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Münster, 29.3.2020
Garlieb-Merkel-Ausstellung in der Lettischen Nationalbibliothek PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 15. Februar 2020 um 00:00 Uhr

DIE NATIONALBIBLIOTHEK IST VORAUSSICHTLICH BIS ZUM 14.4.2020 GESCHLOSSEN

Die vergessenen Seiten einer widersprüchlichen Persönlichkeit

Éingang zur Ausstellung“Sapere aude - wage zu wissen. Garlieb Merkel zum 250. Geburtstag”, Ausstellung in der Lettischen Nationalbibliothek, Mukusalas iela 3, 5. Etage, Riga, bis 6.6.2020

Garlieb Merkel (1769 -1850) gehört zu den bekannten Namen lettischer Kulturgeschichte. Im Zentrum von Riga ist ihm sogar eine verkehrsreiche Straße gewidmet. Dabei war Merkel ein Deutschbalte, der nur in deutscher Sprache veröffentlichte. Letten denken besonders an ein Buch, mit dem er die Leibeigenschaft lettischer Bauern auf deutschbaltischen Gutshöfen anprangerte. Mit dieser Streitschrift, die den Titel “Die Letten, vorzüglich in Liefland, am Ende des philosophischen Jahrhunderts, Ein Beytrag zur Völker- und Menschenkunde” trägt, sorgte ihr Urheber als 28jähriger für allgemeines Aufsehen. 1798 erschien es und war gerade wegen seiner scharfen, polemisch gehaltenen Anklage ein Beitrag zur lettischen Emanzipation, die 1819 in der Provinz Livland zur Aufhebung der Leibeigenschaft führte. Doch das Los der Letten war nur eines der vielen Themen, die Merkel publizistisch bearbeitete. Kuratorin Aija Taimina sieht in Merkel “eine ikonische Figur” lettischer Kulturgeschichte. Sie konzipierte mit ihren Kollegen die kleine Ausstellung derart, dass sie dem Betrachter einen anschaulichen Überblick über Merkels vielfältiges Leben und Werk ermöglicht.

Eingang zur Ausstellung, Foto: LP

Französisch stimmt revolutionär

Merkel kam wie viele “Literaten” in einer Pfarrersfamilie zur Welt. In Ledurga (deutsch: Lodingen) wurde er geboren, wuchs dann in Vecpiebalga (Alt-Pebalg) und Zadzene (Sadsen) auf. Die Bibliothek seines Vaters studierte er ausgiebig. Bücher öffneten den geistigen Horizont des Landkindes; um sie zu verstehen, brachte er sich autodidaktisch Französisch, Englisch und Italienisch bei. Besonders das Französische stellte sich wenige Jahre später als entscheidendes Mittel heraus, um die revolutionären staatsphilosophischen Ideen seiner Zeit zu erfassen und sie ins Deutsche zu übertragen: Zu seinen Publikationen gehörten übersetzte Schriften von Jean-Jacques Rousseau und Montesquieu.

Zwischen 1778 und 1786 besuchte Merkel mit Unterbrechungen die Rigaer Domschule, arbeitete danach als Schriftführer und Hauslehrer an verschiedenen Orten, auch auf dem Annenhof in Nitaure (Nitau), wo er am Manuskript für “Die Letten” arbeitete. Er reiste in die Bücherstadt Leipzig. Hier fand er mit Heinrich Gräff seinen Verleger. Als das Buch erschien, entfachte es lebhafte Debatten in seiner Heimat. Kritiker warfen ihm “Jakobinismus” vor, also Sympathien für die Herrschaft Robespierres, mit der die französische Revolution sich in den “Großen Terror” verwandelt hatte. Im Gegensatz zu seinem Vorbild Friedrich Schiller, dessen Aufführung der “Räuber” er in Riga bewundert hatte, distanzierte sich Merkel nicht von den blutigen Folgen des französischen Aufstands.

Schülerverzeichnis

Nummer 7 der Namensliste dokumentiert Merkel als Schüler der Rigaer Domschule, Foto: LP

Streitbarer und umstrittener Journalist

Für die nächsten zehn Jahre blieb er in Deutschland, wichtiger als das begonnene Medizinstudium waren ihm offenbar die Kontakte zu bekannten Persönlichkeiten der Aufklärung und Weimarer Klassik. Er traf Goethe und Schiller in Weimar. Christoph Martin Wieland publizierte in seiner Zeitschrift “Deutscher Merkur” Beiträge Merkels zu lettischen Liedern und Tänzen.

Der Publizist aus dem Livländischen verbrachte zehn Wochen in Kopenhagen, um als Privatsekretär des dänischen Finanz- und Außenministers Graf Ernst Heinrich von Schimmelmann zu arbeiten. Er musste den Posten aber schon bald wieder aufgeben, weil er sich angeblich mit Schimmelmanns Frau zerstritten hatte, aber vermutlich war ihm die Tätigkeit auch zu langweilig. Aija Taimina weist darauf hin, dass Merkel in der dänischen Kulturgeschichte erwähnt wird: Er schrieb über dänische Sprache und Literatur, blieb sein Leben lang an diesem Land interessiert.

In Berlin betätigte sich Merkel als Publizist und Herausgeber und entwickelte sich bald zu einem der beachtetsten Journalisten seiner Zeit. Mit August von Kotzebue (jenem Schriftsteller, der heutzutage eher im Geschichtsunterricht erwähnt wird, weil er als einer der bekanntesten Mordopfer des deutschen Nationalismus` endete) arbeitete Merkel erfolgreich an einer gemeinsam herausgegebenen literarischen Zeitschrift, um gegen Goethe und Romantiker gleichermaßen zu wettern.

Der Schriftsteller und Publizist Merkel, der sich auch in der Dichtkunst gewandt zeigen wollte, hatte zuvor in Frankfurt/Oder den philosophischen Doktorgrad erworben und dort Vorlesungen über Ästhetik gehalten. Dennoch schienen seine theoretischen Grundlagen zweifelhaft. Seine mythische Schrift “Wannem Ymanta” von 1802, mit dem er die mittelalterlichen Chroniken der deutschbaltischen Rittermönche ins Gegenteil verkehrte, zeigte selbst starke nationalromantische Züge mit vertauschten Rollen: Nun befanden sich die heidnischen Verteidiger der Heimat in der Rolle der “Guten” und die christlichen Eroberer aus Norddeutschland in jener der “Bösen”. Aija Taimina weist darauf hin, dass er in das Werk Zar Alexander I. symbolisch als Befreier hineindichtete.

Schadow-Karikatur

Schadow karikierte die Intellektuellenszene seiner Zeit und stellte Merkel hier als Einpeitscher dar, Foto: LP

Kriegsberichterstattung im Dienst des Zaren

Als entschiedener Gegner Napoleons musste Merkel 1806 aus Berlin fliehen. In Riga angelangt kämpfte er publizistisch gegen die französischen Eroberer. Er schrieb einen Aufruf an die Bewohner der Ostseeprovinzen Russlands und kooperierte mit dem vom Zaren eingesetzten Generalgouverneur Philipp Paulucci, mit dem er die Herausgabe des Blattes “Der Zuschauer” vereinbarte, das im Sinne der preußisch-russischen Allianz gegen Napoleon informierte. Pauluccis Verhandlungspartner in Preußen, Generalfeldmarschall Ludwig Yorck von Wartenburg, wusste über den Zusammenbruch des französischen Angriffs und den Rückzug der napoleonischen Truppen durch Merkels Publikationen besser Bescheid als der preußische König.

In der glühenden Feindschaft gegen Napoleon zeigte sich Merkels patriotische Seite: “Wir sind Russen! Wir alle sind Russen! Wir wünschen nichts anderes zu sein,” schrieb er in einem seiner anonymen Flugschriften. Er lobpreiste die russische Zarenherrschaft und russisches Heldentum. Die Spanne zum frühreren Bekenntnis zur französischen Revolution ist derart weit und gegensätzlich, dass sich Merkel nicht einfach als Vertreter eines aufgeklärten Absolutismus` begreifen lässt. Merkel war ebenso hitzig und polemisch wie widersprüchlich. Aija Taimina sieht auch die problematischen Eigenschaften seines Charakters: “Merkel ist für mich tatsächlich ein Egoist und Kritikaster, nicht zur Selbstkritik fähig; er hatte nur wenige Freunde, aber sehr viele Opponenten und Feinde. Allerdings war er sein ganzes Leben sehr konsequent in seinen Ansichten, seiner Weltanschauung, das macht ihm wirklich Ehre.”

Wannem Ymant

Foto: LP

Agrarwirtschaft auf dem Depkinshof

Ein zu entdeckendes Thema Merkels ist seine Vorliebe für Agrarwirtschaft sowie Technik- und Wissenschaftsjournalismus. In Riga erhielt er von Zar Alexander I. seit 1820 eine lebenslängliche Pension, weil er ihn für die Bauernbefreiung lobpreist hatte. Dennoch bereitete ihm die Zensur bei seiner unermüdlichen publizistischen Tätigkeit viele Schwierigkeiten. Gleichzeitig erprobte er auf seinem kleinen Gut Depkinshof, das er 1808 erworben hatte, moderne Agrarwirtschaft mit lettischen Landarbeitern. Er schrieb über Themen wie Kristallographie, Chemolumineszenz (mit der ultraviolettes Licht erzeugt werden kann), Konservierung, Schulbildung für Mädchen, Polarlichter über Jelgava (Mitau). Schon 1836 empfahl er, zwischen Jelgava und Riga eine Eisenbahn zu bauen. Den Letten riet er, landwirtschaftliche Genossenschaften zu gründen und den Acker mit modernsten Methoden zu bearbeiten.

Wennem Ymanta

In der Ausstellung sind zahlreiche Publikationen Merkels und seiner Zeitgenossen zu betrachten, Foto: LP

Dokumente aus der Frühzeit des Journalismus`

Wer sich in der Nationalbibliothek befindet, sollte die kleine Ausstellung in der fünften Etage unbedingt aufsuchen, der Eintritt ist frei. Die Besucher können interessante publizistische Dokumente aus der Frühzeit des Journalismus` betrachten, zudem Handschriften Merkels und seiner Zeitgenossen sowie Bilder und Karikaturen, in denen sich Merkel als umstrittene Person der damaligen Öffentlichkeit erweist. Aija Taimina hat die prägnanten Begleittexte (Lettisch/Englisch) geschrieben, die Informationen über die längst vergessenen Seiten der Merkel-Biographie liefern. Ihrer Auffassung nach ist der deutschbaltische Journalist, Aufklärer, Romantiker, Revolutionär, Patriot, Dichter, Literaturkritiker und Polemiker auch aus heutiger Perspektive eine Persönlichkeit, mit der sich eine Auseinandersetzung lohnt.

Stilistisch erscheint Merkel recht modern in unserer Zeit, in der vor allem das beachtet wird, was skandalisierend und polemisierend daherkommt. Merkel hätte auch im Zeitaltér des Internets seine Leser gefunden. Aija Taimina sieht die aktuellen Bezüge: “Seine Schreibart kennzeichnete eine exzellente Rhetorik und ein Stil, wie man ihn in der heutigen gelben Presse oder in der Tagespresse findet, er wusste scharf zu polarisieren.” Wer Merkel lesen möchte, kann sich beispielsweise mit seinen gerade herausgegebenen Briefen beschäftigen. Im letzten Jahr erschien der erste Band “Texte”. Er wurde von Dirk Sangmeister in Zusammenarbeit mit Thomas Taterka und dem leider schon gestorbenen Literaturwissenschaftler Jörg Drews herausgegeben und bildet den Band 133 der Reihe "Presse und Geschichte – Neue Beiträge", herausgegeben von Astrid Blome, Holger Böning und Michael Nagel. Der Nachlass Merkels wird in der Akademischen Bibliothek der Lettischen Universität aufbewahrt.

 

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