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Münster, 16.10.2019
Lettische Kunstausstellungen im Oktober 2019 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 03. Oktober 2019 um 00:00 Uhr

Ein Jubiläum, eine Retrospektive und Erinnerungen als solche

Belcova, SelbstporträtDieser Herbst ist den Erinnerungen gewidmet. An was wir uns wie erinnern, beeinflusst unser gegenwärtiges Denken und Handeln. Das lässt sich sowohl auf das kollektive Gedächtnis als auch auf die Psyche jedes einzelnen beziehen. Die Lettische Kunstakademie erinnert in einem ungewöhnlichen Projekt an ihr 100jähriges Bestehen, zugleich an der ursprünglichen Bedeutung des Wortes Akademie: Dem kreativen Gedankenaustausch unter freiem Himmel, daran soll auch der Besucher der sich im Prozess befindlichen Ausstellung teilhaben. Im Nationalen Kunstmuseum ist ab Mitte Oktober eine Retrospektive zum Werk Aleksandra Belcovas zu sehen, sie gehört zu den Frauen, die die lettische Moderne mitgestalteten. Das litauische Kunstprojekt X-Memory thematisiert den Einfluss der Erinnerung auf unser Leben. 20 Künstlerpaare versuchen aufzuzeigen, wie die Erinnerung unsere Gegenwart prägt, die Kommunikation mit den Mitmenschen und unsere Entscheidungen beeinflusst. Hier die Zusammenfassung aus den PR-Texten lettischer Kunstmuseen für den Monat Oktober.

Aleksandra Belcova, Selbstporträt, Foto: Normunds Braslins/ LNMM

Riga: Academia - Ausstellung zum 100jährigen Bestehen der Lettischen Kunstakademie

Kunsthalle Arsenals, Großer Saal, Torna iela 1, Riga, bis 17.11.2019

Vor etwa 100 Jahren wurde die Lettische Kunstakademie (LMA) gegründet, das genaue Gründungsdatum ist Ansichtssache. Die Idee für einen Ort, Künstler auszubilden, entstand schon im Frühjahr 1919, als Riga von Bolschewisten beherrscht wurde. Künstler hatten sich an der Gestaltung der 1.-Mai-Feierlichkeiten beteiligt. Am 4. Mai 1919 publizierte die Zeitschrift „Cina“ (Kampf) eine Bekanntmachung des Kommissariats für Volksbildung: Mitte Mai werde eine Werkstätte für proletarische Kunst ihren Betrieb aufnehmen, doch am 22. Mai besetzten deutsche Truppen die lettische Hauptstadt. Am 20. August beschloss die provisorische Nationalregierung, in Riga die Lettische Kunstakademie zu gründen. Sie wurde gleich neben dem Kunstmuseum im neugotischen Bau der ehemaligen Kommerzschule untergebracht, die Architekt Wilhelm Bockslaff (LP: hier) vor dem Krieg errichten ließ. Eröffnet wurde Lettlands Kunsthochschule erst am 12. Oktober 1921. Das Design der Jubiläumsausstellung orientiert sich an der Herkunft des Wortes „Akademie“: Die Platonische Akademie, die vor mehr als 2000 Jahren in einem Olivenhain tagte, stand für offene philosophische Diskussionen unter freiem Himmel. Kurator und Akademieprofessor Ojars Petersons: „In der heutigen Terminologie haftet dem Wort `akademisch` zuweilen eine behäbige Färbung an, weshalb die Gestaltung des Projekts derart ist, auf die ursprüngliche Bedeutung zu schauen - ein Prozess des freien und kreativen Denkens. Von diesem Beispiel beseelt wird die örtliche Atmosphäre und der zeitgenössische Geist der Lettischen Kunstakademie in die Ausstellung getragen, eine Veranstaltung, die sich im Ablauf verändern wird, denn die zu sehenden Kunstwerke werden ergänzt und verändert, dabei wird auch auf die Mithilfe der Besucher gezählt. Am Projekt nehmen mehr als 50 LMA-Studierende und Absolventen der letzten Jahre teil. Sie gestalten Arbeiten, die die Interessengebiete der jungen Künstler auf der Suche nach kreativem Ausdruck widerspiegeln. Das Neue dieser Ausstellung ist dieses offene Format, in dem sich vielfältige Aktivitäten vollziehen, welche dem Zuschauer sowohl die Möglichkeit des Mitwirkens bieten als auch den Zauber eines Gartens virtueller Realität zu erleben.“ An bestimmten Tagen werden Studierende und Dozenten aufgefordert, das „lebendige Archiv“ mit eigenen Fotos zu ergänzen, die das akademische Leben illustrieren. Eine besondere Innenarchitektur soll das Akademische im Sinne Platons wiederbeleben: „Die aufgebrochene Struktur und die Gartenatmosphäre in der zweiten Etage ermöglichen den unaufgeregten Meinungsaustausch. In den Öffnungszeiten der Ausstellung werden hier öffentliche Lektionen, Diskussionen und Unterredungen mit Absolventen der Akademie stattfinden, unter der Leitung der Lehrkräfte der LMA-Meisterklassen; tagsüber wird den Akademiestudenten Kunstunterricht erteilt, daran können sich die Museumsbesucher beteiligen,“ erläutert Petersons das Programm.

Plakat zur Akademie-Ausstellung

Werbeplakat zur Ausstellung "Academia", Foto: LNMM

Riga: Aleksandra Belcova (1892-1981), Malerei, Grafik, Porzellan der Werkstätte „Baltars“

Lettisches Nationales Kunstmuseum, Hauptgebäude, Großer Saal, Jana Rozentala laukums 1, Riga, 12.10.2019 bis 12.1.2020, Eröffnung: 11.10.2019, 17 Uhr

Als Aleksandra Belcova 1919 ihrem späteren Ehemann Romans Suta nach Riga folgte, traf sie einige Bekannte wieder, die während der Kriegszeit an der Kunstschule im russischen Penza studiert hatten, wo sie auch erstmals Suta begegnet war, der ihr Interesse am Modernismus geweckt hatte. So wurde die Künstlerin russischer Herkunft ein Mitglied der lettischen Avantgarde, beteiligte sich an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland, wurde Mitglied der Gruppen „Rigaer Künstlervereinigung“ und „Die güne Krähe“. Mit ihrem Mann unternahm sie Reisen nach Berlin, Dresden und Paris. Sie war von der französischen Malschule fasziniert und ließ sich vom französisch-japanischen Künstler Tsuguharu Foujita inspirieren. Die Malerin übte sich in verschiedenen Stilrichtungen der Moderne: Kubismus, Art Deco und schließlich Realismus, sie beherrschte neben der Ölmalerei verschiedene Genres: Karikaturen für die Zeitschrift „Ho-Ho“ und die Zeitung „Socialdemokrats“; sie malte mit Aquarell-und Pastellfarben und bemalte in der Werkstätte „Baltars“, die ihr Mann gegründet hatte, Porzellan mit folkloristischen, religiösen oder abstrakten Motiven. Prägend für ihr Kunstschaffen wurde die Porträtmalerei, mit der sie Angehörige, Freunde und Bekannte abbildete. Kuratorin Nataļja Jevsejeva weist auf Belcovas langes Leben hin. In ihrer Kunst spiegeln sich die Ereignisse des 20. Jahrhunderts und ihre persönliche Lebensgeschichte wider. Zu den bittersten Erfahrungen gehört gewiss der Tod ihres Mannes, der 1944 fälschlich beschuldigt wurde, Lebensmittelkarten gefälscht zu haben und hingerichtet wurde. Bereits in der Sowjetzeit wurde Suta nach dem Tod Stalins im Jahr 1959 rehabilitiert. Dem Künstlerpaar ist in der Elizabetes iela ein kleines Museum gewidmet, das Wechselausstellungen präsentiert. Doch für diese erste große Retrospektive wird der Große Saal des Nationalmuseums benötigt. Jevsejeva beschreibt, was den Besucher erwartet: „Der größte Teil des kreativen Erbes der Künstlerin bilden gezeichnete Skizzen auf Blocks und in Alben. Häufig fixierte sie ihre Eindrücke vom Wahrgenommenen, Beobachteten, entwarf Skizzen für die nächsten Kompositionen. In der Ausstellung ist dieses Material erstmals dargeboten - teils, um die ausgestellten Gemälde zu ergänzen, teils um einen Eindruck vom innreren Dialog zwischen der Künstlerin und der umgebenden Realität aufzuzeigen.“

Belcova, Schwarz und Weiß

Aleksandra Belcova, Schwarz und Weiß, Foto: Normunds Braslins/ LNMM

Daugavpils: Litauisches Kunstprojekt: X-Memory

Mark-Rothko-Zentrum, Daugavpils, bis 3.11.2019

Kurator Albinas Voloskevicius zum Thema der Ausstellung: „Die Erinnerung eines jeden erstreckt sich auf verschiedene Etappen, Ereignisse, Momente und Lebenserfahrungen. Manche sind blass und unscharf, andere intensiv im Hinblick auf Wirkung und Bedeutung. Alle beeinflussen sie, bewusst oder unbewusst, unsere Wahrnehmung der Welt und unsere Entscheidungen. In wiefern beieinflusst die Erinnerung unseren sozialen Status, unsere Kommunikation mit Mitmenschen und unsere Wahrnehmung der Umgebung? In welchem Ausmaß erfährt jeder von uns die Effekte positiver und negativer Gedanken? Sicherlich sind die Konzepte der Erinnerung und des Denkens sowie ihrer Interpretationen unerschöpflich. Das X-Projekt ist eine fortdauernde Initiative, die nun ihren dritten Durchlauf erfährt. Dieses Kunstevent lädt Kreative verschiedener Arbeitsbereiche ein, in Paaren ein Gemeinschaftsprojekt zu gestalten, verschiedene kreative und technische Erfahrungen und Ideen zu teilen und Raum zu lassen für die Interpretation der Motive.“ Am Projekt beteiligen sich 20 Kunstpaare aus verschiedenen Städten Litauens und neuerdings auch aus dem Ausland. Sie kommen aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern wie Malerei, Glas- und Textilkunst, Fotographie, Bildhauerei usw. Die entstandenen Kunstwerke werden ihren endgültigen Platz im Zentrum für neue Kunst in Panevezys finden.

 

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