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Münster, 15.9.2019
Lettische Kunstausstellungen im September 2019 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 31. August 2019 um 00:00 Uhr

Die Frau, die NS-Beutekunst zurück nach Lettland brachte

Merija GrinbergaSelten sind jene, die Kunst und Kultur organisieren, selbst Thema einer Ausstellung. Ab 7. September ist im Lettischen Nationalen Kunstmuseum die Geschichte einer Frau zu sehen, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Bestand lettischer Museen rettete. Die Deutschen hatten kurz vor ihrem Rückzug Kunstwerke und sonstige wertvolle Exponate in Kisten abtransportiert. Die Beutekunst fiel in München den Besatzern in die Hände. Die Museumsangestellte Merija Grinberga wurde damit beauftragt, mit einem Zug die lettischen Museumsschätze auf einer gefährlichen Reise zurückzuholen. Die Ausstellung dokumentiert die Reise und Grinbergas Biographie. Einen Weltkrieg zuvor mussten die Schüler der Rigaer Kunstschule ihre Anstalt verlassen, weil sie in den Kriegswirren geschlossen wurde. Einige von ihnen setzten ihre Ausbildung im fernen russischen Pensa fort, wo die Dozenten ihre Bilder schätzten und ausstellten. Aus der Pensa-Gruppe ging ein Kreis lettischer Maler hervor, die Lettlands künstlerische Moderne geprägt haben. Sandra Vinge schafft aus Elementen des urbanen Lebens Collagen mit kräftigen Farben, die eine neue Wahrnehmung der einzelnen Elemente ermöglicht. Hier die Zusammenfassung von PR-Texten lettischer Kunstmuseen für den Monat September.

Merija Grinberga im Geschäft ihrer Mutter 1928, Foto: LNMM

 

Riga: Merijas celojums. Grosvaldu gimenes stasts - Merijas Reise. Die Geschichte der Familie Grosvalds

Lettlands Nationales Kunstmuseum, Ausstellungssaal 4. Etage und Kuppelsaal in der 5. Etage, Jana Rozentala laukums 1, Riga, vom 7.9. bis 24.11.2019, Ausstellungseröffnung am 6.9.2019 um 18 Uhr.

Die Ausstellung ist keiner Künstlerin, sondern einer Organisatorin und Bewahrerin der Kunst gewidmet, der Archivarin und Museologin Merija Grinberga. Ihre gleichnamige Mutter stammte aus der Familie Grosvalds, die neben dem Maler Jazeps einige weitere bekannte Persönlichkeiten hervorbrachte. Merijas Vater war der lutheranische Bischof Janis Grinbergs, der bis zu seinem Tod 1923 in Petersburg der lettischen Gemeinde vorstand. Danach zog Merija mit ihrer Mutter nach Riga, die am Aspazijas Bulvaris ein Geschäft für Designartikel eröffnete. Merija absolvierte 1928 das Gymnasium, half ihrer Mutter im Geschäft und beteiligte sich an der Organisation verschiedener Ausstellungen in Helsinki, Budapest, Paris und Leipzig. Seit 1936 arbeitete sie als Archivarin im Staatlichen Geschichtsmuseum. Im Zweiten Weltkrieg sollte sie den in Kisten verpackten Bestand nicht nur des eigenen Hauses, sondern auch des heutigen Nationalen Kunstmuseums und des damaligen Dommuseums bewachen. Auf deutschem Befehl wurde die wertvolle Fracht am 7. Oktober 1944, also kurz vor dem Rückzug der Wehrmacht aus Riga, auf das Schiff „Ludwigshafen“ verladen und zunächst nach Königsberg, von dort ins tschechische Opavu transportiert. Die lettischen Kunstwerke endeten schließlich im von US-Amerikanern besetzten München. Die Besatzer übergaben die Kisten Vertretern der Roten Armee. Merija wurde mit dem Rücktransport beauftragt. Sie musste eine gefährliche Zugfahrt über Wien, Budapest und Lemberg antreten, der Zug wurde mehrmals überfallen. Doch ihr gelang es, am 10. Februar 1946 elf Waggons mit 400 Kästen in die lettische Hauptstadt zu bringen. Nur die Münzsammlung des Dommuseums war verlorengegangen. Über dieses Abenteuer hat die Regisseurin Kristine Zelve unter dem Titel „Merijas Reise“ im letzten Jahr einen dokumentarischen Spielfilm gedreht. Die Ausstellung bezieht sich auf Zelves Werk und ordnet es in einen größeren Rahmen ein, der Merijas Leben vor dem Hintergrund historischer Ereignisse darstellt. Zelve ist Mitkuratorin, die gemeinsam mit Ieva Kalnaca die Ausstellung organisiert. Besucher werden die Tagebücher von Merijas Mutter, Merijas eigene Zeichnungen aus Kindertagen, einige besondere Exponate, die sie damals gerettet hat, Bilder des bekannten Verwandten Jazeps Grosfelds, Fotografien und Gegenstände aus Familienbesitz betrachten. Merija verarmte in stalinistischer Zeit. Das Regime misstraute ihr. Sie musste sich für ihre Reise rechtfertigen und sie verlor ihre Arbeit im Geschichtsmuseum. In den 50er Jahren arbeitete sie einige Jahre als Qualitätskontrolleurin in einer Fabrik für Elektroarmaturen. Sie musste einige der Gemälde ihres bekannten Verwandten Jazeps Grosvalds verkaufen. Erst in der Tauwetterperiode nach Stalins Tod erhielt sie eine Stelle als Bibliothekarin im Nationalen Kunstmuseum.

Grosvalds, Merijas Porträt

Jazeps Grosvalds porträtierte 1913 seine Verwandte Merija, Foto: Normunds Braslins/ LNMM

 

Riga: Latviesu makslinieki Penzas Makslas skola - Lettische Maler in der Kunstschule von Pensa

Romans Suta und Aleksandra Belcova Museum, Elizabetes iela 57a, dz. 26 (Eingang über dem Hof, 5. Etage), Riga, bis 30.11.2019

Die Mitarbeiter des Museums räumen im Herbst die Dauerausstellung des bekannten Malerpaares, deren Exponate dann im Nationalen Kunstmuseum im Rahmen einer größeren Retrospektive zu betrachten sind. In dieser Zeit erinnert das kleine Museum in der Elizabetes iela, unter welchen Bedingungen die zukünftigen Maler der lettischen Moderne im Ersten Weltkrieg leben und lernen mussten. Die städtische Kunstschule Rigas wurde 1915 kriegsbedingt geschlossen. Vilhelms Purvitis, Lettlands bekanntester Landschaftsmaler und Leiter dieser Schule, gelang es, einige seiner Schüler an andere Kunstschulen des Zarenreichs zu vermitteln. Etwa ein Dutzend von ihnen wählten die Kunstschule von Pensa, einer Großstadt im Südwesten Russlands, die etwa 600 Kilometer von Moskau entfernt ist. Die jungen Künstler litten in der Ferne so manche Entbehrungen, Hunger und Kälte. Unter ihnen befand sich Romans Suta, der hier seine Lebensgefährtin Aleksandra Belcova kennenlernte. Suta traf in Pensa gleichgesinnte Kommilitonen seiner Heimat, unter ihnen Jekabs Kazaks, Konrads Ubans, Karlis Johansons und Valdemars Tone. Die Dozenten von Pensa haben die Bilder ihrer lettischen Schüler besonders geschätzt und ihnen in den Frühjahrsausstellungen, die die Schule organisierte, einen besonderen Platz zugewiesen. Die Werke der jungen Letten galten als innovatorisch, modern und kühn. Doch bald schon wurden die Männer in den Kriegsdienst eingezogen, auch Romans Suta und Jebabs Kazaks kehrten 1917 nach Lettland zurück, um in einem lettischen Schützenbataillon zu kämpfen. Doch in Pensa hatte sich ein gemeinsamer künstlerischer Geist entwickelt. Nach dem Krieg gründeten ehemalige Pensa-Schüler die Rigaer Künstlergruppe, die das Zentrum der künstlerischen Moderne Lettlands bildete. Neben einigen Bildern, die in der Pensa-Zeit entstanden, präsentiert die Ausstellungen Informationen über die Dozenten von Pensa und über das Ausbildungssystem dieser Schule, zudem Brieffragmente und Zeichnungen der Kunststudenten jener Zeit.

Suta, Flüchtlinge

1916 zeichnete Romans Suta in Pensa Flüchtlinge, Foto: LNMM

 

Liepaja: Sandra Vinge, Kluso domu maratons - Stiller Gedankenmarathon

Museum Liepaja, Kurmajas pr. 16/18, Liepaja, bis 22.9.2019

Laut Museumstext überraschen Vingres Bilder durch glänzende Farben, akkuraten Linien und klaren Flächen. Die Künstlerin fügt Skizzenelemente zu einer Collage zusammen, die aus alten Holzschnitten, Ornamentmustern, Reklamegrafiken, Illustrationen, Zeitungsausschnitten oder anderen Elementen urbaner Kultur bestehen. So entsteht eine Komposition aus geometrischen Formen, die teilweise zufällig, teilweise geplant zusammengefügt ist. Das Farbenspiel ermöglicht eine neue Wahrnehmung der Details. „in den Arbeiten benutzte die Künstlerin nicht nur Bilder aus dem persönlichen Fotoarchiv, sondern auch Zitate aus anderen zeitgenössischen Werken. Das ist ihre Art der Dekonstruktion, um neue Kompositionen zu schaffen.“ Vingre wurde 1986 geboren und studierte an der Lettischen Universität, später Kunst an der Lettischen Christlichen Akademie und erwarb 2017 den Mastergrad für Malerei an der Lettischen Kunstakademie. Sie nahm an Ausstellungen in Großbritannien und den USA teil, hatte Einzelausstellungen in Riga, Liepaja, Ventspils, Jelgava und anderenorts.

 

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