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Münster, 09.12.2019
Lettische Kunstausstellungen im Dezember 2019 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 30. November 2019 um 00:00 Uhr

Lucija Zamaica – eine Meisterin der Nichtvereinnahmbarkeit

Lucija ZamaicaDie neuen Ausstellungen thematisieren den engen Bezug der unterschiedlichen Künste, zeigen, wie sich bildende Kunst und Dichtung wechselseitig beeinflussten und inspirierten. Die Dichterin Lucija Zamaica, ein Paradiesvogel und Bürgerschreck, pflegte eine innige Freundschaft zur Malerin Aleksandra Belcova, die ihre standhafte Freundin in sowjetischer Zeit unterstützte. In der Kunsthalle Arsenals ist zu sehen, wie Science-Fiction-Autoren bildende Künstler inspirierten, aber auch, wie dieses Genre für die sowjetische Ideologie instrumentalisiert wurde. Maija Tabaka, eine der bekanntesten zeitgenössischen Malerinnen Lettlands, ist eine Ausstellung zu ihrem 80. Geburtstag gewidmet. Hier die Zusammenfassung aus PR-Texten lettischer Kunstmuseen für den Monat Dezember.

Lucija Zamaica in den 20er Jahren, Foto: LNMM

Riga: Lucija Zamaica, Es un mani vardi – Ich und meine Worte

Romans-Suta-und-Aleksandra-Belcova-Museum, Elizabetes iela 57a, dz. 26 (Eingang über den Hof, 5. Etage), Riga, vom 4.12.2019 bis 25.4.2020, Ausstellungseröffnung am 3.12.2019, 17 Uhr

Ich, Lucija Zamaica, und meine Worte“, mit diesem selbstbewussten Titel benannte die Literatin ihren vierten Gedichtband, den sie 1923 veröffentlichte. Zamaica, die 1893 in der Nähe von Bauska geboren wurde und 1965 in Riga starb, war ein Bürgerschreck ihrer Zeit, links, feministisch, die Ehe bezeichnete sie als legalisierte Prostitution. In den zwanziger Jahren erregte sie öffentliche Skandale, weil sie beispielsweise ein Kleid trug, das vorn keusch bis zum Hals geschlossen war, aber hinten tief ihren Rücken bis zum Po entblößte - eine anschauliche Verkörperung der gesellschaftlichen Bigotterie. Ein Gericht verurteilte sie zu 100 Lats Strafe oder einem Monat Arrest, weil sie öffentlich einem Feuilletonchef vorgeworfen hatte, ihre Gedichte in seiner Brusttasche am Herzen zu tragen, an einem Ort, der seiner zweiten Frau zustehe. Unter Pseudonymen schrieb sie Essays, kritisierte die bürgerliche Doppelmoral, war gesellschaftskritisch und entlarvte die patriarchalischen Stereotypen über weibliche Rollenbilder. Sie kritisierte Spießbürger und lettische Selbstgefälligkeit. Ihr bekanntestes Werk wurde der Roman „Direktors Kazrags“, den sie 1927 in Paris schrieb, eine Satire über die Geschäfts- und Bankenwelt. In dieser Zeit lernte sie den Aktivisten Linards Laicens kennen, engagierte sich mit ihm in einer linken Gewerkschaft und betätigte sich im politischen Untergrund. Die deutschen Besatzer steckten sie 1941 für neun Monate ins Gefängnis. Doch auch mit den sowjetischen Machthabern hat sich die Standhafte nicht eingelassen. Kuratorin Nataļja Jevsejeva: „Zamaica war niemals Kommunistin gewesen, aber hat sich früh mit linken Ideen vertraut gemacht. […] Ungeachtet ihrer politischen Überzeugung hat Zamaica in den Jahren sowjetischer Okkupation nicht versucht, mit der neuen Macht zusammenzuarbeiten, sie trat nicht dem Schriftstellerverband bei, obwohl sie dadurch ihre Ansprüche auf eine Rente verlor. Nahe Freunde unterstützten die Dichterin, unter ihnen waren die Schauspielerin Anta Klints und die Malerin Aleksandra Belcova.“ Schon in den zwanziger Jahren hatte Zamaica die Malerin Belcova kennengelernt und im Lauf der Jahre eine enge Freundschaft geschlossen. Von ihr wurde sie ungezählte Male porträtiert. In der Ausstellung kann der Besucher einige dieser Gemälde und Zeichnungen betrachten. Außerdem sind Manuskripte, Gedichtkladden, Fotografien, Handschriften und private Gegenstände zu sehen. Karlis Verdins hat speziell zur Ausstellung einen Essay über Zamaicas Belletristik geschrieben.

Belcova porträtiert Zamaica

Aleksandra Belcova hat ihre Freundin Zamaica oftmals porträtiert, Foto: LNMM

Riga: Nenorunatas tiksanas – Ein nicht verabredetes Treffen

Ausstellungshalle Arsenals, Großer Saal, Torna iela 1, Riga, vom 13.11.2019 bis 23.1.2020

Diese Gastausstellung des Zentrums für Zeitgenössische Kunst (LMMC) widmet sich der Frage, wie sich das Genre Science Fiction auf die Kunsttheorie ausgewirkt hat, sowohl historisch als auch in zeitgenössischen Arbeiten. Den Titel übernahmen die Kuratorinnen von einem Sammelband der russischen Bestseller-Autoren Arkadi und Boris Strugazki, der 1987 in Riga erschienen ist. Die sowjetischen Machthaber förderten Science Fiction, ihre wissenschaftlichen und technischen Visionen schienen zur eigenen Ideologie zu passen. Doch auch diese Kunst und Literatur war einer strikten Zensur unterworfen, die es nicht gestattete, Meinungen kundzutun, die das Herrschaftssystem infrage gestellt hätten. Als Beispiele für eine solche Kunst, die unter ideologischer Kontrolle stand, werden vier Ausstellungen zum Thema „Wissenschaft und Science Fiction“ dargestellt, die zwischen 1975 und 1982 in Riga zu sehen waren. Die Künstler visualisierten in ihren Arbeiten die Eroberung des Weltraums, Revolutionen wissenschaftlicher und technischer Art, aber auch ökologische Gefahren und andere Interpretationen der Zukunft. Ebenso kritisch betrachten die Ausstellungsmacher heutige Entwicklungen, mit denen sich die zeitgenössischen Künstler befassen: „Andererseits erfolgt heutzutage eine noch nicht dagewesene technologische Entwicklung, deren Aufschwung mit einem ebenso raschen sozialpolitischen Prozess in Richtung eines rechten Konservatismus` kontrastiert. Ebenso wie an verschiedenen Wendepunkten der Geschichte wächst auch heutzutage das Interesse an einer wissenschaftlichen Fantastik, die sich in progressiven Utopien ausdrückt oder mit bedrohlichen Dystopien provoziert. Parallel zum Zusammenhang der Science Fiction mit Wissenschaft und Technologie, die in Utopien dargestellt sind, werden jene Fragen wie Kolonialismus, Klassen, rassische und geschlechtliche Ungleichheit und die drohenden ökologischen Katastrophen erörtert.“ An der Ausstellung beteiligen sich folgende Künstlerinnen und Künstler: Ieva Balode, Anton Vidokle, Kristaps Epners, Zenta Logina, Viktors Timofejevs, Deimantas Narkevicius, Arturs Virtmanis, Pakui Hardware, Ylva Westerlund, Ann Lislegaard, Sif Westerberg, Vladislav Shapovalov, Nash Glynn, Driant Zeneli, Arturs Rinkis, Auseklis Bauskenieks, Bahar Noorizadeh u.a.

Glynn: Love Earth

Nash Glynn: Love Earth (You used me), Foto: Nash Glynn/ LNMM

Riga: Ausstellung zum 80. Geburtstag von Maija Tabaka

Galerija Daugava, Ausekla iela 1 (Zugang von der Elizabetes iela), Riga, bis 7.12.2019

Die Galerie widmet einer der bekanntesten Malerinnen der Gegenwart diese Ausstellung und feiert deren Kunst in ihrem PR-Text: „Maija Tabakas Malerei ist farbig, zuweilen den Kopf berauschend, denn die Fantasie der Künstlerin ist unbegrenzt, ihr zu folgen ist interessant, zuweilen kommt man kaum noch mit. Dann kann man nur noch sich hingeben und staunen. Auf ihren Leinwänden strömen Tag und Nacht zusammen, die Jahrhunderte des Wechsels und die Breitengrade der Erdkugel, in ihen befinden sich Trauer, Sehnsucht, endlose Freude und Liebe, in den Bildern pulsiert eine allerweiteste Tonleiter der Emotionen.“ In letzter Zeit malte Tabaka Blüten, deren verschiedenartiger Aufbau sie als „Architektur“ bezeichnet. Neben diesen neuesten Gemälden mit Blumenmotiven sind Werke aus früheren Jahrzehnten zu sehen, die bislang der Öffentlichkeit kaum bekannt sind. Tabakas Biographie ist mit West-Berlin verbunden, lesen Sie dazu den LP-Artikel:

Maija Tabaka und ihre Zeit in Westberlin

 

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