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Münster, 20.2.2020
Deutschbaltische „Umsiedlung“ vor 80 Jahren PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 04. Januar 2020 um 00:00 Uhr

"Im Ergebnis verlor Lettland mit der Repatriierung der Deutschbalten sehr viel“

KDF-Dampfer Vor 80 Jahren fuhren aus Liepaja (Libau) die letzten Schiffe ab, die lettische Deutschbalten in die besetzten Territorien Westpolens „umsiedelten“, wie es in der NS-Propaganda hieß. Nach Kriegsbeginn und Polenfeldzug hatte Hitler am 30. Oktober 1939 einen Vertrag mit dem lettischen Diktator Karlis Ulmanis geschlossen, der die mit Nachdruck betriebene Massenemigration regelte. Für viele Deutschbalten war der Auszug weder „Umsiedlung“ noch „Repatriierung“, wie die Letten diese Aktion nannten, sondern der Verlust einer jahrhundertealten Heimat. Doch manche glaubten an die nationalsozialistische Propaganda und erhofften sich eine glückliche Zukunft als „Baltendeutsche“ im Warthegau, dem von der Wehrmacht besetzten Teil Westpolens. Die Lsm-Journalistin Liba Mellere erkundigte sich in Liepaja, unter welchen Umständen der Abtransport aus der Hafenstadt erfolgte (lsm.lv).

Der KDF-Dampfer "Der Deutsche" beteiligte sich an der sogenannten "Umsiedlung" der Deutschbalten, Foto: Unbekannt - Arnold Kludas: Die Geschichte der deutschen Passagierschiffahrt 1850–1990, Band 5: Eine Ära geht zu Ende 1930 bis 1990, S. 128., Gemeinfrei, Link

In der lettischen Zeitung „Kurzemes Vards“ erschien am 14. Dezember 1939 unter der Überschrift „Rigasche Rundschau eingestellt“ eine kurze Notiz: „Gestern erschien die letzte Nummer der örtlichen deutschen Zeitung `Rigasche Rundschau`. Die Mitarbeiter der Zeitung haben Riga mit dem Dampfer `Der Deutsche` verlassen.“ (periodika.lndb.lv) Wenige Tage später berichtete Kurzemes Vards, dass die deutsche Sprache aus Lettland verschwunden sei. Doch dem Journalisten erschien es „sonderbar“ zu hören, dass immer noch „Menschlein“ versuchten, die Letten mit Deutsch zu „stören“. Immer noch benutze man auf den Ämtern, auf den Straßen, in Cafés die deutsche Sprache. „Ob jenen, die Behörden und Unternehmen leiten, nicht bewusst ist, dass die Zeit gekommen ist, den eigenen Beschäftigten in dieser Sache entschiedene und unmissverständliche Verweise zu erteilen – mit den Deutschen muss auch die deutsche Sprache aus unserem Zusammenleben verschwinden. Wir lettisieren unsere Nachnamen, wir wollen auch sonst für das eigene Land und den Staat eine klare, lettische, nationale Einstellung und lebendigen Gehalt bekunden und in diesem Bestreben hat die Sprache eine große Bedeutung.“ Jeder solle die Sprache des Volkes sprechen, dem er angehöre. „Wir müssen die ausgeführte Repatriierung in der ganzen Fülle, Weite und Tiefe begreifen – wo keine Deutschen sind, gibt es auch keine deutsche Sprache.“ (periodika.lndb.lv)

Die sogenannte „Umsiedlung“ der Deutschbalten vor 80 Jahren führte zu unterschiedlichen und widersprüchlichen Emotionen und Wertungen sowohl auf lettischer als auch deutscher Seite. Die Redakteure der Rigaschen Rundschau hatten sich in ihrer letzten Ausgabe zuversichtlich verabschiedet, um dem Ruf des Führers zu folgen, nicht ahnend, dass sich die historische Tragweite schon bald anders darstellen würde als erhofft: „Es ist ein Augenblick von außerordentlicher historischer Tragweite, in dem wir unsere Pforten schließen, und erst in kommenden Zeiten werden wir die Schicksalswende voll ermessen, die sich am Baltendeutschtum durch den Ruf des Führers vollzieht.“ (periodika.lv) Die Rigasche Rundschau sprach stellvertretend für alle „Baltendeutschen“ dem Führer Adolf Hitler und der deutschen Nation ihren Dank aus, „der wir nun nach seinem Willen an der Ostgrenze unseres mächtigen Vaterlandes dienen dürfen“ - damit war die Zukunft im besetzten Teil Polens gemeint.

Da sich die nationalistische Ideologie beider Seiten glich, fanden die abreisenden Redakteure für die Letten versöhnliche Worte; jedem seine eigene ethnisch unvermischte Scholle: „Nun, da wir scheiden und uns wahrlich nicht leicht von der gemeinsamen Heimat lösen, soll alles vergessen sein, was in den Jahren des völkischen Lebenskampfes unvermeidlich zwischen uns stehen mußte. Wir wollen nicht des Trennenden, sondern des Gemeinsamen eingedenk sein und unsere Aufgabe darin sehen, zu unserem Teil von der neuen Heimat her an einer guten und haltbaren Verständigung zwischen dem deutschen und lettischen Volk mitzuwirken.“ Hinzufügen muss man, dass in der Ulmanis-Diktatur die Presse zensiert wurde. Ulmanis hatte den Auszug seiner deutschbaltischen Landsleute in einer Anprache im Oktober 1939 begrüßt. Er sprach davon, dass die Letten nach Abzug der Deutschbalten von einem 700jährigen Joch befreit würden: „Mögen sie fahren! Aber - auf Nimmerwiedersehen!“ (periodika.lv)

Mellere erkundigte sich bei örtlichen Museumsmitarbeiterinnen und Historikern, wie sich die Abreise der Deutschbalten in Liepaja vollzog. Sie nennt Zahlen: 1935 waren noch 4.260 Bürger bzw. acht Prozent der Einwohner der kurländischen Hafenstadt Deutschbalten. Von Liepaja aus transportierten 26 Schiffe 8.826 Deutschbalten ins Reichsgebiet, das entsprach knapp einem Sechstel der Gesamtzahl der Deutschletten, die in dieser Zeit ihr Land verließen.

Mellere zitiert aus dem Tagebuch Janis Sudmalis`, der das örtliche Geschichtsmuseum gründete. Er hat den Auszug der Deutschbalten notiert. Vor ihren Wohnungen bildeten sich Käuferschlangen. Die Emigranten durften nur einen Koffer mitnehmen; Möbel, Geschirr, Bücher usw. mussten rasch und unter Wert verkauft werden. Liepajas Fuhrleute waren erfreut, die Geschäfte florierten.

Deutschsprachige Pfarrer reisten mit ihren Familien aus der kurländischen Umgebung an, ebenso die deutschstämmigen Kolonisten aus Kuldiga (Goldingen) und Aizpute (Hasenpoth), die deutschbaltische Gutsherren angesiedelt hatten. Ihre Habe wurde in Hafenspeichern zwischengelagert, das Vieh auf gesonderten Schiffen verfrachtet. Ein Arbeitsdienst verpackte das Gut in Holzkisten, die mehrere Tonnen Gewicht fassen konnten. Manche versuchten, ihren Besitz vor den Zollbeamten zu verbergen. Die Bestimmungen waren unklar und wurden offenbar willkürlich angewendet. Gold und Silber wurden erst einmal im Zollbezirk des Hafens zwischengelagert. Historiker Sudmalis konfiszierte für die Stadt wertvolle Dokumente, die sich im Privatbesitz befanden, darunter Urkunden über die Stadtgründung und der Stadtrechte.

Mellere fragt sich, ob die Deutschbalten als „Baltendeutsche“ (so die NS-Sprache) tatsächlich „heim ins Reich“ wollten. Viele waren doch bekümmert, Lettland verlassen zu müssen. Aber sie fürchteten sich vor der Rückkehr der Bolschewisten, unter denen sie sehr gelitten hatten. Der Historiker Juris Rakis erklärt der Journalistin, dass Ulmanis gleichgültige bis abweisende Haltung die Deutschbalten sehr geschmerzt habe. Ohne die Kämpfe ihrer Landeswehr wäre ein eigener lettischer Nationalstaat nicht möglich gewesen (LP: hier).

Jene deutschbaltischen Barone, die zwei Jahrzehnte zuvor enteignet worden und dennoch geblieben waren, seien nun im Zorn gegangen und hätten sich in Deutschland mit jenen zusammengetan, die Ende des Ersten Weltkriegs bereits das Land verlassen hatten. Wenige Zeit später kehrten sie mit den Nazis zurück. Laut Rakis hätten sie die Letten an die blutigen Konflikte von 1905, 1919 und an Ulmanis` Worte erinnert. Manche Deutschbalten hatten schon im Ersten Weltkrieg unter dem Reichswehrgeneral Rüdiger von der Goltz gedient. 1941 wurden einige als Gebietskommissare des NS-Regimes eingesetzt und leiteten die regionale Verwaltung. Der „Ostminister“ des Regimes, Alfred Rosenberg, war selbst baltischer Herkunft. Die Journalistin Liba Mellere hat eigene Bezüge zur skrupellosen deutschen Besatzung: Ihre jüdischen Verwandten wurden Opfer des Holocausts. Sie hatten den Berichten über den mörderischen Antisemitismus der Nazis nicht glauben wollen.

In Kurland hinterließen die Deutschbalten ihre Häuser, die schon bald verfielen. Letten freuten sich zunächst über frei werdende Wohnungen und Arbeitsstellen. Doch heutzutage werten lettische Historiker den Auszug der Deutschbalten als Verlust; Ingenieure, Lehrer und Juristen befanden sich unter den Abreisenden, auch Schlosser, die eine deutschbaltische Nische unter den Handwerkern bildeten. Die Historikerin Sandra Senina leitet im örtlichen Geschichtsmuseum die Abteilung „Liepaja unter den Okkupationsregimen“. Sie hält den Auszug der Deutschbalten für den ersten Verlust Lettlands im 20. Jahrhundert: „Im Ergebnis verlor Lettland mit der Repatriierung der Deutschbalten sehr viel. Denn sie waren recht gebildete Menschen, in ihrer Mitte befanden sich nicht wenige Unternehmer. Danach erfolgten Deportationen und Holocaust und unser Land verlor noch einen Teil seiner Bürger. Das alles waren schreckliche Verluste.“


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"Die Schiffe liegen schon vor Riga! - Rigenser gedachten der deutschbaltischen "Umsiedlung"

 

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