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Münster, 04.8.2020
Kunstvideos des Lettischen Nationalmuseums PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 02. Mai 2020 um 05:16 Uhr

Tendenz einer antimaterialistischen Position

Pyramiden, BergwerkKunst sei ein Lebensmittel, behauptete noch jüngst der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Doch gerade in diesen Tagen lässt sich daran zweifeln. Niemand benötigt Kunst, um zu überleben; Lebensmittel befinden sich in den Supermarkt-Regalen, sie werden von Landwirten erzeugt, nicht von Künstlerinnen und Künstlern. Kunst ist auch nicht systemrelevant, sie soll es auch gar nicht sein. Das hätte etwas Ideologisches wie in Zeiten, als Kunst noch die Aufgabe hatte, in Kirchen biblische Szenen zu illustrieren. Die moderne Kunst sollte jedes System in Frage stellen, verstören, mit Unsystematischem bezaubern, Gewohnheiten zertrümmern, den Betrachter zu neuen Wahrnehmungen führen, den Horizont öffnen, ohne ein Ziel zu benennen, ohne einen Zweck zu verfolgen, kurzum: Sie soll frei sein. Kunst ist die Hoffnung, dass alles auch ganz anders sein könnte als das gewohnte, auf Kosten und Nutzen getrimmte Treiben. In Corona-Zeiten, in denen die Museen und Ausstellungshallen geschlossen sind, bietet das Lettische Nationalmuseum eine digitale Möglichkeit, sich von systemfreier Kunst inspirieren zu lassen. Elita Ansone hat auf der Museumswebseite 12 kurze Videoprojekte lettischer Künstlerinnen und Künstler zusammengestellt, die bis zum 31. Mai 2020 online bleiben. Die Kuratorin deutet auf die künstlerische Systemkritik: “In mehreren Arbeiten ist eine bestimmte Tendenz festzustellen, dass im Kontext dieser Krise eine gänzlich prophetische und antimaterialistische Position erkennbar wird. Der Eskapismus in der Natur, das Bedürfnis, die Welt in Zusammenhängen nach irgendeinem geeinten Prinzip zu erklären, die Unfähigkeit, Erfüllung und geistiges Wachstum in einer konsumistischen Kultur zu finden.” Vier dieser Videos werden unter “Weiterlesen” vorgestellt.

Bergwerksruine in Pyramiden, Spitzbergen, Foto: Es wird Arcimboldo als Autor angenommen (basierend auf den Rechteinhaber-Angaben). CC BY-SA 3.0, Link

 

Katrina Neiburga: Leicht gesalzene lange Gurken, 2017, 11:44 Minuten

Katrina Neiburga und ihr Lebensgefährte Andris Eglites parodieren in diesem Video die Sehnsucht des Menschen, zur Natur zurückzukehren. Als Adam und Eva (Katrina Neiburga trägt ein schmuckes Evakostüm) werden die beiden von der Erde geboren, nicht mit den Schleim- und Blutspuren einer Mutter auf der Haut, sondern schlammbefleckt, an jenen Stellen, wo der bereits vorhandene Sohn seinen Stock ins sumpfige Wasser steckte. Wälder und Sümpfe haben nichts verklärend Romantisches an sich, kalter Wind weht durch die Baumwipfel, die einfach lärmen, statt lieblich zu rauschen. Im wankenden Morast findet der Mensch kaum festen Halt. Seinen satanischen Wissensdurst befriedigt Adam in einem Tümpel, in dem er bis zum Bauchnabel im Wasser stehend ein Buch liest. Hoffentlich kommt ihm keine Wasserschlange zu nahe. Das viele morsche Gehölz macht einen unaufgeräumten und unwirtlichen Eindruck. Ohne Fernsehen und Internet verbringt der Mensch in freier Wildbahn seine Freizeit eigentümlich. Die Essenszubereitung im Schlamm ist nichts für Gourmets. Dazwischen geschnitten wirken die fast abstrakt wirkenden Bilder aus Pflanzen und schlierigem Tümpelwasser dekorativ wie ein Wohnzimmergemälde, doch dies ist eine Angelegenheit digitaler Bildbearbeitung, die Veredlung der Natur sozusagen. Die Takte des minimalistischen Techno-Musikers, der sich den unnatürlichen Namen “Plastikman” gab, strukturieren Neiburgas Videokunst ausgezeichnet.

 

Ieva Epnere: Vier Versionen von Pyramiden (Spitzbergen), 2015, Länge: 19:58 Minuten

Richtung Norden und dann immer geradeaus,” wies einmal die TV-Reklame für einen norddeutschen Kümmelbranntwein den geheimnisvollen Weg. Wer den Ratschlag befolgte, hätte vielleicht in Spitzbergen enden können, auf der Inselgruppe, die sich 600 Kilometer nördlich von Norwegen befindet. Ieva Epnere reist in dieses düstere Land aus Felsen, Eis und Geröll in die alte und fast verlassene sowjetische Bergarbeitersiedlung Pyramiden, die einst für den Kohleabbau errichtet wurde. Die Künstlerin begegnet wenigen russischsprachigen Menschen, die an dem eisgekühlt konservierten Ort aus sozialistischen Plattenbauten noch ausharren (Das Video ist englisch untertitelt). Doch es zeigt sich: Sie leben gern und freiwillig hier, in einer Landschaft, in der weder Baum noch Strauch wachsen, wo zwischen dem Weiß der Gletscher und dem Grau der Gebirge die spärliche Tundra mehr braune als grüne Farben hineinmischt. Die vier Bewohner, die Epnere besucht, sind gerade von dieser Landschaft fasziniert, die von den wenigen Siedlungstupfern abgesehen vom Menschen unberührt erscheint. Wer hier nur Eintöniges und Langweiliges entdeckt, hat das falsche Bewusstsein. Auch das Menschengemachte, das sich längst im Verfall befindet, entwickelt hier seinen nostalgischen Reiz: sowjetische Architektur und die nutzlos gewordenen stählernen Einrichtungen der Bergwerke, die als monströse Kunstwerke die felsige Landschaft zieren. Hier ist es aber nicht nur auf eigentümliche Weise idyllisch, hier lauert in Gestalt von Eisbeeren auch Gefahr. Pyramidens letzte Bewohner wollen nicht von ihrer selbst gewählten Heimat mit dem eigentümlichen Namen lassen. Sie haben deren sonderbaren Reiz entdeckt und führen ein kontemplatives Leben, weit entfernt vom Arbeitstakt der Digitaluhr, der materiellen Fülle und räumlichen Dichte, die für den größten Teil der Menschheit freiwillig oder unfreiwillig eine tägliche Erfahrung sind.

 

Katrina Neiburga: Verkehr, 2003, 18:25 Minuten

Katrina Neiburga chauffiert als Rigaer Taxifahrerin verschiedene Gäste in einem Fahrzeug, das, so wie der Innenraum ausgestattet ist, wohl noch aus sowjetischer Zeit stammt. Die Szenen mit verschiedenen Kunden wechseln mit Aufnahmen aus den Fahrkabinen modernerer Taxis, in denen Neiburga die Fahrerinnen interviewt. Das Ergebnis des “feministischen Projekts”: Die Menschen sind recht verschieden. Manche Taxifahrerinnen warnen vor der Gefährlichkeit ihres Jobs, andere Frauen sehen ihren Beruf gelassen, können ihn sogar ihren Geschlechtsgenossinnen sehr empfehlen. Die einen reden mit ihren Kunden, die anderen nervt das. Die Einsamkeit des modernen Großstädters bekundet der Umstand, dass manche nur ein Taxi rufen, um sich zu unterhalten. Ein russischsprachiges Trio erfüllt ein wenig die Klischees: Einer von den Männern erzählt seine Lebensgeschichte, dass er einst Soldat auf einem U-Boot gewesen war, seinen Job verlor, dann Wodka-Trinker wurde, um dann auch noch seine Frau zu verlieren. Die russischsprachige Szene ist englisch untertitelt: “I didn`t want to be a drinker. It just happened.” Schließlich erhält Neiburga von einem beschnauzten Kunden, der optisch doppelt so alt sein könnte wie sie, das Angebot für eine “relaxation” (Entspannung), worauf die Videokünstlerin antwortet: “I`m married”. Doch der rauchende Fahrgast findet sich besonders clever, weil er selber verheiratet sei und nur mit verheirateten Frauen Entspannung betreibe, weil er Furcht habe, sich bei Entspannungsübungen mit einer professionellen Dienstleisterin HIV einzufangen. Neiburga hält dieses recht spezielle Chill-Out-Angebot für keine gute Idee. “Nature`s made us this way,” lautet die männliche Rechtfertigung, er habe sich niemals vorstellen können, von einer Frau chauffiert zu werden, so kommentiert er das wenig erotische Ende seiner Fahrt. Aus dieser Szene lässt sich schließen, dass Neiburga wahrscheinlich mit versteckter Kamera filmte.

 

Krista Dzudzilo: Klarheit, 2015, Endlosschleife

Eine Frau putzt von unten bis oben eine Treppe, wenn sie oben aus dem Bild verschwindet, beginnt sie unten von neuem. Die Putzrichtung ist sonderbar, doch sie ist wohl symbolisch zu verstehen, begreifen wir das Leben doch lieber als Aufstieg, nicht als Abstieg bis zum Lebensende. Die ewige Plackerei mit dem Hausputz erinnert an Albert Camus` Sisyphos, dessen Strafarbeit, zu dem ihn die Götter verdammt hatten, ebenfalls in einem endlos wiederholten Aufstieg bestand: Um den Stein immer wieder auf den Berg zu rollen. Camus beschreibt seinen Sträfling als glücklichen Menschen; vielleicht hat das wiederholte notwendige Tun des Immergleichen etwas Tröstliches, eine planbare und automatisierte Routine, die ohne Stress beherrschbar ist und die den Gedanken ermöglicht, von allen Bedingtheiten éiner Konzentration auf das Hier und Jetzt entbunden, frei wie ein Vogel über alle Grenzen hinwegzufliegen.

 

Link zu den Videos:

lnmm.lv: Latvijas nacionala makslas muzeja videomakslas kolekcija

 
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