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Münster, 12.7.2020
Lettische Kunstausstellungen im März 2020 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 29. Februar 2020 um 00:00 Uhr

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Irdische Verführungen und Sehnsucht nach Unendlichkeit

Skuja Braden - Hinter der KulisseHier das irdisch Begrenzte, erotische Vergnügen, die bösen Folgen der Begierde, die Kurzlebigkeit des Glücks und die Vergänglichkeit des Lebens, dort Transzendenz, Ewigkeit, Unendlichkeit und vollkommene Gelassenheit - das sind die Gegensätze, die sich in den neuen lettischen Ausstellungen widerspiegeln. Skuja Braden, eine fiktive Doppelnatur, stellt sie buddhistisch gegenüber. Die alten japanischen Meister der “Ukiyo-e”-Malerei entdeckten die Schönheit des irdischen Treibens und des Theaterspektakels. Marina Kapilova treibt die alte romantische Frage um, wie sich im Endlichen das Unendliche finden lässt. Hier die Zusammenfassung aus PR-Texten lettischer Kunstmuseen für den Monat März.

Skuja Braden, Hinter der Kulisse, 2019, Foto: Gvido Kajons/ LNMM

Riga: Skuja Braden - Samsara

Museum für dekorative Kunst und Design, Großer Saal, Skarnu iela 10, Riga, 14.3. bis 3.5.2020; Ausstellungseröffnung: 13.3.2020, 17 Uhr

Skuja Braden ist eine buchstäbliche Kunstfigur, die sich aus den Nachnamen der Lettin Inguna Skuja und der US-Amerikanerin Melissa Braden zusammensetzt. Das Kunstduett hat sich bei einem Studienaufenthalt Skujas an der Humboldt State University in Kalifornien kennengelernt, wo es Anfang der neunziger Jahre gemeinsam Malerei, Skulptur und Kunstgeschichte studierte. 1999 reiste Braden wiederum nach Lettland, um die Rigaer Kunstakademie zu besuchen, an der Skuja studierte. Die beiden taten sich fortan zusammen, entwarfen als erste gemeinsame Arbeit die Show „Here Kitty, Kitty!“. Sie verschmolzen schließlich zu Skuja Braden, de facto eine Künstlerin aus zwei Körpern und vier Händen, die alles gemeinsam gestalten von der ersten Papierskizze bis zum letzten Pinselstrich auf der Porzellanskulptur, sich wechselseitig beeinflussend und korrigierend. Skuja Braden raubte den beiden ihre Identität, sie bewegt sich zwischen Sphären real und irreal, kreiert und nicht kreiert und vermischt das Verhältnis von Subjekt und Objekt ihrer beiden Urheberinnen.

Skuja Braden machte sich innerhalb von zwei Jahrzehnten in den Zentren keramischer Kunst einen Namen, der inzwischen von den USA bis nach Australien Beachtung findet. Ihre Exponate sind in zahlreichen Sammlungen und in renommierten Ausstellungen vertreten. „Samsara“ zeigt einen Querschnitt aus den Jahren ihrer zwanzigjährigen Existenz. Die Ausstellung ist um acht Themen gruppiert, die einerseits die Schaffensweise der Künstlerinnen verdeutlichen, zum anderen die Inhalte, die für Skuja Braden wesentlich sind. Sie ließ sich von den erotischen Darstellungen der japanischen Shunga-Kunst und des lettischen Malers Sigismunds Vidbergs ebenso inspirieren wie von sexuellen Motiven auf griechischen Vasen oder von „schmutzigen“ lettischen Volksliedern. Demgegenüber steht ein „Altar“ als Heiligtum, wo geopfert wird und wo alte Geister um Unterstützung bitten.

Die Kuratorinnen Iliana Veinberga und Irena Buzinska scheinen also nicht zuviel zu versprechen, wenn sie meinen, dass Skuja-Braden-Ausstellungen “immer Ereignisse” seien: “Ein origineller, mit nichts zu vergleichender gegenständlicher Stil des Tandems.” Auch wenn Porzellan ein schwieriges Material ist, das Planung erfordert und keine Fehler verzeiht, zeige sich Skuja Bradens exzentrische Natur, die sich keine Zurückhaltung erlaubt und sich sowohl in der Skulptur als auch in der Bemalung expressiv und experimentell äußert und das Risiko nicht scheue, neue Wege zu gehen. Die Art der Gestaltung erweitere die traditionellen Grenzen des Genres auf maximale Weise.

“Ebenso explosiv wie die Technik sind auch die Inhalte von Skuja Bradens Arbeiten. Inguna Skuja und Melissa D. Braden verzeichnen akut als Feministinnen, Vertreterinnen der LGTB-Bewegung, sozial verantwortliche und politisch aktive Personen das Geschehen in der Umgebung - Menschen und Ereignisse im kulturellen Leben, politische Veränderungen und die Weise, wie sie sich auf die Gesellschaft und das Individuum auswirken - und interpretieren solches in ihren Kunstwerken. Skuja Braden nimmt entweder kämpferisch kritische oder liebevoll unterstützende Haltungen ein, bleibt hingegen niemals neutral oder abseits. Innerhalb der lettischen Kunst ist eine solche bewusste, laut formulierte und unapologetische Stellungnahme einzigartig,“ loben Veinberga und Buzinska.

Samsara“, der Titel der Ausstellung, eröffnet ein weiteres Bedeutungsfeld. Skuja Braden ist bekennende Buddhistin; „Samsara“ stammt aus dem Sanskrit und bedeutet „beständiges Wandern“ als eine Bezeichnung des fortwährenden Seins-Zyklus` im irdischen Jammertal der Begierden. Das Ewige im Verhältnis zum trostlos Vergänglichen und Immergleichen, das auf falschen Vorstellungen basiert, die uns durch die Welt irren lassen, bildet Skuja Bradens Ordnungsprinzip.

Skuja Braden, Gefährliche Beziehungen

Skuja Braden, Gefährliche Beziehungen, 2019, Foto: Gvido Kajons/ LNMM

Riga: Kabuki - Japans Ukiyo-e des 19. Jahrhunderts

Kunstmuseum Rigas Birza, Großer Ausstellungssaal, Doma laukums 6, Riga, 29.2. bis 19.4.2020

Ukiyo-e”-Kunst bezeichnet eine besondere Maltechnik aus der Zeit, als Tokio noch “Edo” genannt wurde, und die als eine Epoche des Friedens und der kulturellen Entwicklung gilt. Laut Wikipedia hat sich die Wortbedeutung im 17. Jahrhundert verändert, von einer buddhistisch-skeptischen Darstellung des Irdisch-Vergänglichen hin zu einem “Lebe und genieße jetzt” des aufkommenden Bürgertums in den Städten Edo und Osaka (wikipedia.de). Die Kaufleute und Handwerker vergnügten sich im Kabuki-Theater, das spannende Schwertkämpfe und andere actionreiche Szenen darbot und in dem die Schauspieler Emotionen in ausdrucksstarker Gestik und Mimik darstellten, dabei in prächtigen Kostümen gekleidet waren. Die Stücke handelten von den Problemen des Alltags, von historischen Ereignissen und moralischen Konflikten. Kabuki vereint Musik, Tanz und Drama und steht auf der Liste des nichtmateriellen UNESCO-Kulturerbes.

Szenen des Kabuki-Theaters wurden wiederum auf Ukiyo-e-Holzschnitten und -Gemälden abgebildet. In der japanischen Grafiksammlung des Lettischen Nationalen Kunstmuseums befinden sich 380 Exponate, von denen der größte Teil im Ukiyo-e-Stil gehalten ist. Kuratorin Kristine Milere beschreibt die weltliche Zugewandtheit, die die Malerei ebenso wie das Theater erfasst hatte: “Die Ukiyo-e-Meister bevorzugten es, Schauspieler des Kabuki-Theaters darzustellen, schöne Frauen, Sumo-Ringer, Krieger, Szenen aus der Geschichte und aus Volksmärchen, Reiseansichten, Landschaften, Natur und Tierwelt, aber auch Arbeiten erotischen Charakters, in dieser Weise die dynamische, energiegeladene Populärkultur der Edo-Zeit aufzeigend, die in den größeren Städten Japans aufblühte.”

In der Ausstellung sind vor allem die Bilder der folgenden Künstler zu sehen: Utagawa Kunisada (1786-1865), der die Grundlagen der Ukiyo-e-Kunst wesentlich geprägt hat, sein Schüler Toyohara Kunichika (1835–1900) und Utagawa Kuniyoshi (1797–1861), einem der letzten Großmeister dieser Kunstepoche.

Kunicika

Theaterszene von Toyohara Kunichika, 1871, Foto: LNMM

Daugavpils: Marina Kapilova - Der Garten der Pfade, die sich verzweigen

Mark-Rothko-Kunstzentrum, Daugavpils, bis 12.4.2020

Die Malerin benannte ihre Ausstellung nach einem Titel ihres Lieblingsautors, Jorge Luis Borges, des argentinischen Vertreters des magischen Realismus`, also einer literarischen Kunstform, in der sich Realistisches mit Fantastischem mischt. Kuratorin Sonja Oresnikova versichert, dass der Besucher nicht zuvor Borges gelesen haben muss, ein Zitat von ihm genüge, um das Konzept, dem Kapilova folgt, zu begreifen: „Ein umfassendes erneutes Lesen des Werks bestätigt die Theorie. In allen fiktionalen Werken ist der Mensch zu jeder Zeit mit verschiedenen Alternativen konfrontiert, er wählt die eine und eliminiert die anderen; in der Fiktion von Ts`ui Pen wählt er gleichzeitig alle aus. Er schafft auf diese Weise verschiedene Zukunftsmöglichkeiten, verschiedene Zeiten, die sich wiederum ausweiten und aufteilen.“

Nach Auffassung Oresnikovas rührt Kapilova ein tragisches menschliches Dilemma an, das schon die deutschen Romantiker beschäftigte: Die irdische Begrenztheit und Endlichkeit im Gegensatz zur ersehnten Ewigkeit und Unendlichkeit; auch Künstler müssen sich dieser Spannung unterwerfen, sie können nur Begrenztes in endlicher Zeit schaffen, sie können aber das Ewige und Unendliche in ihrer Kunst symbolisch andeuten, gerade durch das nicht Vollendete, Fragmentarische, durch die offene Form.

Oresnikova führt aus, dass Kapilova Ähnliches beschäftigt: „Unsere Künstlerin weiß gewiss, dass sie nicht für alles Zeit haben wird, weil das Leben stets zu kurz ist, wenn man es in einem größeren Maßstab erlebt. Und wenn unser Lebensdurst nicht in die kurze (stets kurze!) Zeitspanne passt, die uns zugeteilt ist, wird sie versuchen, ihre eigene Unendlichkeit zu schaffen, Schicht um Schicht hinzufügend. Dann, in irgendwelchen endlosen Schichten des Lebens vermag sie sich in irgendeine Richtung zu stürzen, in die sie ihre zahllosen Augen führen. Der Inhalt dieser Ausstellung stellt nicht mehr als ein Versuch dar, willkürlich einige Fragmente aus der Vielzahl ihres multidimensionalen Lebens aufzugreifen. Die Auswahl fiel außerordentlich schwer, wenn es jemandem schmerzt, nicht alles einzubeziehen, inklusive der Dinge, die noch unverrichtet sind. Hier stehen nur einige Worte über Kapilova. Der Betrachter wird das Übrige ihrer Arbeit erfassen.“

Kapilova wurde in Minsk geboren und lebt dort, so steht es zumindest in ihrem Pass. Sie absolvierte in ihrer Heimatstadt die Kunstakademie. Sich selbst bezeichnet sie als „rebellische Designerin“, die trotz ihrer professionellen Ausbildung nie in diesem Beruf gearbeitet hat. Oresnikova über die Biographie der Malerin: „Es ist kaum mit Gewissheit zu sagen, wo sie sonst noch lebt und was sie sonst noch in ihren vielen anderen Leben macht. Sie nennt das Malen als ihre Hauptfähigkeit und möchte es immer besser beherrschen. Sie betrachtet ihre Tochter als ihre beste Schöpfung und ist nur traurig darüber, dass sie in Koproduktion entstanden ist. Die Malerin hatte bislang 18 Solo-Ausstellungen, in Weißrussland, Italien und Deutschland. Museen und Privatsammlungen in den genannten Ländern sowie in den USA, Litauen, Polen, Russland, den Niederlanden haben ihre Bilder im Bestand.

 

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