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Münster, 15.11.2019
100 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Italien und Lettland PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 31. Oktober 2019 um 00:00 Uhr

Rom gegenüber Lettland wohlgesonnen

Schloss RundaleLubova Medveda meinte in ihrer Forschungsarbeit von 2008: “Weil Lettland als sowjetische Ex-Republik aus historischen Gründen nie das Ziel großer Immigrantengruppen italienischer Herkunft gewesen war, blieb bis vor etwa 15 Jahren die Präsenz von Italienern in Lettland ziemlich begrenzt. Nach der Erreichung der lettischen Unabhängigkeit 1991 hat sich die Lage völlig verändert. Es gab einen Moment des Wandels, welcher Lettland in die Reihe eines der bevorzugten Länder stellte, um Kontakte mit dem Ausland herzustellen, insbesondere mit Italien, seien sie ökonomischer Art oder Teil der italo-lettischen Kultur.” (alii.lv) Das Land, in dem die Zitronen blühen, hat nicht nur zahlreiche historisch-kulturelle Beziehungen zu den “Goten” (ein anderes italienisches Wort für Barbaren, mit dem einst der Renaissance-Maler Giorgio Vasari den Stil der Kathedralen nördlich der Alpen verspottete), auch Letten können auf ein Jahrhundert wohlwollender Zusammenarbeit zurückblicken.

Schloss Rundale in Lettland wurde von Rastrelli, einem Baumeister mit italienischen Vorfahren, ins Werk gesetzt, Foto: Greifen - Paša darbs, CC BY-SA 3.0, Saite

Beziehungen seit der Römerzeit

Die Kontakte zwischen Mare Nostrum und Mar Baltico reichen allerdings viel weiter zurück. Münzfunde bekunden, dass bereits zur Römerzeit der Bernsteinhandel florierte. Die mittelalterlichen Eroberer aus Norddeutschland machten sich gewiss aus Eigennutz und mit Gewalt in der baltischen Region breit, doch sie fungierten auch als Vermittler dessen, was die römische Kultur hervorgebracht hatte: Lateinische Schrift, Steinbauten und Christentum, das aber hierzulande seit der frühen Neuzeit weitgehend lutheranisch statt römisch geprägt ist. In der Zeit des Barocks und der Renaissance waren italienische Baumeister begehrt. Bartolomeo Francesco Rastrelli war nicht nur Hofarchitekt der Zarin Anna Iwanowna, der für sie den Petersburger Winterpalast entwarf, nach seinen Plänen und unter seiner Leitung entstanden auch Lettlands größte Schlösser in Rundale (LP: hier) und Jelgava. Zudem brachten es im 18. Jahrhundert zwei italienische Leichtfüße und Schwerenöter mit ihren Reisen und Ausflüchten bis an die livländische Ostseeküste: Giacomo Casanova und Cagliostro.

Basilica Minor in Aglona

Die Basilica Minor im lettgallischen Aglona, die im letzten Jahr vom Papst besucht wurde. Im einst polnisch beherrschten Lettgallen hat sich der römisch-katholische Glauben erhalten, Foto: "Aglona basilica". Saite

Filippo Paulucci

Lange vor der lettischen Staatsgründung mischte ein Italiener in der baltischen Politik mit. Filippo Paulucci, in Modena geboren, nahm schon als 13jähriger am Kampf gegen Napoleon teil, floh nach Österreich, wurde Soldat der bayrischen Armee, heiratete in Wien die Deutschbaltin Wilhelmina Franziska von Koskull und kämpfte nach der Schlacht von Austerlitz auf russischer Seite gegen Napoleon weiter. Der skrupellose französische Feldherr griff 1812 Russland an, auch Riga war bedroht, das nun unter dem Kommando von Paulucci verteidigt wurde. Generalgouverneur Magnus Gustav von Essen ließ derweil vorsorglich die Vorstädte Rigas abbrennen, um freies Schussfeld zu haben. Zeitzeuge Ulrich Freiherr von Schlippenbach schrieb dazu:

Die Kriegsmaßregel, welche hier 800 Häuser, die Nebengebäude, Kornmagazine und Buden nicht mitgerechnet, vernichtete, kann man freilich wohl übereilt nennen, da der Feind niemals so nahe kam, um die Vorstädte besetzen zu können; doch glaube ich gewiss, dass wenn der Brand der Vorstädte nicht frühzeitig erfolgte, und schon hieraus allein der entschiedene Vorsatz der hartnäckigsten Verteidigung der Festung selbst erwiesen worden wäre, der Feind es, mit so überwiegenden Kräften, kühner versucht haben würde, sich der Festung zu nahen, die doch so schwach besetzt war. Wäre aber Riga genommen worden, vielleicht hätte der ganze Feldzug des Jahres 1812 nicht so herrlich vollendet werden können. In einem Kriege, den die Gottheit selbst so sichtbarlich als den der unterdrückten Menschheit gegen die Gewalt des bösen Prinzips in ihr weihte, kann man es wohl glauben, dass Rigas Vorstadt, wie das heilige Moskwa und alle die Städte und Dörfer auf dem Schreckenswege, den Napoleon zog, nur als heilige Sühnopfer brannten – aus deren Asche der frische Lorbeer des Sieges und endlich die herrliche Palme des Friedens so prächtig entkeimte.“

Für den Feldherrn Paulucci findet Schlippenbach großes Lob, der Italiener kannte schon die militärische Bedeutung von Fake News:

Wie es dem Marquis Paulucci, als Kriegsgouverneur von Riga, der doch, was man gewiss weiß, nicht mehr als 13.000 Mann dienstfähiger Soldaten zwischen Riga und Dünamünde unter seinem Kommando hatte, möglich wurde, 35.000 Mann Feinde bis auf zwei Meilen von der Festung zurückzuhalten, muss Jedem unbegreiflich scheinen, der es nicht weiß, wie geschickt der Feind über die eigentliche Zahl der Riga’schen Garnison getäuscht ward, so dass er mit fester Zuversicht die Ankunft neuer Truppen in Riga glaubte. Freilich marschierten oft genug Soldaten zur Stadt, bald zu diesem bald zu jenem Tore, herein, aber es waren immer dieselben, und die ernsten Überfälle, wenn der Feind solche am wenigsten erwartete, ließen auf eine große Anzahl Militär schließen, welches außer der Garnison vor der Stadt kampierte.“ (lexikus.de)

Danach ernannte der Zar Paulucci anstelle des voreiligen von Essen zum Generalgouverneur der drei Ostseeprovinzen. Paulucci ließ Rigas Vororte wieder aufbauen, die Rigenser Kaufleute dankten es ihm und spendierten posthum ein Denkmal, dessen Kopie 2003 im Rigaer Wöhrmann-Park aufgestellt wurde.

Denkmal für Paulucci

Denkmal für Paulucci in Riga mit dem Datum seiner Ankunft, Foto: Alma Pater - Paša darbs, CC BY-SA 3.0, Saite

Italiens Hilfe bei der Anerkennung Lettlands

Nach den Befreiungskriegen rang Lettland als junge Republik um internationale Anerkennung und fand in Italien den größten Unterstützer. Der lettische Gesandte Mikelis Valters fand sich Ende Dezember 1919 in Rom ein, konnte aber zunächst nicht akkreditiert werden, weil sich der zuständige italienische Minister Vittorio Scialoja anlässlich der Friedenskonferenz in Paris aufhielt. Dem italienischen Gesandten Gino Macchioro Vivalba wurde zur gleichen Zeit ein Dienstzimmer in Riga eingerichtet. Vivalba bevorzugte aber, den Winter über im Süden zu bleiben und zog erst im folgenden März in die lettische Hauptstadt.

Valerio Perna beschreibt, dass Valters seine Zeit bis zur Akkreditierung nutzte, um die öffentliche Meinung Italiens im Sinne seines Landes zu beeinflussen. „Die in Italien beobachte Einstellung zu Lettland bewegte ihn zur Feststellung, dass die in Rom herrschende Stimmung gegenüber den nationalen Interessen Lettlands viel wohlgesonner ist als jene, die man in Paris antrifft.“1 Die nationale Unabhängigkeit der neuen Staaten war ein Zankapfel der Entente-Mächte. Der Bürgerkrieg in der Sowjetunion ließ die Siegermächte zögern.

Eine Broschüre der italienisch-lettischen Diplomatie beschreibt die damalige Situation: „Der erste fundamentale Schritt wurde für das baltische Land der Waffenstillstand, der 1920 mit der Sowjetunion unterzeichnet wurde und ein Jahr später, am 26. Januar 1921, unterschrieb Lettland de iure das Dokument seiner Anerkennung zur Aufnahme offizieller diplomatischer Beziehungen mit anderen Staaten. Am 22. September des Jahres wurde Lettland ein Mitglied des Völkerbundes. Der Eintritt Lettlands erfolgte auf energischem Wunsch Italiens, in dieser heiklen Periode repräsentiert von Ministerpräsident Giovanni Giolitti und dem Außenminister Carlo Sforza. Von diesem Jahr an begannen zwischen Lettland und Italien stabile und enge Beziehungen, nicht allein unter diplomatischen Gesichtspunkten [...]“ (esteri.it)

Strunke-Gemälde

Niklavs Strunke, Mensch geht ins Zimmer, Foto: LNMM

Kultureller Austausch

Zwischen den beiden Ländern blieb es nicht nur bei guten diplomatischen Beziehungen. Auch kulturell entstand reghaftes wechselseitiges Interesse. Seit 1923 lehrte Clara Coisson-Gersoni in Riga Italienisch am Italienisch-Baltischen Institut, später auch an der Universität und an der Musikhochschule. In umgekehrter Richtung begann der Lettischunterricht ein Jahrzehnt später. Marta Rasupe traf 1934 in Italien ein, um in Neapel, später in Rom ihre Muttersprache zu unterrichten.

Lettische Maler waren von Italien fasziniert, insbesondere Niklavs Strunke, der sich für den Futurismus interessierte, die Begrüßung „Ciao“ in die lettische Sprache einführte, aber nur noch für kurze Zeit in Riga blieb, um endgültig nach Italien zu ziehen (LP: hier). Lettische Studenten begaben sich auf Exkursion ins Belpaese. Die Universität Riga und die Hochschule für Agrarwissenschaften in Portici bei Neapel erkannten wechselseitig ihre Diplome an. In Riga war eine Ausstellung des Künstlers Filippo Marfori-Savini zu sehen. Karlis Strausberg gründete mit Gleichgesinnten in den 30er Jahren die Gesellschaft „Freunde Italiens in Lettland“, die Konferenzen, Konzerte und Filmvorführungen organisierte.

Ulmanis` Plan für ein Bürogebäude

Wie Mussolini verfolgte auch Ulmanis die architektonische Erneuerung zur Darstellung von Macht, hier ein geplantes Bürogebäude für Riga, Foto: Saite

Harmonie auch in politisch bedenklichen Zeiten

Die Bedeutung der italienisch-lettischen Beziehungen markiert ein italienischer Festabend in Riga mit 400 geladenen Gästen, der anlässlich des zehnjährigen Bestehens der lettischen Republik am 15. November 1928 veranstaltet wurde. Auf dem Programm standen neben der lettischen Nationalhymne, dem italienischen Königsmarsch die Arien Verdis, Puccinis und weiterer Komponisten, gesungen von Cav. Giuseppe Garnero, der Film „Alma Roma“ und eine Szene aus Goldonis „Die neugierigen Frauen“. Eine Diskussion mit dem italienischen Botschafter war letzter Programmpunkt.

Man muss allerdings auch erwähnen, dass die lettischen-italienischen Beziehungen sich nicht deshalb eintrübten, weil in Rom ein Faschist die Macht ergriffen hatte. Benito Mussolini wurde bereits im November 1928 mit Lettlands höchstem Orden für militärische Verdienste, dem Lacplesis-Orden erster Klasse, ausgezeichnet. Bis heute hält sich in Lettland das Gerücht, er habe es wegen seiner Verdienste um die lettische Unabhängigkeit erhalten, die sind jedoch Scialoja, Sforza und Giolitti zuzuschreiben. Nur die lettischen Sozialdemokraten reagierten empört und blieben der Verleihungssitzung fern (periodika.lv).

Die freundschaftlichen Beziehungen zu Mussolini zeigten sich in italienischen Rüstungslieferungen, der Ausbildung lettischer Piloten in Italien und dem Besuch italienischer Marineschiffe in der Rigaer Bucht. Lettland erhoffte sich bis in die 30er Jahre von Italien Schutz vor den Großmächten Deutschland und Russland. Aber manche im lettischen Bürgertum waren auch für die faschistische Regierungsart aufgeschlossen. Als Karlis Ulmanis sich 1934 an die Macht putschte, nannte er sich „Vadonis“, was sich ins Italienische mit „Duce“ übersetzen ließe und ins Deutsche mit „Führer“.

Cesis im Herbst

Die historische Kleinstadt Cesis im Herbst, Foto: Guntars Mednis, CC BY-SA 3.0, Link

Eine touristische Entdeckung

Nachdem in sowjetischer Zeit die Romanistik an der Lettischen Universität geschlossen worden war, entfachte die lettische Unabhängigkeit neues wechselseitiges Interesse touristischer, kultureller und wirtschaftlicher Art. Schönheit und Geschmack des „Made in Italy“ werden auch zwischen Daugavpils und Liepaja geschätzt und genossen. Italienischer Wein und Parmesan findet man in allen lettischen Supermärkten. An der Lettischen Universität und an der Lettischen Kulturakademie kann man wieder Italienisch studieren.

Für Italiener wiederum ist Lettland eine touristische Entdeckung im fernen Norden. Lubova Medveda beantwortet sich die Frage, was Italiener an Lettland attraktiv finden, selbst: „Vor allem handelt es sich um Neugier für ein Land, in dem man noch die Spuren des russischen Imperiums und der Sowjetunion entdeckt.“ Zudem ist Riga noch erschwinglicher als Kopenhagen oder Stockholm. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat erzählten Italiener enthusiastisch von ihren Erlebnissen und machten ihre Landsleute neugierig auf das kleine Land an der Bernsteinküste.

 

Quelle:

1 Valerio Perna: Italija un Latvija, Diplomatisko attiecibu vesture, Riga 2002, S. 23

 

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