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Münster, 24.1.2020
Das Rigaer KZ Kaiserwald und dessen Überlebender Margers Vestermanis PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 06. Dezember 2019 um 00:00 Uhr

Margers Vestremanis mit Auszeichnung

„Medizinische Versuche, Folterungen, willkürliche Erschießungen, Selektionen, usw.“

Am 4. Dezember 2019 erhielt Margers Vestermanis von der österreichischen Botschafterin Stella Avallone im Rigaer Hotel Grand Palace unter langem Beifall das Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich. Vestermanis hat als Jugendlicher als einziger seiner jüdischen Familie den Holocaust überlebt. Die deutschen Besatzer hatten ihn in das KZ Kaiserwald gebracht, das sie im Mezapark, im vornehmen Villenviertel der lettischen Hauptstadt, errichtet hatten. Vestermanis musste Zwangsarbeit in den Außenlagern des KZ verrichten und entkam seinen Peinigern auf einem Todesmarsch. In sowjetischer Zeit studierte er Geschichte. Avallone erinnerte bei der Preisverleihung an die Schwierigkeiten, die ihm bereitet wurden, als er sich mit den Dokumenten des Holocausts zu beschäftigen begann.

Margers Vestermanis mit Auszeichnung, Foto: Österreichische Botschaft, Janis Berzins

Bis 1965 arbeitete Vestermanis für das staatliche Geschichtsarchiv in Riga. Er wurde entlassen, weil er in dessen Gedenkschrift „Wir klagen an“, die dem 20jährigen Jubiläum des Kriegsendes gewidmet war, ein Kapitel zur nazistischen Judenverfolgung veröffentlichen wollte. In der sowjetischen Propaganda hatte das besondere Schicksal der Juden unter der NS-Herrschaft keine Bedeutung; die Machthaber ignorierten es, denn sie wollten vor allem den bolschewistischen Widerstand gegen das faschistische Deutschland hervorgehoben wissen.

Erst nach der lettischen Unabhängigkeit konnte Vestermanis ungehindert forschen. Er gründete 1990 das Museum „Juden in Lettland“ und wurde acht Jahre später Mitglied der lettischen Historikerkommission, die die Zeit deutscher und sowjetischer Besatzung neu untersuchte. Avallone erinnerte daran, dass der Geehrte österreichische Holocaust-Forscher motiviert hat, sich mit Lettland zu beschäftigen. Die Nazis hatten Juden auch aus Wien nach Riga deportiert. Wien bildet heute zusammen mit deutschen Städten, aus denen Juden in die lettische Hauptstadt verfrachtet wurden, das „Riga-Komitee“, das sich der gemeinsamen unrühmlichen Vergangenheit stellt (LP: hier).

Das KZ Kaiserwald ist Touristen weniger bekannt als das Lager Salaspils, das in der sowjetischen Propaganda eine große Rolle spielte und wo eine sowjetische Gedenkanlage im monumentalen Stil zu finden ist (LP: hier). Vom KZ Kaiserwald ist nichts mehr zu sehen. Die Deutschen ließen es bei ihrem Rückzug niederbrennen. So wollten sie die Spuren ihrer Untaten beseitigen. Erst seit 2005 erinnert im Mezapark ein Denkmal der Bildhauerin Solveiga Vasiljeva an die Kaiserwald-Opfer (citariga.lv). Vestermanis beschrieb in einem kurzen Aufsatz für die Historikerkommission, wer in diesem KZ zu den Tätern gehörte (president.lv).

Zu Beginn des Jahres 1943, als die Schlacht von Stalingrad den Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs markierte, beschloss Reichsführer SS Heinrich Himmler, weitere Konzentrationslager errichten zu lassen, darunter ein neues KZ in Riga, wo deportierte Juden aus dem Reichsgebiet sich noch im Getto befanden. Die KZ sollten der Produktion für Wehrmacht und SS dienen. Die Arbeitskraft der Gefangenen sollte restlos ausgebeutet werden. Wer diese Zwangsarbeit überlebte, musste dennoch das Ende in der Gaskammer fürchten.

Krebsbach

SS-Arzt Krebsbach, Foto: Bundesarchiv, Bild 192-132 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

Der 2008 gestorbene Historiker Wolfgang Scheffler beschrieb die Überführung der Gettoinsassen nach Kaiserwald als „eine Steigerung des Elends“. Die Räumung des Rigaer Gettos dauerte vom Sommer  bis zum Spätherbst 1943. In ihm waren jüdische Bürger aus dem Reichsgebiet gepfercht worden, aber auch jüdisch-lettische Männer, die wegen ihrer Arbeitskraft vor den Massenerschießungen verschont geblieben waren. Die NS-Besatzer ließen aus dem Getto etwa 2.000 „Arbeitsuntaugliche“ nach Auschwitz deportieren und die übrigen nach Kaiserwald bringen. Dort herrschte die übliche Brutalität eines KZ: „Alle Scheußlichkeiten, die mit dieser Institution verbunden waren, ereigneten sich auch hier. Medizinische Versuche, Folterungen, willkürliche Erschießungen, Selektionen, usw. Der aus Mauthausen gekommene KZ-Arzt Dr. Eduard Krebsbach leitete auch die Kinderaktion, bei der alle noch vorhandenen Kinder unter 14 Jahren zur Erschießung weggeschleppt und anschließend ermordet wurden.“ (volksbund.de)

Vestermanis berichtet, dass Krebsbach 1946 für seine Verbrechen in Mauthausen zum Tode verurteilt wurde, die Fortsetzung seiner Untaten in Kaiserwald hatten für die Richter keine besondere Bedeutung. Der SS-Arzt, der sich den Namen „Dr. Spritzbach“ einhandelte, selektierte in den KZ die „Arbeitsunfähigen“, tötete sie mit einer Spritze, die mit Benzin gefüllt war, mitten ins Herz.

Das KZ-Kaiserwald verfügte über zahlreiche Außenlager, an den Orten, wo die Gefangenen produzieren mussten. Von dieser Zwangsarbeit profitierte unter anderem der deutsche Elektrokonzern AEG. Das bekannteste Außenlager ist wahrscheinlich die Werkstatt Lenta in Riga-Pardaugava, über die die Historikerin Anita Kugler recherchiert und ein Buch veröffentlicht hat. Dort hatte der SS-Lagerleiter Fritz Scherwitz versucht, die Gefangenen vor dem Tod zu bewahren.

Das größte Außenlager befand sich im nordkurländischen Dondangen. Dorthin wurde Gustav Sorge, der „eiserne Gustav“, geschickt, ein SS-Oberhauptscharführer, der aus dem KZ Sachsenhausen kam, wo er bereits nachweislich 67 Häftlinge ermordet hatte. Ab 1944 war er Wärter in Dondangen. Vestermanis recherchierte, dass er im Sachsenhausen-Prozess des sowjetischen Militärtribunals zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde. 1956 lieferten ihn die Sowjets als „nicht amnestierter Kriegsverbrecher“ an die BRD aus, wo er erneut bestraft wurde, auch wegen seiner Verbrechen in den Außenlagern des KZ Kaiserwald.

Für Verbrechen, die unmittelbar im Hauptlager Kaiserwald verübt wurden, musste sich nur SS-Oberscharführer Heinz Wisner verantworten. Die Richter des Düsseldorfer Landgerichts verurteilten ihn 1985 zu sechs Jahren Haft. Dieser Prozess wurde zur wichtigen Quelle für Historiker: „Der Wisner-Prozess dauerte drei Jahre und dessen Dokumente füllen zehn dicke Bände. Darin finden wir nicht allein Beweise und Dokumente über Wisner, sondern auch über anderes Lagerpersonal, Listen der Verwaltung usw.“ Damit nennt Vestermanis einen wichtigen Grund, weshalb noch spät stattfindende Prozesse für die Forschung von Bedeutung sind.

Denkmal Kaiserwald

Kaiserwald—Denkmal im Rigaer Mezapark, Foto: Neaizsargāts darbs, Saite

In Kaiserwald und seinen Außenlagern waren zeitweise mehr als 20.000 Gefangene eingesperrt. Doch die Zahlen schwanken sehr, denn das KZ war ein Durchgangslager. Neben den örtlichen Gettoinsassen wurden auch Juden aus Litauen, Estland, Ungarn und anderen Ländern aufgenommen, andere weiter transportiert. Vestermanis beschreibt, wie sie behandelt wurden: „Im Frühjahr 1944 kam ein neuer Transport an, aus Estland mit 800 Juden – Frauen und Männer. Als man die Waggontüren öffnete, zeigte sich, dass der größte Teil auf der Fahrt gestorben war. Die wenigen noch Lebenden wurden gezwungen, die Toten abzuladen und zu vergraben. Danach haben die Lagerwärter und selbst Kommandant Sauer persönlich alle erschossen. Die Wachen, die sich nicht nur einmal an Erschießungen beteiligten, bestanden aus `Volksdeutschen` Rumäniens, Totenkopf-Verbänden und Polizeirotten für besondere Aufgaben.“

Die verbliebenen KZ-Insassen fielen den schlechten Lebensbedingungen oder den Selektionen zum Opfer. Im Sommer 1944, als die Rote Armee allmählich heranrückte und kaum noch Bedarf nach jüdischer Arbeitskraft vorhanden war, selektierten die Lageraufseher erneut für Massenerschießungen. Vestermanis recherchierte, dass im KZ Kaiserwald etwa 13.000 Gefangene gestorben sind. „Das ist die tragische Bilanz der ein Jahr währenden Geschichte des Konzentrationslagers Riga-Kaiserwald.“

Orden für Vestermanis

Das Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich, Foto: Österreichische Botschaft, Janis Berzins

Der 1925 geborene Historiker erfährt späte Genugtuung. Seine Forschung findet Anklang und gesellschaftlichen Widerhall. In Lettland ist der Holocaust eng mit Bildern von den Massenerschießungen verbunden. Der 30. November ist der Gedenktag für die Rigaer Bluttage von 1941, als lettische Hilfspolizisten ihre jüdischen Landsleute aus dem Getto zu den Erschießungsstätten im Wald von Rumbula abführten, wo sie von deutschen SS- und Polizeiangehörigen ermordet wurden. Etwa 26.500 Juden fielen dieser Aktion zum Opfer, weil die deutschen Besatzer Platz im Getto für die ankommenden Deportierten aus dem Reichsgebiet benötigten.

In den letzten Jahren hat sich der 30. November zum Gedenktag entwickelt. Letten stellen am Abend Kerzen vor dem Nationaldenkmal in Riga auf. Dieses Mal nahm auch Staatspräsident Egils Levits teil, der selbst jüdische Vorfahren hat. Margers Vestermanis bekannte dazu gegenüber dem ORF: „Ich bin froh, dass ich bis zu diesem Moment gelebt habe, an dem am heiligsten Ort Lettlands, dem Fuße des Freiheitsdenkmals, Kerzen angezündet werden, um der großen Trauer, dem großen Kummer, des jüdischen Volkes zu gedenken.“ Und Mitorganisatorin Lilita Tomsone fügte hinzu: „Dies ist die Geschichte Lettlands, nicht nur der jüdischen Gemeinde“ (orf.at).

 

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