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Münster, 09.12.2019
Der lettische Dirigent Mariss Jansons ist am 30. November 2019 in Sankt Petersburg gestorben PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Montag, den 02. Dezember 2019 um 00:00 Uhr

„Eine starke Persönlichkeit ist etwas anderes als ein Diktator“

Mariss JansonsSein Tod wurde am Wochenende international in den Feuilletonsparten verkündet. Uwe Friedrich nennt ihn in seinem Nachruf „einen der bedeutendsten Dirigenten und Musiker unserer Zeit“ (dlf.de), der mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt wurde. Mariss Jansons arbeitete seit 2003 als Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Laut Wolfgang Schreiber sei ihm unter seiner Leitung „der zusätzliche Qualitätssprung eines ganz emphatischen Musizierens“ gelungen (sueddeutsche.de). Doch zunächst stellte sich bei seiner Geburt 1943 die Frage, ob er überhaupt überleben würde.

Mariss Jansons, Foto: Franz Johann Morgenbesser from Vienna, Austria - Maestro Mariss Jansons, wahrscheinlich bester lebender Dirigent, CC BY-SA 2.0, Link

Iraida Jansone brachte nämlich ihren Sohn in Riga in einem Versteck zur Welt; Vater und Bruder hatte die jüdische Sängerin bereits im Getto verloren, wo sie von den deutschen Besatzern ermordet worden waren. Mutter und Kind überlebten die Deutschen und nach dem Krieg trat Mariss in die Fußstapfen seiner Eltern, insbesondere seines Vaters Arvids, der 1952 als Assistent an die Leningrader Philharmonie berufen wurde. Am dortigen Konservatorium studierte Mariss neben Klavier und Violine das Dirigieren.

Aufgrund eines Abkommens zwischen der Sowjetunion und Österreich über die wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit gelang es ihm, ab 1969 sein Studium in Wien fortzusetzen. Herbert von Karajan hatte ihn auf die Studenten-Austauschliste setzen lassen, damit er sein Schüler werden konnte. Wie sein Vater begann er 1973 seine Dirigentenkarriere als Assistent in Leningrad, wechselte 1979 an das Osloer Philharmonie-Orchester, das er bis 2000 leitete. Mariss Jansons hatte zahlreiche Gastauftritte bei international bekannten Orchestern, u.a. bei den Philharmonikern von London, Pittsburgh und Wien. Neben seiner Arbeit in München übernahm er ein Jahr später auch die Leitung des Amsterdamer Concertgebouw-Orchesters.

Uwe Friedrich betont in seinem Nachruf, dass sich Mariss Jansons` außergewöhnliches Gespür für Musik mit einer großen Menschlichkeit verband: „Er war ein zurückhaltender, freundlicher, beinahe unauffälliger Mensch. Im positiven Sinn. Nie hat er sich eitel in den Vordergrund gedrängt, weder in seinen musikalischen Interpretationen, noch beim persönlichen Zusammentreffen. Immer war er zugewandt, wollte herausfinden, was dahintersteckt, ob es nun Partituren waren oder ihm zunächst irritierend vorkommende Fragen eines Interviewers.“

Wolfgang Schreiber zitiert Jansons` Satz „Eine starke Persönlichkeit ist etwas anderes als ein Diktator.“ Dem Dirigenten seien Herrscherattitüden fremd gewesen. Schreiber rühmt vor allem Jansons` Schostakowitsch-Symphonien, die er „aus eigenem Erleben heraus“ dirigiert habe, es sei seine „authentischste, von existentieller Hingabefähigkeit zeugende Leistung auf Tonträgern.“

Lettische Politiker bekundeten ihr Beileid. Außenminister Edgars Rinkevics twitterte: „Das ist wirklich ein trauriges Jahresende. Ich trauere mit den Angehörigen des herausragenden Dirigenten Mariss Jansons und allen seinen Verehrern! Danke, Maestro, für das Talent und die großen Verdienste in der internationalen und lettischen Kultur, nun soll er mühelos das Orchester des Jenseits dirigieren!“

Staatspräsident Egils Levits schrieb: „Mariss Jansons ging in der besinnlichen Vorweihnachtszeit von uns. Dass Sie, Maestro, eine lichte Reise in die Ewigkeit antreten, Ihr Talent wird immer am musikalischen Gestirn Lettlands und der Welt und in unserem Herzen bleiben.“ (lsm.lv)

Und Kulturminister Nauris Puntulis: „Dirigent Mariss Jansons ist aus der Welt geschieden – der Glanz der lettischen und internationalen Kultur, ein Musiker von Gott gesandt – absolute Musikalität und Verausgabung bis zum letzten Konzert, warmes Herz und Menschenliebe. Seine Anwesenheit öffnete das Herz jedes Musikers und jedes Zuhörers. Ein enormer und unschätzbarer Verlust... Ich spreche den Angehörigen, Freunden und Verehrern das allertiefste Mitgefühl aus.“

Bereits 1996, als Jansons La Boheme dirigierte, erlitt er seinen ersten Herzinfarkt. Nicht nur das Talent, auch die Herzschwäche hatte er von seinem Vater geerbt, der während des Dirigierens gestorben war. Nun ist auch der Sohn diesem Leiden in seiner Wahlheimat Sankt Petersburg erlegen.

 

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