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Münster, 05.6.2020
Die Zukunft des Richard-Wagner-Saals in Riga PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 25. April 2020 um 00:00 Uhr

Verein will mit Spendengeldern sanieren

Wagner-Saal in RigaDie einen preisen ihn als das große Genie des “Gesamtkunstwerks”. Die anderen kritisieren ihn als Antisemiten und rücksichtlosen Egomanen, der Freundschaften missbrauchte und vor Gläubigern floh. Richard Wagner (1813-1883) spaltet bis heute in Anhänger und Gegner. Touristen, die Rigas Altstadt besuchen, entdecken den Bezug des Komponisten zur baltischen Metropole: An der kleinen Riharda-Vagnera-Iela befindet sich der gleichnamige Konzertsaal. Dort wirkte Wagner von 1837 bis 1839 als Kapellmeister, führte Werke von Beethoven, Mozart oder Rossini auf. Hier arbeitete der Twen an seiner ersten eigenen Oper, die noch nichts Teutonisches, sondern einen altrömischen Volkstribun zum Inhalt hatte: Rienzi. Damit sollte der ehrgeizige Musikschaffende die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts auslösen: Die holden Klänge verzauberten Adolf Hitler derart, dass er sich berufen fühlte, als Reinkarnation Rienzis Deutschland zu retten: „In jener Stunde begann es!“ soll der verkannte Künstler seiner Freundin Winifried Wagner verraten haben. Der schillernde Name des Hausherrn der Villa Wahnfried bewirkte allerdings, dass das öffentliche Interesse am denkmalgeschützten Konzerthaus nicht verloren ging. Zunächst wurde es als Theater im Zeitalter der Aufklärung kultureller Treffpunkt der damals deutschbaltisch geprägten Stadt, der nach dem Bau größerer Theater- und Opernhäuser seine Bedeutung einbüßte. Derzeit steht das Gebäude leer und ist baufällig. Der Rigaer Wagnerverein will es retten und wiederbeleben.

Historische Abbildung des Wagner-Saals, Foto: Alte Abbildung des Wagner-Saals, Foto: Saite

Otto Hermann von Vietinghoff (1722-1792), ein Oligarch seiner Zeit und Liebhaber der Musen, dem dann auch die Muße blieb, eine eigene Theatergruppe zu gründen, beauftragte den Architekten Christoph Haberland (1750-1803), auf einem recht verwinkelten Grundstück in Rigas Innenstadt ein Bühnenhaus für seine Schauspieler zu errichten. Ab 1782 konnten sie hier vor Wind und Wetter geschützt Theater spielen. Haberland, der Sohn einer Maurerfamilie, der die Baumeisterkunst in Berlin und Dresden erlernt hatte, entwarf ein repräsentatives Gebäude, das sich stilistisch zwischen Barock und Klassizismus einordnet. Die Straßenfassade lässt kaum erahnen, welche labyrinthische und großräumige Architektur sich hinter ihr befindet. Zu Wagners Zeit war das Gebäude im Besitz des deutschbaltischen Kulturvereins “Musse”. Der junge Leipziger, der in seiner Heimatstadt Musik studiert hatte, war von den künstlerischen Möglichkeiten, die er in Riga vorfand, angetan. Er schätzte den Konzertsaal, der sich abdunkeln ließ und den Graben, in den man das Orchester verschwinden lassen konnte. Diese Effekte wollte er später auch in Bayreuth nutzen, so inspirierte Haberlands Architektur zur Gestaltung des exklusiven Wagner-Festspielhauses in Oberfranken. Auch andere bekannte Musikernamen hatten in Riga ihre Gastauftritte, zum Beispiel Franz Liszt, Clara Schumann oder Hektor Berlioz in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Doch als der französische Kollege 1847 dirigierte, war Wagner der Schulden halber längst aus Riga verschwunden.

Später verfügten die Rigenser über größere Gebäude, um Oper und Theater zu veranstalten. Der Wagnersaal wurde noch in der Sowjetzeit für Konzerte und als Bibliothek benutzt, doch er fiel mehr und mehr in Dornröschenschlaf. Das Kunstfestival Survival Kit erweckte ihn im Kulturhauptstadtjahr 2014 noch einmal kurzfristig zum Leben (LP: hier). Die damalige Ausstellung trug den bezeichnenden Namen “Horror vacui”. Ein Horrorfilm ließe sich tatsächlich drehen in den verwaisten Hallen und riesigen Treppenhäusern, die von schweren Hängelüstern und barockem Stuck verziert sind, in denen sich Risse im Fundament und im Gemäuer breit machen. Lettischen Regierungen war die Sanierung zu teuer, der zukünftige Verwendungszweck zu rätselhaft. Der Versuch, das Kulturdenkmal zu versteigern, scheiterte an mangelndem Interesse der Investoren.

Wagner-Saal in Riga heute

Der Wagner-Saal in Riga heutzutage, Foto: Alma Pater - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

2017 protestierten Saal-Fans gegen den Ruin ihres Tempels mit “Tannhäuser” auf den Lippen. Sie verlangten von der staatlichen Immobilienverwaltung, das Gebäude zu sanieren. Doch die beständig klamme Staatskasse lässt keine Finanzierung zu. Statt dessen ist nun ein privater Verein bereit, das Gebäude für die Zukunft zu bewahren. Der Rigaer Richard-Wagner-Verein, der 2014 vom ehemaligen Ministerpräsidenten und Unternehmer Maris Gailis gegründet wurde, hat konkrete Pläne. Die Saeima-Abgeordneten sollen in den nächsten Wochen ein Gesetz beschließen, das das staatliche Eigentum unter bestimmten Bedingungen dem Verein zur weiteren Nutzung überlässt. Gailis` Vereinsgenossen haben sich viel vorgenommen: Etwa 30 Millionen Euro müssen für die Renovierung aufgebracht werden, zudem rechnet die staatliche Immobilienagentur mit jährlich 17.500 Euro Betriebskosten.

Gailis stellt sich eine vierseitige Nutzung vor: Das Gebäude als Wahrzeichen lettischer Wagner-Begeisterung, als Konzertsaal der Barockzeit, zudem als ein Ballsaal aus dem 19. Jahrhundert und als Museum. Hier sollen kleinere musikalische und schauspielerische Darbietungen stattfinden, die mit Sitzplätzen für 250 Zuschauer auskommen können. “Nur die Kombination dieser Elemente kann zur Marke werden, zum Kulturprojekt, das dem Wagnerhaus ermöglichen wird, mit anderen Museen und Konzertsälen in Lettland, Nordeuropa und Europa zu konkurrieren, um die Gelder zu rechtfertigen, die in die Erneuerung gesteckt werden müssen.” (la.lv) Gailis denkt an Musiktheater im Stile Brechts und Weils oder an experimentelle Inszenierungen, Opern des Barocks und der Renaissance. Zudem will Gailis ein Wagnermuseum unterbringen. Mit solchen Erinnerungsorten hat der gesellschaftlich Engagierte Erfahrung: Er war einst Vorsitzender des Zanis-Lipke-Vereins, der ein Museum für Lettlands bekanntesten Retter der Holocaust-Zeit einrichtete. Dem zukünftigen Wagner-Museum dürfte allerdings eine wichtige Reliquie fehlen: Das Originalmanuskript der Rienzi-Oper soll Hitler noch in seinen letzten Tagen im Bunker aufbewahrt haben, es gilt als verschollen.

 

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