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Münster, 03.8.2020
Lettische Kunstausstellungen im Februar 2020 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 30. Januar 2020 um 00:00 Uhr

Vom eitlen Bemühen, das Vergangene zu rekonstruieren

Caro JostEs war nicht vorgesehen, dass die Ausstellung über Dzemma Skulme ihr zum Gedächtnis stattfinden wird: Die Malerin ist am 9. November des letzten Jahres gestorben, zuvor hatten die Kuratorinnen sie noch in ihre Vorstellungen einbezogen. Von den Schwierigkeiten des Erinnerns und erfolglosen Versuchen, das Vergangene wieder herzustellen künden zwei weitere Ausstellungen. Eriks Apalais problematisiert mit den Mitteln der bildenden Kunst den Zusammenhang zwischen Zeichen, ihren Bedeutungen, der Erinnerung und wirklich Geschehenem; zwischen diesen Zuständen und Größen erstreckt sich ein vieldeutiger Raum, in dem die Wörter und Bilder dahinschweben. Caro Jost will mit Handfestem die Erinnerung bewahren, sie nimmt Abdrücke von den Straßen und Wegen bedeutungsvoller Orte und weiß um die Vergeblichkeit jeglichen Bemühens, Vergangenes wiederherzustellen. Hier die Zusammenfassung aus PR-Texten lettischer Museen für den Februar.

Werk von Caro Jost, Foto: Fotograf Florian Holzherr, CC BY-SA 3.0 de, Link

Riga: Dzemma Skulme – Ihre Malerei

Lettisches Nationales Kunstmuseum, Hauptgebäude, Ausstellungssaal in der 4. und Kuppelsaal in der 5. Etage, Jana Rozentala laukums 1, Riga, vom 8.2. bis 5.4.2020, Ausstellungseröffnung am 7.2.2020 um 17 Uhr.

Als die Kuratorinnen die Ausstellung mit Beteiligung der Künstlerin planten, war ihnen noch nicht bewusst, dass sie eine Veranstaltung in memoriam vorbereiteten. Denn am 9. November des letzten Jahres starb Dzemma Skulme, die Kunst und Gesellschaft ihres Landes mitgeprägt hat. Sie wurde 1925 in Riga geboren; ihr Vater war der Maler und Grafiker Oto Skulme, der Mitglied und zeitweise Leiter der „Rigaer Künstlervereinigung“ der zwanziger Jahre und später Rektor der Lettischen Kunstakademie gewesen war. Ihre Mutter Marta Skulme hatte sich als avantgardistische Bildhauerin ebenfalls an den Treffen dieser Künstlergruppe beteiligt. Dzemma studierte an der Institution ihres Vaters, der Kunstakademie, Monumentalmalerei und absolvierte danach das Repin-Institut in Leningrad. Sie wurde durch Ausstellungen im Ausland u.a. in der Schweiz, Österreich und Deutschland bekannt. Skulme engagierte sich nicht nur künstlerisch, sondern auch politisch, nahm an gesellschaftlichen Entwicklungen aktiv teil. Als Abgeordnete des Lettischen Obersten Sowjets unterstützte sie Michael Gorbatschows Reformen und sie wurde Ende der achtziger Jahre Mitglied der Lettischen Volksfront, deren Aktionen zur staatlichen Unabhängigkeit Lettlands führten. 1998 gründete sie mit Andris Skele die Tautas Partija. Die Ausstellung zeigt neben Skulmes abstrakten Arbeiten, die im Sommer des letzten Jahres entstanden sind, jene Werke, die sowohl biographische Etappen als auch besondere Beiträge zur lettischen Kunstgeschichte darstellen. Die präsentierten Gemälde und Dokumente gestatten einen umfangreichen Überblick, wie sich Formen und Inhalte ihrer Kunst vom 20. bis 21. Jahrhundert entwickelten. „Die Ausstellung bietet zudem hervorragende Beispiele für Dzemma Skulmes monumentale Figurendarstellungen, die eine bedeutende Errungenschaft in der Entwicklung moderner Malerei in der sowjetischen Periode und danach darstellen,“ meint Kuratorin Inga Steinmane.

Skulme, ohne Titel

Dzemma Skulme, ohne Titel, 2019, Foto: Juris Dimiters, Familienbesitz, LNMM

Riga: Eriks Apalais – Familie

Lettisches Nationales Kunstmuseum, Hauptgebäude, Großer Ausstellungssaal, 2. Etage, Jana Rozentala laukums 1, Riga, vom 7.2. bis 29.3. 2020, Ausstellungseröffnung am 6.2. um 17 Uhr.

Kuratorin Katerina Gregos bezeichnet Apalais als „einer der originellsten und gedankenreichsten Maler der jungen Generation, der in den letzten Jahren aus Lettland gekommen ist.“ Seine Kunst steht in Wechselbeziehung mit Philosophie und Literatur: „Mit dieser Werkauslese, die erstmals zusammen gezeigt wird, verdeutlicht Eriks Apalais, wie behutsam er sich über glitschige Erinnerungen hinweg dem Territorium der Vergangenheit zuwendet. Man kann sagen, dass es ihm gelang, ein künstlerisches Äquivalent zu dem zu schaffen, was Leo Strauss als `esoterisches Schreiben` bezeichnete, über geschriebene Wörter nachdenkend, die in kenntnisreichen Andeutungen sowohl ein lineares Narrativ als auch buchstäbliche Beschreibungen vermeiden.“ Gregos hat die Ausstellung in fünf Abschnitte gegliedert, von frühen Bildern, die in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends entstanden sind, bis zum jüngsten Werkzyklus „Tukums-Tomsk“, der die sowohl persönliche als auch kollektive Geschichte sowjetischer Massendeportationen nach Sibirien nachzeichnet, von der Apalais` Großmutter betroffen war. Den Künstler beschäftigt der Gedanke, dass durch Rekonstruktionen der Erinnerungen das Gewesene kaum zu erfassen ist. Der Zyklus gestaltet einen unscharfen Raum zwischen Erinnerungen, den Schwierigkeiten der Rekonstruktion, Geschichte, Mythologisierung, Realität und Einbildung. Überhaupt sind die Wechselbeziehungen zwischen Zeichen, Bedeutung und Bewusstsein das Thema des Künstlers, der sich in seinen Arbeiten auf Literarisches, z. B. auf den Dichter Stephane Mallarmé bezieht. Die Beschäftigung mit der Literatur und ihren Bedeutungen hat Apalais` Schaffen sehr geprägt, wie Gregos ausführt: „Die Buchstaben gleiten über eine graue Tonleiter, im Raum leerer Bilder, indem sie durch wechselseitig verbundene Elemente Les- und Schreibbarkeit ins Gedächtnis rufen, Sinn und Bedeutung, Literatur und Linguistik. In diesen Kompositionen, die, wie der Künstler sagt, `zwischen Sichtbarem und Lesbarem schwanken`, beleben auf besänftigende Weise dekonstruierte Elemente, den Wörtern entrissene Buchstaben, aus dem Zusammenhang entrissene Bilder die Leinwände als ausgegrabene vergessene Erinnerungen, Episoden, Fragmente der Erfahrungen. Die spezielle Zusammenstellung dieser Arbeiten war für den Künstler wichtig, denn sie verstärkte seinen außerordentlich individuellen, unverkennbaren Stil, in dem er Konzeptualismus, Symbolismus, Abstraktion und gegenständliche Gestaltung vereint.“ Ähnliche Irritationen vermittelt Apalais mit den Bildern „Tagebücher der Erde“, dessen Sinn, so schreibt Gregos, nicht leicht zu erfassen sei: „Der Künstler bietet Häuschen, doch sie sind nach unserer Kenntnis nur das, was sie sind. Der einzige Schlüssel, den Apalais anbietet, liegt im autobiographischen Bereich; daher kommt der Titel der Ausstellung - `Familie`. Ferner kann der Betrachter selbst sich einen Begriff davon machen, wenn er die semantischen Lücken entleerter Erinnerungen auffüllt.“

Apalais, Familie

Bild zur gegenwärtigen Ausstellung Eriks apalais` "Familie" (Gimene), Foto: LNMM

Daugavpils: Caro Jost – Die letzten Spuren abstrakter Expressionisten

Mark-Rothko-Zentrum, Daugavpils, vom 7.2. bis 12.4.2020

Ihre Werke nennt die in München geborene Künstlerin „Ground Zero, New York“, dessen Bedeutung dem Betrachter bekannt sein dürfte, aber auch „Central Park West / 61th Street, New York“ oder „Burdenko 8, Moskau“. Bei diesen Adressen kommt wohl auch mancher Kunstbeflissene ins Rätseln (laut wikipedia.de handelt es sich um den Sterbeort Max Beckmanns bzw. um ein ehemaliges Wohnhaus Wassily Kandinskys). Jost nutzt solche Orte für ihre Streetart-Kunst, die sie im Jahr 2000 entwickelte. Sie nimmt an bedeutungsvollen Orten Abdrücke von Straßen, Wegen und Bürgersteigen, um aus ihnen Kunstwerke zu gestalten. Für die Kuratorin Tatjana Cernova ist das „eine spezifische Methode, um unsichtbare Spuren der Vergangenheit wieder sichtbar zu machen, indem sie sie authentisch darstellt und in einen laufenden zeitgenössischen Kontext stellt.“ Cernova weist auf die Bedeutung des abstrakten Expressionismus` in Bezug auf die Künstlerin hin, die u.a. die Arts Students League in New York besuchte, an der George Grosz ein Lehrer und Man Ray, Roy Lichtenstein und Mark Rothko Schüler gewesen waren: „Die Bewegung des Abstrakten Expressionismus`, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in New York auftauchte, hatte unleugbar einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Kunst und wurde für Caro Jost ein Gegenstand ihres Interesses. Sie besuchte die ehemaligen Ateliers von Mark Rothko, Hans Hofmann, Peggy Guggenheim, Jackson Pollock, Clyfford Still, Willem de Kooning, Arshile Gorky, Adolph Gottlieb, Franz Kline, Barnett Newman und Ad Reinhardt, entdeckte Spuren, machte `Streetprints` und Filme, die an die Orte erinnerten. Dieser Aufwand erbrachte die Filmdokumentation „Letzte Spuren des Abstrakten Expressionismus“ als Ergebnis. Die Künstlerin betrachte ihre Arbeit als eine Darstellung der Zeit, der Bewegung, der Flüchtigkeit und der erfolglosen Versuche, einen Moment für die Ewigkeit festzuhalten. „Caro Jost dokumentiert nicht durch realistische Fotografie, Zeichnungen oder kartographische Erinnerungen, sondern sie konzeptualisiert die Relikte der Vergangenheit in einem abstrakten Bild,“ erläutert Cernova. Caro Jost wurde durch Ausstellungen in Berlin, München und Ingolstadt bekannt. Ihre Arbeiten sind in Museen Mexiko Citys, New Yorks, Maines, Münchens und Venedigs zu sehen.

 
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