenten lettischen Schriftsteller Janis Rainis übereignet, der es wiederum dem lettischen Lehrerverband übertrug. In sowjetischer Zeit wurde hier ein Sanatorium untergebracht, so dass die Gebäudesubstanz erhalten blieb. Nach der Wiederlangung der Unabhängigkeit wurden die Räume des Parterres wieder gemäß des Originalzustandes der Vorkriegszeit hergerichtet. Da die letzten deutschbaltischen Besitzer, die Familie von der Recke, nach ihrer Enteignung die Inneneinrichtung mitnehmen durften, musste für das Inventar eine der damaligen Zeit entsprechende Möblierung besorgt werden.

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i “Als Ausgleich [für die reichsdeutsche Anerkennung der lettischen Republik] schloß der große Patriot August Winnig am 7.12. [1918] einen Vertrag ab für den Ausbau der Baltischen Landeswehr und am 29.12. einen weiteren Vertrag, der `allen fremdstaatlichen Heeresangehörigen, die mindestens 4 Wochen im Verbande von Freiwilligenformationen beim Kampfe für die Befreiung des Gebietes des lettländischen Staates von den Bolschewiki tätig gewesen sind, auf ihren Antrag das volle Staatsbürgerrecht des lettischen Staates` zusicherte. Etwa gleichzeitig stellte die baltische Ritterschaft ein Drittel ihres Besitzes für die Besiedlung durch deutsche Soldaten, die sie vor den Bolschewiki geschützt hatten, zur Verfügung.“ Rüdiger Graf von der Goltz: Als politischer General im Osten (Finnland und Baltikum) 1918 und 1919, Leipzig o.J. (Koehler), S. 81

ii ebd. S. 110f.

 

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